Innovationen Geld auf Achse: Die mobile Bankfiliale

Durch die Eifel rollt ein Silberpfeil der besonderen Art - eine komplett autarke Bankfiliale, die auch abgelegene Dörfer mit Barem versorgt. Ingenieur Jochen Schnuck hofft nun auf den internationalen Durchbruch.

Dennis Kremer | , aktualisiert

Die erste Fahrstunde seines Lebens war ein Desaster. Als Jochen Schnuck mit Erlaubnis des Vaters in dessen Mercedes 220 kletterte und einige Runden auf dem Hof drehen wollte, endete die Fahrt abrupt - im Heck des LKW der elterlichen Firma. Schnuck muss schmunzeln, wenn er an seine ersten Fahrversuche zurückdenkt: "Ich habe Bremse und Gaspedal verwechselt." Kann ja schon mal vorkommen - mit acht Jahren. Die frühe Spritztour hat ihn nicht abgeschreckt, im Gegenteil: Seither haben ihn Lenkräder, Reifen und Motoren nicht mehr losgelassen. "Fahrzeuge sind meine Passion", sagt der Verdener Wirtschaftsingenieur. Der 47-Jährige tritt auch heute ungern auf die Bremse. Nein, Raser ist er nicht. Aber Schnuck ist nicht zu halten, wenn es um seine Arbeit geht: Konstruktion, Elektrotechnik, Innenausstattung - zu jedem dieser Themen hält er aus dem Stegreif gerne ein Referat, gespickt mit Zahlen und technischen Details.

Seine Passion hat der Norddeutsche zum Beruf gemacht: Er entwirft und verkauft Spezialfahrzeuge, die man im Autohaus vergeblich sucht - vom Promotiontruck über Laborfahrzeuge bis hin zu Besucherbahnen, die durch Werkshallen zuckeln. Als Entwickler und Verkaufsleiter bei Borco-Höhns in Rotenburg, einem der größten europäischen Hersteller für Spezialfahrzeuge, hatte Schnuck schon manche Karosse bauen lassen, ehe man ihn Anfang 2006 in die Eifelstadt Euskirchen rief. Was er dort sah, war selbst für den Fachmann neu: Für die örtliche Kreissparkasse hatte der Euskirchener Ingenieur Günter Nieuwenhuis eine Bank auf Rädern mit Satellitentechnik entworfen - eine mobile Geschäftsstelle.

Schnuck war von der Idee einer rollenden High-Tech-Filiale auf Anhieb begeistert. "Sie hatte schon damals alles, was ein Spezialfahrzeug für Banken meiner Meinung nach haben muss", sagt er, und die Augen funkeln hinter seiner randlosen Brille. "Eine autarke Energieversorgung, eine Satellitenverbindung zum Sparkassen-Rechenzentrum und die besten Sicherheitsvorkehrungen" - an alles war gedacht. In Teamarbeit vollendeten Nieuwenhuis und Schnuck das Gefährt. Die ursprünglich eingesetzte Brennstoffzelle im Heck wurde durch einen weniger anfälligen Hybrid-Generator ersetzt - fertig.  Sechs Überwachungskameras sind im Inneren installiert, zudem gibt es zahlreiche weitere Sicherheitsmaßnahmen. Schnuck verrät offiziell nur so viel: "Bei einem Überfall auf die mobile Geschäftsstelle hat ein Bankräuber bestimmt keine Freude." Kreissparkassen-Chef Karl Heinz Flessau meint sogar: "Da ist es einfacher, einen Geldautomaten aus der Wand zu reißen." Die Provinzial versicherte die rollende Bank jedenfalls zu den gleichen Konditionen wie eine feste Filiale.

Ansätze von mobilen Banken gab es schon früher: "Das waren aber hässliche Kisten, wo jemand hinter Panzerglas sitzt", sagt Flessau. "Bessere Geldwechselstellen, in keiner Weise dialogorientiert." Ganz anders der schmucke Silberpfeil mit seinen schwarzen Ledersofas und behindertengerechtem Einstieg: Ob Kundenservice vor dem Altenheim, Bargeldversorgung auf dem Schützenfest oder Immobilienberatung direkt auf der Baustelle - das Fahrzeug ist für Flessau eine "rollende Litfaßsäule". Zudem sichert es die Grundversorgung in Nestern wie Schönau, Freilingen oder Dollendorf, 400 Kilometer kurven die Banker in der Woche umher. Die fahrbare Filiale fährt nicht nur Geld durch die Provinz, sondern füllt auch Schnucks Konto: Seit August ist er Geschäftsführer der Firma "GS-Mobile", an der auch Nieuwenhuis und die Euskirchener Sparkasse Anteile halten. Das Interesse an der patentierten Bank auf acht Rädern sei groß, sagt Schnuck erfreut: Im April wird er eine mobile Geschäftsstelle mit Solarzellen auf dem Dach an ein Schweizer Kreditinstitut liefern, mindestens vier weitere Verkäufe erwartet er für dieses Jahr. Die Nähe zum Kunden lassen sich die Banken einiges kosten: Mindestens 380000 Euro müssen sie für ein Modell ausgeben, das die Maße der rollenden Bank aus Euskirchen hat.

Man merkt: Schnuck geht es nicht nur ums Geschäft. Wenn er bedächtig über den silbernen Lack streicht, wenn er voller Hingabe über die Wegfahrsperre und den zeitgesteuerten Kassentresor philosophiert, scheint ihn dieselbe Faszination zu packen wie damals, als er sich mit acht Jahren hinters Steuer setzen durfte. Dass man sich mit Kabelbäumen, Hybridgeneratoren und Klimaanlagen auskenne, sei nur die Grundvoraussetzung für seinen Job, sagt er. Damit allein könne man aber keine Karosse wie die rollende Bank weiterentwickeln. "Man braucht vor allem Kreativität", ist Schnuck sicher. Er hat dafür ein Rezept gefunden - zum Nachdenken klettert er hinters Lenkrad. "Knifflige Konstruktionsprobleme löse ich am liebsten auf langen Autofahrten", sagt der Fahrzeugnarr.

So kommt in Euskirchen die Bank zum Kunden

Ob ihre Angestellten gute Autofahrer sind, dürfte den meisten deutschen Banken ziemlich egal sein - nicht so der Kreissparkasse Euskirchen. Zumindest die vier Mitarbeiter der mobilen Geschäftsstelle der Sparkasse mussten ihre Fahrkünste unter Beweis stellen: Jeder von ihnen absolvierte zehn Probestunden mit dem 13 Meter langen und 8,5 Tonnen schweren Sattelzug, bevor sie die Geschäftsleitung in Zweierteams erstmals auf die wöchentliche Tour durch insgesamt neun Eifeldörfer schickte. Die Vorsicht hat ihren Grund: Die fahrende Filiale war nicht gerade billig und steckt voller High Tech. Zum Beispiel auf dem Dach: Eine ausfahrbare Satellitenschüssel mit 1,20 Meter Durchmesser sorgt dafür, dass die Bank auf Rädern ständig in Verbindung mit dem Rechenzentrum der Kreissparkasse steht - die Kunden können so alle Buchungen vornehmen wie in einer normalen Filiale. Nach einem festen Fahrplan stoppt der Silberpfeil jede Woche am Feuerwehrgerätehaus Schönau, am "Haus Nr. 72" in Udenbreth und am Friedhof Freilingen. Montags bis freitags ist die Bank zwischen vier und sechs Stunden geöffnet, nur mittwochs bleibt sie in der Garage. Der Aufbau des Fahrzeugs und der Start der Satellitenverbindung dauern vor Ort eine halbe Stunde, der Abbau ist in zirka einer Viertelstunde erledigt. Die Idee, sich mit dem ganzen Fahrzeug auf und davon zu machen, können Bankräuber gleich wieder verwerfen: Denn während der Standzeiten sichert den Sattelzug eine mechanische Wegfahrsperre, zudem lässt sich sein Standort über ein automatisches Ortungssystem jederzeit feststellen.

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