Helfer in der Not Besserer Mensch – besserer Manager?

Ob im Kampf gegen Hunger, Armut oder Katastrophen – deutsche Führungskräfte zieht es ins Ausland, um sich zu engagieren. Die ersten Arbeitgeber unterstützen ihre Manager bei solchen Einsätzen auf Zeit.

Ruth Lemmer und Claudia Obmann | , aktualisiert

Besserer Mensch – besserer Manager?

Foto: V.R.Murralinath/Fotolia.com

Sich sozial zu engagieren gilt unter Managern mit Anspruch als Muss. Bislang wurden für den guten Zweck gern Klassenzimmer in der Nachbarschaft gestrichen, Firmenläufe absolviert oder auch Hilfsvereine für benachteiligte Menschen hierzulande geleitet.

Globaler Wissenstransfer

Doch nun ist ein neuer Trend in Führungskreisen zu beobachten: Ob aus dem Vertrieb, der Forschung oder dem Finanzwesen – vom Team- über den Bereichsleiter bis zum Geschäftsführer – beim weltweiten Kampf gegen Hunger und Elend wollen deutsche Manager da sein, wo Not herrscht. Sie wollen ihr Fachwissen sozialen Hilfsorganisationen im Ausland gratis zur Verfügung stellen, um sie schlagkräftiger zu machen. Etliche Arbeitgeber unterstützen ihre Manager auf zeitlich befristeter Mission.

Accenture-Berater etwa, die sich freiwillig für Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt melden, werden bis zu sechs Monate beurlaubt. Das größte der sogenannten globalen Pro-Bono-Programme betreibt IBM. Der Computerkonzern entsendet pro Jahr auf Firmenkosten rund 400 Teilnehmer, die weltweit Gesundheits-, Sozial- und Hilfsprojekte mit Bezug zur Informationstechnik realisieren. Die Experten werden für je vier Wochen freigestellt, unter ihnen sind viele Führungskräfte.

Mit Erfahrung helfen

Bei den Dax-Konzernen machen gerade SAP und die Deutsche Bahn von sich reden. Beim Walldorfer Softwarekonzern twitterte Chef Bill McDermott persönlich über das "Social Sabbatical-Programm" und rief seine Führungskräfte zur Teilnahme auf. Mit Erfolg: Für die diesjährige dritte Runde meldeten sich rund 350 Bewerber. Knapp 100 von ihnen reisen auf Firmenkosten für je vier Wochen in die Slums von China, Indien, Afrika oder Brasilien, um regionale Helfer zu beraten, wie sie sich effizienter organisieren. Nichts für Kollegen, die nicht gewillt sind, sich die Hände schmutzig zu machen, weiß SAP-Managerin Helle Dochedahl. Die Chefin von rund 550 Mitarbeitern war 2013 für vier Wochen in den Armenvierteln von Bangalore, um die Spendensammler für indische Schulen erfolgreicher zu machen.

Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube dagegen zeichnet alljährlich im November denjenigen Mitarbeiter aus, der sich besonders gesellschaftlich engagiert. Gute Chancen hat diesmal Joachim Mayer, Chef der Schienenfahrzeugbeschaffung mit 350 Mitarbeitern. Als er 2012 von der befristeten Auszeit speziell für Manager hörte, die sein Arbeitgeber damals einführte, dachte er sofort: "Das ist doch ein Modell, wie für mich gemacht." Denn nach rund 30 Jahren im Beruf wollte der Ingenieur auch noch anderswo auf der Welt mit seinem Können etwas schaffen. Allerdings die meisten Organisationen wie Weltwärts oder Volunation, die Deutsche in ehrenamtliche Projekte rund um den Globus vermitteln, richten sich an junge Leute, ergab seine Recherche. "Ich wollte aber nicht mit 20-Jährigen Brunnen bauen, sondern mit meiner Managementerfahrung helfen."

Schließlich stieß Mayer auf die Vermittlung Manager für Menschen, die Führungskräfte ab 30 Jahren als Berater auf Zeit in soziale Projekte schickt. Und so wurde Mayer zunächst an einem Wochenende auf die afrikanische Kultur vorbereitet und dann im vergangenen Frühjahr für neun Wochen nach Pretoria entsandt, wo er im Township Mabopane, die Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Sachen Projektmanagement schulte. Alle Kosten dafür – Flug, Unterkunft und Vorbereitungskurs summierten sich auf über 7 000 Euro – hat der 55-Jährige selbst getragen. Keine Kleinigkeit, die da zusammenkommt, sollen deutsche Manager an Brennpunkten aktiv werden.

Vom echten Leben lernen

Richard Fudickar, geschäftsführender Partner der Personalberatung Boyden Global Executive Search, weiß, dass sich ein befristetes Engagement im Ausland dennoch für Unternehmen und Führungskräfte rechnen kann: Zur Bindung wertvoller Mitarbeiter, aber auch zur Weiterbildung in Sachen Persönlichkeit. "In dieser 'Universität des Lebens' trainieren Manager Fähigkeiten, die sie in ihrer Firma nie erlernen würden. Dazu gehören Mitgefühl oder ein Gespür für politische Zusammenhänge." Das, ergänzt um neue interkulturelle Kompetenz, lässt sich auch zurück im Büro gewinnbringend einsetzen.

Manager Mayer jedenfalls hat noch nicht genug von den Auslandseinsätzen. Er will es wieder tun, seine Zeit und sein Geld dafür einsetzen. Und er wirbt bei Kollegen für dieses Hilfe-Modell, das vielleicht ja auch seinem Arbeitgeber einen Preis wert ist.

Raus aus ihrem behaglichen dänischen Zuhause, rein in den größten Slum im indischen Bangalore: SAP-Managerin Helle Dochedahl reiste letztes Jahr in die drittgrößte Stadt des Subkontinents, um die Hilfsorganisation Parikrma Foundation zu unterstützen, die dort Schulen für die Ärmsten der Armen betreibt. Die Chefin von rund 550 Mitarbeitern des deutschen Softwarekonzerns beriet in Bangalore zusammen mit zwei Kollegen diejenigen, die Geld für das Schulprojekt einwerben, damit die betreuten Kinder weiterhin Essen, Kleidung und Unterricht bekommen.

Zukunftsperspektiven schaffen

"Wie viel lässt sich wohl in vier Wochen erreichen", hatte sich die Dänin vor ihrer Abreise gefragt und dann überraschend festgestellt: "Recht viel, indem man sich auf eine konkrete Aufgabe konzentriert". Nachdem das Manager-Trio beobachtet hatte, wie die Inder bislang vorgingen, entdeckten sie Verbesserungspotenzial. "Wir gaben praktische Tipps, wie sie zum Beispiel ihre Präsentation ansprechender gestalten oder ihre Argumente bei potenziellen Spendern überzeugender vortragen können", erzählt Dochedahl. Auch um das Team der Geldbeschaffer insgesamt besser zu koordinieren, war ihr Know-how nützlich.

Aber die Dänin hat ebenfalls von ihrem Aufenthalt im Armenhaus Indiens profitiert. "Das Programm war für mich eine einmalige Chance, eine Fülle neuer Erfahrungen zu machen und Vorurteile gegenüber Slumbewohnern zu überwinden", sagt sie. Bewundernd beobachtete sie etwa, wie die Gründerin der Hilfsorganisation ihre Mitarbeiter motiviert – obwohl sie ihnen kaum etwas bezahlen kann – , alles zu tun, damit die Kinder eine Zukunftsperspektive bekommen. Und es hat die Managerin, selbst Mutter, sehr berührt zu sehen, wie stolz die Eltern auf ihre Kinder sind."Ein Vater, der mit nur wenigen Früchten handelte, wollte uns aus Dankbarkeit fast sein ganzes Obst schenken." 

Menschliche Begegnungen

Beschämung, Rührung, Fassungslosigkeit über die katastrophalen Lebensumstände bis hin zu Freude über erste Erfolge ihres Crashkurses – "das war eine intensive und aufwühlende Erfahrung für jeden von uns." Das Fazit der SAP-Managerin nach vier Wochen in Indien: "Man verliert sein Herz an diejenigen, denen man hilft."

Seit 2012 gibt es bei SAP das Social-Sabbatical-Programm. Knapp 100 Manager werden für vier Wochen nach China, Indien, Afrika oder Brasilien auf Kosten des Arbeitgebers und bei vollem Gehalt entsandt, um dort Hilfsorganisationen, Behörden oder Bildungseinrichtungen zu beraten.

Um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, arbeitet Gerald Glasauer, der Start-ups aus der High-Tech-Branche mit Wagniskapital finanziert, in seiner Freizeit als ehrenamtlicher Entwicklungshelfer. Zuletzt war der Geschäftsführer der GUB Unternehmensbeteiligungen aus Schwäbisch Hall mit der Stiftung Manager ohne Grenzen 2013 für insgesamt drei Monate in Sri Lanka, im Dorf Koskoda. 2004 war es vom Tsunami zerstört worden, inzwischen wurde es zwei Kilometer von der Küste entfernt mit Spendengeldern neu errichtet.

Neben etwa 50 Hütten gibt es eine Schneiderei, eine Schreinerei, eine Bäckerei und eine Autowerkstatt mit Ausbildungsbetrieb. Arbeit ist also vorhanden, doch die Einheimischen schafften es zu selten, ihre Waren zu verkaufen. Es fehlte ihnen an Vertriebserfahrung. Die brachte Glasauer ein. Der deutsche Betriebswirt suchte das größte Verkaufstalent unter den Einheimischen. Mit einem Mitarbeiter der Schreinerei fuhr der 45-Jährige dann zu den Hoteliers, um ihnen Mahagonimöbel zu verkaufen. Zuerst sprach Glasauer – beim nächsten Hotel dann der einheimische Verkäufer in spe – mit den Hotelmanagern. Im Auto hielt er nach jedem Hotelbesuch eine Manöverkritik, wie sich die Gesprächsführung verbessern lasse. Und mit den Wochen und Wiederholungen überließ er das Verkaufen seinem einstigen Lehrling – inzwischen kaufen die Hoteliers immer wieder Mahagoni-Möbel aus Koskoda.

Was der Helfer vom Einsatz mitnimmt

"Ich wollte ganz ärmliche Verhältnisse kennenlernen und in andere Kulturen eintauchen", sagt Glasauer, "deshalb habe ich in Sri Lanka mit den Menschen im Dorf gelebt und ihre Feste mit ihnen gefeiert." Er hat sich mit ihnen gefreut, dass sie wirtschaftlich vorankommen. Aber er hat auch ihr entsetzliches Leid miterlebt, als eine erneute Naturkatastrophe Hunger und Tod brachte: Während seines Aufenthaltes in Sri Lanka starben bei einem Taifun 50 Fischer in ihren Booten auf dem Meer. "Wir kannten diese Menschen und trauerten um sie. Aber wir halfen auch ihren Familien, den Ernährer zu ersetzen", berichtet der Teilzeit-Entwicklungshelfer. Nach der finanziellen Soforthilfe wurden die Söhne und Töchter der Verstorbenen in den Projektwerkstätten der Hilfsorganisationen eingestellt. Glasauer ist sicher, dass er mit seinen Vertriebsschulungen anderen helfen und gleichzeitig für sich viel mitnehmen kann. Zum Beispiel gelassen zu bleiben, trotz wiederholter Naturkatastrophen. "Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren und sich darauf konzentrieren, was sich ändern lässt", das hat er begriffen. "Solche Hilfseinsätze machen stärker." Auch deshalb wirbt er bei Mitarbeitern in den von ihm betreuten Start-ups für soziales Engagement.

Die gemeinnützige Stiftung Manager ohne Grenzen mit Sitz in Stuttgart vermittelt Führungskräfte als Spezialisten auf Zeit in Entwicklungsländer. Die ehrenamtlichen Einsätze bei Hilfs- und Aufbauprojekten dauern zwischen drei Wochen und maximal drei Monaten und werden über Spenden finanziert. Unterkunft und Verpflegung der Manager werden von den jeweiligen Projektträgern gestellt.

Joachim Mayer, bei der Deutschen Bahn verantwortlich für die Beschaffung von Schienenfahrzeugen, will auch in seiner freien Zeit etwas bewegen. Im Frühjahr dieses Jahres ließ er sich für neun Wochen nach Pretoria vermitteln. In Südafrika arbeitete der Manager für Lesedi la Batho, eine private Organisation im Township Mabopane, die mit 45 Mitarbeitern in acht Programmen Gesundheit, Bildung und Wirtschaftskraft fördert.

Projektmanagement professionalisieren

Das Problem, das er vorfand, war kein finanzielles. Die Spenden flossen. Aber den freiwilligen Sozialarbeitern in Südafrika fehlte das Wissen, wie Projekte klug und nachhaltig angelegt werden. Genau an diesem Punkt setzte Experte Mayer an.

Erst begleitete der Bahnmanager die ehrenamtlichen Helfer. Er analysierte die Strukturen der Bäckerei, der Schneiderei und des Computertrainingszentrums, in dem Arbeitsplätze geschaffen und die jungen Mitarbeiter unterstützt werden, damit sie einen Schulabschluss machen können. Dann entwickelte der 55-Jährige Lehrmaterialien zum Projektmanagement und schulte 20 Mitarbeiter über fünf Wochen in sechs Workshops, damit sie Verantwortung für Teile der Programme übernehmen konnten.

Gemeinnützig und persönlich viel erreicht

Parallel dazu schrieb der Bahn-Manager einen Wirtschafts- und Entwicklungsplan für die Organisation bis zum Jahr 2020. "Jeder soll wissen, wohin es gehen soll", sagt Mayer, der auch für sich selbst eine neue Dimension entdeckte: "Ich habe es geschafft, mich in einer fremden Welt nützlich zu machen, das hat mich gestärkt."

Und er hat durch sein persönliches Engagement noch etwas erreicht: Die Logistikgesellschaft DB Schenker Südafrika übernimmt ab Herbst die Projektleiterschulung der Freiwilligen von Lesedi la Batho.

Die Organisation Manager für Menschen in Haslach vermittelt gegen Gebühr Fach- und Führungskräfte ab 30 Jahren als Berater auf Zeit an soziale Projekte in aller Welt. Die Kosten für die Einsätze teilen sich die Projektträger vor Ort und der reisende Manager.

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