Gründerkapital So kommen Start-ups an Geld

Fehlendes Geld für Start und Ausbau ihres Unternehmens ist für Gründer in Deutschland eine große Hürde. Viele Investoren sind zögerlich. Wie Start-ups die passende finanzielle Förderung finden.

Jens Tönnesmann | , aktualisiert

So kommen Start-ups an Geld

Start-up-Kapital1

Foto: diego cervo/Fotolia.com

Blumen liebt sie, seit sie denken kann. Und ihre Geschäftsidee kommt an: Schnittblumen per Mausklick bietet Franziska von Hardenberg auf ihrer Internet-Plattform Bloomy Days an. Tausende Kunden haben bereits ein Abo abgeschlossen, jeder zehnte Kunde gar zwei – genug Arbeit und Umsatz für mittlerweile 19 Voll- und 60 Teilzeitkräfte, die in einer Lagerhalle in Berlin die Blumen arrangieren und versenden. Im kommenden Jahr will die Jungunternehmerin mit ihrem Start-up erstmals Gewinne erzielen. Alles bestens und nach Plan, könnte man meinen. Eigentlich.

Zögerliche Investoren

Doch die Suche nach Kapitalgebern war mühsam für von Hardenberg. Seit Januar etwa wirbt die 30-Jährige bei Risikokapitalgebern um einen Millionenbetrag, um ihr weiteres Wachstum zu finanzieren. Etwa 250 Mal hat sie in den vergangenen Monaten ihre Geschichte erzählt, etwa 30 Mal ihre Geschäftsidee ausführlich präsentiert. "Kapital einzusammeln, um das Wachstum einer erfolgreichen Geschäftsidee zu finanzieren, ist in Deutschland schwierig", sagt von Hardenberg, "weil die Investoren zu zögerlich sind und es zu wenige gibt, die in neue Geschäftsmodelle investieren."

Wie groß diese Lücke in Deutschland ist, belegt der neue Deutsche Startup Monitor (DSM) des Bundesverbands Deutsche Startups und der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht: Mindestens 650 Millionen Euro benötigen Deutschlands Jungunternehmer in den kommenden zwölf Monaten allein, um in Wachstum zu investieren.

Wer wachsen will, muss investieren

Zum Vergleich: Laut dem Beratungsunternehmen FHP Private Equity Consultants investierten Risikokapitalgeber im vergangenen Jahr 411 Millionen Euro. Zu wenig – und deutlich weniger als etwa in den USA.

Viele Gründer stellt das vor Probleme. Denn wer wachsen will, muss investieren – in Mitarbeiter, Maschinen, Marketing. Laut DSM fühlen sich 38 Prozent in ihren Expansionsplänen ausgebremst – Wachstumskapital scheint unerreichbar. Bei den meisten Jungunternehmern fehlt es schon zum Start an Unterstützern: Acht von zehn Gründern sind aufs eigene Ersparte angewiesen. Jeder dritte Gründer besorgt sich das Geld zunächst bei den sogenannten "3F": Family, Friends and Fools – bei Familie, Freunden und Verrückten.

Alternative Wege zur Förderung

Auch von Hardenberg blitzte in Finanzierungsgesprächen anfangs immer wieder ab: "Ich brauchte nur Blumen, Internet und Abo sagen, da sind bei den Banken die Alarmglocken angegangen", erzählt die 30-Jährige. Ein Bankangestellter habe ihr sogar empfohlen, doch einfach eine Currywurstbude zu eröffnen – dafür hätte er einen Kredit gewährt. Der Start als Unternehmerin gelang letztlich nur, weil ihr Vater ihr 25.000 Euro lieh.

Dabei gibt es – ob in Gründungs- oder Wachstumsphase – durchaus Alternativen zum Griff in die Familienkasse: Vater Staat. Die Palette der Förderangebote aus dem Steuersäckel reicht von Zuschüssen über Kredite bis hin zu Beteiligungen, wie sie etwa der halbstaatliche High-Tech Gründerfonds eingeht. Weit über 100 Millionen Euro standen laut Subventionsbericht der Bundesregierung im Jahr 2013 für die Förderung von jungen, innovativen Unternehmen zur Verfügung.

Doch zwei von drei Start-ups lassen die Möglichkeit, sich vom Steuerzahler beim Aufbau ihres Unternehmens finanziell unter die Arme greifen zu lassen, ungenutzt – das belegen sowohl der DSM als auch der KfW Gründungsmonitor. Das dürfte auch daran liegen, dass Gründer den staatlichen Förderdschungel nur schwer durchdringen.

Hilfe im Förderdschungel

Das jedenfalls kann Kumardev Chatterjee bestätigen. Der Präsident des European Young Innovators Forum will das ändern. Er reist derzeit durch die Republik, um Gründern zu helfen, das Förderprogramm Horizont 2020 anzuzapfen, mit dem die Europäische Union Forschung und Innovation in den Internet- und Kommunikationstechnologien fördert.

Knapp 2,8 Milliarden Euro stehen für kleine und mittelgroße Unternehmen zur Verfügung – weder sind Zinsen fällig, noch müssen Unternehmer Firmenanteile abgeben. Dennoch: "Bisher war die Resonanz auf das Programm eher gering", sagt Chatterjee, "dabei kann es die Start-up-Szene enorm weiterbringen."

Tim Pohlmann wurde auf der Suche nach Kapital nicht in Brüssel, sondern in Berlin fündig. Der promovierte Volkswirt hat lange an der TU Berlin erforscht, wie sich aus statistischen Daten Technologietrends und Marktentwicklungen ableiten lassen. Als er merkte, wie groß das Interesse bei Unternehmen daran ist, kündigte er 2013 seine Stelle als Wissenschaftler und gründete zusammen mit dem Informatiker Dmitri Gerats selbst eines. IPlytics war geboren.

Ihre Geschäftsidee: Eine Online-Plattform, auf der Unternehmen Millionen von Patentdaten, Forschungsergebnisse und Produktbeschreibungen durchsuchen und auswerten können, um Technologien der Zukunft zu identifizieren und ihre Konkurrenten im Blick zu behalten.

Staatliches Stipendium

Den Start sicherte der Staat: Exist, ein Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, finanzierte den Unternehmern zwölf Monate lang ihren Lebensunterhalt und unterstützte sie mit Coachings. Das Stipendium sei zwar "etwas bürokratisch", sagt Pohlmann, "aber unverzichtbar".

Die große Nachfrage von Konzernen wie Siemens, Deutsche Telekom und Bosch setzte die Gründer unter Wachstumsdruck: Um eine GmbH zu gründen, Entwickler einzustellen und die Plattform weiterzuentwickeln, mussten sie Geld in die Hand nehmen. "Uns war klar", sagt Pohlmann, "wir brauchten Business Angels."

Also Privatinvestoren, die nicht nur mit Kapital, sondern auch mit Know-how weiterhelfen. Und bei gewichtigen Entscheidungen gern ein Wörtchen mitreden. Ihr Engagement lassen sie sich mit Unternehmensanteilen bezahlen, um diese nach einigen Jahren mit Gewinn zu versilbern.

Überzeugender Zuschuss

Den ersten dieser Geldgeber fanden die Gründer in Pohlmanns Doktorvater. "Anfangs war er skeptisch", sagt Pohlmann. Dann erzählten andere Gründer ihm vom Wagniskapitalzuschuss namens Invest, mit dem der Staat seit 2013 Business Angels ködern will. Er erstattet ihnen 20 Prozent ihres Investments, wenn sie sich an einem jungen innovativen Unternehmen beteiligen. Seit Mai 2013 hat das Bundeswirtschaftsministerium nach eigenen Angaben rund 9,2 Millionen Euro für mehr als 620 Beteiligungen bewilligt und damit über 45 Millionen Euro für Start-ups mobilisiert.

Ein kleiner Teil davon floss auch an Pohlmanns Doktorvater, nachdem er sich mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag an dem jungen Unternehmen beteiligt hatte. "Der Zuschuss war ein Trumpf in den Gesprächen“, sagt Pohlmann, "er hat uns geholfen, leichter Geld einzusammeln."

Welt der Geldgeber ist undurchsichtig

Jetzt suchen er und Gerats nach weiteren Privatinvestoren: Auf der Internet-Seite des Business Angels Netzwerks Deutschland haben sie sich ins sogenannte Invest Verzeichnis eingetragen, in der förderfähige Start-ups gelistet sind. Prompt meldeten sich zwei interessierte Geldgeber – in Kürze steht das erste Gespräch an.

Passende Business Angels zu finden fällt vielen Gründern allerdings schwer – besonders, wenn sie zum ersten Mal ein Start-up aufbauen und keine Kontakte besitzen. "Die Welt der Geldgeber ist intransparent wie eine Blackbox", sagt Philipp Moehring. "Gründer können kaum erkennen, wer zu ihrem Unternehmen passt."

Um das zu ändern, wechselte der erfahrene Risikokapital-Manager zu Jahresbeginn ins europäische Büro von AngelList in Berlin. Das US-Unternehmen bietet Gründern die Möglichkeit, sich mit Geldgebern zu vernetzen und Investments publik zu machen. Weltweit haben sich auf AngelList rund 300.000 Unternehmen und mehr als 30.000 Investoren registriert – die meisten davon in den USA.

Jetzt will AngelList auch die hiesige Investorenszene transparenter machen – knapp 2000 Gründer und 600 Kapitalgeber aus Deutschland haben sich mittlerweile auf der digitalen Plattform angemeldet. Moehrings Tipp: "Du musst alle wissen lassen, dass du gerade Kapitalgeber suchst – das hilft."

Angebote hinter der Bezahlschranke

Wanja Oberhof musste das erst lernen. Er gründete 2007 ein Unternehmen, das aus verschiedenen Nachrichtenquellen individuelle Zeitungen nach Leserwunsch generierte, druckte und auslieferte. Sein Mitgründer hatte sein Erbe, er selbst seine Ersparnisse investiert. 2011 beendeten sie das Projekt. "Uns wurde klar", sagt Oberhof, "dass wir unsere individualisierte Zeitung als App für Tablet-PCs und Smartphones anbieten müssen statt auf Papier."

Also gründete er ein zweites Mal und entwickelte mit dem Unternehmen Niiu eine App, mit der Nutzer Inhalte aus vielen verschiedenen Quellen lesen können – die Lokalzeitung genauso wie die "New York Times". Wer für seine Wunschzeitung knapp 15 Euro pro Monat zahlt, kann sogar auf Angebote hinter den Bezahlschranken der Verlage zugreifen. Inzwischen haben mehr als 1000 Nutzer die Bezahlversion gebucht, das Start-Up beschäftigt 25 Mitarbeiter.

Hilfreiche Gründertagung

Geholfen hat Oberhof beim zweiten Anlauf vor allem, dass er frühzeitig Medienunternehmer als Investoren gewann. In diesem Sommer besorgte sich der Jungunternehmer schließlich rund 900.000 Euro Forschungszuschuss und -darlehen von der Investitionsbank Berlin.

Auf das Förderprogramm hatte ihn der Generalbevollmächtigte der Bank am Rande einer Gründertagung hingewiesen. Um mit Niiu auch international wachsen zu können, will Oberhof bald die nächsten Millionen einsammeln – bei institutionellen Risikokapitalgebern.

Und es geht doch...

So wie Gründerin von Hardenberg. Bald nach der Starthilfe durch ihren Vater stellte ihr ein Bekannter den Investor Christophe Maire vor, der sich an ihrem Unternehmen beteiligte. Kurz darauf sammelte sie über die Crowdinvest-Plattform Seedmatch rund 100.000 Euro von 167 Investoren ein.

Inzwischen ist auch die nächste Finanzierungsrunde gesichert: Im August beschlossen die Osnabrücker Intan Group und Hardenbergs Alt-Investoren, sich mit einem siebenstelligen Betrag an Bloomy Days zu beteiligen. Genug Geld, um etwa in TV-Werbung zu investieren. Und ein Grund zum Feiern: Nach dem Notartermin ließ von Hardenberg für die Mitarbeiter zwei Flaschen Champagner springen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...