Internationale Arbeitszeitmodelle Urlaub zu verkaufen

Am Ende des Jahres ist noch Urlaub übrig? Warum nicht der Firma verkaufen? Für Arbeitnehmer in den USA ist das normal. In Deutschland ist dieses Modell noch unbekannt – die Gesetzeslage ist schwieriger.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Urlaub zu verkaufen

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Foto: haveseen/Fotolia.com

Jeder Arbeitnehmer in Deutschland lässt durchschnittlich drei Urlaubstage im Jahr ungenutzt. Das belegt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2011. Besonders jüngere Beschäftigte verzichten demnach auch auf Urlaub – um ihrer Karriere Schub zu geben.

Viele Unternehmen erlauben ihren Beschäftigten, den Resturlaub noch im neuen Jahr zu nehmen.

Da aber auch in Vorjahren durchschnittlich bis zu 3,5 Resturlaubstage anfielen, geht Studienleiter Daniel Schnitzlein davon aus, dass die Beschäftigten zumindest einen Teil davon dem Arbeitgeber schenken.

Firmeninterner Tauschhandel

In den USA können Arbeitnehmer in einem solchen Fall den überschüssigen Urlaub ihrem Arbeitgeber verkaufen: Pro Urlaubstag, den sie nicht in Anspruch nehmen, gibt es am Monatsende Geld dazu.

Wer also zweihundert Dollar pro Tag verdient und auf drei Tage Urlaub verzichtet, hat nachher 600 Dollar mehr auf dem Konto.

Bei neun Prozent der US-Unternehmen ist dieses Verkaufen von Urlaubstagen ein akzeptiertes Arbeitszeitmodell. Andere Kollegen können diese Arbeitstage dann wiederum kaufen, indem sie auf das Gehalt verzichten, das sie in der Freizeit verdient hätten. So sollen die Arbeits- und Urlaubszeiten der Mitarbeiter flexibler werden.

Vor- und Nachteile

Bei der US-Bank USAA kauften vergangenes Jahr 41 Prozent des 25.000 Mitarbeiter Urlaubszeit hinzu, während elf Prozent ihre Freizeit gegen mehr Lohn eintauschten.

Jeff Weiss, Vizepräsident des Unternehmens, steht dem Handel mit Urlaubstagen allerdings skeptisch gegenüber: "Wenn sich Angestellte freinehmen und erholen, arbeiten sie danach besser und sind freundlicher."

Einige Arbeitgeber in den USA bieten ihren Angestellten allerdings auch einen regelrechten Tauschhandel an: Die Mitarbeiter verzichten auf Urlaubstage und bekommen dafür beispielsweise eine Arbeitsunfähigkeits- oder eine sonstige Versicherung bezahlt, wie die International Foundation of Employee Benefit Plans berichtet.

"In Deutschland ist das eher noch ein Randthema", sagt Werner Eichhorst, Stellvertretender Direktor Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das private Forschungsinstitut betreibt nationale als auch internationale Arbeitsmarktforschung.

Sein Kollege Mark Fallak bezeichnet das Modell zwar als "generell sinnvoll", aber auch ihm sei nicht bekannt, dass es in Deutschland einen derartigen Tauschhandel gäbe.

Das Problem in Deutschland ist, dass "der Urlaub in Deutschland durch Gesetz und Tarifverträge festgelegt und insofern auch als freie Zeit geschützt ist", sagt Christina Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung. So steht im Bundesurlaubsgesetz (BUrlG), Paragraph eins: "Jeder Arbeitnehmer hat in jedem Kalenderjahr Anspruch auf bezahlten Erholungsurlaub." Nach Paragraph drei, Absatz 1, stehen jedem Arbeitnehmer pro Jahr mindestens 24 Werktage Urlaub zu (bei einer Fünf-Tage-Woche nur 20 Tage), in der Regel geben die Unternehmen ihren Mitarbeitern jedoch sechs Wochen frei, also 30 Tage.

Urlaubskonto für Krankentage

Das sieht in den USA schon ganz anders aus. Statt insgesamt 43 Urlaubs- und Feiertage wie die Deutschen, haben die Amerikaner im Jahr nur 25 freie Tage, davon sind 20 reine Urlaubstage. Oft wird eben auch erwartet, dass Angestellte nicht den ganzen Urlaub nehmen.

Dafür können sie Krankentage ansparen, so genannte Sick leaves. Im Regelfall dürfen Arbeitnehmer nämlich nur eine gewisse Anzahl Tage krankheitsbedingt zu Hause bleiben. Wer nicht krank wird, kann die angesparten Tage bei vielen Firmen als Urlaubstage nutzen.

In einem Land mit derart rigiden und langen Arbeitszeiten wie den USA seien solche Tauschereien durchaus ein Modell, was man diskutieren könne, meint Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung.

Bezahlte Auszeit

Ein weiteres Arbeitszeitmodell, was die Amerikaner praktizieren, ist die Paid Time Off oder Personal Time Off (PTO), bei der ein Angestellter anstatt zehn Urlaubs-, fünf Krank- und fünf Familientage bekommt, 20 Tage bezahlten Urlaub bekommt, die er nehmen kann, wofür und wann er will.

In den USA bieten 52 Prozent der Arbeitgeber diese bezahlten Auszeitenstatt der sonst üblichen Trennung in vacation days, sick days und personal days an. In Deutschland undenkbar.

"In Deutschland setzt man eher auf Arbeitszeitkonten", weiß Arbeitsmarktforscher Eichhorst. Und Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung ergänzt: Viel Flexibilität ist in Deutschland auch durch verblockte Teilzeitmodelle möglich."

Inzwischen hat jeder zweite Beschäftigte ein sogenanntes Arbeitszeitkonto, wie eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) belegt. Vor 20 Jahren habe das erst für 25 Prozent der westdeutschen Arbeiter und Angestellten gegolten und sogar nur für vier Prozent der Ostdeutschen Beschäftigten. Heute seien die Ost-West-Unterschiede verschwunden.

Nach Einschätzung der IAB-Arbeitsmarktforscherin Ines Zapf profitieren von Arbeitszeitkonten sowohl die Beschäftigten als auch die Betriebe.

Familienfreundliche Arbeitsmodelle

Die Beschäftigten gewännen durch Arbeitszeitkonten an Flexibilität und könnten so leichter Familie und Beruf vereinbaren. Betriebe wiederum würden mit diesem Instrument in die Lage versetzt, Auftragsspitzen ohne bezahlte Überstunden abzufeiern – eine Praxis, die in vielen deutschen Betrieben die Folgen der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise abgefedert hatte.

Bei einem Arbeitszeitkonto wird mittels Stechuhr beziehungsweise deren elektronischem Äquivalent die genaue Arbeitszeit inklusive Urlaub, Krankheit und Überstunden erfasst.

Wer mehr gearbeitet hat, als im Vertrag vereinbart, kann die angehäufte Zeit abfeiern. Prinzipiell sollten die Konten ausgeglichen sein. Viele Betriebe legen jedoch Obergrenzen für Zeitguthaben und -defizite fest.

Zeitguthaben und Überstunden

Die Zahl der bezahlten Überstunden ist dagegen nach Erkenntnissen der Arbeitsmarktforscher in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Während im Jahr 1991 noch jeder Beschäftigte im Durchschnitt 1,2 bezahlte Überstunden pro Woche geleistet habe, sei dieser Wert mittlerweile auf weniger als eine Stunde pro Woche gesunken.

In der Wirtschaftskrise sei der Wert im Jahr 2009 sogar auf 0,7 Überstunden pro Woche und Beschäftigter abgerutscht. Wie viele Mitarbeiter unbezahlte Überstunden machen, können die Forscher vom IAB dagegen nicht ermitteln.

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