Interkulturelle Vorbereitung Teil 2: Indien im Aufschwung

Der Subkontinent lockt viele deutsche Unternehmen. Manager, die sich auf das Land einlassen, müssen umdenken.

Britta Mersch | , aktualisiert

Todd Anderson ist durch und durch Amerikaner. Er leitet ein Call-Center in Seattle, das eine Menge Kitsch unter die Leute bringt. Eigentlich ist alles ganz in Ordnung. Doch dann kommt sein Chef auf die Idee, das komplette Call Center nach Indien zu verlagern. Dass er die indischen Kollegen einarbeiten soll, passt Anderson gar nicht. Missmutig landet er am Flughafen in Mumbai und stolpert sofort in Fettnäpfchen. Seinen indischen Mitarbeitern erzählt er, wie Amerikaner Kühe mit einem Brandeisen kennzeichnen - in Indien undenkbar.

Der deutsche Manager Stefan Langkamp hat diesen Film "Outsourced - Auf Umwegen zum Glück" während eines Fluges von Indien nach Deutschland gesehen: "Viele Szenen sind sehr nahe an der Realität." Seit Anfang des Jahres leitet er selbst in Indien das Unternehmen "Indus Towers", ein Zusammenschluss von Vodafone und zwei indischen Telekommunikationsfirmen für die Infrastruktur. Der Auslands-Einsatz kam für ihn ähnlich überraschend: "Irgendwann im Dezember rief mein Chef an und fragte, ob ich mir die Aufgabe vorstellen kann", sagt Langkamp. Nur zwei Stunden Zeit bekam er für die Entscheidung. Vier Wochen später saß er im Flugzeug nach Delhi. Wie andere Firmen hat Vodafone das Potenzial des indischen Marktes erkannt. In den vergangenen Jahren hat er für deutsche Unternehmen an Bedeutung gewonnen.

Expats müssen bereit sein, sich auf ein komplett neues Leben einzustellen

"Das zeigt schon die Entwicklung der Exporte", sagt Dirk Matter, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf. 2007 konnten deutsche Unternehmen einen Zuwachs von 15 Prozent verbuchen, in diesem Jahr waren es sogar 20 Prozent. Indien selbst verzeichnet im Schnitt Wachstumsraten von 8 Prozent, einzelne Sektoren wie der Maschinenbau oder die Automobilbranche sogar 15 Prozent. Stark sind auch die Textilindustrie, der Anlagenbau, Stahlwerke und High-Tech-Unternehmen. "Indien setzt sich deshalb auch als Standort für deutsche Unternehmen durch", sagt Matter.

Deutsche Führungskräfte, die nach Indien kommen, müssen bereit sein, sich auf ein komplett neues Leben einzustellen. Das fängt schon bei der Organisation des Alltags an: In Indien ist es üblich, Fahrer, Köche, Putzfrauen und Kindermädchen einzustellen: Eine Situation, mit der sich viele deutsche Kräfte erst mal komisch fühlen. Anja Schäfer hat in Indien deshalb auf Haushaltshilfen verzichtet - auch wenn sie damit bei Indern auf Unverständnis stößt: "Das Leben hier ist so hektisch. Da brauche ich einen Raum, in dem ich Ruhe habe." Die 35-Jährige ist seit Anfang vergangenen Jahres in Mumbai. Für die Deutsche Bank berät sie Manager in Personalfragen. "Asien war für mich Neuland", sagt sie. Deshalb hat sie sich - anders als der Vodafone-Manager Stefan Langkamp - bei der Entscheidung, das Jobangebot anzunehmen, auch Zeit gelassen: "Ich wollte mir das Land vorher anschauen."

Ihr Arbeitgeber hat ihr die Zeit gegeben. Die Deutsche Bank investiert einiges, um ihre Mitarbeiter gut auf Indien vorzubereiten. Auf Unternehmenskosten hat sie zusammen mit ihrem Partner einen Kurztrip durch Indien unternommen, um einen ersten Eindruck vom Land zu bekommen. In Mumbai und Bengaluru sprach sie mit Mitarbeitern der Filialen der Deutschen Bank und verschaffte sich vier Tage lang einen Überblick vom Leben in den Städten, die vor allem eins sind: laut, schmutzig - und trotzdem faszinierend. "Die Eindrücke waren überwältigend", sagt Schäfer. Zurück in Deutschland dachten sie und ihr Partner eine Woche lang über den Ortswechsel nach - und entschieden schließlich, nach Indien zu gehen.

Zur Vorbereitung nahm Anja Schäfer zusammen mit ihrem Lebensgefährten an einem interkulturellen Training teil, das von der Deutschen Bank organisiert wurde. Diese stellte ihr einen Tag lang einen Coach zur Seite. Der besprach mit ihnen viele allgemeine Informationen zum Leben und zur Kultur in Indien. Etwa die unterschiedlichen Religionen, die in Indien eine bedeutende Rolle spielen und den Alltag prägen - auch im Geschäftsleben. So ist es etwa üblich, neue Filialen mit einer eigenen Zeremonie einzuweihen. "Sie dient dazu, die Räume durch einen Priester segnen zu lassen", sagt Gurdatar Singh Bal, der in Indien geboren ist, seit 18 Jahren in Deutschland lebt und für die Firma ICUnet.AG interkulturelle Trainings in Unternehmen durchführt. "Dieses Ritual kann auf deutsche Mitarbeiter sehr befremdlich wirken."

In der alltäglichen Kommunikation gibt es oft Probleme

Stefan Langkamp von Indus Towers hat diese Zeremonie schon öfter miterlebt: "Weil wir zurzeit viele neue Geschäftsräume eröffnen, finden diese Partys bei uns häufig statt." Mitten im Büro wird dann ein Altar aufgebaut, auf den Blumen und Räucherstäbchen gestellt werden. Ein Gebetsgesang von einer Stunde folgt. Ungewohnt für viele Deutsche: Sie müssen etwa eine Stunde lang im Schneidersitz ausharren und bekommen am Ende einen roten Punkt auf die Stirn. "Für viele Führungskräfte ist es schwierig, sich darauf einzulassen", so Langkamp. Doch sie sind gut beraten, an solchen Riten teilzunehmen: "Ganz wichtig ist es, sich nicht gegen das Land zu sperren", sagt Langkamp. Denn so gelingt es deutschen Führungskräften, das Vertrauen der indischen Kollegen zu gewinnen.

Ein interkulturelles Training hilft, erste Hürden zu überwinden: "Besonders in der Kommunikation tauchen oft Probleme auf", sagt Singh Bal. Ein "Nein" komme so gut wie nie vor. Stattdessen winden sich Inder lieber durch Floskeln. "In Indien werden viele Sachverhalte zwischen den Zeilen vermittelt", so Singh Bal. Ein Beispiel: Lieferschwierigkeiten würden Inder nie unverblümt zugeben. "Das gilt als unhöflich", sagt Bal. Beim Satz: "Wir versuchen unser Bestes" sollten Geschäftsleute skeptisch werden.

Für Europäer ungewohnt sind auch die ständigen Fragen nach Herkunft, Familienstand und Kindern: "Was viele nicht ahnen: Das ist nicht nur reine Neugierde", erläutert Singh Bal. Im Gegenteil: Viele Inder versuchen auf diese Weise, etwas über ihren Chef zu erfahren. Ist der deutsche Kollege um die 40, unverheiratet und kinderlos, ziehen sie ihre entsprechenden Schlussfolgerungen: "Die indischen Kollegen denken, dass er keine Verantwortung übernehmen will und nicht teamfähig ist", sagt Singh Bal.

Dass auch Hierarchien anders funktionieren, hat Peter Kronschnabl lernen müssen. Seit Mitte 2006 ist er Leiter von BMW India und hier für 50 Mitarbeiter verantwortlich. Auslandserfahrung hat er bereits: Der heute 42-Jährige baute schon Werke in Afrika, Asien und Osteuropa. Trotz seiner internationalen Erfahrung stieß er in Indien anfangs auf Hürden: Bat er seine Mitarbeiter, für ein Projekt verschiedene Vorschläge auszuarbeiten, war das kein Problem. Die indischen Kollegen zu einer Entscheidung für die beste Alternative zu bewegen, gelang ihm allerdings nicht: "Würde ich mich anders entscheiden, sähen sie das als Gesichtsverlust." Ein Jahr lang brauchte er, um das zu ändern: "Mittlerweile haben die Mitarbeiter verstanden, dass wir auf ihre Empfehlungen angewiesen sind", so Kronschnabl. Im interkulturellen Training hätte er sich hier eine stärkere Vorbereitung gewünscht.

Anders als viele Führungskräfte hat Stefan Langkamp auf ein Training verzichtet. Erfahrungen hat er bereits in Hongkong oder Singapur gesammelt. Er ist der Meinung, dass die Firmen mehr für die Reintegration der Mitarbeiter leisten müssten, die zurück nach Deutschland kommen: "Ich habe schon viele erlebt, die daran zerbrochen sind." 

Wissenswertes über Indien
Etwa 1,1 Milliarden Menschen leben in Indien. Das Land liegt mit der Zahl der Bewohner nur knapp hinter China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Die indische Wirtschaft ist in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich acht Prozent gewachsen. Im März 2008 kam die indische Volkswirtschaft nahe an die Schwelle von einer Trillion US-Dollar und erreichte damit weltweit Rang elf. Experten gehen davon aus, dass das Land bis 2050 ein Bruttoinlandsprodukt erzielt, das nur noch von China und den USA übertroffen wird. Quelle: Auswärtiges Amt

Porträts

Anja Schäfer, Deutsche Bank
"Die Entscheidung, nach Indien zu gehen, ist mir nicht leicht gefallen. Mein Partner und ich haben lange darüber nachgedacht - vor allem, weil sich das Leben in Indien doch sehr von dem in Deutschland unterscheidet. Ich bin froh, dass mir die Deutsche Bank die Gelegenheit gegeben hat, mir das Land im Vorfeld gemeinsam mit meinem Partner für ein paar Tage anzusehen. Die Eindrücke, die ich bekommen habe, waren überwältigend. Vieles ist fremd, dazu kommen Armut, Dreck und Lärm. Ich habe die Menschen schon bei der ersten Reise als sehr freundlich und zuvorkommend empfunden. Allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass wir als Fremde so viel Aufmerksamkeit erregen und oft angestarrt werden.

Der Umgang mit Kollegen ist schon anders als in der Heimat. Deutsche neigen dazu, eine Aufgabe lange zu durchdenken. In Indien werden die Arbeiten dagegen oft unter Zeitdruck durchgeführt. Pragmatismus spielt hier eine große Rolle. Eine Sache muss ich besonders beachten: Inder legen sehr viel Wert auf persönliche Kontakte. Manche Dinge funktionieren sonst einfach nicht. Es kostet zwar viel Zeit, jeden einzelnen Mitarbeiter kennenzulernen - dafür habe ich am Ende aber viel davon. Das interkulturelle Training im Vorfeld war hilfreich - auch wenn ich heute vieles differenzierter sehe, als es in dem Kurs vermittelt wurde.

Nicht alles, was wir gehört haben, stimmt für alle Teile Indiens. Es hilft aber, den berühmten Kulturschock, den wohl jeder Neuling in Indien erlebt, etwas abzuschwächen. Am Anfang war ich unheimlich euphorisch. Irgendwann kommt aber auch die Ernüchterung. Im August werden wir nach Deutschland zurückkehren. Wieder in Frankfurt zu sein, wird bestimmt seltsam. Aber ich freue mich darauf."

Stefan Langkamp, Vodafone
"Dass Mitarbeiter kurzfristig nach Indien geschickt werden, kommt nicht selten vor. Vodafone hat mir zum Glück vieles abgenommen: die Flugbuchungen, das Visum via Express-Service, Impfungen habe ich durch die Betriebsärzte bekommen. Ich hatte das Glück, dass ich mich nicht um eine Wohnung in Delhi kümmern musste. Mit meiner Firma habe ich vereinbart, dass ich in einem Hotel lebe, so dass ich schnell im Job loslegen konnte. Kaum in Indien gelandet, muss man sich komplett umgewöhnen.

Das fängt damit an, dass ich einen Fahrer zur Seite gestellt bekommen habe. Nicht alle Expats gehen mit ihren Bediensteten gut um. Mein Fahrer bekommt monatlich 8000 Rupien, also etwa 120 Euro. Das ist schon recht viel. Manche zahlen nur 3000 Rupien, das sind rund 45 Euro. Da hätte ich ein schlechtes Gewissen. Wer nach Indien kommt, muss bereit sein, viel über die Bräuche, die Religion und das Land zu lernen. Viele Manager tun sich damit aber schwer. Sie kommen mit dem Gefühl nach Indien, besonders privilegiert zu sein. Verwunderlich ist das nicht: Die Expats werden vom Chef ausgewählt, bekommen ein gutes Gehaltspaket und ein Business-Class-Ticket. Viele schweben automatisch ein paar Zentimeter über dem Boden und landen auch so am Flughafen.

Sie bekommen Einladungen zu Empfängen, von Botschaftern oder Politikern, an die man früher im Leben nicht herangekommen wäre. Einige verlieren da schon die Bodenhaftung. Und das Leben in Deutschland wirkt dagegen sehr klein. Kommen die Manager zurück, müssen sie sich wieder komplett umgewöhnen: Alle Prämien sind weg, die Einladungen bleiben aus. Ich habe schon viele Expats erlebt, die damit Probleme haben. Einige Familien sind daran zerbrochen. Ich empfehle deshalb jedem, nach maximal fünf Jahren wieder nach Deutschland zurückzukehren. Die Welt wird sonst schnell zu klein."

Peter Kronschnabl, BMW
"Durch das interkulturelle Training wurde ich gut auf Indien vorbereitet - und trotzdem musste ich noch viel lernen. Wenn Sie zum Beispiel von einem Geschäftspartner zum Abendessen eingeladen werden, müssen Sie einige Dinge beachten. Typischerweise wird die Einladung für 20 Uhr ausgesprochen. Eine Stunde zu spät zu kommen, gehört in Indien aber zum guten Ton. Es ist ein komisches Gefühl, extra nicht pünktlich zu sein. Die Gespräche zwischen den Geschäftspartnern stehen bei einer solchen Einladung im Vordergrund.

Inder legen viel Wert auf persönliche Kontakte und sie müssen erst Vertrauen finden, bevor sie ein Geschäft abschließen. Hat man den Gesprächsteil erledigt, wird gegessen - selten vor elf oder halb zwölf abends. Die Gastgeber gehen auch davon aus, dass man danach bald geht. Durch das interkulturelle Training hatte ich von solchen Gepflogenheiten zwar schon eine Idee bekommen - ich bin aber trotzdem hungrig zur Verabredung erschienen. Jetzt esse ich vorher schon eine Kleinigkeit, damit der Magen nicht zu sehr knurrt. Das Training wurde bei BMW von einem Inder durchgeführt, der in Deutschland lebt. Wir haben etwa typische Gesprächssituationen simuliert. Die vielen persönlichen Fragen sind für Deutsche ungewohnt.

Beim Training habe ich gelernt, wie man antwortet, ohne zuviel zu verraten. Bei Fragen zum Beruf der Eltern bleibe ich lieber vage. Um direkte Antworten zu umgehen, lenke ich dann das Gespräch darauf, wo meine Eltern leben. Ich rede lieber über die Region und wie ich sie als Kind erlebt habe. Diese rhetorischen Kniffe helfen mir dabei, nicht zu viel von mir preiszugeben. Trotz der Vorbereitung wundert man sich. Im Alltag erlebt man viele skurrile Dinge. Der Klassiker ist die Kuh auf der Straße. Ich wusste zwar, dass überall Kühe stehen. Auf einer vierspurigen Stadt-Autobahn kann man diesen Anblick aber kaum glauben."

Interkulturelles Training - die Serie:

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