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Gründen in den USA Fuß fassen im Tal der Hoffnungen

Die Heimat von Google, Facebook, Apple und Twitter zieht Talente aus aller Welt an. Die amerikanischen Einwanderungshürden sind zwar hoch, doch deutsche Jungunternehmer schaffen es dennoch ins Silicon Valley.

Axel Postinett | , aktualisiert


Foto: olly / Fotolia.com

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

An manch sonnigen Vormittagen schwingt sich Frederik Fleck aufs Fahrrad. Dann fährt der Deutsche von seinem Haus im historischen Fort Mason, das den Eingang der Bucht von San Francisco bewacht, vorbei an den Restaurants der Fisherman's Wharf zu den gläsernen Fassaden der Hochhäuser im Financial District.

Hier befindet sich das Büro von Richmond View Ventures, das junge Internet-Unternehmen finanziert und bei dem Fleck Partner ist.

Seit zwei Jahren lebt der 35-Jährige in Kalifornien, investiert in Start-ups wie dem Online-Musikservice Simfy und gründet auch selbst. "Das hier", sagt er und meint San Francisco und das Silicon Valley, "ist wie Disneyland für Gründer."
 
Kreatives Klima

Im Norden Kaliforniens, zwischen San José und San Francisco, herrscht ein kreatives Klima wie sonst nirgendwo auf der Welt. In der Heimat von Google, Facebook, Apple und Co. werden die High-Tech-Trends von morgen erdacht.

Um am Puls der Zeit zu sein, reist zum Beispiel die Führungsriege von Burda Digital aus München einmal jährlich an. Und der Springer-Verlag schickt im September Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, Vermarktungschef Peter Würtenberger und Idealo-Chef Martin Sinner für ein halbes Jahr als Ideenscouts nach Kalifornien. Denn entlang des Highways 101, der pulsierenden Lebensader des Valleys, schießen die Start-ups beinah wie Pilze aus dem Boden, viele von ihnen haben ausländische Chefs.


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Allen voran Inder, Taiwanesen und Chinesen, aber immer öfter auch Deutsche. Denn hier findet sich alles, um aus einer Idee rasch Realität werden zu lassen: Kapital, Fachleute und - am allerwichtigsten - engmaschige Netzwerke, um überhaupt an Entscheider und Geldgeber heranzukommen. 

Wie schwierig das ist, weiß Luis Arbulu. Der frühere Google-Manager und Mitgründer des Start-up-Inkubators Hattery Labs in San Francisco sagt: "Du kannst hier jemandem 50 E-Mails mit deiner Unternehmensidee schicken und bekommst nie eine Antwort. Aber wenn dich hier jemand vorstellt, den der Wagniskapital-Manager kennt, dann liest er auch, was du ihm gibst."

Doch wie verschaffen sich junge deutsche Gründer ohne Startkapital Zugang zum kalifornischen Zirkel der Macht? Wer sich nicht für die Starthilfe des Bundeswirtschaftsministeriums qualifiziert, das über sein Programm "German Silicon Valley Accelerator" erfolgversprechende Gründer für drei Monate ins "Plug and Play Tech Center" im Silicon Valley schickt, macht am besten einen ausgedehnten Kalifornien-Urlaub.

Netzwerken in den Pseudo-Ferien

Deutsche Staatsbürger dürfen ohne Visum bis zu 90 Tage in den USA bleiben. Es ist zwar verboten, währenddessen zu arbeiten oder ein Unternehmen zu gründen. Aber zur Kontaktaufnahme lassen sich die Pseudo-Ferien hervorragend nutzen: Fast täglich gibt es Veranstaltungen, auf denen sich zwanglos Leute kennenlernen lassen.
 
Organisiert werden sie von den High-Tech-Organisationen, Universitäten oder Unternehmen der Region. Wer schon zuhause in der Internet- oder Technologie-Szene gut vernetzt ist, sollte jemanden finden, der einen ersten Kontakt ins Valley herstellen kann.


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Christian Springub schwört dazu auf Facebook. Der Mitgründer des deutschen Start-ups Jimdo, das seinen Kunden ermöglicht, auf einfache Weise eine Homepage zu gestalten, hat Anfang 2011 in San Francisco Fuß gefasst.

Gerade ist sein Unternehmen in neue Büros im Szeneviertel Mission gezogen – Dachterrasse fürs Barbecue mit den Kollegen inbegriffen. "Facebook ist eine großartige Plattform, um hier schnell Leute kennenzulernen", sagt der Hanseat.

Besonders glücklich kann sich schätzen, wer von einem neuen Kontakt eine Einladung zu einem der geselligen Freitagnachmittage erhält, mit denen viele Start-ups im Valley das Wochenende einläuten. Das sind Kontaktbörsen erster Güte.

Zugang als "party crasher"

Aber sogar geschlossene Veranstaltungen sind nicht immer unzugänglich. So mancher Gründer hat sich als "party crasher" Zugang zum Buffet und zu seinem künftigen Investor verschafft. Arbulu, selbst als Student aus Peru in die USA gekommen und mittlerweile US-Bürger, ist so etwas schon passiert – und er mag es.

"Ich will Leute mit einem Ziel und Leidenschaft", sagt er: "Und wenn es einer ohne Einladung schafft, sich bis zu mir vorzuarbeiten, dann sagt das schon was aus über ihn." Steht der Investor der Träume dann vor einem, kommt die Minute der Wahrheit. Dann muss jeder Satz sitzen, der erste Eindruck ist entscheidend.
 


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Einfach nur eine Idee zu haben, das reicht nicht. "Es sollte, wenn möglich, eine erste Version der Anwendung oder der App vorliegen, dazu noch ein klarer Businessplan", sagt Arbulu. Hat ein Investor angebissen, beginnt der schwierige Teil.
 
Von Deutschland aus muss ein Gründer-Visum für die USA beantragt werden (siehe Kasten). Frederick Fleck, der selbst mit einem Gründer-Visum in die USA eingereist ist, rät dazu, nie ohne spezialisierten Anwalt vorzugehen.

Während der Visa-Prüfungszeit können bestenfalls vorbereitende Maßnahmen ergriffen werden, etwa ein Konto eröffnet, ein Büro angemietet oder Berater engagiert werden. Auf keinen Fall dürfen Jungunternehmer mit dem Geschäftemachen beginnen.

Gefragter Enthusiasmus

Fleck hatte seinen Stempel nach etwa zwei Monaten im Pass. Wie vergeblich der Visumsantrag mitunter ist, zeigt ein Fall, von dem Paul Singh oft erzählt. Der US-Staatsbürger mit indischen Wurzeln investiert ebenfalls in erfolgversprechende Ideen.

Er erinnert sich noch gut an den jungen Mann, der ihm enthusiastisch seine Pläne schilderte. "Ich wusste sofort, ich wollte ihn haben", sagt Singh, einer der angesehensten Investoren im Silicon Valley und Partner bei 500 Start-ups in Mountain View.


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500 Startups ist ein sogenannter Seed-Investor, ein Investor der ersten Stunde, und Inkubator. Junge Unternehmer bekommen Büros, Finanzierung und Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee.
 
Sie heißen 955 Dreams, BizeeBee oder Sendgrid und geben im Gegenzug Anteile an ihrem Unternehmen ab. Zwischen 25.000 und 100.000 Dollar gibt es dann dafür und drei Monate Zeit im Inkubator. Das Motto ist simpel: Go big or go home.

Für den vielversprechenden jungen Inder, der bei Singh angeklopft hatte, hieß es schon vor dem Einzug in den Inkubator: Go home. "Es gelang nicht, ein Visum für ihn zu bekommen", bedauert Singh und fährt fort: "Er hat dann in Indien gegründet und in zwei Jahren 600 Arbeitsplätze geschaffen. Sein Gewinn liegt jenseits von 20 Millionen Dollar im Jahr."

Werben für die Einwanderungsreform

Solche Geschichten beunruhigen auch US-Präsident Barack Obama: "Wir wollen nicht, dass das nächste Intel in Indien oder China gegründet wird", warb er bei einem Besuch im Facebook-Hauptquartier für seine Einwanderungsreform.

Die Gefahr ist real. Eine Studie der amerikanischen Kauffman-Stiftung zeigt die wachsende Bedeutung von Immigranten-Gründern. Rund 25 Prozent der zwischen 1995 und 2005 in Amerika gegründeten Firmen in den Bereichen Ingenieurwissenschaften und Technologie hatten mindestens einen Mitgründer, der nicht in den USA geboren ist.


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Zusammen setzten sie 52 Milliarden Dollar um und beschäftigten 2005 rund 450.000 Menschen. Besonders das Silicon Valley zieht die Gründer aus dem Ausland an: Über die Hälfte aller Start-ups hat mindestens einen ausländischen Mitgründer, darunter so renommierte Marken wie Google oder Yahoo.

Aufgrund dessen ist zwar ein "Start-up-Visum" im Gespräch. Es steckt allerdings seit zwei Jahren in Washington fest. Daher engagieren sich Investoren wie Singh mit Silicon-Valley-Unternehmern und Vertretern der Einwanderungsbehörden in der Initiative "Entrepreneur in Residence" (EIR).

Auf dem kleinen Dienstweg suchen sie im Auftrag des Weißen Hauses Wege, um im Rahmen der bestehenden Gesetze die Visa-Erteilung für junge ausländische Unternehmer zu erleichtern. "Die Gesetze sind ja nicht falsch", sagt Singh. "Aber ein junges Unternehmen sieht heute anders aus als vor 50 Jahren.

Empfehlungen für Jungunternehmer aus aller Welt

Ein Start-up kann ich von einem Starbucks aus aufbauen." Dennoch ist ein fester Firmensitz noch immer eine der Voraussetzungen für eines der begehrten Unternehmer-Visa. Selbst ein Inkubator, wo sich Dutzende Unternehmen Großraumbüros teilen, wird nicht akzeptiert. Noch nicht, wenn es nach dem Willen der EIR-Macher geht.
 
In einem Monat will die Gruppe ihre Empfehlungen abliefern, wie Visa-Beamte in den US-Konsulaten ernsthafte Jungunternehmer aus aller Welt erkennen können. Das Kalkül der EIR-Gruppe: Während eine Änderung der Visa-Gesetze durch alle politischen Instanzen muss, können Durchführungsverordnungen auf dem Dienstweg geändert werden. "Mit der Zeit", hofft Singh, "werden wir immer mehr Unternehmer auf Basis der geltenden Visa-Bestimmungen einreisen sehen."


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Dario Mutabdzija will so lange nicht warten. Er hat deshalb das gemacht, was das Silicon Valley auszeichnet: Er sieht ein Problem – und macht ein Geschäft daraus. Blueseed heißt seine junge Firma, die ein altes Kreuzfahrtschiff in einen visafreien Super-Inkubator vor der Küste der Half Moon Bay verwandeln will.

Außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone und der Reichweite der US-Gesetze soll die schwimmende Schlafstadt ankern. Voraussichtlich Ende 2013 werden die ersten Unternehmer an Bord gehen. Gut 240 Bewerbungen gibt es, darunter sechs Gründer aus Deutschland.

Gelebt und gearbeitet wird auf dem Schiff, für Investorengespräche oder Freizeitvergnügen bringt eine Fähre die Piraten des Silicon Valley in 30 Minuten nach San Francisco, wo sie mit einem Touristenvisum ein- und ausreisen können.

Auf Flexibilität gepolt

Mutabdzija, der selbst als politischer Flüchtling aus Sarajevo in die USA kam, sieht darin mehr als nur eine Notlösung für Problemfälle des Visarechts. "Wir werden Programmierwettbewerbe und Veranstaltungen mit Investoren auf dem Schiff haben."

Und was wäre, wenn doch überraschend eine Änderung der Visa-Bestimmungen Gründern die Einreise in die USA deutlich erleichtert? "Dann", sagt Mutabdzija: "ankert unser Schiff einfach ein paar Meilen näher am Ufer."

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