Interkulturelle Kompetenz Erfolgsgeheimnis Feingefühl

Wer sich mit lokalen Gepflogenheiten nicht auskennt, fällt bei der Geschäftsreise negativ auf. Schlimmer ist es, wenn kulturelle Unterschiede Expansionspläne oder ganze Unternehmen ruinieren. Wo Stolperfallen lauern.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Erfolgsgeheimnis Feingefühl

Interkulturelle Kompetenz 2

Foto: Kzenon / Fotolia.com

Ist Kaugummi kauen erlaubt? Wer bestellt den Wein und wer grüßt wen? Wie übergibt man eine Visitenkarte korrekt, welche Kleidervorschriften gibt es und wie geht guter Smalltalk in Italien? Zig Seminare und Workshops rund um interkulturelle Kompetenzen beschäftigen sich mit den kleinen und großen Fettnäpfchen, in die Geschäftsreisende im Ausland treten könnten. Die Nachfrage nach den Benimmkursen für den beruflichen Auslandsauenthalt ist groß.

Zu Recht, wie einige bekannte Patzer zeigen. So hat sich etwa Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gipfeltreffen in Peking 2014 in die Nesseln gesetzt: Gemeinsam mit Staats- und Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) wartete er bei Temperaturen knapp über Null Grad auf ein Feuerwerk. Ganz der russische Gentleman legt er Chinas First Lady Peng Liyuan eine Decke um die Schultern, um sie zu wärmen. Die reagierte peinlich berührt und reichte die Decke an einen Begleiter weiter.

Ein kultureller Fauxpas kann Geschäftsbeziehungen schwer belasten

In China gehört es sich nicht, sich derart einer fremden Person zu nähern. Entsprechend irritiert schaute auch Staatschef Xi Jinping drein. Ein Crashkurs zu Benimm in China hätte diesen Fauxpas verhindern können. Wer kein Staatschef, sondern Unternehmer ist, kann sich durch derartiges Verhalten das Geschäft mit einem ausländischen Partner durchaus verscherzen.

"Kulturelle Probleme tauchen, anders als erwartet und in Workshops gelernt, nicht in Geschäftsessen oder Verhandlungen auf, sondern in täglichen Banalitäten wie Deadlines, Offenheit im Umgang mit Problemen oder der Feierabendkultur", sagt dagegen Heinz-Jürgen Althoff. Der Urerbe aus der Karstadt-Dynastie arbeitet seit vielen Jahren als Interim Manager und Berater für Start-ups und mittelständische Unternehmen.

Seit rund einem Jahr macht er den Ableger eines deutschen Mittelständlers in Indien fit. Althoff, der sich auf die Branchen Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Erneuerbare Energien und Medizintechnik spezialisiert hat, soll dort helfen, ein B2B-Produkt reif für den Massenmarkt zu machen.

Geschäfte im Ausland den landesüblichen Gepflogenheiten anpassen

"Der indische Ableger wurde von der Mutter gegründet, dann aber weitestgehend alleingelassen", sagt Althoff. Der Gedanke dahinter: den deutschen Perfektionismus, der in der Heimat zu langsamen Entwicklungszyklen sowie zu überfunktionalen und teuren Maschinen führte, nicht auf die indische Tochter zu übertragen. Eine gute Idee – eigentlich.

"Leider ist man dabei über das Ziel hinausgeschossen, hat notwendiges Wissen nicht weitergegeben, die Führung Menschen überlassen, die im Mutterkonzern niemand kannten und es dann noch versäumt, sich regelmäßig des Entwicklungsfortschritts zu vergewissern", erzählt Althoff.

Auch hier war der indische Ableger auf sich alleine gestellt. In der Folge kam es zu Verzögerungen, Enttäuschung und Frust auf beiden Kontinenten. Was nicht nur an einer Partei liege, sondern daran, dass sich die Deutsche Mutter offenbar nicht damit befasst habe, wie in indischen Betrieben gearbeitet werde.

"In vielen Besprechungen zu Versuchsergebnissen und der Suche nach einer technischen Lösung fiel mir auf, dass zwar fleißig Versuche gemacht, aber aus den vermeintlichen Fehlschlägen kaum Schlüsse gezogen wurden", erzählt Althoff. Stattdessen sei etwas anderes ausprobiert worden – in der Hoffnung, dass der andere Weg den gewünschten Erfolg bringt. "Anders ausgedrückt: In der Regel werden Strategien verfolgt, die auf Gelerntem beruhen. Die meisten Ideen zur Lösung technischer Probleme wurden im Verlauf der Ausbildung auswendig gelernt und nacheinander ausprobiert. Eine kreative Auseinandersetzung mit Fehlversuchen und die Kombination neuer Ideen findet eher weniger statt."

Die eurozentrische Sichtweise ablegen

Althoff, der sich viel mit Unternehmensexpansionen und -niederlassungen in Asien, Nordamerika und Europa befasst, erlebt häufig, dass sehr erfolgreiche Mittelständler im Ausland schwer auf die Nase fallen. Sie gehen davon aus, dass Menschen, die auf den ersten Blick europäisch zu denken scheinen auch arbeiten, wie der gemeine Deutsche es gewohnt ist. Dabei schlackert ja schon innerhalb Europas so mancher Unternehmer mit den Ohren, weil beispielsweise Pünktlichkeit von Land zu Land anders interpretiert wird.

Auf anderen Kontinenten sind die Unterschiede dann noch stärker spürbar, wie er sagt. "Eigentlich merkt man es schon am indischen Flughafen: Der Taxifahrer hat die Regel gelernt, dass er Fahrgästen das Gepäck ins Auto zu tragen hat. Die Regel wird gnadenlos durchgezogen – ob der Fahrgast das möchte oder nicht. Ihm wird ohne einen einzigen Augenkontakt das Gepäck entrissen."

Dass die Regeln der Kommunikation den unseren aber wieder sehr ähnlich seien, ließe viele Unternehmer die restlichen Unterschiede übersehen. Schließlich werde man sich viel schneller einig, als beispielsweise mit japanischen Geschäftspartnern, die Wert auf ganz andere Konversationsformen legten.

Beobachtungsgabe und Feingefühl machen den Unterschied im interkulturellen Umgang

Das ändere aber nichts daran, dass Inder und Deutsche unterschiedlich ticken, so Althoff. "Oft bekomme ich zu hören, man könne dies und jenes nicht tun, weiterführende Aktivitäten müssen gestoppt werden und in der Folge sei der Terminplan nicht mehr zu halten. Schaut man dann genauer hin, ist alles nicht so tragisch und man kann vieles umlenken in positive Effekte, die alle angeblichen Verzögerungen kompensieren." Ein paar Planänderungen, ein bisschen Kreativität und schon sei man wieder auf dem richtigen Weg. Diese Herangehensweise gehöre jedoch nicht zum Repertoire der Kollegen vor Ort – und schon steht die Produktion so lange, bis jedes Einzelteil völlig perfekt ist.

Bei der Lösung solcher kultureller Differenzen nützt es natürlich wenig, wenn sich der deutsche Unternehmer lediglich damit beschäftigt hat, ob er den Herrn oder die Dame zuerst begrüßt, und ob man schon vor oder erst nach dem Dessert über das Geschäftliche spricht. Wer nicht nur höflich, sondern auch unternehmerisch erfolgreich sein wolle, brauche vor allem eine Beobachtungsgabe für kulturelle Unterschiede und genügend Feingefühl, damit umzugehen. Standard-Kniggetrainings nützen da eher dem Studenten, der fürs Auslandssemester nach Spanien geht.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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