Gründerszene Lichtgestalten am Startup-Himmel

Sie wirbeln viel Sand auf im Silicon Valley, geben Apple-Geräten noch mehr Eleganz, helfen betrügerische Transaktionen zu erkennen, revolutionieren das Fotografieren oder machen Kapital im Cloud Computing: Welche Startups 2011 weltweit am meisten für Furore sorgten und auch 2012 im Blickpunkt stehen werden.

Oliver Voß, Matthias Hohensee | wiwo.de | , aktualisiert


Foto: dresden/Fotolia

Flipboard

Mike McCue ist 43 Jahre alt und seit langem eine Legende im Silicon Valley. Seine ersten Sporen im Internet verdiente er sich als Technologiechef beim Browser-Erfinder Netscape. Dem hatte er für 20 Millionen Dollar sein Startup Paper Software verkauft, das 3D-Modelle in Browsern darstellen konnte. 1999 gründete der Multimillionär das Startup Tellme, das sich auf Spracherkennung spezialisierte und 2007 für rund 800 Millionen Dollar von Microsoft gekauft wurde.

McCues neueste Passion sind Zeitschriften im Internet. Die von McCue gemeinsam mit dem ehemaligen Apple-Ingenieur Evan Doll im Juli 2010 aus der Taufe gehobene Online-Zeitschrift Flipboard sammelt in sozialen Netzwerken empfohlene Stories, stellt sie zusammen und bereitet sie graphisch auf.

Ursprünglich für Apples iPad entwickelt, gibt es Flipboard seit kurzem auch fürs iPhone. Inzwischen zählt Flipboard fünf Millionen Nutzer weltweit. McCues Mission ist es, das Lesen via Computer "so elegant wie das Blättern in einer Zeitschrift zu machen."

Palantir Technologies

Peter Thiel, der ehemalige Chef des Online-Dienstleisters Paypal ist im Silicon Valley vor allem wegen seinem frühzeitigen Investments in Facebook bekannt, das den deutschstämmigen Investor zum Milliardär gemacht hat. Weniger bekannt ist das von ihm mitfinanzierte Startup Palantir Technologies aus Palo Alto.

Gegründet wurde es von ehemaligen Mitarbeitern von Paypal, die bei dem Online-Bezahldienstleister für das rechtzeitige Aufspüren von betrügerischen Transaktionen zuständig waren. Palantir hat eine Software entwickelt, die in der Lage ist, Informationen aus verschiedensten Quellen miteinander zu verknüpfen und auszuwerten.

Hedgefonds verwenden es, um Markttrends herauszufiltern. Die US-Regierung nutzt eine Variante des Systems zum Jagen nach Terroristen, wobei Banküberweisungen, Einkäufe, Berichte von Fahndern und öffentliche Quellen wie das Internet, Facebook und Twitter zusammengeführt werden. Palantir hat bislang rund eine viertel Milliarde Dollar von Investoren eingesammelt. Für 2012 wird ein Börsengang erwartet.


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Vielleicht fragen wir uns in ein paar Jahren, wie man früher auf herkömmliche Weise überhaupt fotografieren konnte. "Wir haben es die ganze Zeit mit Technologieunternehmen zu tun. Aber es ist selten, dass jemand etwas vorweisen kann, was ein so großer Durchbruch ist", schwärmte jedenfalls der renommierte US-Investor Ben Horowitz.

Der Gegenstand seiner Euphorie ist ein rund elf Zentimeter langer Klotz, der aus einer Spielkiste für Kleinkinder stammen könnte. In den Kameras des Startups Lytro steckt ein Sensor mit vorgeschalteten "Mikrolinsen", der im Zusammenspiel mit Software viele einzelne Lichtstrahlen einfangen kann – wobei die gespeicherten Daten sehr viel umfangreicher sind als bei üblichen Aufnahmen.

So werden nicht nur die Farbe und Intensität eines einfallenden Lichtstrahls aufgenommen, sondern auch seine Richtung. Das eröffnet Fotografen verblüffende Möglichkeiten: Sie können im Nachhinein am Computer entscheiden, wo der Fokus liegen soll und so wechselweise Hintergrund oder Vordergrund scharf stellen.

Lichtfeldfotografie nennen Experten diese Technik, Lytro-Gründer Ren Ng hatte die Grundlagen der Technik bereits 2006 in einer Dissertation an der Elite-Uni Stanford erläutert. Im kommenden Jahr soll das Gerät den Massenmarkt erobern, derzeit kann man die kleinen Kisten zu Preisen zwischen 399 und 499 Dollar vorbestellen.


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Eigentlich kann man mit der iPhone-App Instagram nur seine Fotos schnell aufhübschen, ihnen einen Retro-Look verpassen und sie mit anderen Nutzern teilen. Doch Instagram hat es in kürzester Zeit geschafft, eine riesige Fangemeinde aufzubauen: Schon in der ersten Woche wurde sie 100 000 Mal heruntergeladen, und ein Jahr nach dem Start im Oktober 2010 hatte Instagram 15 Millionen Nutzer.

Kein Wunder, dass Apple den Dienst zur "App des Jahres 2011" kürte. Gestartet mit einer halben Millionen Dollar hatten die Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger ursprünglich anderes vor. Burbn sollte ihr Dienst heißen und ähnlich wie Foursquare ermöglichen, sich an bestimmten Orten mit Freunden anzumelden und Bilder zu veröffentlichen.

Doch während der Entwicklung stellten sie fest, dass die geplante Fotofunktion für sich allein viel besser funktioniert und in nur acht Wochen destillierten sie aus der bisherigen Arbeit Instagram. Im Februar investierten Benchmark Capital und Twitter-Mitgründer Jack Dorsey sieben Millionen Dollar.

Box.net

Der Internet-Unternehmer Aaron Levie gilt im Silicon Valley als eine Art "Mark Zuckerberg des Cloud Computings". Levie teilt mit dem Gründer von Facebook nicht nur das Geburtsjahr, sondern auch den Drang, sein Unternehmen namens Box.net an die Spitze zu führen.

Ursprünglich wollte Levie eine Karriere in Hollywood einschlagen. Doch dann entdeckte er, dass sich mit Speichern und Verwalten von Dokumenten eine Menge Geld verdienen lässt. Das nötige Kapital dafür besorgte sich Levie, indem er einfach eine E-Mail mit seiner Geschäftsidee an den Internet-Milliardär und Mark Cuban schickte. Der Besitzer des Basketballmeisters Dallas Mavericks biss tatsächlich an, obwohl er nie zuvor etwas von dem Jungunternehmer gehört hatte.

Cuban scheint den richtigen Riecher gehabt zu haben. Das 2005 gegründete Box.net macht mittlerweile Grössen wie Microsoft und Amazon.com erfolgreich Konkurrenz und kabbelt sich mit dem ebenfalls äußerst erfolgreichen Startup-Konkurrenten Dropbox. Hewlett Packard soll sich bereits für Box.net interessiert haben. Doch das Geschäft ist hart umkämpft. "Wir müssen uns jeden Tag aufs neue beweisen", gesteht Levie.


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Für die Musikbranche war wohl kaum ein Thema 2011 so wichtig wie Streaming, also das direkte Abspielen von Songs im Netz. Immer mehr Nutzer verzichten darauf, sich – legal oder illegal – riesige MP3-Berge auf ihre Festplatten zu schaufeln, wenn sie doch im Netz per Mausklick Zugriff auf Millionen von Stücken haben.

Und so versuchen von Google über Amazon bis hin zu Apple alle Internetriesen, dafür passende Dienste anzubieten. Allerdings schafft es bislang keiner von ihnen, eine so populäre Plattform wie Spotify zu entwickeln.

Einer der größten Fans des schwedischen Dienstes ist Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. "Spotify ist so gut", schrieb er schon 2009 auf seiner Facebook-Seite. Da überraschte es nicht, dass er sich im September auf der jährlichen Entwicklerkonferenz Spotify-Gründer Daniel Ek auf die Bühne holte und eine umfangreiche Kooperation ankündigte.

Das Problem mit der Gema

Nutzer haben bei Spotify eine kostenlose Basisfunktion und zahlen für den vollen Zugang eine Flatrate. Wenn das Modell finanziell dauerhaft funktioniert, "wird Spotify die globale Musikplattform der nächsten Jahre", ist der Technikblogger Martin Weigert überzeugt. Entscheidend dafür ist die Frage, wie viel Streaming-Anbieter den Plattenfirmen und Künstlern zahlen müssen.

In Deutschland ist Spotify wegen dieser ungelösten Frage immer noch nicht verfügbar, da es noch keine Einigung über die Urheberrechtsvergütung mit der Gema gibt, die über die Rechte der deutschen Musiker wacht. Da diese Gesellschaft jedoch im Dezember nach jahrelangen Verhandlungen mit der Musikindustrie endlich generelle Tarife für Streamingdienste festgelegt hat, könnte Spotify im kommenden Jahr auch hierzulande endlich starten.


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"Schon sehr lange hat mich ein neuer Webservice nicht mehr so gefesselt wie Turntable.fm", schreibt Martin Weigert und auch zahlreiche andere Nutzer überschlugen sich 2011 mit Lobeshymnen.

Bei Turntable.fm wird jeder zum DJ und kann Freunden Musik vorspielen oder sich in verschiedenen virtuellen Räumen anhören, was andere mögen. Diese spielerische Art, Musik zu entdecken und zu teilen, eroberte im Sturm Hunderte Nutzer, doch in Deutschland war es im Juni mit dem Spaß vorbei. "Wir müssen den Zugang derzeit leider auf die USA beschränken", erklärte Turntable.fm-Chef Billy Chasen den enttäuschten Nutzern.
 
Hintergrund ist wie auch bei Spotify die ungeklärte Frage der Lizensierung und Gebührenzahlung für die genutzten Songs. Auch in den USA mussten die Möglichkeiten daher eingeschränkt werden: So können die DJ´s ihre Stücke nur noch 30 Sekunden lang hören, wenn sie allein in einem Raum sind – erst mit Publikum gilt das Angebot als Radio-Dienst, der wider andere Gebühren zahlen muss. Doch trotz dieser Schwierigkeiten erhielt Chasen im September sieben Millionen Dollar von Union Square Ventures und anderen Investoren.

WhatsApp

Jan Koum ist kein Freund von öffentlichen Auftritten. Er lasse lieber sein Produkt für sich sprechen, erklärte der Chef und Gründer von WhatsApp in einem seiner wenigen Interviews. Dabei ist der ehemalige Yahoo-Manager einer der erfolgreichsten Gründer, WhatsApp gehört in vielen Ländern zu den am häufigsten gekauften Apps für das iPhone.

Das Programm ist so einfach wie selbst erklärend: Für den einmaligen Betrag von 0,79 Cent können sich die Nutzer kostenlos untereinander Nachrichten schicken. Über eine Milliarde Nachrichten täglich sind es inzwischen, die über WhatsApp versandt werden. Damit dürfte das Startup den Managern von Telekom & Co. langsam Kopfschmerzen bereiten, denn vom bisherigen Goldesel SMS müssen sie sich mittelfristig wohl verabschieden.
 
Dabei beruht der Erfolg von WhatsApp eigentlich auf einem kleinen Datenschutz-Skandal: Beim Start muss man dem Programm neben seiner Telefonnummer auch Zugriff auf das komplette Adressbuch geben, WhatsApp gleicht die Kontakte miteinander ab und zeigt damit sofort an, wer das Programm noch nutzt. Doch während diese Praxis bei Anbietern wie Facebook für einen Aufschrei sorgt, nehmen die WhatsApp-Nutzer den Datenscan gern hin – denn erst so wird der Dienst schnell so nützlich.


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Marc und Ali Pincus sind derzeit das berühmteste Internet-Ehepaar im Silicon Valley. Marc hat sich auf Online-Spiele fokussiert, baute innerhalb von nur vier Jahren mit Hilfe von Facebook den Spielegiganten Zynga auf und führte ihn an die Börse. Seine Ehefrau Ali steht ihm nicht nach. Sie gründete 2009 One Kings Lane.

Das Startup aus San Francisco hat sich darauf spezialisiert, Einrichtungsgegenstände über sogenannte Flash Sales zu verkaufen. Flash Sales sind zeitlich und mengenmässig begrenzte Verkäufe. Das französische Unternehmen Vente Privee machte es im Internet populär. Doch bisher fokussierten sich die Anbieter hauptsächlich auf Mode.

Pincus glaubt, dass es eine lukrative Nische bei Designer-Möbeln gibt. Der Wagnisfinanzier Kleiner Perkins aus dem Silicon Valley sieht das ebenso. Er stieg nicht nur bei One Kings Lane ein, sondern stellte auch seine prominente Geschäftsführerin Mary Meeker dem Investment zur Seite. Die Ex-Investmentbankerin Meeker, einst als "Queen des Internets" bekannt, rührt seitdem eifrig die Trommel für Pincus. Sie erwartet, dass das Flash Sales Geschäftsmodell auch in 2012 wegen den wirtschaftlich schweren Zeiten florieren wird. Denn so können Designer ihre Waren mit Rabatt verkaufen, ohne ihre Marke langfristig zu schädigen.

Khan Acadamy

Vor ein paar Jahren wurde Salman Khan zu Google eingeladen, um dort einen Vortrag zu halten, was sich im Bildungswesen der USA ändern müsste. "Zum Schluß kam eine Frage an mich", erinnert sich der 34jährige Ex-Investmentbanker. "Was ich wohl mit zwei Millionen Dollar anfangen würde?" Die Antwort war einfach.

Inzwischen ist Google der wichtigste finanzielle Förderer von Khans Lebenstraum – der Khan Online-Akademie, mit deren Hilfe sich Schüler via Internet-Videos in naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik fortbilden können. Obwohl die im Silicon Valley angesiedelte Khan Akademie nur acht Mitarbeiter beschäftigt, wird sie von Tausenden Schülern und Lehrern weltweit genutzt wird.

Ihr Reiz sind die von Khan mit viel Wissen, Witz und Mut zur Improvisation produzierten Youtube-Videos, mit denen Lernen Spaß macht. Als bekannt wurde, dass Microsoft-Gründer Bill Gates Khans Videos für seine Kinder nutzt, konnte sich der selbst ausgebildete Lehrer vor Anfragen von Investoren nicht mehr retten. "Die standen förmlich Schlange", erinnert sich Khan. Trotzdem gründete er lieber eine gemeinnützige Organisation. "Es gibt viele Institutionen wie Harvard oder Stanford, die ein Jahrhundert überdauert haben. Aber nur ganz wenige Unternehmen", erklärt Khan.


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Vor drei Jahren ging Brian Chesky mit seiner Idee bei vielen Geldgebern noch vergeblich hausieren. Der Designer hat eine Internetbörse zur Zimmervermittlung gegründet. Airbnb heißt das Portal, auf dem jeder einen Schlafplatz anbieten oder suchen kann.

Inzwischen werden auf der Seite Zimmer in fast 20.000 Städten aus 192 Ländern angeboten. Auch Investoren erkannten das Potenzial. Bei einer Finanzierungsrunde im Mai erhielt Airbnb 100 Millionen Dollar und wurde dabei mit einer Milliarde Dollar bewertet. Dieser Erfolg ruft Wettbewerber auf den Plan: In Deutschland versuchen sich die Startups 9Flats und Wimdu mit einem ähnlichen Konzept.

Hinter letzterem stehen die für ihr aggressives Vorgehen bekannten Samwer-Brüder. Ihre Firma Rocket Internet investierte gemeinsam mit der schwedischen Beteiligungsgesellschaft Kinnevik 90 Millionen US-Dollar in Wimdu. Oliver Samwer der sich in einer internen Mail gerade erst als "aggressivsten Typen im Internet auf dem Planeten" bezeichnete, heuerte 400 Mitarbeiter in 15 Büros an. Nach gerade einmal 100 Tagen bot Wimdu bereits 10.000 Schlafplätze in 150 Städten an.

Pinterest

Eigentlich ist eine Samwer-Kopie das beste Indiz dafür, dass ein Startup erfolgreich ist. In diesem Fall heißt das Original Pinterest, die kürzlich gestartete deutsche Samwer-Version Pinspire. Die Idee: Nutzer teilen Fotos auf einer Website miteinander und kommentieren sie, es entsteht eine Mischung aus Fotocommunity und sozialem Netzwerk.

Ein Schwerpunkt auf der digitalen Pinnwand sind dabei Designprodukten – auf der Social-Shopping-Plattform können so Kleinunternehmer ihre Kreationen bewerben. Obwohl Pinterest noch in der geschlossenen Beta-Phase ist und man sich ohne eine Einladung nicht anmelden kann, ist es derzeit eine der am schnellsten wachsenden US-Websites und erinnert Beobachter an Facebook im Jahr 2006.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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