GTZ In der Welt zu Hause

Wer bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) einsteigt, arbeitet international. Als Entwicklungshelfer in Afghanistan oder Mali sind Absolventen fast aller Fächer gesucht. Gesellschaftliches Engagement und Hobbys sind Türöffner.

Barbara Erbe | , aktualisiert

Wenn sich Jörg Yoder für einen Geschäftstermin in Schale schmeißt, trägt er ein weites Hemd mit langen Ärmeln und eine lockere Baumwollhose. Zudem bringt er viel Zeit mit: Zum einen für die oft beschwerliche Anreise - meist im Geländewagen, durchaus aber auch mal auf dem Rücken eines Pferdes. Und auch zum Tee trinken und Plauschen mit seinen Gastgebern, denen gegenüber es ein absoluter Affront wäre, ohne Umschweife auf geschäftliche Projekte zu sprechen zu kommen.

Yoders Arbeitsplatz ist in Faizabad, Afghanistan; in jenem Land in Zentralasien, in dem seit der US-Invasion und dem Sturz des Taliban-Regimes im Herbst 2001 Krieg herrscht. Von hier aus leitet der 39-Jährige für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ein Programm, das die Lebensgrundlagen der Menschen wiederherstellen soll.

Er unterstützt die örtlichen Regierungen bei der Auswahl und Planung von Wiederaufbaumaßnahmen, hilft den Dörfern Gemeinderäte einzurichten und begleitet sie bei Projekten wie Wiederaufforstung, Trinkwassergewinnung, Infrastruktur oder auch Aus- und Weiterbildung. "Damit wollen wir die Menschen in die Lage versetzen, solche Vorhaben in Zukunft eigenständig umzusetzen", erklärt Jörg Yoder.

Die GTZ gehört zu 100 Prozent dem Bund und nimmt Aufgaben gemeinnützig wahr.

Die Beratung in Entwicklungs- und Transformationsländern ist das Kerngeschäft des 1975 gegründeten Unternehmens. Die GTZ arbeitet vor allem für deutsche Ministerien, aber auch für internationale Organisationen, Regierungen anderer Staaten und private Unternehmen. Sie ist privatrechtlich als GmbH organisiert, befindet sich allerdings zu 100 Prozent im Bundesbesitz und nimmt ihre Aufgaben gemeinnützig wahr. Das heißt: Überschüsse werden ausschließlich wieder für eigene Entwicklungsprojekte verwendet.

14000 Mitarbeiter beschäftigt die GTZ weltweit, Tendenz steigend. 1700 von ihnen arbeiten in der deutschen Zentrale in Eschborn bei Frankfurt, etwa ebenso viele Deutsche sind als internationale Experten im Ausland. Sie kooperieren dort mit Fachkräften, die überwiegend aus der jeweiligen Region stammen. Letztes Jahr wurden insgesamt 400 zusätzliche Stellen - größtenteils Auslandsstellen - geschaffen, dieses Jahr waren es bis zum Sommer bereits mehr als 270.

Für viele Einsteiger ist gerade die internationale Arbeit reizvoll. Die projektbezogenen Verträge laufen in der Regel über drei Jahre und können um maximal zwei Jahre verlängert werden, danach folgt ein Wechsel. Das kann ein anderes Projekt oder Land sein, aber auch die Rückkehr nach Deutschland; zum Beispiel in den Bereich Planung und Entwicklung, der für fachliche und konzeptionelle Fragen verantwortlich ist - oder auch ganz woanders hin.

Knapp die Hälfte eines Traineejahrgangs bleibt nach der 18-monatigen Ausbildung bei der GTZ, die andere Hälfte wechselt meist zu verwandten Arbeitgebern wie dem Deutschen Entwicklungsdienst oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Claudia Volk, Personalreferentin bei der KfW, bestätigt, dass Wirtschaftswissenschaftler, die bei der GTZ ausgebildet wurden, für die eigenen Reihen durchaus interessant sind: "Mit entsprechender Fokussierung können sie sich auch im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern gut einbringen."

Auf Besucher wirkt der Platz zwischen den fünf Gebäuden auf dem Unternehmensgelände in Eschborn eher wie ein Uni-Campus - nur mit höherem Altersdurchschnitt. Typische Business-Outfits sieht man selten. Der Komplex wurde 2006 nach strengen ökologischen Kriterien saniert, worauf die Geschäftsführung sehr stolz ist. Und auch unter den Mitarbeitern ist das Klima gut, sagt Betriebsratschef Thomas Kalkert.

Die GTZ nehme Themen wie die Work-Life-Balance und Familienfreundlichkeit ernst. Es gibt eine firmeneigene Kindertagesstätte, einen Fitnessraum und Gesundheitskurse für die Belegschaft. Vor allem lobt Kalkert aber die flexiblen Arbeitszeiten. "Wir haben um die 350 verschiedene Arbeitszeitmodelle. Zwischen 20 Prozent, etwa zugunsten von Fortbildung oder auch wegen des familiären Hintergrunds, und 90 Prozent Teilzeit ist alles drin", betont er. Seit 1999 gilt die Vertrauensarbeitszeit, aber wer will, darf auch stechen.

Etwas anders sieht es hingegen im Ausland aus. So arbeitet Jörg Yoder "eigentlich mindestens sechs Tage pro Woche", wie er sagt. "Das liegt aber auch daran, dass ich hier auf dem Land abseits von Spaziergängen und Lesen ohnehin wenig Freizeitmöglichkeiten habe." So macht er häufig auch am Wochenende den einen oder anderen Dienst- oder Höflichkeitsbesuch. Und genießt dafür im Gegenzug zusätzliche freie Tage, wenn er mal wieder in Deutschland ist, sei es beruflich oder privat.

Ein wichtiger Punkt bei der Besetzung von Positionen im Ausland ist laut Betriebsratschef Thomas Kalkert auch das Thema mitausreisende Partner. Es kommt immer wieder vor, dass es lange dauert, bis ein geeigneter Mitarbeiter gefunden ist, dessen Familie die Auslandspläne unterstützt. "Das liegt dann häufig daran, dass der Partner oder die Partnerin vor Ort keine beruflichen Perspektiven sieht", erklärt Kalkert.

Das möchte die GTZ mit Angeboten wie Jobsharing, der Unterstützung bei der Beantragung einer Arbeitsgenehmigung oder der Jobsuche vor Ort ändern. Wenn es nicht gerade in ein Krisenland wie Afghanistan geht, reisen viele Mitarbeiter mit ihren Kindern aus, berichtet Personaler Ulrich Heise. Auch hier gebe es Unterstützung, durch Schulbeihilfen oder Zuschüsse zu Kinderbetreuungskosten im Vorschulalter.

Wer bei der GTZ einsteigt, arbeitet von Anfang an international. "Wir schicken unsere Trainees bereits nach wenigen Wochen quer über den Globus zu unseren Projektpartnern", sagt Heise. Eine der neun Trainees, die seit Juli dabei sind (elf weitere beginnen diesen Monat), ist Eva-Maria Melis. Sie steht kurz vor ihrer Abreise nach Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Dort wird die 28-jährige Juristin, die eine Zwischenprüfung auch in Politik abgelegt hat, an einem Projekt zur Rechtsstaatsförderung mitwirken.

Es soll dazu beitragen, dass die Organe der Judikative und die staatlichen Kontrolleinrichtungen - wie der Oberste Justizrat, die Obersten Gerichte, Ombudspersonen und die Generalanwaltschaft - ihr Mandat wirksamer wahrnehmen. Das Projekt kombiniert juristische Kenntnisse mit Organisations- und Managementberatung.

Gesellschaftliches Engagement und Hobbys als Eintrittskarte

Melis spricht Spanisch und Englisch fließend. Sie hat ein Jahr lang an der Universidad de Oviedo in Spanien Völkerrecht studiert und drei Monate in einer spanischen Kanzlei gejobbt. Nach ihrem Studium leistete sie einen Teil ihres Referendariats im Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit in Bonn.

Bei der GTZ fühlt sie sich gut aufgehoben: "Hier ist all das gefragt, was mir in meiner Ausbildung immer wichtig war: interkulturelle Kompetenz, ein offener Umgang mit Menschen, gute Fremdsprachenkenntnisse und natürlich Expertise im Bereich Recht und Gesellschaft."

Eine große Rolle spielt - nicht nur für Eva-Maria Melis, sondern für alle GTZ-Mitarbeiter - das Thema Sicherheit. Alle Ausreisenden durchlaufen daher im Vorfeld ein umfassendes Training. "Da geht es zum Beispiel um Sensibilität für potenziell gefährliche Situationen, um allgemeine Verhaltensregeln und vieles mehr", erläutert Betriebsratschef Thomas Kalkert. "Bisher ist unseren Leuten zum Glück noch niemals ernsthaft etwas passiert."

Jeder, der bei der GTZ einsteigt, sollte gegenüber anderen Kulturen offen sein, betont Jörg Yoder. Er beendet in diesen Tagen seinen fünfjährigen Afghanistan-Aufenthalt und wird dann in der Eschborner Zentrale ein internationales Team aufbauen, um schneller auf weltweite Katastrophen und Krisen reagieren zu können.

"Wenn ich dafür Bewerbungen bekomme, dann schaue ich immer als Erstes, ob die Person ein breites Themenfeld abdeckt und Interessen über das nötige Fachwissen hinaus entwickelt hat." Gesellschaftspolitisches Engagement zählt dazu, aber auch scheinbar nebensächliche Dinge wie Hobbys (ein guter Reiter hat es zum Beispiel in Afghanistan leichter) oder Erfahrungen aus Studentenjobs (ein nebenberuflicher Kellner gilt als serviceorientiert).

Jörg Yoder selbst weiß, wovon er spricht. Als Technischer Zeichner holte er im Studienkolleg das Abitur nach und leistete dann zwei Jahre lang seinen Wehrersatzdienst in einem Obdachlosenheim in Washington. Es folgten ein Architekturstudium in Berlin und Perus Hauptstadt Lima, sowie diverse Praktika - so ging er mit der amerikanischen Nichtregierungsorganisation "Rescue Committee" zum Wiederaufbau von 300 Wohneinheiten in das Kosovo.

Nach seinem Diplom absolvierte Yoder das Seminar für Ländliche Entwicklung an der Humboldt Universität in Berlin sowie ein Postgraduierten-Studium in Geographischen Informationssystemen an der Universität Salzburg. Ein weiter Horizont war ihm immer genauso wichtig wie die "fachliche Heimat".

Letztere kann fast überall liegen, fügt Personaler Ulrich Heise hinzu: "Es gibt kaum eine Fachrichtung, für die wir keine Verwendung hätten." Und sagt dann doch, dass Ingenieure, die auf Energie, Wasser und Klima spezialisiert sind, sowie Volkswirte und Experten für öffentliche Finanzen die besten Karten haben. "Das liegt daran, dass wir mit unseren Projekten direkt auf die Vorgaben des Bundes reagieren. Und seit zwei, drei Jahren sind eben der Klimaschutz und die kommunale Entwicklung die großen Themen."

Klimaschutz, das ist auch das Stichwort für Caroline Heidtmann. Die Diplom-Ingenieurin koordiniert zurzeit in Bamako, Mali, ein Projekt, das 142000 Menschen im ländlichen Raum Zugang zu Solarstrom verschaffen soll. "Mein Job ist vor allem Konzeptplanung, ich schließe aber auch Verträge mit Baufirmen und lokalen Consultants und kümmere mich um Finanzmanagement, Monitoring und Berichterstattung dem Geldgeber gegenüber", erklärt die 29-Jährige.

GTZ: Bei Studenten hoch angesehen

In ihrem Team sind noch zwei weitere Juniorberater, ein Ingenieur und eine Projektassistentin, alle aus Mali. Wie ihre Kollegen Melis und Yoder schätzt auch Heidtmann, dass ihre Arbeit sinnvoll ist: "Durch unser Projekt können zum Beispiel die Schulen den Kindern anbieten, ihre Hausaufgaben abends im hellen Klassenraum zu machen." So belegt die GTZ in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschers Universum unter knapp 20000 Studenten weltweit Platz eins unter den Unternehmen, denen die Befragten ein hohes Level an sozialer Verantwortung zuschreiben.

Caroline Heidtmann hat sich gut auf ihren Job bei der GTZ vorbereitet: Ihre Diplomarbeit schrieb sie zum Thema Solarenergie und reiste in ein südafrikanisches Dorf, um dort zu forschen. "Vor Ort zu arbeiten war mir sehr wichtig, von Deutschland aus bekommt man die Schwierigkeiten bei solchen Projekten oft gar nicht mit." So sei etwa die dezentrale Energieversorgung aus deutscher Sicht ein rein technisches Problem. Vor Ort in Bamako aber scheitere die beste Technik manchmal schlicht daran, dass keine ausgebildeten Fachkräfte zur Verfügung stünden.

Was Heidtmann dagegen noch fehlt, sind Kenntnisse der Landessprache Bambara. Um besser für und mit den Menschen in den Dörfern zu arbeiten, will sie den Unterricht jetzt zügig nachholen. Das sei zwar eine große Herausforderung, mache ihren Job bei der GTZ aber immer wieder einmalig, sagt sie.

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