Gründer im Ruhrgebiet Kreatives Feuerwerk erwartet

Das Ruhrgebiet hat alle Zutaten für Startups: Freiraum, Universitäten, günstige Mieten und eine gute Infrastruktur. Neue Unternehmen gründen will dort trotzdem niemand – das kann sich bald ändern.

von Fabian Heuser, wiwo.de | , aktualisiert

Kreatives Feuerwerk erwartet

Foto: Rupert Oberhäuser/ruhr2010

Wenn man die kalifornische Küste hoch fährt und sich von der szenischen Route One löst und den Highway 101 nimmt, dann fährt man nach San Jose durch eins der spannendsten Experimente der vergangenen Jahrzehnte: das Silicon Valley. Hier, wo Unternehmen wie Apple, Google, Facebook ihren Sitz haben, ist – wenn man so will – der Ort für Träume.

Derzeit wird Berlin von einem ähnlichen Gründergeist erfasst. Nach einer Studie der Investitionsbank Berlin-Brandenburg (IBB) liegt der Anteil der digitalen Wirtschaft an der gesamten Berliner Wirtschaftsleistung bereits vor der Baubranche (3,7 Prozent) und fast gleichauf mit dem Tourismus (4,3 Prozent). Sie erreicht bei einer Bruttowertschöpfung von 3,9 Milliarden Euro jährlich einen Anteil von 4,2 Prozent an der gesamten Berliner Wirtschaftsleistung.

Geballtes Berlin

Im Gegensatz zu Berlin ist das Silicon Valley aber keine Stadt, sondern ein urbanes Ballungsgebiet mit vier Millionen Einwohnern – mit Industrie, mit Universitäten, mit einer guten Infrastruktur und Heimatverbundenheit. In Europa erfüllt vor allem das Ruhrgebiet als Metropolregion diese Voraussetzungen. Eine Gründerszene gibt es hier jedoch nicht. In Berlin kommen in der Digitalen Wirtschaft 2,8 neu gegründete Betrieben auf 10 000 Erwerbstätige. In Köln und Düsseldorf sind es immerhin 1,7, beziehungsweise 1,6 – in Dortmund nur 0,8. Was ist das Problem?

Sebastian Deutsch ist Gründer der Bochumer Software-Schmiede 9elements. Das Unternehmen bedient hauptsächlich Kundenprojekte. Ausgründungen – wie meinpraktikum.de oder watchlaterapp.com - sind eher die Ausnahme. Aus Deutsch’s Sicht gibt es im Ruhrgebiet nur eine sehr kleine Gründerszene.

Er glaubt, ein Problem sind die Stadtgrenzen. Er musste die Gründer von meinpraktikum.de erst überzeugen, von Witten/Herdecke nach Bochum zu ziehen. "Es ist noch ein Riesenweg hin zu einem regionalen Denken", so Deutsch. Hinzu kommt die mangelnde Interdisziplinarität. Ein Beispiel: Design-Studenten der Folkwang-Universität in Essen treffen selten auf Entwickler aus Dortmund. .

Manuel Schoebel ist selbstständiger Webentwickler und coacht Studenten mit Unternehmergeist im Start-P-Büro am Campus der Universität Duisburg-Essen. Er vermisst für ein wachsendes Startup-Ökosystem elementare Dinge wie Tech-Konferenzen, bei denen es einen Austausch zwischen den Disziplinen geben könnte..

Das Ruhrgebiet kämpft gegen schlechtes Image

Man muss sich aber auch nicht organisieren und gründen. In der Gegend gibt es diverse DAX- und Großunternehmen, denen man als Entwickler seine Dienste anbieten kann. Eine Risikokultur wurde und wird durch die sicheren Karrieren in Großunternehmen nicht gefördert. Der Aufbau einer Gründerkultur- und Szene ist schwierig. In Berlin wurde hingegen die Not zur Tugend gemacht, bejubelt und unterstützt durch diverse Artikel der internationalen Tech-Presse.

Das so entstandene Image spielt eine Rolle. 9elements hat Büros in Berlin und Bochum. Und oft ist Enttäuschung bei den Bewerbern spürbar, die einen Job im Pott angeboten bekommen. "Das ändert sich dann, wenn man die Leute einmal nach Bochum oder ins Ruhrgebiet einlädt, um es zu erleben", so Deutsch. Vielen sei das Ausmaß des ökonomischen und kulturellen Angebots nicht bewusst.

Tatsächlich kostete der Quadratmeter zur Miete im Winterquartal 2012 in Essen und Dortmund 6,24 Euro. In Berlin ist es mittlerweile ein Euro mehr. Dafür hat die Hauptstadt mittlerweile weltweit den Ruf einer grenzenlosen Stadt. Ein Image, das der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, seit dem "arm, aber sexy"-Interview im Jahr 2003 kultiviert. Das Ruhrgebiet wirkt – trotz seiner großartigen Gründerhistorie – eher leicht angerostet.

Dabei ist hier eine in Europa unvergleichbare Infrastruktur vorhanden. Tobias Schiwek hat das Kölner Startup endore.me gegründet. Zugegeben: Köln ist nicht das Ruhrgebiet. Aber auch Köln und Düsseldorf sind an das Verkehrsnetz angebunden, das die deutschen Ballungsgebiete und Benelux verbindet.

Schiwek sieht viele Gründer im traditionellen Denken verhaftet. Statt Startup firmiere man lieber als KMU. Auch Software-Schmieden würden eher im Schatten der Industrie programmieren und nicht verstehen, "was sie da eigentlich in den Händen halten".

Ruhrgebiet als Hackerspace?

Vielleicht liegt die Zukunft des Ruhrgebietes aber nicht in der klassischen digitalen Wirtschaft. Als industrielle Herzkammer Deutschlands könnte es zum Web 3.0-Zentrum und zur Wiege des Maker-Movements werden. Coder treffen hier auf Schrauber.

9elements organisiert alle zwei Monate ein lokales JavaScript Meetup, das jedes Mal rund 50 Entwickler anzieht. Die Veranstaltung findet im Hackerspace Das-Labor statt. Hier wird gelötet, gebastelt und gelasert. Ein weiterer Ort für solche Treffen ist das Unperfekthaus in Essen. Vielleicht entspringt hier der Funken, der für eine Startup-Story sorgt.

Metropolregion lockt mit Industriebrachen 

Prinzipiell steht das Ruhrgebiet ja für "hands on", so Deutsch: "Wenn man etwas im Ruhrgebiet machen will, dann muss man es halt tun. Platz ist da." Die Industriebrachen haben Potenzial, um attraktive Stadträume zu entwickeln, meinen Forscher des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule.

Im Gebiet des Regionalverbands Ruhr (RVR) gibt es 12 662 Hektar ehemaliger und noch aktiver Übertagebetriebsflächen des Ruhrbergbaus &ndahs; drei Prozent der RVR-Gesamtfläche von 436 000 ha.

Schwächephasen der Industrie sowie Freisetzungen bei Elektronikern und Mechatronikern könnten hier einen Gründerboom auslösen, erklärt Schoebel. Jede Startup-Geschichte braucht ein kreatives Fundament, das andere Kreative anzieht. Was die Musiker und Designer für Berlin waren, könnten die Schrauber und Techniker für das Ruhrgebiet sein.

Auch andere Faktoren stimmen. Rechnet man die Fernuniversität Hagen mit, dann sitzen sechs der zehn größten Universitäten Deutschlands in Nordrhein-Westfalen. Die RWTH Aachen, die Uni Köln, die Uni Bonn, die Uni Bochum, die Uni Münster sowie die Uni Bielefeld sind zudem Teil der Exzellenzinitiative der Bundesregierung.

Junges NRW

Und auch wenn es nicht so klingen mag: Mit einem Durchschnittsalter von 43,3 Jahren gehört NRW zu den fünf jüngsten Bundesländern Deutschlands. Bei den Unter 18-Jährigen haben nur Niedersachsen und Baden-Württemberg einen höheren Anteil.

Till Ohrmann ist CEO des in Köln stattfindenden Tech-Events European Pirate Summit. Er kennt viele Gründer in NRW, die sagen, dass sie genug haben von der Digitalwirtschaft. Es ist alles zu wenig greifbar geworden. "Die wollen wieder physische Dinge auf dem Schreibtisch liegen haben", so Ohrmann.

Gründerboom kann kommen

Dann käme ihnen einen Markt von mehreren Millionen Abnehmern in der Nachbarschaft sehr entgegen. Das ist ganz im Sinne des Tech-Visionärs Chris Anderson, der in seinem Buch "Makers" schreibt, dass die klügsten Köpfe einer ganzen Generation "von Software und den unendlichen Welten verführt, die online ihrer Erschaffung harrten. Jetzt gebe es wieder "gute Gründe, sich die Hände dreckig zu machen".

Das Bruttoinlandsprodukt von NRW ist mit 582 Milliarden Euro auf einem Höchststand. Und auch die Anzahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe stieg in den letzten Jahren auf zuletzt 1,21 Millionen in 2012. Zukunftssorgen hat NRW eigentlich nicht. Die Marschrichtung ist aber klar: In immer stärkerem Maße müssen Unternehmer den Wandel hin zu global agierenden Unternehmen vollziehen, hieß es beim Petersberger Industriedialog 2013 der IHK NRW – eine kreative Maker-Kultur könnte den Kulturwandel anführen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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