Gründer Jagd nach Fans und Followern

Mein Tweet, meine Fanpage, mein Blog: Kein Startup kann es sich leisten, in sozialen Netzwerken nicht präsent zu sein. Wie Jungunternehmer von den neuen Kommunikationskanälen profitieren und welche Fehler sie vermeiden sollten.

Jens Tönnesmann / Wiwo.de | , aktualisiert


Foto: G. Altmann/Pixelio
Grillen für die Multiplikatoren

Bier, Brötchen, Bratwürste und ein Tweet: Das reichte den Gründern der Internet-Plattform Friendticker, um auf der Internet-Konferenz Next zum Gesprächsthema zu werden. Und zwar ohne selbst im Saal zu sein. Auf der Veranstaltung treffen sich Internet-Experten, Marketingprofis und Journalisten – also all jene Multiplikatoren, die Friendticker bekannter machen könnten. Doch die Teilnahme kostet rund 1000 Euro.

„Wir standen vor dem üblichen Startup-Problem“, sagt Gründer Florian Resatsch. „Uns fehlte das Geld.“ Also rückten die Jungunternehmer ohne Eintrittskarten, dafür aber mit Grill und Fleisch an. Und sie informierten die Konferenzteilnehmer per Mikrobloggingdienst Twitter über das „Guerilla-Grillen“ mit Freibier und Gratis-Steaks vor der Tür.

Der Tweet verbreitete sich binnen Minuten wie ein Lauffeuer. Rund 50 Besucher konnten die Gründer anlocken und ihnen von ihrem Unternehmen erzählen. „Unterm Strich hat die Aktion nur halb so viel gekostet wie ein einziges Ticket“, sagt Resatsch, „aber sie war mindestens doppelt so wirksam.“

Große Party in sozialen Netzwerken

Twittern, bloggen, facebooken: Fast jedes zweite deutsche Unternehmen kommuniziert heute in sozialen Netzwerken, wie eine Studie des Marketingdienstleisters eCircle belegt. Rund 80 Prozent von ihnen setzen auf Facebook – so viele setzen auf kein anderes soziales Netzwerk. Das ist wenig überraschend: Allein die Zahl der Facebook-Nutzer in Deutschland ist seit Oktober 2008 von 1,2 auf rund 20 Millionen gestiegen.

Das klingt nach einer großen Party, auf der jeder mitfeiern möchte und die nicht einmal Eintritt kostet. Gerade für Gründer, die zumeist ohne große Budgets auskommen müssen, macht das die neuen Kommunikationskanäle besonders attraktiv. „Auf Twitter und bei Facebook mischt inzwischen fast jedes Startup mit“, hat Alexander Hüsing vom Portal Deutsche-Startups.de beobachtet.

Der Nutzen, den Unternehmen daraus ziehen können, ist vielfältig. HackFwd aus Hamburg etwa, das wie ein Inkubator selbst neue Internet-Startups aufbaut, verbreitet via Twitter regelmäßig Videos von Vorträgen der Experten, die auf seinen Entwickler-Konferenzen auftreten. Die Strategie, im sozialen Netz Inhalte zu verschenken, hat dem Unternehmen geholfen, mit weniger als 300 abgesetzten Kurznachrichten auf Twitter mehr als 3000 Follower hinter sich zu versammeln – darunter viele Gründer und Investoren.

Die wiederum „retweeten“ die Kurznachrichten von HackFwd, leiten sie also an ihr eigenes Netzwerk bei Twitter weiter, und erleichtern dem Unternehmen so die Suche nach Mitarbeitern oder Testern für neue Projekte. Dass über Twitter mitunter sogar Gründer zusammenfinden, zeigt die Geschichte von Philipp Gloeckler und Stephan Uhrenbacher, die den Online-Marktplatz Avocado Store aufgebaut haben. Das Startup nutzt soziale Netzwerke heute wie die meisten Unternehmen in erster Linie, um den Kontakt zu Kunden zu pflegen oder neue Kunden anzulocken.


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Klassisches Marketing ist nicht zu unterschätzen

So finden sich auf der Internet-Plattform unter jedem angebotenen Artikel Buttons, über die sich Produkte mit einem Klick an eigene Online-Freunde empfehlen lassen. Fast schon ein Muss für alle, die ihre Produkte im Netz anbieten. Allerdings eignen sich die Web-Kanäle nur begrenzt für den Absatz. Wenn es darum geht, möglichst schnell viele Produkte zu verkaufen, ist klassisches Marketing nützlicher, sagt etwa Karen Heumann, Strategievorstand bei der Werbeagentur Jung von Matt.

Beispiel Chocri: Das Unternehmen, das Schokoladentafeln nach Kundenwunsch herstellt und über das Internet vertreibt, hat zwar inzwischen mehr als 30.000 Facebook-Fans und rund 1.200 Follower bei Twitter. Aber laut Gründer Franz Duge werden nur rund fünf Prozent des Umsatzes über die sozialen Netzwerke generiert.

Fernsehwerbung dagegen bringe ihm deutlich mehr. Unbestritten ist, dass die neuen Kanäle die Kommunikation mit den Kunden effizienter und günstiger machen, wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens McKinsey zeigt. Darin erklärten knapp zwei Drittel der Unternehmen, mit sozialen Medien effektiveres Marketing zu betreiben; die Hälfte war sich sicher, Kunden so auch zufriedener zu machen.

Echte Fangemeinde bleibt aus

Gerade für Gründer mit wenig Geld klingt das verlockend. Manche lassen nichts unversucht, um schnell an viele Fans zu kommen. Klug ist das aber nicht. Im Mai erst riefen die Leipziger Startups Lecturio und Pharetis zu einem sogenannten Facebook-Battle auf. Gewinnen sollte das Unternehmen, das innerhalb von vier Wochen mehr Fans anlocken würde. Der Anreiz: Gutscheine.

Das brachte zwar einige -Hundert neue Fans. Experten  raten von solchen Werbeaktionen aber ab: „Wer Leute derart ködert, bekommt Schein-Fans, die sich nicht für das Unternehmen oder das Produkt interessieren“, sagt Martin Oetting, Experte für Virales Marketing beim Marketingdienstleister trnd. In sozialen Netzen gilt für Gründer vielmehr, was auch für Rockbands gilt: „Sie sollten damit rechnen, erst mal eine Weile in leeren Hallen zu spielen, bis sich eine echte Fangemeinde bildet.“

So wie es die Brüder Matti und Yannis Niebelschütz und Patrik Wilhelm getan haben. Das Trio hat vor drei Jahren das Unternehmen MyParfuem gegründet. Auf der Internet-Plattform können Kunden Parfüms kreieren und bestellen – rund 50.000 haben das seit 2008 gemacht. Knapp 1.300 Fans zählt das Startup auf seiner deutschen Facebook-Seite. Fans, die für das Unternehmen inzwischen sogar gelegentlich den Kundendienst übernehmen: „Ich habe einen Duft bestellt, und der war grauenhaft“, schrieb kürzlich eine Kundin auf der Fanseite des Startups. Prompt löste eine andere das Problem: „Man kann das Parfüm aber doch zurückgeben, wenn es einem nicht gefällt.“

Mit den Kunden in Kontakt

Eine derart rege Fangemeinde aufzubauen kostet viel Ausdauer. Matti Niebelschütz ist quasi permanent online und hat die Fanseite im Blick. Außerdem nimmt er sich pro Woche etwa vier bis fünf Stunden Zeit, um neue Blogbeiträge zu schreiben oder mit Kunden zu kommunizieren – mitunter auch abends und am Wochenende.

Anfangs bekam das kaum jemand mit: Als die Gründer im Sommer 2008 den ersten Blogbeitrag verfassten, gab es nicht einen Kommentar. Doch das Trio bloggte weiter, stellte neue Mitarbeiter vor und berichtete über den Umzug in größere Räume – Schnappschüsse inklusive. Aus Sicht von Alexander Hüsing vom Portal Deutsche Startups ist das genau richtig: „In sozialen Netzwerken muss man mehr bieten als die üblichen Pressemitteilungen oder stumpfe Produkthinweise“, sagt Hüsing. „Die Nutzer müssen das Gefühl haben, nah dran zu sein.“
 


Foto: G. Altmann/Pixelio
Kritisches Feedback

Immer wieder ließ Niebelschütz die wachsende Fangemeinde daher mitentscheiden, welche neuen Düfte ins Sortiment aufgenommen oder in welchen Flakons die Parfüms geliefert werden sollen. Mit Erfolg. Schon ein paar Wochen nach dem Start beteiligten sich an Wahlen einige Hundert Fans. Das wiederum half dem Startup, Produkte anzubieten, die sich später auch verkauften.

Weil kritisches Feedback jungen Unternehmen gerade in der Startphase enorm hilft, haben etwa der Social-Game-An-bieter Fliplife und die Online-Bibliothek PaperC eigens Plattformen im Netz eingerichtet, auf denen ihre Nutzer Verbesserungsvorschläge machen und über die Vorschläge der anderen Nutzer diskutieren können. So bekommt zwar jeder mit, was nicht funktioniert – die Gründer erfahren aber auch, welche Probleme am meisten Ärger bereiten, und können ihren Nutzern demonstrieren, wie sie die lösen.

„Open Innovation“ nennen Forscher wie der Aachener RWTH-Professor Frank Piller das Prinzip, wenn man Kunden an der Entwicklung des eigenen Produkts beteiligt.

Mit "Open Innovation" zum Erfolg

Sven Matschinsky und Oliver Baumgart versuchen auf der Basis gar ihr komplettes Geschäftsmodell aufzubauen. Die beiden Designer haben das Unternehmen Flaek gegründet und einen neuen Turnschuh entwickelt. Los ging es vor zwei Jahren, als sie im Blog ihr Vorhaben sowie die nächsten Meilensteine bekannt gaben – Details, die andere Gründer allenfalls ihrem Businessplan anvertrauen.

Etwas später veröffentlichte das Duo die erste Skizze des Schuhs und befragte die Facebook-Fans zu Vorlieben und Preisvorstellungen. Um Tester für den Prototypen zu finden, riefen sie die Fans gar auf, ihre Füße zu vermessen und sich zu bewerben – knapp 100 von ihnen nahmen den Aufwand auf sich, trugen die Schuhe eine Weile und schickten sie samt Verbesserungsvorschlägen zurück.

Das alles hat die Entwicklung nicht unbedingt beschleunigt, aber verbessert. Als die Flaek-Gründer endlich mit der Produktion begannen, hatten die Fans sie nicht vergessen, im Gegenteil: Sie reagierten mit Kommentaren wie „Platze vor Spannung“ und „ich freu mich sooooo“. In Kürze wollen die Turnschuhmacher mit dem Verkauf beginnen – auf die ersten Bestellungen werden sie nicht lange warten müssen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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