Gründerfieber Konzerne holen sich frischen Spirit ins Haus

Jung und wild trifft Alt und erfahren: Wollen Konzerne modern sein, kooperieren sie mit Start-ups und schaffen das nötige Umfeld. Das ist grundsätzlich gut – bringt aber längst nicht immer die erhofften Ergebnisse. Die Gründer gucken oft in die Röhre.

Nora Jakob und Oliver Voß, wiwo.de | , aktualisiert

Konzerne holen sich frischen Spirit ins Haus

Konzerne suchen sich Start-ups aus

Foto: Robert Kneschke / Fotolia.com

Zumindest die Einstellung stimmt schon mal. Nichts weniger als "die baden-württembergische Antwort auf das kalifornische Silicon Valley" plant der Autokonzern Daimler derzeit in Stuttgart. "Weil eine gute Idee allein leider nicht automatisch zum Erfolg führt, wollen wir den Gründern das nötige Umfeld bieten", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Dazu baut der Konzern gemeinsam mit der Universität Stuttgart und dem renommierten US-Accelerator Plug and Play die "Startup Autobahn".

"Der Gründerspirit steht dem im Silicon Valley in nichts nach", befand Plug-and-Play-CEO Saeed Amidi bei einem Besuch im Juli. Die ersten 13 Jungunternehmen haben bereits losgelegt, noch sind sie allerdings in der Stuttgarter Universität untergebracht.

Ein eigenes, 10.000 Quadratmeter großes Gebäude namens Arena2036 ist noch im Bau. Es passt zur Start-up-Attitüde, schon anzufangen, wenn noch nicht alles fertig ist, auch wenn Daimler eher der Nachzügler in Sachen Start-up-Initiative in der Konzernwelt ist.

Unternehmen wie die Deutsche Telekom, ProSiebenSat.1 oder Axel Springer betreiben schon seit Jahren Accelerator- und Inkubatorprogramme.

In diesen Brutkästen sollen neue Geschäftsideen in kurzer Zeit mit dem Geld und der Unterstützung großer Konzerne zur Marktreife gebracht werden. Diese erhalten im Gegenzug oft eine Beteiligung an den Start-ups im einstelligen Prozentbereich und bekommen dafür Zugriff auf Innovationen.

Zwar sind die Geburtshelfer umstritten, große Erfolge sind daraus bislang nicht hervorgegangen. Einige Unternehmen haben ihre Aktivitäten deutlich zurückgefahren, Inkubatoren wie Epic Companies von ProSiebenSat.1 oder Bevation von Bertelsmann machten zu. Aber das sind Ausnahmen, die eine Regel bestätigen: In der deutschen Industrie grassiert das Gründerfieber.

Brutkästen mit Millionen-Kapital

Neben Daimler haben auch die Deutsche Bahn, Metro, Merck und Siemens seit Anfang 2015 solche Brutkästen eröffnet. Die Allianz taufte ihren Accelerator kürzlich in Allianz X um und warb von der Deutschen Telekom den in der Szene bekannten Manager Peter Borchers ab. Er hatte in Berlin mit dem Hub:raum einen der ersten und bekanntesten Inkubatoren aufgebaut. Die Versicherung gönnt ihm nun jährlich ein zweistelliges Millionenbudget.

Andere gehen sogar noch weiter. Siemens will in den kommenden fünf Jahren mit der Tochter next47 eine Milliarde Euro in Start-ups stecken. Bahn-Chef Rüdiger Grube möchte die Beteiligungen mit einem eigenen Start-up-Fonds ausweiten, Porsche gründete eine neue Digitaltochter und gab im Juli die erste Beteiligung an einem Start-up bekannt: Evopark aus Köln bietet eine App an, mit der Parkhäuser ohne Münzen und Parkscheine genutzt werden können.

Groß trifft Klein, Alt und erfahren begegnet Jung und hungrig: Das Konzept klingt durchaus charmant.

Unternehmen versprechen sich von Kooperationen mit Start-ups Ideen und Impulse für die Digitalisierung, der Konzernchef kann sich modern geben.

Die Gründer wiederum erhalten Hilfe in Form von finanziellem und intellektuellem Kapital, damit ihr Geschäftsmodell "fliegen kann", wie es in der Branche so schön heißt.

Doch wahr ist auch: Nicht jeder Gründer profitiert von den Partnerschaften. Als sich die großen Unternehmen meldeten, dachte Florian Thürkow zum Beispiel: "Jetzt habe ich es geschafft." Sein Start-up Inabe entwickelt ein Navigationssystem, mit dem sich Menschen auf Flughäfen oder Bahnhöfen leichter zurechtfinden können.

"Für unser Produkt ist der Zugang zu einem Bahnhof essenziell", sagt Thürkow. Zusammen mit seinem Mitgründer Carlos Heinecke hatte er darauf gehofft, dass ihm die Deutsche Bahn helfen könnte. Doch die Erwartung wurde enttäuscht.

Zwar stach Inabe 119 Bewerber aus und gehörte zu den ersten vier Teilnehmern des Bahn-Accelerators. Die Genehmigung für den Zugang zu einem Bahnhof zog sich dann aber über die erste Hälfte des dreimonatigen Programms hin. Und die versprochene Beratung durch Mentoren aus dem Topmanagement habe sich in der Realität als kurzes Gespräch bei einem Kaffee entpuppt. Geholfen habe die Partnerschaft mit der Bahn kaum.

Enttäuscht von der Deutschen Bahn

Der Konzern hält das jedoch für einen bedauerlichen Einzelfall: "Es kommt auch mal vor, dass eine Idee nicht weiterverfolgt wird", sagt Onno Szillis, der den Bahn-Accelerator führt.

Doch mittlerweile betreue das Unternehmen elf Start-ups intensiv. "Mit acht davon haben wir bereits konkrete Produkte für unsere Kunden entwickelt oder sind kurz davor", sagt Szillis.

Sicher, Enttäuschungen gibt es immer wieder. Ein Grund mehr für Gründer, auf das Kleingedruckte zu achten. Vor der Zusammenarbeit schließen Start-up und Konzern einen Vertrag. Der kann auch eine Wandelanleihe-Klausel beinhalten. Heißt konkret: Gefällt dem Unternehmen das Produkt nach Ende des Programms nicht, muss das Start-up das Geld zurückzahlen. Die Konzerne gehen dann kein echtes Risiko ein.

Auch deshalb werden sie von vielen Experten kritisiert. Andreas Thümmler ist Managing Partner bei Acxit Capital Partners, er berät Unternehmen bei Übernahmen und Beteiligungen. Thümmler bezeichnet viele Acceleratorprogramme als "PR-Show".

Warten auf das nächste "Facebook"

Dabei könnten sie beiden Seiten durchaus nützen. Entscheidend sind jedoch die genaue Umsetzung – und die Erwartungen. "Manch' ein Manager glaubt, dort das nächste Facebook zu entdecken", sagt Torsten Oelke, der für Immobilienscout24 einen der ersten deutschen Firmeninkubatoren aufgebaut hat.

Die Hoffnung hat auch die Allianz, dessen Accelerator an Google X erinnert, das Forschungslabor von Alphabet. In München sollen künftig ebenfalls weltverändernde Innovationen entstehen. "Moonshots sind möglich und erwünscht", sagt Solmaz Altin, Chief Digital Officer der Allianz.

Oelke hat da so seine Zweifel: "Das können die Modelle nicht leisten."

Denn vor allem erfolgversprechende Gründer meiden die Programme und suchen sich lieber eine Finanzierung bei bekannten Wagniskapitalgebern. Die investieren nämlich deutlich höhere Summen – und schießen im Gegensatz zu vielen Unternehmen bei Bedarf später Geld nach. Zudem fürchten manche Start-ups und auch Investoren, die frühe Beteiligung von Unternehmen mit eigenen strategischen Interessen könne später hinderlich sein – beispielsweise bei einem möglichen Verkauf an Wettbewerber.

Zusammenarbeit fördert Kulturwandel

Um neue Ideen und Partner zu entdecken, Talente zu binden oder von Start-ups zu lernen, eignen sie sich jedoch durchaus. Daher fördert Bayer seit 2014 Start-ups mit dem Programm Grants4Apps: Die Unternehmer können Labore in Berlin nutzen und bekommen bis zu 50.000 Euro Unterstützung. "Uns ist klar, dass dort nicht das nächste Blockbuster-Medikament entsteht", sagt Johannes Schubmehl, der das Programm bei Bayer koordiniert, "doch das erwarten wir auch gar nicht."

Dafür trage die Zusammenarbeit zu einem kulturellen Wandel im Großkonzern bei.

Schubmehl beeindruckt besonders die Schnelligkeit, mit der Gründer Ideen im Zweifelsfall wieder aufgeben. Um diese Mentalität auch im Konzern zu fördern, wurde ein Fail-Forward-Award eingeführt, mit dem gescheiterte Projekte ausgezeichnet werden.

Ein weiteres Problem der Acceleratorprogramme besteht darin, dass sie sich meist an Gründer richten, die erst am Anfang stehen. Damit fallen jedoch ältere Start-ups heraus, die bereits ordentliche Umsätze erzielen. Dabei sind genau sie für Konzerne eigentlich besonders interessant, haben sie doch bereits gezeigt, dass ihre Idee funktioniert. Wenn sich ihre Produkte noch dazu an Geschäftskunden richten, würden Unternehmen von der Zusammenarbeit erst recht profitieren. Doch oft kommt der Kontakt gar nicht erst zustande.

Genau hier setzt Torsten Oelke an. Deshalb organisiert er im Mai nächsten Jahres mit der Messe Berlin eine neue Veranstaltung namens Cube Tech Fair. Dort sollen sich gezielt Industrie und Start-ups aus verschiedenen Bereichen treffen.

Um gute Gründer zu ködern, gibt es einen Start-up-Wettbewerb – der Sieger erhält eine Million Euro.

Doch Cube soll auch darüber hinaus als Netzwerk funktionieren. "Konzerne und Start-ups kommen immer noch aus zwei Welten", sagt Oelke, "wir wollen zwischen beiden vermitteln."

So helfe man beispielsweise dabei, die richtigen Ansprechpartner in Großunternehmen zu finden oder vermittle Kontakt zu Start-ups. Keine Frage, wenn Gründer auf Konzerne treffen, gibt es eine Reihe von Konflikten.

Die Entscheidungswege in Unternehmen sind traditionell länger, die Bürokratie oft hinderlich: Um Geschäfte miteinander zu machen, müssen auch Start-ups erst einmal im Einkauf als Lieferanten gelistet sein, manchmal erfüllen sie festgelegte Kriterien wie Umsatzgrößen nicht. Oder die Konzernbuchhaltung verlangt, dass für den Erhalt eines Fax' eine Auftragseingangsbestätigung verschickt wird.

Prozesse nicht immer einfach

"Wir haben deswegen sogar eine Faxsoftware angeschafft", sagt Catharina van Delden, Geschäftsführerin des Start-ups Innosabi. Die Münchner bieten eine Onlineplattform, auf der Unternehmen gemeinsam mit Kunden neue Produkte entwickeln können. Open Innovation heißt das auf Neudeutsch. Mit über 200 Unternehmen, darunter Bayer, E.On, der Postbank oder Edeka, hat Innosabi schon zusammengearbeitet.

Auch Volkswagen will die Prozesse für Start-ups vereinfachen. Bislang dauert es meist mehrere Wochen, bis ein neues Unternehmen vom Einkauf als Zulieferer akzeptiert ist. Das Verfahren soll einfacher und kürzer werden. Der Autobauer hat erst kürzlich damit begonnen, bei Start-ups nach neuen Geschäftsideen Ausschau zu halten.

"Auch als Unternehmen befinden wir uns hier in der Lernphase", sagt Jennifer Geffers, die bei VW das Ideation:Hub leitet. Sie veranstaltet Hackathons und eröffnet Innovationslabore. Ob die Wolfsburger wie BMW und Daimler auch einen Accelerator starten, wird derzeit noch intern diskutiert. Bis dahin setzt das Unternehmen auf Oelkes Netzwerk Cube und hofft auf Kontakt zu internationalen Start-ups aus vielen Bereichen, von Robotics über Spracherkennung bis hin zu künstlicher Intelligenz.

Vom Produkt zurück zu den Kundenproblemen denken

Aber was genau können Konzerne von Start-ups lernen? "Aus der Kundenperspektive zu denken", sagt Stefan Groß-Selbeck. Der 49-Jährige war Deutschlandchef von Ebay und Chef von Xing. Nun leitet er BCG Digital Ventures.

Mit der Digitaltochter hilft die Beratung Unternehmen, neue Geschäftsmodelle für die digitale Welt zu entwickeln. Viele Konzerne denken zu viel daran, welche neuen Produkte sie verkaufen können, findet Groß-Selbeck, und zu wenig daran, welche Probleme ihre Kunden haben.

Diese Frage stand auch im Zentrum eines Projekts mit Bosch. Das Ergebnis: ein Sharingdienst für Elektroroller namens Coup. Das Bosch-Start-up startete Anfang August in Berlin, 200 Elektroroller können Kunden dort mieten. Damit macht der Konzern Emio Konkurrenz. Bosch hatte überlegt, mit dem Start-up zu kooperieren oder das Unternehmen zu übernehmen. "Kaufen oder selber machen, das ist immer eine Frage", sagt Coup-Chef Mat Schubert. Doch die Bewertungen für Jungunternehmen in dem Bereich seien hoch. "Und wir hatten eigene Vorstellungen, wie der Service aussehen muss."

Wenn erfolgreiche Wagniskapitalgeber in Start-ups investieren, planen sie in Zeiträumen von fünf bis zehn Jahren. Die Konzerne müssten genauso langfristig denken, sagt Groß-Selbeck. In dieser Hinsicht liegt Daimler richtig. Das Projekt des Autobauers hat einen 20-Jahres-Horizont: Das neue Innovationszentrum heißt Arena2036 – das Jahr, in dem Carl Benz’ erster Motorwagen 150 Jahre alt wird.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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