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Ingenieure gesucht: Verfahrenstechniker: Die letzten Allrounder

Ingenieure gesucht Verfahrenstechniker: Die letzten Allrounder

Verfahrenstechniker sind die Generalisten unter den Ingenieuren - und gerade deswegen besonders begehrt. Die Industrie lockt mit spannenden Jobs und Spitzengehältern. Übrigens zunehmend auch Frauen.

Florian Willershausen | , aktualisiert

Das stählerne Monster ist 40 Meter groß und schluckt tonnenweise Rohöl. Grollender Lärm hält jeden fern, der hier nichts zu suchen hat. Mickrig sehen die Arbeiter aus, die sich in die Nähe des Rohöl-Riesen wagen - Sprit-Produktion im 24-Stunden-Dienst.
Alle paar Wochen steht er still, jener Katalyse-Reaktor, der in der Esso-Raffinerie Ingolstadt Rohöl in Treibstoff verwandelt. Bettina Maehler zieht dann ihre orangefarbene Latzhose an, streift die Atemschutzmaske auf und seilt sich aus der oberen Mannsluke ab in den Bauch des rostenden Riesen. Stockdunkel ist es hier. Bewaffnet bloß mit einer Halogen-Taschenlampe, klopft sie die zylinderförmige Anlage auf Schwachstellen ab, checkt Schweißnähte, Rohre, Bodenplatten. Wo s klappert, müssen die Arbeiter ran.
fit an allen fronten > Dass sie mal durch Reaktortürme kriechen würde, in denen Kerosin, Benzin und Diesel aus saudi-arabischem Rohöl gespalten werden, hätte sich die 27-jährige Verfahrenstechnikerin noch vor ein paar Monaten nicht träumen lassen. Im Studium spezialisierte sie sich auf Wassertechnologie - ein ganz und gar sauberes Geschäft. Doch die Industrie sucht Allrounder und keine Spezialisten. Chemisch-technisch müssen Berufseinsteiger ebenso fit sein wie in Anlagenbau und Prozesssteuerung. Betriebswirtschaftliche Grundlagen sollten sitzen, denn im Alltag der Verfahrensingenieure geht es oft um Effizienzsteigerung und Projektmanagement. Wer sich an das breit angelegte Studium der Verfahrenstechnik traut, darf rödeln bis zum Diplom. Doch alle Mühe zahlt sich aus, wenn s an die Bewerbung geht. Verfahrenstechniker sind nicht nur erfolgreicher bei der Jobsuche als etwa Maschinenbauer oder Chemie-Ingenieure; sie werden im Schnitt auch besser bezahlt (siehe Grafik S. 78).
Beruf: troubleShooter > Verfahrenstechniker sind universelle Problemlöser - ob in der Leitwarte eines Kohlekraftwerks, in der Pharma-Massenproduktion oder am Reißbrett eines Planungsbüros. In der Chemieindustrie planen sie Anlagen, in denen neu entwickelte Produkte in Serie gehen. Umwelttechniker tüfteln an Verfahren zur Schadstoffminimierung. Große Autobauer von Audi bis BMW lassen sich von Verfahrensingenieuren bei der Entwicklung der Brennstoffzelle helfen. Immer wenn die Produktion umgekrempelt wird, ein neues Produkt in die Fertigung kommt oder die Mühle schneller laufen soll, müssen Verfahrenstechniker ran.
Das tägliche "Troubleshooting" macht den Job spannend und abwechslungsreich: Ist eine Pumpe im Kleisterwerk ausgefallen, kühlt der Kühlturm im Müllheizkraftwerk nicht recht, versagt der Sekundenkleber im Praxistest, ruft alles nach dem Verfahrenstechniker. Auch wenn er gerade von der Uni kommt. Die wenigsten dienen sich in großen Projektteams hoch, in denen die Altvorderen den Ton angeben. Schon Berufsanfänger überwachen selbst Instandhaltungsarbeiten, stellen sich ihre eigenen Laborantenteams für die Produkteinführung zusammen.
spendable konzerne > Und das nicht nur in Zehn-Mann-Betrieben, sondern auch in Weltkonzernen wie Bayer und BASF. Die letzten Global Player der deutschen Chemieindustrie halten seit Jahren wacker den Stand als Traumarbeitgeber für junge Verfahrenstechniker (siehe Grafik). Das kommt nicht von ungefähr: Mit Einstiegsgehältern von bis zu 60.000 Euro geben sich die Absolventenlieblinge ganz besonders spendabel. Dazu winken gute Aufstiegsmöglichkeiten - auch mal bis hinauf ins obere Management.
Im Gegenzug erwarten die Top-Arbeitgeber vor allen Dingen Flexibilität. Seit Anfang der 90er Jahre liegt in der hiesigen Chemieindustrie kein Stein mehr auf dem anderen. Bayer produziert in Argentinien, Degussa macht in China Meter, Henkel ist in Russland auf Einkaufstour - klar, dass auch die Verfahrenstechniker um die Welt geschickt werden, damit auch in China alles rund läuft (siehe Porträt S. 80).
nachwuchssorgen > Deutsche Altstars wie Degussa, Bayer, BASF oder Schering haben sich immer wieder neu positioniert, weltweit expandiert und unrentable Geschäftsbereiche abgekoppelt. Das wirkt auch auf die Rekrutierungspraxis. "Konzerne mit Standorten in aller Welt rekrutieren nicht nur in Deutschland", sagt Peter Plegnière von der Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemie-Ingenieurwesen.
Konkurrieren also Prozess-Genies aus Kyoto, Kairo und Kaiserslautern künftig um neue Jobs im Aspirin-Werk Bitterfeld? Ja, aber mit guten Karten. Verfahrenstechniker von deutschen Unis und Fachhochschulen sind mittlerweile derart dünn gesät, dass Leute mit halbwegs passablem Abschluss kaum Mühe bei der Jobsuche haben. "Ich kenne keinen, der Hunderte von Bewerbungen schreiben musste", sagt Britta Helfgen, Vorsitzende der Kreativen Jungen Verfahrensingenieure.
Im Laufe der letzten zehn Jahre haben sich die Absolventenzahlen nahezu halbiert und pendeln sich zurzeit bei etwa 5.500 ein. "Personaler rennen uns die Türen ein auf der Suche nach guten Verfahrensingenieuren", berichtet Gerhard Kasper, Professor und Dekan für Verfahrenstechnik an der TU Karlsruhe. Vor allem kleinere und mittelständische Betriebe leiden unter dem Nachwuchsmangel. Zunehmend füllen Frauen die Lücke: Seit 2000 ist die Zahl der Absolventinnen um fast ein Drittel gestiegen (siehe Grafik S. 80).
arbeit bis zum anschlag > Katrin Friese hat sich gleich bei den ganz Großen der Chemiebranche beworben. In deren Personalabteilungen spürt man noch nichts von den schwindenden Nachwuchsressourcen. Bewerbungen gehen hier noch säckeweise ein. Gelandet ist Friese schließlich bei BASF in Ludwigshafen, als Frau für feste Stoffe in der Technischen Entwicklung. Die 32-Jährige sorgt dafür, dass sich Kunststoff biegt, Klebstoff fest wird und Kleister nicht schon in der Packung pappt.
In ihrem Feststofflabor muss sie jeden Tag aufs Neue ihre Multi-Tasking-Qualitäten beweisen. Auf dem Schreibtisch liegen die Geistesblitze der Forschungsabteilung - verschlüsselt in chemischen Formeln, versteckt in Berichtsheften und Dokumentationsordnern. Drei Jahre kann es dauern, bis Friese ein neuartiges Lösemittel nach zig Qualitätstests und Härteprüfungen vom kleinen Labormaßstab auf die große Produktionsanlage übertragen hat. Und so flott geht das Projekt auch nur von der Stange, wenn sie täglich am Ball bleibt: "Ich kann hier nie sagen: Ach, das machen wir mal nächste Woche", gibt sich die promovierte Verfahrenstechnikerin standfest.
seelsorge im Farbwerk > Richtig stressig wird s, wenn zwischendurch das Telefon klingelt und ein handfestes Produktionsproblem gelöst werden will. "Telefonseelsorge" nennt sie das. Wenn im Farbwerk das Lösungspulver zu leicht ist und sich allmählich roter Staub auf den Frühstücksdöschen der Anlagenfahrer absetzt: Friese fährt raus, checkt das Problem und kommt notfalls mit Reagenzgläschen zurück ins Labor. "Klar", sagt sie, "wir haben manchmal sehr, sehr lange Arbeitszeiten", aber das sei alles eine Frage der Organisation.
Stets zur Stelle sein, wenn s staubt oder knirscht, organisieren, notfalls improvisieren - die Leidenschaft fürs Unvorhersehbare haben Katrin Friese, die Frau für die festen Stoffe, und Bettina Maehler, die Frau fürs Flüssige, gemeinsam. Mit 24 ist Maehler bei Esso eingestiegen, lernte das Handling von Raffinerieriesen erst bei der Exxon-Tochter in England, bevor sie die Anlage in Ingolstadt übernahm. Denn die ist, wie die meisten Raffinerien in Deutschland, über 40 Jahre alt. Und wenn die betagte Anlage aller Zuverlässigkeit zum Trotz doch mal spinnt, steht die junge Verfahrenstechnikerin wieder vor einer ihrer täglichen Herausforderungen. "Probleme lösen", sagt sie, "war immer schon mein Ding."

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