Hochschulausbildung Wir machen das selbst!

Die Wirtschaft nimmt die Hochschulausbildung zunehmend in die Hand. Die Firmen initiieren neue Studiengänge, die Theorie und Praxis verbinden, oder investieren gar in einen Campus vor Ort.

Stefani Hergert | , aktualisiert


Foto: HSBA

Einst unvorstellbar, jetzt im Fluss

Die Stadt Mülheim an der Ruhr ein Hochschulstandort? An dem Tag im Jahr 2008, als das wahr wurde, kann sich Wolfgang Schmitz noch genau erinnern. Er hatte lange dafür gekämpft – obwohl er weder Politiker, noch Bildungsreferent ist. Er leitet den Unternehmerverband Mülheimer Wirtschaft, der zusammen mit Handelskammer und Wirtschaftsförderung maßgeblicher Initiator des Antrags war.
 
In jener Nacht weckte ihn um halb eins das Telefon. Die gute Nachricht: Das Ministerium in Düsseldorf hatte Mülheim ausgewählt. Die 170.000-Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet sollte eine staatliche Fachhochschule (FH) bekommen.

Bis dahin war es ein langer Weg gewesen. Mehr als 50 Firmen hatten Schmitz und sein Kollege von der Wirtschaftsförderung abgeklappert, und sozusagen für 200 duale Studienplätze und für drei Stiftungsprofessuren gesammelt. Dieses Engagement überzeugte die damalige schwarz-gelbe Regierung, die neue FH-Standorte in Nordrhein-Westfalen ausgelobt hatte. Mülheim wurde „im Huckepack mit Bottrop“ einer davon.
 
Initiatoren mit viel Engagement

An vielen Standorten in Deutschland haben Unternehmen, Handelskammern oder Firmenverbände das Thema Hochschulbildung in den vergangenen Jahren selbst in die Hand genommen, duale Studiengänge, die Theorie und Praxis verbinden, oder gleich einen neuen Campus initiiert.

Die Handelskammer Hamburg betreibt und finanziert die Hamburg School of Business Administration (HSBA), im schwäbischen Tuttlingen etablierte die Wirtschaft trotz anfänglicher Ablehnung der Landesregierung einen neuen Hochschulstandort und finanziert den Lehrbetrieb zum Teil mit. In Hamm war es die Logistikbranche vor Ort, die den privaten Bildungskonzern SRH dazu brachte, eine Hochschule für Logistik und Wirtschaft zu eröffnen, in Hannover ist eine von der IHK geleitete Akademie gerade dabei, zur Fachhochschule aufzusteigen. Und in Hamburg hat die Stiftung des Unternehmers Klaus-Michael Kühne 30 Millionen Euro für eine private Logistik-Universität spendiert, die 2010 ihren Betrieb aufnahm.
 
Mehr Praxisnähe auf Drängen der Wirtschaft

Die Wirtschaft schaut nicht mehr nur zu, sie mischt sich immer mehr ein. Es ist ihr Rezept gegen Fachkräftemangel oder Standortnachteile. „Pfiffige Mittelständler realisieren, dass sie durch solche Hochschulangebote eine Chance haben, auch 2020 noch neue Mitarbeiter zu bekommen. Wenn man den jungen Leuten eine Perspektive bietet, bleiben sie auch da“, sagt Sybille von Obernitz, Bildungsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Die Firmen wünschen sich Absolventen, die praxisnah studiert haben und beim Berufsbeginn keinen Realitätsschock erfahren. Auch deshalb boomen die dualen Studiengänge, die von fast allen Neugründungen angeboten werden. Dual heißt, die Studenten pendeln zwischen Theorie an der Hochschule und Praxis im Unternehmen. Sie sind in der Firma angestellt, die zahlt meist auch die Studiengebühren. Rund 51 000 junge Menschen studieren heute in 780 dualen Studiengängen, 38 Prozent der Unternehmen rekrutieren laut einer Umfrage des DIHK darüber.


Foto: HSBA

Viele unterschiedliche Modelle - von rein privat bis Kooperationsversuch
 
Und wo der Campus fehlt, suchen sich Unternehmen wie in Mülheim, Tuttlingen oder Hamm staatliche oder private Verbündete oder bauen wie einige Handelskammern eigene Hochschulen auf. Die Modelle sind so vielfältig, wie die Bildungslandschaft. Bis auf die Kühne University haben sie gemein: „Bei den Hochschulgründungen reden wir fast nur über FH-Gründungen“, sagt Christian Berthold, Geschäftsführer von CHE Consult.

Etliche Kammern finanzieren ihre private Hochschule selbst, private Anbieter setzen rein auf die Studiengebühren. Bei den meisten staatlichen Neugründungen geben die Unternehmen über Fördervereine etwa fünfstellige Summen für Stipendien und übernehmen in den dualen Studiengängen die Studiengebühren. Den Betrieb aber zahlt der Staat. Und ganz selten, wie in Tuttlingen, finanzieren die Firmen sogar zum Teil den Lehrbetrieb selbst.
 
Der immer größere Druck, genug Absolventen in die Region zu holen, hat auch die Unternehmen in der 35.000-Einwohner-Stadt zu der Erkenntnis gebracht: Die Stadt muss Hochschulstandort werden. Mehrere Hundert Hochtechnologiefirmen sitzen in der Region, die zu den wirtschaftsstärksten Deutschlands zählen: Maschinenbauer, Automobilzulieferer, vor allem aber Medizintechniker.

Vor 15 Jahren gab es bereits einen Vorstoß, der versandet ist. Beim zweiten vor wenigen Jahren sei klar gewesen: „Hier muss was passieren“, sagt Peter Binder, Geschäftsführer des gleichnamigen Klimatechnik-Herstellers. Landrat und Bürgermeister unterstützten das Projekt, die nächstgelegene FH in Furtwangen solle doch einen Campus in Tuttlingen aufbauen. Die Landesregierung war zunächst dagegen.

Tuttlingen als Vorbild für Beharrlichkeit

Doch die über 100 beteiligten Firmen gaben nicht auf. „Das Beispiel Tuttlingen zeigt, was man mit Beharrlichkeit erreichen kann. Dort hatte man die kritische Masse an Unterstützern aus der Wirtschaft“, sagt der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Klaus Landfried. Seit 2009 hat Tuttlingens Wirtschaft einen von Stadt und Landkreis finanzierten „wunderschönen Campus“, wie Binder sagt, und zahlt mit bis zu 2,5 Millionen Euro jährlich in den ersten zehn Jahren „mehr als die Hälfte der Betriebskosten“. Dafür dürfen die Unternehmer bei Lehrplänen und Personal mitreden. „Dem Staat kann doch nichts Besseres als hier in Tuttlingen passieren“, sagt Binder.

Doch nicht alle gewinnen den vielen neuen Hochschulen nur Positives ab. „Auch die regionale Verbundenheit bei den Mittelständlern garantiert nicht immer, dass sie auch in drei Jahren noch Studenten in das duale Studium schicken. Für die Neugründungen ist das eine Gefahr, sie brauchen langfristige Zusagen“, sagt CHE-Berater Berthold.

Vor allem aber müssen die Standorte schnell groß und über die Grenzen der Region hinaus bekannt werden, um die Kosten verteilen zu können. Und um zu überleben. Denn alle Beteiligten wissen: Demografisch bedingt wird nach dem Boom durch die doppelten Abiturjahrgänge langfristig die Zahl der Studienanfänger sinken. „Das wird zur Verschärfung des Wettbewerbs und vielleicht auch zu Hochschulschließungen führen“, sagt Unternehmer Binder.

Auch die Mülheimer wollen vorsorgen. „Land und Verbände sind ja daran interessiert, dass mehr junge Leute studieren“, sagt Schmitz vom Mülheimer Unternehmerverband. „Wir müssen frühzeitig an die Schulen gehen.“

Zuerst erschienen auf Handelsblatt.com


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