Industrie 4.0 Mittelstand erhält ein gutes Digital-Zeugnis

Gut ein Drittel der Mittelständler sieht die Digitalisierung skeptisch. Der Rest ist gut vorbereitet – oder auf dem Weg dahin. Wenn es hakt, dann an den fehlenden Mitarbeitern. Wie es mit der Personalgewinnung klappt.

Wiwo.de, Kerstin Dämon | , aktualisiert

Mittelstand erhält ein gutes Digital-Zeugnis

Digitalisierung 2

Foto: foxyburrow / Fotolia.com

Mehr als jeder dritte deutsche Mittelständler sieht Digitalisierung skeptisch. Das zeigte eine exklusive Umfrage der WirtschaftsWoche im Frühjahr. Zumindest hielten 35 Prozent der Unternehmen mit weniger als 50 Millionen Euro Jahresumsatz die Risiken für genauso groß wie die Möglichkeiten. Bei größeren Mittelständlern (mehr als 50 Millionen Umsatz) waren es immer noch rund 25 Prozent.

Sieben Monate später mag die Skepsis zwar immer noch dieselbe sein, jedoch stellen Experten dem Mittelstand ein gutes Digital-Zeugnis aus. Gemäß der aktuellen Mittelstandsumfrage der Commerzbank nutzen fast zwei Drittel der Unternehmen die Digitalisierung, um ihr bestehendes Angebot zu optimieren. Bei rund einem Fünftel prägt die Digitalisierung bereits entscheidenden Geschäftsbereiche. Auch Studien des Maschinenbauverbandes VDMA zeigen: Der Mittelstand wird immer mehr zum Treiber der digitalen Entwicklung in Deutschland. Der Begriff Industrie 4.0 ist mehr, als nur ein Schlagwort.

Uwe Reißenweber wundert das nicht. Er ist Geschäftsführer der Docufy GmbH, die sich darauf spezialisiert hat, den vorliegenden Content aus der Technischen Dokumentation von Maschinenbauern für das gesamte Unternehmen verfügbar zu machen. Das für die Digitalisierung notwendige Expertenwissen, die Innovationskraft – und die notwendigen Daten, seien ja da, so Reißenweber. Man müsse den Datenschatz bloß heben und entsprechend verwenden. "Man muss die Daten seinen Mitarbeitern nur zur Verfügung stellen", sagt er.

In Weiterbildung der Mitarbeiter wird wenig investiert

Die Digitalisierung eines Maschinenbauunternehmens sei daher ein Leichtes. "Es gibt zum einen die harten Daten, also Konstruktions- und Maschinendaten. Und dann gibt es weiche Daten, also Überblicksdaten, Sachzusammenhänge, Brückeniformationen. Und auch die liegen in der technischen Dokumentation vor", sagt er. "So lassen sich einem Produkt zig Informationen zuordnen, die die verschiedenen Mitarbeiter dann von überall auswerten können." Damit die Vernetzung von einzelnen Abteilungen, Unternehmen und vor allem Menschen und Maschinen besser funktioniert, plant das Bundeswirtschaftsministerium ein umfangreiches Förderprogramm in Höhe von 150 Millionen Euro, wie Stefan Schnorr, Abteilungsleiter Digital- und Innovationspolitik des Ministeriums sagt. "Wir wollen keine Grundlagenforschung betreiben, uns geht es gezielt um konkrete Anwendungsforschung."

Die Daten sind also da, die Förderung auch – den Unternehmen fehlt es einzig und allein an den richtigen Mitarbeitern. Besonders beim Fachwissen ihres Personals sahen die im Auftrag der WirtschaftsWoche befragten Unternehmen Probleme: Nachholbedarf bestünde vor allem bei der Datenanalyse (60,6 Prozent der Befragten) und dem Prozessmanagement (53,7 Prozent). Zudem verfügt nicht einmal ein Drittel der Betriebe (23,1 Prozent) über ein spezielles Aus- und Weiterbildungsprogramm für die Bedarfe der digital vernetzten Industrie 4.0.

Es geht jedoch nicht nur darum, die bestehende Mannschaft weiter zu qualifizieren, sondern auch darum, als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Und hier tun sich einige noch schwer, wie Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung Accenture Deutschland und Mitglied des Bitkom-Hauptvorstands, sagt: "Wir müssen weg von "one size fits all" und unsere Arbeitsverhältnisse neu konfigurieren - und zwar individuell. Der eine möchte einen Dienstwagen, der nächste im Gegenwert eines Dienstwagens etwas völlig anderes. Wieder jemand anderes braucht mehr Flexibilität und der nächste mehr Weiterbildungen. Je flexibler das alles ist, desto glücklicher sind die Mitarbeiter." Und desto größer wird auch die Anziehungskraft auf andere Fachkräfte.

"Die Digitalisierung bietet jedem die Riesenchance, sein persönliches Arbeitsumfeld so zu gestalten, wie er oder sie es braucht, beziehungsweise möchte. Wir sprechen hier von der Losgröße Eins", so Riemensperger. Das bedeutet allerdings auch: Ohne Veränderungswillen der Betriebe und entsprechende Unternehmenskultur geht es nicht.

Flexibilität ist der Schlüssel

"Wir müssen uns immer wieder fragen: Wie flexibel sind wir denn?", so Riemensperger. Flexibilität sei nämlich keine Einbahnstraße - auch die Unternehmen müssen sich bewegen. "Wir haben in der Vergangenheit viele talentierte Frauen verloren, weil wir nicht flexibel genug waren. Da steuern wir seit vier, fünf Jahren gegen, aber es ist ein langwieriger Prozess", erzählt er. Dass junge Familien - und vor allem Frauen - noch immer Probleme haben, Kinder und Job zu vereinen, liege zwar nicht allein an den Unternehmen: "Die Kita schließt um 13 Uhr und anders als in anderen Ländern kann sich ein Paar, das Vollzeit arbeitet, nur schwer eine Ganztags-Nanny leisten, die tagsüber für die Kinder da ist. Und voll steuerlich absetzbar ist sie auch nicht." Aber wer bei den Begriffen Home-Office, Teilzeit oder flexible Arbeitszeitmodelle Schnappatmung bekommt, der braucht sich nicht wundern, wenn junge Eltern beiderlei Geschlechts einen Bogen um das Unternehmen machen.

Woanders klappt es ja auch: sowohl gesellschaftlich, als auch von Seiten der Arbeitgeber. Riemensperger: "In anderen Ländern ist es normal, dass Frauen Familie und Arbeit miteinander in Einklang bringen und trotzdem Karriere machen. Der gesellschaftliche Rahmen und die Flexibilität in den Arbeitsverhältnissen macht es möglich, dass Frauen mit Kindern sich nicht entscheiden müssen entweder als Rabenmütter dazustehen oder die Karriere an den Nagel zu hängen." Und davon profitieren nun mal auch die Unternehmen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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