Hochschul-TÜV Verwässerter MBA-Titel

Viele MBA-Programme halten nicht, was sie versprechen, denn die Richtlinien für das Managementstudium sind nicht verbindlich. Hochschulen reduzieren ihr Anforderungsniveau, Gehaltsaussichten sinken. Über die Entwertung des Manager-Abschlusses.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Ein Master of Business Administration (MBA) sollte eigentlich eine praxisnahe Weiterbildung für Nicht-Ökonomen sein, die Berufserfahrung haben und sich für allgemeine Führungsaufgaben fit machen wollen. Eigentlich. Die Realität sieht aber vielerorts anders aus.

Auf dem futuristischen Campus der Hochschule Pforzheim etwa. So verspricht der Spezial-MBA, eine konsequente Kombination von "Human Resources Management Know-how und Beratungskompetenz" zu sein. Nur rund ein Drittel des Programms widmet sich allgemeinen Managementthemen. Betriebswirtschaftliche Basiskenntnisse werden schon vorausgesetzt. "Die vermitteln wir nicht", sagt Studiendekan Günther Bergmann.

Wann ist ein MBA ein MBA? Um den begehrten Management-Abschluss tobt eine Art Glaubenskrieg - auf der einen Seite stehen die Vertreter der reinen Lehre, auf der anderen die Anhänger eines MBA-Begriffs, der im Prinzip fast alles beinhalten kann und nichts muss. Die Brisanz: Rein rechtlich sind die Anbieter der Pseudo-MBAs, die eigentlich mit einem anderen Mastertitel abschließen müssten, auf der sicheren Seite.

Der Gutachter Aqas, eine der Agenturen, die im staatlichen Auftrag die Qualität von Studiengängen überwachen, hat den Pforzheimern zwar sein Siegel gegeben. Doch die Prüfer hatten Bedenken. Der Studiengang, so empfahlen sie vor zwei Jahren, müsse sich stärker an die freiwilligen MBA-Richtlinien des Netzwerks European Quality Link (Equal) anlehnen.

Mehr können die Prüfer des Hochschul-Tüvs nicht machen. Die Equal-Richtlinien sind eben nicht verbindlich. Nirgendwo im deutschen Hochschulrecht steht, was ein MBA genau ist. Die einzige gesetzliche Anforderung: Jeder Teilnehmer muss mindestens ein Jahr Berufspraxis haben. Das Problem sind die Akkreditierungsagenturen. Die wurden eigentlich vom staatlich eingesetzten Akkreditierungsrat beauftragt, die Qualität von Studiengängen zu überwachen. Aber die Anbieter sind an dieser Aufgabe gescheitert.

"Zahlreiche akkreditierte Programme sind keine echten MBA", sagt Karlheinz Schwuchow, der gerade Chef der österreichischen Business School Limak geworden ist. "Bewerber üben viel zu wenig Druck in Sachen Qualität aus. Die deutschen Akkreditierer tragen bisher wenig dazu bei, dieses Problem zu adressieren", sagt Ulrich Hommel, der für die Europäische Organisation EFMD, die das Qualitätssiegel Equis vergibt, selbst auch Hochschulen begutachtet.

"MBA Arztpraxismanagement" bereitet Gutachtern Bauchschmerzen

Wo MBA draufsteht, ist eben nicht immer MBA drin. "Die MBA Guidelines kennt ja kaum jemand", sagt Oliver Rentzsch, der selbst als Gutachter tätig ist. "Man wundert sich manchmal schon, wie häufig die Hochschulen selbst diese wenigen Kriterien missachten", sagt er. Ob ein MBA denn auch wirklich ein MBA ist, hängt vor allem davon ab, ob Wissen und Kompetenzen transferierbar sind. Soll heißen: Bilden die Programme echte Führungskräfte oder lediglich Fachspezialisten aus?

Bei einigen Programmen haben selbst die Gutachter Bedenken. Manchmal sogar mehr. "Wir hatten Bauchweh, und auch die Agentur hat sich schwergetan, das als MBA zu sehen", sagt Jörg Schlüchtermann, Professor für Produktionswirtschaft an der Universität Bayreuth über den "MBA Arztpraxismanagement" der Leuphana Universität in Lüneburg, den er 2008 begutachtet hat.

Das Programm war zugeschnitten auf Mediziner, sie sollten lernen, "die bei der Leitung einer Arztpraxis auftretenden ökonomischen und rechtlichen Probleme" zu erkennen und mit geeigneten Methoden zu lösen", heißt es im Akkreditierungsbericht. Was eigentlich ein generelles Weiterbildungsstudium für angehende Manager sein sollte, war in Wirklichkeit wohl eher eine Nischenweiterbildung für Mediziner mit BWL-Ambitionen.

Die Agentur Fibaa, die den MBA akkreditiert, hält daran fest, dass es ein richtiger MBA war. Letztlich bekam der Studiengang das staatliche Siegel - eingestellt wurde er trotzdem.

Weil der MBA so lukrativ ist, werden die Hochschulen kreativ. Für das Programm kann man mehr verlangen als für spezielle Master, weil viele Studenten mit ihm die Hoffnung auf einen ordentlichen Karriere- und Gehaltssprung verbinden. Kein Wunder, dass es hierzulande fast 300 Programme mit MBA-Titel gibt, oft mehrere Tausend bis 30.000 Euro teuer.

"Hochschulen versuchen den Markt zu erweitern, indem sie die Studenten in einem Programm wählen lassen, ob sie am Ende den MBA oder einen anderen Abschluss erhalten wollen", sagt Hommel. Dabei sollte ein Programm eigentlich nur zu einem Abschluss führen können.

Der Studiengang "Mergers & Acquisitions" der Universität Münster aber schließt wahlweise mit einem Master of Laws oder dem Executive MBA (EMBA) ab - eigentlich zwei völlig unterschiedliche Abschlüsse. In erstem spezialisiert man sich auf ein enges Rechtsgebiet, im EMBA hingegen bilden sich Führungskräfte für den nächsten Karriereschritt weiter.

Doch lediglich in zwei der acht Module unterscheidet sich das Studium, je nachdem, welchen Titel man wählt. Schwer vorstellbar, dass beide Ziele in einem Studiengang erreichbar ist - zumal das Programm laut Akkreditierungsbericht sogar für den theoretischen Teil der Fachanwaltsausbildung geeignet ist. Doch die Titelwahl bemängelten die Gutachter nicht. Aqas-Chefin Doris Herrmann beruft sich auf die Vorgaben von zentralen Stellen und darauf, dass die European MBA-Guidelines nicht verbindlich sind.

"Unsere Studiengänge sind auf jeden Fall speziell", sagt Kirsten Schoofs von der Universität Münster. Doch: Der Kurs sei immer ausgebucht. Überhaupt argumentieren viele Anbieter immer mit dem Markt und rechtfertigen so ihre Angebote. "MBA-Studiengänge müssen marktgängig sein und sich profilieren", sagt auch Studiendekan Bergmann von der Hochschule Pforzheim.

Fehlende MBA-Expertise

Dabei bleibt der inhaltliche Anspruch oft auf der Strecke. Das ist auch möglich, weil den Akkreditierungsagenturen nicht nur die Sanktionsmittel fehlen, sondern weil dort oft auch Prüfer sitzen, die von Inhalten und Zielen des MBA wenig verstehen: Die europäischen MBA-Richtlinien? "Das sind doch Anforderungen für die Versicherungsbranche", sagt ein Gutachter. Und ein anderer: "Ein MBA-Studiengang setzt keine Berufserfahrung voraus."

Einer der Gutachter des M&A-Programms der Uni Münster gibt offen zu, dass nicht alle im Gremium das Wissen hatten. "Bei Fragen zum EMBA lehnte ich mich zurück, der Kollege wusste mit den Begrifflichkeiten etwas anzufangen." Aqas-Chefin Herrmann sagt: "Die Agenturen informieren die Gutachter über alle wesentlichen Beschlüsse und weitere relevante Dokumente." Auch die Fibaa verteidigt ihre Gutachter. "Wir gewährleisten immer, dass insgesamt im Gutachterteam genügend MBA-Expertise vertreten ist, auch durch unsere Gutachterschulungen" sagt Fibaa-Geschäftsführer Brackmann.

Vielleicht ist der laxe Umgang auch ein Grund, warum die deutschen MBA-Siegel international unwichtig sind. "Es ist kurzsichtig, die Marke MBA so kaputt zu machen" , resümiert Schwuchow. Neben der Verwässerung des Titels und damit auch der Karrierechancen und Gehaltsaussichten senken die Hochschulen auch das Niveau immer weiter - auf Wunsch der Politik. In Hessen und Rheinland-Pfalz zum Beispiel braucht man nicht einmal mehr ein erstes Hochschulstudium für den MBA.

Nur: Welchen Wert hat der begehrte Abschluss dann noch?

MBA ist nicht gleich MBA
Um Transparenz zu schaffen, hat die Vereinigung der nationalen Akkreditierungsorganisation in Europa, Equal, Leitlinien für die Programme herausgegeben. An denen beteiligt sich von deutscher Seite als vollwertiges Mitglied nur die Agentur FIBAA - die Foundation for International Business Administration Accreditation. Der Akkreditierungsrat ist nur außerordentliches Mitglied.

Die wichtigsten Leitlinien 
Sie lauten wie folgt: Erstens setzt der MBA einen ersten akademischen Abschluss oder eine gleichwertige Vorbildung voraus. Zweitens: Der MBA-Abschluss dient dazu, nach zwei bis drei Jahren Berufserfahrung seine Karriere zu beschleunigen. Programme, die jungen Absolventen den Berufseinstieg ermöglichen, sind kein MBA. Und drittens: Der MBA ist ein allgemeiner Abschluss in Business Administration. Spezialisierte Masterabschlüsse sollten daher nicht MBA genannt werden.

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