Gründer in Deuschland Undankbar. Unzufrieden. Unersättlich.

Deutschlands Gründer sind unzufrieden mit der Politik, obwohl der Staat viele von ihnen fördert. Doch sie wollen mehr.

Jens Tönnesmann , Zeit.de | , aktualisiert

Undankbar. Unzufrieden. Unersättlich.

Unzufriedene Gründer 2

Foto: twinsterphoto / Fotolia.com

Ja, so sind sie, diese Start-up-Typen: Sie tragen Hoodies und duzen alle, kickern viel und trinken noch mehr Club Mate. Wie viel an den Klischees dran ist, hat der Bundesverband Deutsche Startups nun ermittelt: In fast allen Start-ups sind Kapuzenpullover am Arbeitsplatz erlaubt, drei von vier haben höchstens zwei Hierarchieebenen, Chefs und Nicht-Chefs nämlich, jedes vierte besitzt einen Kickertisch, immerhin jedes zehnte beschäftigt eine sogenannte feel good-Oma oder Start-up-Oma, die fürs Team kocht und backt, mit ihm lacht und weint, je nachdem, wie es gerade läuft – und jeder sechste Befragte nennt Mate sein Lieblingsgetränk. Zu diesen Ergebnissen kommt der aktuelle Deutsche Startup Monitor des Verbands, der in dieser Woche erschienen ist und als wichtigste Studie über junge Unternehmen in Deutschland gilt.

Jenseits der Klischees zeigt die Studie aber auch, was für deutsche Start-ups sonst noch typisch ist: etwa dass inzwischen schon 30 Prozent ihrer Mitarbeiter aus dem Ausland stammen und dass nach wie vor die große Mehrheit der Unternehmen von Männern gegründet wird, nämlich rund 86 Prozent. Dass der Mehrheit der Gründer Umwelt und Nachhaltigkeit wichtig sind und dass sie im Schnitt 14,4 Arbeitsplätze schaffen. Vor allem aber zeigt die Studie: Deutschlands Start-ups bauen sehr auf Geld vom Staat – und trotzdem sind ihre Gründer, paradoxerweise, äußerst unzufrieden mit der Politik. Jeder vierte Befragte will keinem Parteichef eine besondere Gründerkompetenz attestieren; Angela Merkel kommt nur auf magere zwölf Prozent Zustimmung. Die Bundeskanzlerin, das ist klar, ist aus Sicht von Deutschlands Gründern eben keine feel good-Start-up-Oma.

Jeder dritte Gründer besorgt sich Kapital beim Staat

Dabei hätte sie den Titel sogar verdient. Wer in Deutschland gründet, tut das laut dem Monitor in etwa acht von zehn Fällen mit eigenem Geld. Viele Unternehmen würde es nicht geben, wenn ihre Gründer dafür nicht ihre Konten plündern würden – das zeigt ihren Mut zum Risiko, den man nicht hoch genug schätzen kann. Doch schon an zweiter Stelle – und damit vor Familienmitgliedern, privaten Investoren, professionellen Wagnisfinanzierern oder den übervorsichtigen Banken – steht Vater Staat: Jeder dritte Start-up-Gründer besorgt sich bei ihm Kapital. Das kann zum Beispiel der Gründungszuschuss für Arbeitslose sein oder das Exist-Gründerstipendium für Ausgründungen aus der Wissenschaft, es kann sich um einen staatlichen Zuschuss zu Investitionen externer Geldgeber handeln oder eine Beteiligung des Staates am Unternehmen, etwa über den halbstaatlichen High-Tech Gründerfonds.

Vater Staat und Oma Merkel – sie gründen längst in vielen Fällen mit. Und weiten ihr Engagement weiter aus. In diesem Jahr erst hat die Bundesregierung neue Programme aufgelegt: Im März etwa verkündete Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Startschuss für Coparion – einen 225 Millionen Euro schweren Fonds, der Seite an Seite mit privaten Geldgebern Unternehmen in der Start- und Wachstumsphase finanzieren soll. Dazu weitere 500 Millionen Euro für Unternehmen, die schon etwas weiter sind. Im Sommer wurde bekannt, dass das Bundesfinanzministerium einen zehn Milliarden Euro schweren Tech Growth Fund plant, aus dem Start-ups zinsgünstige Kredite bekommen sollen.

In Deutschland gibt es wenige Privatinvestoren – dafür springt Vater Staat in die Bresche

Das Engagement der Politik hat Gründe: In Deutschland spielt der Staat bei der Finanzierung junger Unternehmen eine deutlich wichtigere Rolle als in anderen Ländern – auch weil Wagniskapital hierzulande deutlich knapper ist als zum Beispiel in den USA. Das gilt unter anderem für Privatinvestoren, die meist in der Frühphase eines Unternehmens investieren. In Deutschland gibt es davon schätzungsweise einige Tausend – in den USA sollen es mehrere Hunderttausend sein. Und auch professionelle Wagniskapitalgeber, die Start-ups in späteren Phasen beim Wachstum helfen, sind hier schwerer, investieren insgesamt weniger und in sparsameren Dosen als auf der anderen Seite des Atlantiks. Deutschlands Start-up-Gründer müssten der Politik eigentlich dankbar sein, dass sie seit Jahren versucht, diese Lücke zu schließen. Zumal sie dabei eher die innovationsgetriebenen Jungunternehmen ins Visier nimmt, als die Selbstständigen mit der Gießkanne zu fördern.

Doch die Anerkennung bleibt aus: Deutschlands Start-up-Gründer bewerten die Bundesregierung laut dem Startup Monitor im Schnitt mit der Schulnote "ausreichend" und sogar etwas schlechter als noch im vergangenen Jahr. Etwa die Hälfte attestiert ihr ein ungenügendes oder mangelhaftes Verständnis für Start-ups – obwohl alle möglichen Minister und Abgeordneten in den vergangenen Jahren Ausflüge in die Welt der Gründer unternommen haben, mit ihnen ins kalifornische Silicon Valley gereist sind, sich auf Messen wie der Cebit regelmäßig deren Ideen zeigen und deren Sorgen schildern lassen und obwohl das Wirtschaftsministerium mit dem Beirat Junge Digitale Wirtschaft den Start-up-Gründern ein Forum unter seinem Dach geschaffen hat. Dafür bekommt die Politik zwar höflichen Applaus von den beteiligten Gründern, an der grundsätzlichen Einstellung in der Start-up-Szene aber ändert das offensichtlich nichts.

Stattdessen gibt es Kritik, etwa an den Gesetzen und Regelungen, die jungen Unternehmen das Leben schwer machen. Der Abbau von regulatorischen und bürokratischen Hürden ist der größte Wunsch der Gründer an die Politik. Doch gleich danach geht es um Geld: Die Jungunternehmer erwarten Steuerreduktionen, noch mehr Hilfe bei der Beschaffung von Kapital und Unterstützung für Wagniskapitalgeber. Viel Geld vom Staat zu bekommen hält sie offenbar nicht davon ab, noch mehr von ihm zu fordern.

Spezielle Angebote der Bundesregierung werden kaum in Anspruch genommen

Das ist insofern verwunderlich, weil einige Angebote der Bundesregierung weniger stark nachgefragt werden als erwartet. Ein gutes Beispiel ist der Investitionszuschuss Wagniskapital, genannt Invest. Private Kapitalgeber bekommen dabei 20 Prozent ihrer Investition steuerfrei erstattet, wenn sie sich mit mindestens 10.000 Euro an einem Start-up beteiligen. Das soll ihnen den Einstieg erleichtern – und den Jungunternehmern helfen, sogenannte Business-Angels zu finden. Doch das gelang langsamer als erhofft: Seit dem Start des Programms wurden deutlich weniger Mittel abgerufen, als im Haushalt bereitgestellt waren. Mitunter sind also mehr die Gründer und ihre Geldgeber gefordert als die Behörden, die sie zusammenbringen sollen.

Die Politik tut gut daran, den Start-up-Gründern Gehör zu schenken, Bürokratie abzubauen, alte Regeln zugunsten innovativer Geschäftsmodelle zu überdenken, ihnen die Suche nach Mitarbeitern aus dem Ausland zu erleichtern. Aber es wäre falsch, dort noch mehr Geld bereitzustellen, wo private Geldgeber gefordert sind – das würde falsche Anreize setzen.

An der Einstellung der Gründer zur Politik würde es vermutlich auch nicht viel ändern. Start-up-Entrepreneure tragen eben nicht nur Hoodies und mögen Mate, sie sind auch schlecht auf Politiker zu sprechen. Das gehört zu ihrem Selbstverständnis wohl dazu.


Zuerst veröffentlicht auf: zeit.de

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