Home-Office Flexibles Arbeiten lohnt sich für alle

In Sachen Home-Office ist Deutschland noch Entwicklungsland. Gerade in der Produktion sind die Gehversuche eher zaghaft. Dabei gibt es auch hier viele Modelle für flexibleres Arbeiten.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Flexibles Arbeiten lohnt sich für alle

Foto: rdnzl / fotolia.com

Im vergangenen Jahr haben der Betriebsrat des Daimler-Konzerns und dessen Personalchef Wilfried Porth die Mitarbeiter gefragt: Wie wollt ihr in Zukunft arbeiten? 33.000 haben geantwortet: Acht von zehn Angestellten, die nicht in der Produktion arbeiten, wollen laut Betriebsratschef Michael Brecht flexibel arbeiten können. Und ihr Wunsch trifft auf offene Ohren: "Warum soll man die acht Arbeitsstunden über den Tag nicht besser verteilen?", fragt er.

Steht also das Ende der starren Arbeitszeiten und Modelle bevor? Wird ja auch Zeit, könnte man meinen. Bosch rühmt sich, mehr als 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle zu haben und auch Microsoft, Lufthansa und verschiedene Automobilkonzerne haben von Flexibilisierung offenbar schon mal etwas gehört.

Home-Office wäre in vielen Jobs problemlos möglich

Der Trend zu neuen Arbeitsformen hat die Wirtschaft voll erfasst. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich aber noch ziemlich hinterher, was einzelne Flexibilisierungsmaßnahmen angeht. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass in Deutschland nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten gelegentlich oder überwiegend im Home-Office arbeiten. Dabei wäre das bei 40 Prozent der Jobs problemlos möglich. Damit liegt Deutschland unter dem EU-Durchschnitt und bleibt deutlich hinter Frankreich, Großbritannien oder den skandinavischen Ländern zurück. In Deutschlands Finanzsektor und in der öffentlichen Verwaltung sagen die Arbeitgeber überwiegend Nein zu Flexibilität, obwohl die Arbeitnehmer sie sich wünschen. Für die Experten des DIW ist die Sache klar: Die Arbeitgeber stellen sich quer. "In den meisten Fällen scheitert der Wunsch nach Heimarbeit an den Arbeitgebern. Würden sie umdenken, könnte der Anteil der Heimarbeiter auf über 30 Prozent steigen", heißt es in der Studie.
 
Denn oftmals fürchten die Arbeitgeber, dass ihre Angestellten zuhause nichts leisten, sondern sich die Zeit mit Hausarbeit oder Facebook vertreiben, oder nur die Kinder betreuen, anstatt Erwerbs- und Familienarbeit zu verbinden. "Es ist immer auch eine Frage der Persönlichkeit, manche Menschen können gut von zuhause aus arbeiten, andere vereinsamen oder lassen sich zu leicht ablenken", sagt Ronald Rubens, Vice President für Nord-, Zentral- und Osteuropa bei dem US-Kommunikations-Dienstleister Avaya.

Rubens ist Niederländer, in seinem Heimatland haben Arbeitnehmer seit Juli 2015 einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit – solange dadurch kein großer finanzieller Schaden entsteht oder es ein schweres Sicherheitsrisiko darstellt, wenn der Angestellte von zu Hause aus arbeitet.

Er selbst hat sowohl positive als auch negative Erfahrungen mit dem Thema gemacht. "Es ist Aufgabe des Managers abzuwägen, welcher Mitarbeiter sich für Home-Office eignet und welcher nicht", so sein Fazit. Er selbst sagt, dass er nur schlecht von zuhause aus arbeiten könne, weil ihn seine vier Kinder zu sehr ablenken würden. Auch deshalb sagt er: "Ich glaube nicht daran, dass eines Tages jeder nur noch im Home-Office arbeiten wird."

Heimarbeiter machen mehr Überstunden
 
Von dem Gedanken, dass Heimarbeit der Schlüssel zur Vereinbarkeit ist, sollte man sich ohnehin besser frei machen, denn entweder leidet der Job oder die Familie muss acht bis zwölf Stunden lang auf Zehenspitzen vor der verschlossenen Arbeitszimmertür vorbeischleichen – was im Übrigen deutlich häufiger der Fall ist, als dass Papa vor lauter Fangen spielen nicht zum Arbeiten kommt. Heimarbeiter machen laut DIW-Studie fast doppelt so viele Überstunden wie Mitarbeiter, die nicht ins Home-Office dürfen, der Anteil der unbezahlten Mehrarbeit macht mehr als 50 Prozent aus.

Wegen dieses Aspekts der Mehrarbeit klingeln auch bei Arbeitsrechtlern und Betriebsräten regelmäßig die Alarmglocken, wenn es um flexible Arbeitszeitregelungen geht. Das könnte mit ein Grund sein, warum sich deutsche Unternehmen immer noch nicht so recht an die Sache herantrauen.
 
Ist das Arbeitszeitrecht noch zeitgemäß?

"Wenn die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit eine völlig fließende wird, dann muss man Vorkehrungen treffen, die den Arbeitnehmer auch davor schützen, sich selbst auszubeuten", sagt beispielsweise die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, Ingrid Schmidt. Sie sieht das Arbeitsrecht dennoch gut für die Herausforderungen der digitalen Zeit gewappnet.

Etwas kritischer blickt Daimler-Personalvorstand Porth auf das Arbeitsrecht und den Arbeitnehmerschutz. Bei der Brüsseler Konferenz "Digitale Arbeitswelt: Chancen und Herausforderungen für Unternehmen und Belegschaft" sagte er: "Der digitale Wandel kann nicht nur in den Fabriken und Büros stattfinden, sondern muss sich auch in den politischen Rahmenbedingungen widerspiegeln: Unser Arbeitszeitrecht wird der Realität nicht mehr gerecht."

Man wolle den Schutz der Arbeitnehmer nicht aushebeln, aber das derzeitige Arbeitsschutzgesetz sei mehr als 100 Jahre alt und der Fabrikarbeiter von damals sei mit den heutigen Angestellten nicht mehr zu vergleichen. Das gelte im Übrigen auch für die Bezahlung, die auf eine Präsenz- und keine Ergebniskultur ausgerichtet sei. So lange Tarifverträge und Vergütungsstrukturen darauf ausgerichtet seien, den Akkordarbeiter am Fließband zu entlohnen, Menschen also nach Stunden oder Stückzahlen zu entlohnen, könne man auch niemanden für ein Projekt ins Home-Office schicken.
 
Porths Fazit lautet entsprechend: So lange noch die Regeln des jungen 20. Jahrhunderts gelten, könne man in Deutschland kein zweites Silicon Valley aufbauen.

Flexibilität gilt auch für den Mitarbeiter am Fließband

Und so lange sich Politik und Wirtschaft derart uneins sind, was der Arbeitsmarkt denn nun braucht – mehr Schutz oder mehr Flexibilisierung – sieht es schlecht aus mit einem durchschlagenden Erfolg für entsprechende Maßnahmen. Darüber hinaus müsse man sich auch darüber im Klaren sein, dass der Mensch nicht für dauerhafte Isolation bei der Arbeit gemacht ist. "Für einen kurzen Zeitraum funktioniert es über Video-Conferencing sehr gut. Das Gespräch an der Kaffeemaschine ersetzt es allerdings nicht", sagt Rubens. Und letztlich komme es immer auf die Aufgabe und die Funktion an, ob Home-Office funktioniere. Wer bei Daimler am Band steht, hat schlechte Karten, der Designer kann dagegen vieles zuhause machen – wenn man ihn lässt.

Abgesehen vom Home-Office gibt es jedoch auch für Mitarbeiter in der Produktion immer mehr Flexibilität. Zum einen wird die Produktion immer weiter automatisiert, die Arbeit verlagert sich also in die Entwicklungs- und Serviceabteilungen. Aber auch am Fließband bewegt sich etwas, wie Christof Leiber, Vorstand des Softwareunternehmens Atoss, das sich auf bedarfsoptimierten Personaleinsatz spezialisiert hat, sagt. "Es findet überall Bewegung statt, im Handel gibt es schon jetzt keine starren Zeiten mehr."

Bei der Lufthansa, einem der Kunden von Atoss, könnten die Mitarbeiter beispielsweise per Smartphone ihre Schichten miteinander tauschen.

Die Software sucht, abhängig von Qualifikation, Überstundenkonto und Verfügbarkeit eine geeignete Vertretung aus und schon kann Mitarbeiter A früher nach Hause zum Kindergeburtstag.In Produktionsunternehmen funktioniere das ganz ähnlich, dort stehe dann eben ein PC im Pausenraum, an dem Mitarbeiter ihre Dienste tauschen können.

Und es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele, wie Unternehmen ihren Mitarbeitern flexiblere Modelle anbieten. Bei Thyssenkrupp Rasselstein gibt es eine Regelschichtzeit von 31,5 Stunden pro Woche, bezahlt wird aber basierend auf einer Wahlmöglichkeit der Mitarbeiter für 32 bis 35 Stunden, wie Leiber erzählt. "So schafft man sich einen Puffer für flexible Produktionskapazitäten."

Flexibilität hat mit Laissez-faire nichts zu tun

Wichtig sei, bei egal welchen Maßnahmen, dass Mitarbeiter eingebunden werden und dass Transparenz herrsche, so Leiber. Aber nicht nur die Arbeitgeber, auch die Mitarbeiter müssten sich dem öffnen. Wer Flexibilisierung automatisch mit Laissez-faire beziehungsweise Ausbeutung übersetzt, verschenkt Potenzial.

Natürlich ist das Angebot für diejenigen, die mit ihren Händen arbeiten, noch deutlich geringer als das, aus dem Wissensarbeiter wählen können. Das sagt auch Leiber. "Es gibt in der Produktion erste zarte Ansätze, aber bis man da auf dem gleichen Stand ist, wird es wohl noch fünf bis zehn Jahre dauern." Er hofft jedoch, dass die Industrie 4.0 diesen Prozess beschleunigen wird.

Individuelle Potenziale nutzen

Auch Rubens ist überzeugt, dass es sich lohnt, wenn Unternehmen und Mitarbeiter mehr Flexibilität wagen. Es gebe nun mal Leute, die mitten in der Nacht am besten arbeiten können und dafür bis mittags schlafen. Wieso sollte man die zwingen, genau dann zu arbeiten, wenn sie am unproduktivsten sind? "Es geht nicht darum, dass jeder macht, was er will, aber one size fits all bringt es eben auch nicht", sagt Rubens. "Jedes Unternehmen braucht eine auf seine Leute maßgeschneiderte Lösung."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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