Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Interim-Manager Gut bezahlte Nomaden der Wirtschaft

In Großbritannien und Holland sind Projektkarrieren weit verbreitet. Aber auch in Deutschlands Unternehmen wächst die Nachfrage nach erfahrenen Springern auf höchster Ebene. Nicht nur bei der Rettung von Karstadt ist ein Interim-Manager aktiv.

Claudia Obmann, Tanja Kewes | , aktualisiert

Es war ein Wagnis. Doch genau das reizte ihn. In sechs Monaten sollte Clemens Pflanz die im Jahr 1824 gegründete und über drei Generationen familiengeführte Kerzenfabrik Eika nahe Fulda, die ein Investmentfonds aus der Insolvenz gekauft hatte, als Interim-Manager wiederbeleben. Der 45-Jährige, bis dato strategischer Berater bei Roland Berger, kam, sah und reüssierte. Pflanz, der zuvor beim amerikanischen Konsumgüterkonzern Mars und beim französischen Luxusgüterkonzern LVMH als Geschäftsführer gearbeitet hatte, gab der Kerzenfabrik eine neue Ausrichtung. Kerzen seien nicht nur ein Leuchtmittel, sondern gäben ein besonderes Lebensgefühl.

Zugleich löste er die einseitige und saisonale Abhängigkeit vom Weihnachtsgeschäft und fädelte Kooperationen mit der Hotellerie ein. Dafür nutzte er auch seine Kontakte aus der Zeit beim Champagnerhaus Moët & Chandon in Paris. Das Ergebnis: Eika heißt heute Kerzenmanufaktur und beschäftigt wieder rund 160 Mitarbeiter. Und Pflanz ist um eine operative Erfahrung reicher: "Das war eine sehr spannende Zeit, die mich darin bestärkt hat, auch zukünftig unternehmerisch, tätig zu sein." Pflanz und die Kerzenmanufaktur Eika sind keine Ausnahme. Immer mehr Unternehmen nehmen die Hilfe von Interim-Managern in Anspruch.

Die Aufgabenbereiche gehen dabei von der Überbrückung von Vakanzen wie bei Tod, Krankheit oder nach fristlosen Kündigungen, über Restrukturierungen und Strategiewechsel bis hin zur Erschließung neuer Auslands- oder Produktmärkte. Auch die Insolvenzverwaltung beziehungsweise die Neu- oder Umpositionierung sind ein Einsatzbereich.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Warenhauskette Karstadt. Im Auftrag von Investor Nicolas Berggruen gibt Thomas Fox hier den hemdsärmeligen Sanierer. Fox und Berggruen kennen sich schon von einem früheren Notfalleinsatz. Fox führte für Berggruen eine Tochterfirma des insolventen ostwestfälischen Möbelproduzenten Schieder wieder zurück in die schwarzen Zahlen. Interim-Manager wie Pflanz und Fox kommen vorübergehend in Unternehmen und sorgen dafür, dass die gestellte Aufgabe zügig und effizient erledigt wird - frei von innerbetrieblichen Zwängen und Seilschaften.

Durchschnittliche Verweildauer liegt bei 7,3 Monaten

Im Durchschnitt bleiben die Manager-Nomaden in Deutschland 7,3 Monate, bevor sie weiterziehen. "Wir kommen, um wieder zu gehen", bringt es Hans Böhne, ein nach elf Jahren sehr erfahrener Interim-Manager auf den Punkt. Ob Eika, oder Karstadt, das Managen auf Zeit boomt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Umsatz der Branche auf 800 Mio. Euro verzehnfacht.

Und Jens Christophers, Vorsitzender der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM), ist optimistisch, dass die derzeit rund 5 000 professionellen Notfallhelfer unter den deutschen Managern mit ihren Einsätzen auf der ersten und zweiten Führungsebene die Eine-Milliarde-Umsatzmarke im nächsten Jahr knacken. "Interim-Manager werden immer gesucht. In der Krise sind Restrukturierer gefragt, im Boom Motivierer und Rekruter", berichtet auch Dietmar Kablitz, Geschäftsführer von EIM in München, einer der führenden Vermittler von Interim-Managern. Aktuell, im wieder anziehenden Markt haben vor allem versierte Finanzprofis auf Geschäftsführer- und Vorstandsebene Konjunktur. Und "für bestimmte Tätigkeiten, etwa in der IT oder im Bereich Optimierung von Kosten und Lieferketten bestehen sogar schon personelle Engpässe", beobachtet Christophers vom Berufsverband.

Ständig neue Herausforderungen. Doch wer ist als Interim-Manager geeignet? Sie sollten etliche Jahre Berufserfahrung vorzuweisen haben. Firmenwechsel und unterschiedliche Aufgaben sind erwünscht, solange sie nicht im Jahresrhythmus stattgefunden haben. Und mit internationaler Erfahrung und Kommunikationsstärke lässt sich sofort punkten. Der Trend zum befristeten Einsatz kommt nicht von ungefähr. Die Arbeits- und Berufswelt hat sich verändert - und zwar sowohl Angebot als auch Nachfrage. So reduzieren Unternehmen auf der einen Seite seit Jahren ihren Anteil an fest angestellten Managern.

Projektarbeit und maßgeschneiderte, flexible Lösungen sind an der Tagesordnung. Auf der anderen Seite haben sich auch die Bedürfnisse der Manager gewandelt. "Die Tätigkeit ist attraktiv, weil Hochdruck- mit Freizeitphasen wechseln, keine Routine einkehrt und es ständig neue Herausforderungen gibt", sagt Kablitz von EIM. Interim-Management sei gerade für viele erfahrene Manager eine echte Alternative. Und zunehmend auch für die jüngeren, wie Christophers vom DDIM beboachtet: "Die Generation Golf, also die heute 40- bis 50-Jährigen, ziehen verstärkt das moderne Nomadentum als Alternative in Betracht."

Tagessatz von 1500 Euro brutto

Das wundert nicht. Denn der Einsatz als Springer rechnet sich. Verbandsangaben zufolge verdient ein Interim-Manager in der Regel mehr als sein festangestellter Kollege. Der durchschnittliche Tagessatz liegt bei 1500 Euro brutto plus Reise- und Unterkunftskosten. Und in Großbritannien und den Niederlanden, den beiden bestentwickelten Märkten in Europa, sind Projektkarrieren statt der hierarchischen Karriere schon viel verbreiteter als in Deutschland. Die Aufgaben, die Interim-Manager erwarten, sind aber vielfach keine angenehmen oder verlaufen keineswegs immer erfolgreich. Bernhard Giessel etwa hat eine solche Erfahrung gemacht. Er trat im August 2004 bei Agfaphoto, der von Agfa Gevaert ausgegliederten Fotosparte, als interimistischer Finanzdirektor in Leverkusen an.

Eigentlich sollte er dort das Rechnungswesen weltweit neu aufstellen. Doch das Finanzierungskonzept funktionierte nicht, Agfaphoto ging nach einem Jahr in die Insolvenz. Mit der Übergabe an den Insolvenzverwalter endete auch die Tätigkeit für Giessel. "Das war ein sehr trauriger Moment. Die ganze Mannschaft war topmotiviert, doch es reichte einfach nicht", erinnert sich der heute 50-Jährige, der zuvor schon bei Toll Collect, das Umsetzungsmanagement für das Mautsystem gemacht hatte.

Ihren schlechten Ruf als "schlampige Abwickler", den sich die Branche in den 90er-Jahren eingehandelt hatte, als die Treuhand bei westdeutschen Industriekonzernen Manager abzog, konnte die Branche inzwischen abschütteln. "In Deutschland hat es früher gewisse Vorurteile gegenüber Interim-Management gegeben. Die sind aber heute alle abgebaut", sagt Kablitz. Und auch Christoph Schmitz von der Gewerkschaft Verdi erkennt die Professionalisierung an. So ist er begeistert von der bisherigen Bilanz des Karstadt-Sanierers Thomas Fox. "Auch ohne spezielle Handelserfahrung hat er sich gut eingearbeitet und messbare Ergebnisse geliefert."

Doch mit Sorge beobachtet er, dass mancherorts "Management-Söldner" zum Einsatz kommen, wenn es um Schließen und Streichen gehe. Vom Ansatz her liegt Interim-Management zwischen Zeitarbeit und der klassischen Strategieberatung, wie sie McKinsey, Boston Consulting und Roland Berger anbieten. Und die Vermittlung von Interim-Managern ist eine Nische der Personalberatung.

So spaltete sich etwa Atreus, heute einer der führenden Vermittler für Interim-Manager, vor einigen Jahren aus der Boyden-Personalberatung für Top-Führungskräfte ab. Das war ein Trennungsprozess, den auch einige andere namhafte internationale Headhunter wie Egon Zehnder und Heidrick & Struggles durchlebten. "Auf den Zeitdruck bei der Suche nach dem geeigneten Interim-Manager ist ein Headhunter gar nicht eingerichtet", nennt Daniela Zimmer als Grund für diese Entwicklung. Sie ist geschäftsführende Partnerin von Resources Global Professionals, einer auf Interim-Kräfte mit Finanzexpertise spezialisierten Vermittlung.

Doch so groß sind die Unterschiede dann auch nicht. Experten zufolge wie Rüdiger Kabst, Professor für Personalmanagement an der Universität Gießen, wird es in Zukunft auch häufiger enge Kooperationen von Beratern und Interim-Managern geben. Zumal der Springer seltener als Einzelkämpfer in Aktion tritt. Immer häufiger würden für Börsengänge, Unternehmenskäufe, und internationale Aufgaben komplett externe Projekt-Teams mit unterschiedlichem Know-how zusammengestellt.

Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...