Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Grüne Energien Jobs in der Energiebranche

Die Branche der grünen Energie wächst. Firmen der Solar-, Biomasse-, Wind- und Wasserkraft-Industrie leiden unter dem Fachkräftemangel und suchen Ingenieure. Spezialisierte Studiengänge entstehen erst jetzt. Ein Job gilt als nahezu krisenfest.

Kirstin von Elm | , aktualisiert

Sonnencreme gehört für Anne Schlierbach zur Arbeitsausrüstung. Die 28-jährige Energietechnikerin aus Hessen arbeitet in Guadix im spanischen Andalusien - keine Autostunde von den beliebten Badeorten der Costa del Sol entfernt. Zum Strandausflug kommt die Deutsche allerdings kaum. Sie ist Inbetriebnahme-Ingenieurin für Solarkraftwerke und hat derzeit alle Hände voll zu tun. Auf der sonnensicheren südspanischen Hochebene errichtet ihr Arbeitgeber, die Erlanger Solar Millennium AG, seit 2006 die drei ersten Parabolrinnen-Kraftwerke Europas. Andasol 1, 2 und 3 sollen jeweils bis zu 200 000 Menschen mit umweltfreundlichem Strom aus Sonnenenergie versorgen.

Anders als bei Photovoltaik-Anlagen, die Sonnenlicht unmittelbar in elektrische Energie umwandeln, fangen in den andalusischen Kraftwerken bewegliche Sonnenkollektoren die Strahlung ein, um Wasser zu Dampf zu erhitzen. Über klassische Dampfturbinen und Generatoren wird dann Strom erzeugt. Anne Schlierbach muss sämtliche Kollektoren vor ihrem Einsatz umfangreichen Funktionstests unterziehen. Ein Job, der die junge Ingenieurin ordentlich auf Trab hält: Mit einer Kollektorfläche von jeweils 510000 Quadratmetern, das entspricht rund 70 Fußballfeldern, sind die Andasol-Anlagen die größten Parabolrinnen-Kraftwerke der Welt. Für Andasol2 hat Schlierbach in den letzten Monaten 624 Elemente gedreht und geschwenkt, um zu überprüfen, ob sich auch alle reibungslos vom zentralen Kommandostand aus elektronisch steuern lassen.

Bis zum Start von Andasol 3 im Jahr 2011 will Anne Schlierbach mindestens in Spanien bleiben. Der auslands- und berufserfahrenen, jungen Solar-Expertin stünden derzeit aber auch viele andere Türen offen, denn die Branche der Erneuerbaren Energien boomt.

Erneuerbare Energien sind weiter im Boom

Während Fahrzeug- oder Maschinenbauunternehmen Kurzarbeit machen oder sogar Stellen abbauen, haben die Hersteller von Solar-, Wind- oder Wassertechnologie in diesem Jahr kräftig eingestellt. Alleine im ersten Quartal wurden fast 1600 Stellen ausgeschrieben. Das sind rund doppelt so viele wie im ersten Quartal 2007 (siehe Grafik Seite 2). Nach Angaben des Wissenschaftsladens Bonn, der den Arbeitsmarkt für Erneuerbare Energien im Auftrag des Bundesumweltministeriums regelmäßig untersucht, setzt sich der Aufwärtstrend damit seit vier Jahren in Folge ungebrochen fort. "Während die Gesamtwirtschaft in ihrer tiefsten Krise steckt, ist die Branche der Erneuerbaren Energien weiterhin ein verlässlicher Jobmotor", bestätigt Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) in Berlin. Bis 2020 rechnet der BEE für Deutschland mit 500000 Arbeitsplätzen in der Branche - das wären 220000 mehr als heute.

Dieses Wachstum ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch politisch gewollt. Denn die Bundesregierung hat den raschen Ausbau grüner Energien zum Ziel erklärt. Fossile Brennstoffe wie Kohle und Gas sollen durch Sonne, Wind oder Wasserkraft langfristig ersetzt werden. Auch Zukunftstechnologien wie beispielsweise Fluss- und Gezeitenkraftwerke oder Geothermieanlagen, die Hitze aus den Tiefen der Erde nutzen, sollen ausgebaut werden (siehe Infoseite 8). Der BEE hält bis 2020 einen Ausbau der Erneuerbaren am gesamten Energiemix von heute rund zehn auf knapp 30 Prozent für machbar.

Deutschland ist Technologieführer bei Wind- und Solarenergie

Sogar große Energieversorger wie Eon, RWE oder Vattenfall haben das Thema grüne Energie inzwischen auf ihre Agenda gesetzt, denn viele technisch und ökologisch überholte Anlagen müssen dringend modernisiert werden. So geht der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren etwa 40000 Megawatt an Kraftwerksleistung ersetzt werden müssen. Das entspricht über 40 Großkraftwerken. Bis 2020 wollen die im BDEW organisierten deutschen Energieversorger deshalb 40 Milliarden Euro in neue, klimafreundlichere Kraftwerke investieren.

Aber auch im Ausland ist grüne Energietechnologie "made in Germany" gefragt. Bei Wind- und Solarenergie gelten die deutschen Hersteller auf vielen Gebieten weltweit als Technologieführer. So liegt die Exportquote der Windtechnologiebranche nach Branchenangaben bei 80 Prozent. Und auch das Auslandsgeschäft der deutschen Sonnenspezialisten zieht offenbar weiter an, denn der Bundesverband Solarwirtschaft mit Sitz in Berlin erwartet für 2010 einen Anstieg des Auslandsanteils am gesamten Branchenumsatz von derzeit 46 auf 56 Prozent.

Entsprechend gefragt sind Ingenieure, die sich mit regenerativen Energien auskennen. In der der mittelständisch geprägten Solarbranche zum Beispiel: Seit 2004 hat sich die Zahl der Beschäftigten bei den rund 15000 deutschen Solarunternehmen auf 75000 verdreifacht. 40 Prozent aller Stellenangebote rund um die grüne Energie richteten sich Anfang 2009 an Sonnen-Profis wie Anne Schlierbach.

"Am liebsten würden wir auf einen Schlag 50 branchenerfahrene Ingenieure einstellen, aber die gibt der Markt leider nicht her", sagt zum Beispiel Klaus Gehrlicher. Der 41-Jährige ist Gründer und Inhaber der Gehrlicher Solar AG in Neustadt Coburg. Das mittelständische Unternehmen plant, baut und betreibt Photovoltaik-Anlagen jeder Größenordnung im In- und Ausland. Der studierte Elektrotechniker und Maschinenbauer Gehrlicher startete 1994 in München als Ein-Mann-Unternehmer. Heute beschäftigt der Bayer mehr als 180 Mitarbeiter.

Mit einem Umsatzwachstum von über 1700 Prozent in den vergangenen fünf Jahren gehört Gehrlicher Solar nach Angaben der Unternehmensberatung Deloitte zu den zehn der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen Deutschlands. Um das hohe Tempo zu halten, braucht das Solarunternehmen vor allem branchenkundige Ingenieure, die sofort voll einsatzfähig sind. "Wir stellen aber auch aufgeweckte Absolventen ein, die bereit sind, schnell zu lernen und Verantwortung zu übernehmen", sagt der Firmenchef.

Ingenieure mit Berufserfahrung sind knapp

Auf dem Arbeitsmarkt konkurriert der bayerische Mittelständler mit Branchengrößen wie Solar Millennium, Ersol, Schott Solar oder Solar World um die begehrten Profis. Aber auch der Nachwuchs hat die grünen Arbeitgeber für sich entdeckt. Laut Trendence-Absolventen-Barometer zählt Solar World unter angehenden Ingenieuren zu den derzeit 15 beliebtesten Arbeitgebern.

Der Photovoltaik-Konzern aus Bonn beschäftigt weltweit über 2500 Mitarbeiter, ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Knapp 2000 Mitarbeiter sind in Bonn und im sächsischen Freiberg beschäftigt, außerdem produziert das Unternehmen noch in den USA und in Südkorea. 2010 will Personalvorstand Frank Henn weltweit rund 500 weitere Mitarbeiter einstellen.

Über Bewerbermangel kann er nicht klagen, zumindest nicht was Nachwuchskräfte anbelangt. Früh schon begann das Unternehmen, auf sich als Arbeitgeber aufmerksam zu machen: Herausragende Studien- oder Doktorarbeiten zu Photovoltaik prämiert das Unternehmen jährlich mit dem Einstein-Junior-Award im Wert von 5000 Euro.

"Von einem Fachkräftemangel können wir gegenwärtig nur bei qualifiziertem Personal mit Berufserfahrung innerhalb der Solarenergiebranche sprechen", sagt Frank Henn. Zum einen sei aufgrund der Wirtschaftskrise die Wechselbereitschaft bei potenziellen Kandidaten gesunken, zum anderen seien Studienangebote mit einem klaren Fokus auf Erneuerbare Energien eine vergleichsweise neue Erscheinung. An vielen Hochschulen haben die ersten Jahrgänge ihr spezielles Bachelor- oder Masterstudium gerade erst begonnen. Berufserfahrene Ingenieure, die ihre akademische Ausbildung klar auf Solartechnologie oder eine andere grüne Energiequelle ausgerichtet haben, gibt es deswegen bislang kaum.

Einsteiger müssen einen offensiven Geist mitbringen

Zu der begehrten Spezies zählt zum Beispiel Markus Hester. Der 31-jährige Diplom-Ingenieur hat an der Fachhochschule Aachen/Jülich von 2001 bis 2006 Energietechnik studiert und konnte dort zwischen den Studienschwerpunkten klassische oder regenerative Energien wählen. Hester entschied sich für die Öko-Power. Heute baut er für einen Münchener Ingenieurdienstleister in Bayern Geothermie-Kraftwerke (siehe Porträt Seite 6). Die Energiegewinnung aus heißen Gesteinsschichten tief im Erdinnern war allerdings auch für ihn Neuland.

Obwohl 99 Prozent unseres Planeten heißer als 1000 Grad Celsius sind, steckt die Geothermie in Deutschland noch in den Kinderschuhen - nicht zuletzt deshalb, weil Tiefenbohrungen bis zu fünf Kilometer unter die Erdoberfläche teuer und riskant sind. Insgesamt bietet die Branche in Deutschland derzeit erst rund 9000 Arbeitsplätze bei einem Umsatz von gut einer Milliarde Euro. Zum Vergleich: Mit der Energieerzeugung aus Biomasse sind rund 96000 Menschen in Deutschland beschäftigt. In der boomenden Windkraftindustrie arbeiten mittlerweile 85000 Menschen in Deutschland - mehr als im Schiffbau und der maritimen Industrie insgesamt. In Küstenregionen haben Hersteller von Windenergieanlagen wie Vestas, Nordex, Enercon oder REpower Systems bereits Werften als größte Arbeitgeber abgelöst.

Die Mehrzahl der Studiengänge im Bereich der Erneuerbaren Energien sind deshalb auch eher auf grüne Klassiker wie Sonne, Wind oder Biomasse ausgerichtet. Im Vergleich zum Wintersemester 2007/2008 ist das Angebot nach Angaben des Wissenschaftsladens Bonn von 144 auf über 260 Studiengänge im aktuellen Wintersemester stark gestiegen, davon führen rund 60 Prozent zu einem Bachelor- und 40 Prozent zu einem Mastertitel: "Die Hochschulen haben auf die Nachfrage der Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien deutlich reagiert", sagt Theo Bühler, Experte beim Wissenschaftsladen Bonn.

Einen konsekutiven Master in Windenergietechnik bieten beispielsweise die Fachhochschule Flensburg und die Universität Hannover an. An den Fachhochschulen Hildesheim, Hannover und Weihenstephan oder den Universitäten Cottbus, Kassel sowie an der TU München gibt es die Möglichkeit, das Masterstudium auf nachwachsende Rohstoffe und Biomasse auszurichten. Masterstudiengänge mit einem Schwerpunkt auf Solartechnik haben unter anderem die Technischen Universitäten Berlin und München, die Universität Kiel (Material Science and Engineering) sowie die TU Bergakademie Freiberg (Photovoltaische Materialien) aufgelegt.

Gerade auf die Besetzung der Professuren sollte geachtet werden

"Wenn jemand schon weiß, dass er später in die Photovoltaik, die Bioenergie oder die Geothermie will, dann sollte er ruhig auch ein so speziell ausgerichtetes Studienangebot wählen", sagt Theo Bühler. Der Bildungsexperte rät Studenten allerdings vorab zu prüfen, ob Professuren und Dozentenstellen an der Hochschule ihrer Wahl auch wirklich vollständig und mit fachlich ausgewiesenen Experten besetzt sind - nach Angaben Bühlers leider keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Außerdem sollte die Hochschule möglichst eng mit Unternehmen kooperieren, um mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt zu halten und für ihre Studenten einen glatten Berufseinstieg zu gewährleisten.

Das gilt auch für berufsbegleitende Fern- und Weiterbildungsstudiengänge, die mittlerweile immer mehr Hochschulen anbieten, darunter beispielsweise die TU Berlin mit dem englischsprachigen Masterstudiengang Global Production Engineering for Solar Technology oder die Akademie für Erneuerbare Energien Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen mit ihrem Masterstudiengang Erneuerbare Energien.

Ingenieure, die karrieretechnisch gerne im grünen Bereich bleiben möchten, haben aber keineswegs nur bei jungen Technologieunternehmen Chancen auf einen nachhaltigen Job. Auch die großen Energieversorger haben das Thema Erneuerbare Energien mittlerweile entdeckt. So bündelt beispielsweise Eon, mit einem Umsatz von 87 Milliarden Euro das größte private Energieunternehmen der Welt, seine Aktivitäten rund um grüne Energie im Geschäftsbereich Eon Climate and Renewables.

Rund 70 Mitarbeiter sind in der Konzernzentrale in Düsseldorf damit beschäftigt, den Anteil regenerativer Energien am Konzernumsatz voranzutreiben. Bis zum Jahr 2030 soll sich der Anteil des Ökostroms an der produzierten Gesamtleistung von derzeit 13 auf 36 Prozent nahezu verdreifachen. Rund sechs Milliarden Euro will der deutsche Energieriese investieren, unter anderem in Zukunftstechnologien wie das weltgrößte Gezeitenkraftwerk, das derzeit vor der englischen Küste entsteht.

Die internationalen Forderungen sind kaum zu erfüllen

Besonders in der Windenergie will der deutsche Konzern künftig in der ersten Liga mitspielen, wittert man doch Riesenumsätze. Denn weltweit setzen viele Regierungen wie die deutsche auf den Bau von Windparks: "Bis 2020 müsste alle 25 Minuten eine Windturbine errichtet werden, um die internationalen Wachstumsziele zu erreichen", sagt Frank Mastiaux, Vorstandsvorsitzender von Eon Climate & Renewables.

Entsprechend gefragt sind bei Eon derzeit Ingenieure für die Planung und den Bau von Windparks an Land und auf See (Offshore). Auch Absolventen sind willkommen, immer vorausgesetzt, sie bringen eine gute Portion Kommunikationstalent, Wirtschaftswissen, juristisches Verständnis und Fähigkeiten im Projektmanagement mit. Denn in der Entwicklungsphase eines Windparks müssen sich Ingenieure eventuell auch angemessen mit Landbesitzern, Behördenvertretern oder Technikern auseinander setzen können.

Seinen Ingenieurnachwuchs bildet der Energiekonzern in einem zehnmonatigen Graduate-Programm für die zukünftigen Aufgaben im Konzern passgenau aus, eine Auslandsstation ist obligatorisch. Darüber hinaus haben bis zu 30 Masterstudenten einer relevanten Fachrichtung wie Energietechnik, Maschinenbau oder Elektrotechnik Chancen auf ein monatliches Stipendium in Höhe von 600 Euro im Rahmen des Förderprogramms Eon SupportIng Students. Auch wer nach seinem Abschluss keinen passenden Job beim Konzern in Essen findet, braucht diese Finanzspritze nicht zurückzuzahlen.

Die Einstiegsgehälter sind üppig

Für den Einstieg bei einem großen Energieversorger wie Eon, RWE oder Vattenfall spricht, neben der Aussicht auf eine internationale Karriere-Stationen, auch ein überdurchschnittliches Gehalt. Vom Start weg verdienen Nachwuchsingenieure in der Energiebranche im Schnitt über 42000 Euro jährlich (siehe Grafik). Ähnlich gut bezahlt nur noch die Pharmaindustrie ihre Einsteiger. Wer als Projektmanager die fachliche Leitung übernimmt, kann durchschnittlich mit 63000 Euro rechnen, ein Teamleiter mit Personalverantwortung bringt es sogar auf im Schnitt 75000 Euro. Das zeigt eine aktuelle Gehaltsauswertung des VDI Verlags.

Jobs in der Energiebranche gibt es natürlich nicht nur im Umfeld der Erneuerbaren Energien. Die Atomindustrie sucht ebenfalls Nachwuchsingenieure. Die neu gewählte Bundesregierung hat gerade den Beschluss zum Atomausstieg aus dem Jahr 2001 kassiert und will die Laufzeiten der deutschen Meiler verlängern. Europaweit sind 13 Atomkraftwerke im Bau und 17 weitere in Planung, auch aufstrebende Industrienationen wie Indien oder China wollen ihren steigenden Energiebedarf künftig mit Atomprogrammen decken und setzen dabei auf Nukleartechnik aus Europa.

Der französische Areva-Konzern, nach eigenen Angaben das weltweit führende Unternehmen für Bau und Instandhaltung von Kernkraftwerken, hat in den Jahren 2008 und 2009 alleine in Deutschland jeweils über 800 Ingenieure und Techniker neu eingestellt. Weltweit beschäftigt das Atomunternehmen derzeit über 18000 Mitarbeiter, davon rund 5000 in Deutschland am Hauptsitz Erlangen und an vier weiteren Standorten. Auch für 2010 liegt die Zahl der geplanten Neueinstellungen wieder bei rund 800. "Kernkraftwerke sind im Prinzip auch nur große Maschinen. Daher suchen wir in erster Linie dieselben hoch qualifizierten Ingenieure und Techniker wie andere High-Tech-Unternehmen auch", sagt Tim Hanneforth. Er ist Leiter Talent Sourcing bei Areva in Erlangen.

Gute Chancen haben neben Energietechnik-Absolventen auch Ingenieure für Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Bau- und Elektroingenieure, Physiker, Chemiker oder Werkstoff- und Materialwissenschaftler. Branchenkenntnisse, speziell im Bereich Kraftwerkstechnik oder Kerntechnik, seien willkommen und sinnvoll, aber laut Hanneforth nicht für alle Stellen erforderlich.

Spezielle Ausbildung für Kerntechnik

Die nötige kerntechnische Expertise vermittelt das Unternehmen notfalls auch selbst. Am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) hat der Konzern gerade die Areva Nuclear Professional School ins Leben gerufen, wo künftig jährlich rund zehn Maschinenbau-Ingenieure eine zwei- bis dreijährige Vollzeitausbildung zum Atomexperten durchlaufen.

Das KIT, 2009 aus dem Zusammenschluss der Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum Karlsruhe hervorgegangen, will sich als führendes Energieforschungszentrum Europas etablieren. 1100 Mitarbeiter beschäftigen sich unter anderem mit Erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, Kernenergie und Reaktorsicherheit sowie der noch in den Kinderschuhen steckenden Fusionstechnologie.

Im Gegensatz zur etablierten Kerntechnik, bei der Atomkerne im Reaktor gespalten werden, produziert die Fusionstechnologie Energie, indem Atomkerne verschmolzen werden. Anders als in Atomkraftwerken entsteht dabei kaum radioaktiver Müll und statt des seltenen Urans kommt nahezu unbegrenzt verfügbarer Wasserstoff zum Einsatz.

Zu den Karlsruher Experten, die den Menschheitstraum von einer sauberen und unerschöpflichen Energiequelle dringend realisieren wollen, gehört der 32-jährige Maschinenbau-Ingenieur Frederik Arbeiter (siehe Porträt Seite 7).

Allerdings dürfte das erste Fusionskraftwerk, das mehr Energie produziert als es verbraucht, frühestens in 20 bis 30 Jahren in Betrieb gehen. Ein ebenso wichtiges Zukunftsthema wie das Erschließen alternativer Energiequellen ist das Energiesparen. Auch hier bieten sich Jobchancen für Energietechnik-Absolventen, die beispielsweise Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge, Rechenzentren oder Stromnetze auf mehr Effizienz trimmen. Zu ihnen gehört Christian Groth.

Energieanlagen für Vielverbraucher

Der 30-jährige Diplom-Ingenieur hat an der Technischen Universität HamburgHarburg von 1998 bis 2004 Maschinenbau mit Schwerpunkt Energieanlagen studiert und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Mikrosystemtechnik zu Dünnschicht-Solarzellen promoviert. Seit April 2009 arbeitet er in Hamburg bei Hochtief Energy Management als Projektentwickler. Das Tochterunternehmen des Essener Baukonzerns Hochtief mit knapp 300 Mitarbeitern betreibt Energieanlagen und optimiert den Stromeinkauf für Unternehmen und Institutionen, die davon viel verbrauchen. Zu den Kunden zählen neben Produktionsbetrieben auch die Betreiber von Büroparks oder Rechenzentren, Kliniken sowie Museen und Theater.

Christian Groth zum Beispiel hat sich gerade darum gekümmert, dass der Delmenhorster Fußbodenbelaghersteller Armstrong DLW künftig störungsfrei und kostengünstig mit Strom und Wärme versorgt wird. Dazu baut und betreibt Hochtief Energy Management das neue Blockheiz-Kraftwerk auf dem Firmengelände seines niedersächsischen Kunden.

Die Branche bietet gute Aufstiegschancen

Jährlich sucht der Energie-Dienstleister aus dem Ruhrgebiet etwa zehn zusätzliche Ingenieure, konzernweit sind 80 bis 90 Positionen zu vergeben. FH-Absolventen können mit einem Einstiegsgehalt von rund 38000 Euro rechnen. Wer wie Christian Groth dagegen einen Doktortitel und erste Berufserfahrung mitbringt, verdient mehr. Schnell aufsteigen kann man zudem. Der 30-Jährige ist Kommissarischer Leiter der Projektentwicklung bei Hochtief Energy Management und seit Ende August - noch nicht einmal ein halbes Jahr nach seinem Berufsstart - für das Neugeschäft verantwortlich.

Nun leitet Groth ein Team von vier Ingenieuren. Die Chance dazu ergab sich durch den internen Wechsel seiner Chefin auf einen anderen Posten. "Ich habe erst mal ein Seminar zum Thema vom Kollegen zum Vorgesetzten besucht", verrät Groth. Trotz seines jungen Alters fühlt er sich seiner Aufgabe aber durchaus gewachsen, sagt er selbstbewusst. Er weiß um die Chancen, die ihm seine Branche bietet. Strom sparen oder auf grüne Alternativen umsteigen - das geht inzwischen jeden an. Dass er in absehbarer Zukunft zu wenig zu tun haben wird, ist nicht zu erwarten.

Porträt: Markus Hester

Reise zum Mittelpunkt der Erde Markus Hester zapft Wärmequellen in mehr als 4 000 Metern Tiefe an. Das Wort Störung hört keiner gern - außer Markus Hester. Der Energietechnik-Ingenieur aus Aachen sucht sie dringend, denn für ihn haben die sogenannten Störungen - Gesteinsschichten mit heißem Wasser in Tausenden von Metern Tiefe unter der Erdoberfläche - großes Potenzial: "Wir hoffen, in rund 4000 Metern auf eine Störung zu treffen, die wir anbohren können", sagt der 31-Jährige, der für den Ingenieurdienstleister Renerco zwei geplante Geothermie-Kraftwerke bei Aying in der Nähe von München betreut. Diese Quelle wollen die Ingenieure anzapfen, um das von der Erdwärme auf rund 130 Grad erhitzte Wasser an die Oberfläche zu befördern und dort Strom zu erzeugen.

Hester ist stellvertretender Projektleiter, er fährt zwei- bis dreimal pro Woche raus zu den Bohrstellen, um ein gutes Dutzend Unternehmen zu koordinieren, die dort für Renerco arbeiten. Im Gegensatz zu den willkommenen geologischen Störungen kann aber auch Hester technische oder organisatorische Störfälle gar nicht gebrauchen. "Ein Bohrtag kostet uns bis zu 45000 Euro", sagt er - deswegen müssen Probleme möglichst schnell behoben werden. Dass es weltweit bisher nur eine Handvoll Vergleichsprojekte gibt, macht seinen Job nicht gerade einfacher. "Zum Teil leisten wir Pionierarbeit." Wenn beispielsweise wie kürzlich in 3000 Metern Tiefe ein Teil des Bohrstrangs verloren geht, kann der junge Ingenieur nicht einfach einen Notfallplan aus der Schublade ziehen. Er muss dann mit seinen Kollegen rasch nach der besten Lösung suchen.

Sein erstes Projekt soll 2010 ans Netz gehen

An der Fachhochschule Aachen/Jülich hat Markus Hester bis Dezember 2006 Energietechnik mit Schwerpunkt Erneuerbare Energien studiert. Nebenbei war er wissenschaftliche Hilfskraft. Die Bewerbung auf eine klassische Stellenanzeige brachte ihm Ende 2007 den Job als Projektingenieur bei Renerco ein. Das Münchener Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitern ist spezialisiert auf Planung, Bau und Betrieb von grünen Kraftwerken, bisher vor allem Windparks, Solar- und Biomasseanlagen. 2010 will Renerco in Aying sein erstes Erdwärme-Kraftwerk ans Netz bringen. Die geplante Leistung von fünf Megawatt entspricht in etwa einem großen Windpark und reicht aus, um 1000 Durchschnittshaushalte mit Strom zu versorgen. Zwar gibt es in Deutschland nur im Norden und Süden geeignete Standorte für Geothermie-Anlagen, doch dafür ist die Erdwärme aus der Tiefe anders als Sonne oder Wind konstant und rund um die Uhr verfügbar. Für Erdwärme-Experten wie Hester gibt es also noch viel zu tun.

Porträt: Frederik Arbeiter

Die Sonne auf Erden Frederik Arbeiter erforscht Materialien für die Kernfusion. Ein Gramm Wasserstoff könnte eines Tages ungefähr so viel Energie liefern wie acht Tonnen Erdöl oder elf Tonnen Kohle - ganz ohne schädliche Abgase oder radioaktiven Müll. Vorausgesetzt, Wissenschaftler wie Frederik Arbeiter, 32, schaffen es, die Kernfusion als sichere, saubere, nahezu unerschöpfliche Energiequelle nach dem Vorbild der Sonne nutzbar zu machen.

Was für Science-Fiction-Helden wie Perry Rhodan ein alter Hut ist, wirft in der Realität noch jede Menge Fragen auf. Beispielsweise die nach den Materialien, die den extremen Belastungen in einem Fusionsreaktor gewachsen sein müssen. Denn um auf der Erde wie auf der Sonne Wasserstoffatomteile zu Helium zu verschmelzen und so Fusionsenergie freizusetzen, sind im Inneren des Reaktors Temperaturen von mehr als 100 Millionen Grad erforderlich. Die Metallteile in einem Fusionskraftwerk müssen also einerseits sehr hitzebeständig sein, gleichzeitig aber auch den permanenten Kühldruck durch Gasgebläse aushalten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) experimentiert Frederik Arbeiter mit Materialproben, um herauszufinden, welche diesen Stress aushalten.

Arbeiter sieht eine positive Zukunft für die Kernfusionsenergie

Das KIT, das gerade aus dem Zusammenschluss der Uni Karlsruhe mit dem Forschungszentrum Karlsruhe hervorgegangen ist, gilt als eines der führenden Zentren für Energieforschung in Europa. "Ich baue die Kisten, in denen die Proben in unserer Versuchsanlage getestet werden", sagt Arbeiter. Der Maschinenbau-Ingenieur ist Experte für Kühlverfahren. Nach seinem Studium an der Uni Karlsruhe mit Schwerpunkt Turbo- und Werkzeugmaschinenbau hat er von 2003 bis 2006 in Karlsruhe am Institut für Neutronenphysik und Reaktorsicherheit zu Kühlmethoden in Fusionsreaktoren promoviert. Seitdem ist er der Fusionsforschung als wissenschaftlicher Mitarbeiter treu geblieben.

Für den jungen Ingenieur wird es erst noch so richtig spannend: In Südfrankreich entsteht als Teil des internationalen Forschungsprojekts ITER ein Versuchsreaktor, der voraussichtlich 2018 in Betrieb gehen wird. ITER soll erstmals mehr Energie liefern, als er zur Erzeugung der enormen Fusionstemperaturen verschlingt, und so beweisen, dass sich der Bau von Fusionsreaktoren rechnet. Fusionsforscher Frederik Arbeiter braucht also noch ein wenig Geduld, gibt sich aber optimistisch: "Ich bin überzeugt, dass ich den Start des ersten kommerziellen Fusionskraftwerkes miterleben werde."

Volle Kraft voraus - Neue Energien im Überblick

Biomasse 
Technologie: Biomasse ist die dominierende regenerative Energiequelle in Deutschland. Nachwachsende Rohstoffe wie Mais, Raps und Holz, aber auch Bioabfälle, Gülle oder Gase steuerten 2008 rund fünf Prozent zur Strom- und sechs Prozent zur Wärmeerzeugung bei. Biokraftstoffe erreichen an der Tankstelle einen Anteil von sechs Prozent.
Perspektive: Mittelfristig dürften Sonne, Wind und Wasser der Biomasse ihre Führungsposition streitig machen. Der Anbau der Rohstoffe verbraucht viel Fläche, belastet die Umwelt durch Dünge- und Pflanzenschutzmittel und gilt als Preistreiber für Nahrungsmittel wie Getreide. 
Arbeitgeber: Einen regionalen Schwerpunkt hat die mittelständisch geprägte Branche nicht. Einen Überblick bietet der Bundesverband Bioenergie unter www.bioenergie.de.

Geothermie 
Technologie: Geothermie nutzt die Wärme aus dem Erdboden. Über Erdwärmepumpen werden Gebäude beheizt, 2008 wurden über 62000 Geräte verkauft. Allerdings liegt der Beitrag zur Energieerzeugung in Deutschland derzeit erst bei rund 0,2 Prozent. Künftig soll heißes Wasser aus bis zu 5000 Metern Tiefe zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt werden (Tiefen-Geothermie).
Perspektive: Derzeit laufen in Deutschland erst drei Strom- und zehn Heizwerke mit Erdwärme. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2009) fördert die Bundesregierung jetzt den Ausbau und plant für 2020 bereits mit 50 Kraftwerken. 
Arbeitgeber: Geologisch geeignete Standorte gibt es vor allem in Bayern und Ostdeutschland. Der Essener Mischkonzern Evonik betreibt mehrere Geothermie-Anlagen. Zu den großen Anbietern von Wärmepumpen zählen Danfoss in Offenbach und Vaillant in Remscheid.

Solarenergie 
Technologie: Sonnenenergie liefert Strom (Photovoltaik) und Wärme (Solarthermie). Obwohl immer mehr Gebäude mit entsprechenden Anlagen ausgerüstet werden, liegt der Anteil der Sonnenenergie am gesamten Energieverbrauch in Deutschland erst bei rund einem Prozent. 
Perspektive: Die Branche beschäftigt über 73000 Mitarbeiter, dreimal so viele wie vor fünf Jahren und wächst weiter. Deutschland gilt technologisch als Weltmarktführer, leidet allerdings unter der Konkurrenz von Billigproduzenten aus China. Gefragt sind deshalb Ingenieure, die Innovationen entwickeln.
Arbeitgeber: Die Branche bietet gute Jobchancen. Allerdings setzen große, deutsche Unternehmen verstärkt auf den Bau von Solarkraftwerken im sonnigen Ausland, darunter die Erlangener Solar Millennium und die Mainzer Schott Solar. Große Ausrüster sind Q-Cells aus Bitterfeld-Wolfen und Solarworld in Bonn.

Wasserkraft
Technologie: Schon seit Jahrhunderten nutzen Menschen Wasser als Antriebsquelle. Wasserkraftwerke, bei denen aufgestautes oder aus den Bergen herabströmendes Wasser über Turbinen Stromgeneratoren antreibt, liefern weltweit etwa 16 Prozent des erzeugten Stroms. In Deutschland liegt der Anteil bei 3,5 Prozent.
Perspektive: Mit knapp 10000 Beschäftigten ist die deutsche Branche zwar vergleichsweise klein, dafür aber sehr innovativ. Ingenieure tüfteln an neuen Kraftwerkstypen, die zum Beispiel Wellen oder Gezeiten nutzen oder in Flüssen schwimmen. 
Arbeitgeber: Wasserkraft ist eine Domäne der großen Energieversorger wie der Düsseldorfer Eon, der Berliner Vattenfall, RWE Power in Essen oder EnBW in Stuttgart. Wichtiger Technologielieferant ist Voith Hydro, ein Gemeinschaftsunternehmen von Voith und Siemens mit Sitz in Heidenheim.

Windkraft
Technologie: Aus Windenergie wird Strom erzeugt. Seit 1998 hat sich die Zahl der Windparks in Deutschland von rund 6200 auf über 20000 verdreifacht. 2008 lieferten sie bereits 6,6 Prozent des deutschen Stroms.
Perspektive: Die Branche bietet Karrierechancen. Bis 2020 soll die Zahl der Beschäftigten von rund 85000 auf 120000 steigen. Zukünftig sollen, so die Pläne, riesige Windkraftanlagen im Meer entstehen. 
Arbeitgeber: Die größten Arbeitgeber sitzen in Küstennähe - Enercon in Aurich, Vestas in Husum, REpower Systems in Hamburg sowie Nordex in Norderstedt. Dazu kommt noch Fuhrländer im rheinland-pfälzischen Waigandshain.

Lesen Sie mehr zum Thema "Grüne Karriere"

Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...