Glücksregeln Glück ist kein Zufall

Einen Stift zwischen die Zähne stecken und grinsen ist albern, macht aber auch glücklich. Paul Dolan, Verhaltensforscher der London School of Economics erklärt, wie man sonst noch glücklich wird und vor allem bleibt.

Thorsten Firlus-Emmrich, wiwo.de | , aktualisiert

Glück ist kein Zufall

Foro: Brian Jackson/Fotolia.com

Herr Dolan, was ist Glück?

Bevor ich die Frage beantworte, lassen Sie mich Erkenntnisse aus unseren Untersuchungen mitteilen. Die Spanne, in der im Schnitt eine Ehe glücklich ist, beträgt fünf Jahre. Mein Rat: Verschieben Sie den Zeitpunkt der Hochzeit, dann sind Sie länger ein glückliches Paar. Oder dies: Reich sein hilft! Die unzufriedensten Menschen sind übrigens männlich, weiß und Mitte 40. Exakt wie ich. Übrigens: Auch Affen haben eine Midlife-Crisis.

Danke, das ist sehr hilfreich.

Ein Schlüssel zu Zufriedenheit besteht darin, die Erwartungen zu senken. Alles, was darüber hinausgeht, macht Sie glücklich. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihre Erwartungen an das Gespräch zu senken.

Nicht genug. Ich frag noch mal: Was ist Glück?

Das ist die große Frage. Wir verwenden oft eher den Begriff des "subjektiven Wohlbefindens", verwendet als "Happiness". Es geht bei Umfragen über das Gefühl von Glück im Grunde immer um die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Gerne gemessen auf einer Skala von 1 bis 10, und meist beantwortet der Einzelne damit die Frage nach dem Gleichgewicht von angenehmen und unangenehmen Dingen im Leben. Im Gegensatz dazu steht das Erlebnis von Zufriedenheit. Sprich, wie wohl fühle ich mich, wenn ich Dinge tue wie fernsehen oder spazieren gehen.

Das klingt ein wenig abstrakt.

Ich habe ein Beispiel. Vor Kurzem traf ich mich mit einer Freundin, die bei der BBC arbeitet. Den ganzen Abend schimpfte sie. Über den Weg zur Arbeit, den Chef, die Kollegen, die Inhalte ihrer Arbeit. Sie hat richtig Dampf abgelassen. Gegen Ende des Gespräches sagte sie dann: "I love working for the BBC!" Sie meinte das ganz ernst. Trotz der täglichen Ärgernisse hatte sie ein positives Bild ihres Tuns und war glücklich.

Wie funktioniert das?

Wenn es über die Annehmlichkeiten des Lebens hinausgeht, dann benötigen wir für das Gefühl von Glück und Zufriedenheit die Begriffe "Purpose" und "Pointlessness". In etwa Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit. Das betrifft besonders die Arbeit, bei der wir Zufriedenheit oft aus Tätigkeiten gewinnen, die nicht unbedingt Spaß machen – lustiger wäre es vermutlich, Freunde im Pub zu treffen. Sinnhaftes muss nicht unbedingt Spaß machen – wie zum Beispiel fünf Abende hintereinander dem Kind die gleiche Geschichte vorzulesen. Aber es gibt Ihnen ein Gefühl von Zufriedenheit.

Ist Glück ähnlich schwer zu definieren wie Frieden, der vielleicht mit "Abwesenheit von Gewalt" beschrieben werden kann? Ist Abwesenheit von Unglück automatisch Glück?

Nein. Es kommt darauf an, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Zeit, in der Sie unzufrieden waren, ist verlorene Zeit, Sie bekommen sie nicht zurück. Sie können ein glücklicher Mensch sein, obwohl Sie in Ihrem alltäglichen Leben Unglück erfahren. Gemeinhin denken zum Beispiel schlanke Menschen, dass sehr dicke Menschen unglücklich sein müssten. Aber das ist nicht so, sie fühlen sich beileibe nicht so schlecht, wie die Schlanken glauben. Sie können sogar zufriedener sein als Schlanke. Deswegen haben Appelle an fettleibige Menschen zum Abnehmen auch oft keinen Erfolg.

Ist Glück eine Frage des Verhältnisses zwischen positiven und negativen Erlebnissen?

Ich denke nicht, dass Sie das in Prozenten beziffern können. Eher kommen wir der Sache näher, wenn wir mit Adjektiven arbeiten – es ist möglich, gleichzeitig glücklich und aufgeregt oder gespannt zu sein. Sogar Ärger hat einige positive Aspekte, die helfen können, sich glücklich zu fühlen. Wenn es aber um politische Entscheidungen geht, also darum, wie die Gesellschaft gesteuert werden kann, dann ist es sinnvoll, auch mit negativen Begriffen zu arbeiten. Ein Beispiel: Wenn wir dafür werben, dass Menschen glücklicher sind, dann findet das kein großes Echo. Sagen wir aber umgekehrt, dass wir Unzufriedenheit und Elend verringern wollen, dann sagt die Politik sofort: Das ist ein Ziel, das wir teilen.

In Ihren Untersuchungen kommen Sie zu dem Schluss, dass vor allem die Pflege menschlicher Beziehungen Glück und Zufriedenheit fördern, also Dinge, die kein Geld kosten.

Eines kann ich mit großer Sicherheit über Ihr und mein Glück sagen: dass es erheblich zu unserer Zufriedenheit beträgt, wenn wir jeden Tag 15 Minuten mit Menschen verbringen, die wir mögen. Das gilt selbst für sehr introvertierte Menschen, auch sie wünschen Gesellschaft.

Überraschend ist diese Erkenntnis nicht. Nein, als vergleichsweise radikalen Schritt empfinden es jedoch viele Menschen, sich konsequent von den Menschen fernzuhalten, die sie als unangenehm empfinden, und sich dafür mit anderen zu umgeben.

Glück oder Zufriedenheit kann man also nicht kaufen?

Es gibt Dinge, die kostenlos zu unserer Zufriedenheit beitragen, und andere, für die wir Geld opfern. Wenn Sie sich etwa mit Ihren Freunden in der Kneipe treffen, dann ist das Geld für die Getränke das Geld, das Sie für die Kontakte zahlen. Das gilt auch für grundlegende Dinge: So bedeutet ein kürzerer Arbeitsweg mehr Zeit für Kontakte. Das heißt unter Umständen, dass Sie mehr Geld für eine Wohnung in der Nähe Ihres Arbeitsplatzes ausgeben, dafür im Gegenzug aber Zeit für Ihr Sozialleben gewinnen.

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Kann Konsum glücklich machen?

Es gibt Experimente, die materielle und immaterielle Dinge vergleichen, um ihre Wirkung zu messen. Zum Beispiel Kinobesuch versus den Kauf einer Jacke. Aber bei einigen dieser Versuche habe ich den Eindruck, dass das Ergebnis schon feststeht, bevor die Untersuchung begonnen hat. In Wirklichkeit geht es im Leben um eine Balance von Materiellem und Immateriellem.

Raten Sie uns zu einem bescheideneren Lebensstil, zu weniger Konsum jenseits des Notwendigen?

Sie möchten wohl gern hören, dass ich sage: Konsum macht nicht glücklich. Den Gefallen kann ich Ihnen aber nicht tun, auch wenn soziale Kontakte noch so wichtig sind. Ein Teil dessen, was uns glücklich oder mies fühlen lässt, ist dem Sozialtier in uns geschuldet. Wir wollen uns mit Menschen umgeben, die so sind wie wir, und wollen wissen, was Menschen, die wie wir sind, von uns denken.

Deshalb ist es sehr hart, gegen eine Welle des Konsums anzuschwimmen und komplett anders sein zu wollen als alle anderen. Plötzlich sind Sie isoliert in Ihrem gewohnten Umfeld. Wir alle sind mehr oder weniger angezogen vom Konsum von Dingen oder Dienstleistungen. Dabei sollten wir mehr Zeit mit Freunden verbringen, Spaziergänge im Wald machen – aber ein schönes Auto zu besitzen ist auch nicht so schlimm.

Mein Wohlbefinden hängt also auch davon ab, in welchem sozialen Umfeld ich mich bewege.

Ja, natürlich. Es tut mir auch leid, dass ich Ihnen keine knackige Antwort geben kann auf die Frage, wie man in fünf Minuten glücklich werden kann. Aber die Sache ist nun mal vielschichtiger. Die Grenzen zwischen einfachem Konsum und Erlebniseinkäufen sind zuweilen sehr verschwommen.

Ich besaß mal einen TVR Chimera, einen britischen Sportwagen, 4,5 Liter Hubraum, von 0 auf 100 in 4,6 Sekunden. Jedes Mal, wenn ich den Motor startete, schnurrte er. Ein wunderbarer Achtzylinder. Jedes Mal fühlte ich mich dabei glücklich. Eine wunderbare Maschine, aber schwer zu manövrieren ohne Traktionskontrolle. Aber die Freude, die er mir gab, war echt. Ist das für Sie materieller Konsum? Es ist ein Auto, sicher. Und trotzdem war das Fahren mit einem großartigen emotionalen Erlebnis verbunden – bis ich ihn kaputtgefahren habe.

Was können Unternehmen aus Ihren Untersuchungen lernen?

Wir fragen uns bei den Studien oft: Was löst Zufriedenheit und Glück aus? Die gegenteilige Frage ist – vor allem für Arbeitgeber – mindestens genauso interessant: Was bewirken Zufriedenheit und Glück? Wenn Sie als Unternehmer an Produktivität interessiert sind und Fehltage niedrig halten wollen, dann interessieren Sie sich in der Regel nicht für so wolkige Faktoren wie Zufriedenheit und Glück, da die sich nicht unmittelbar auf die Zahlen auswirken. Diese wachsweichen, nicht messbaren Faktoren sind es aber, die den gewünschten Mitarbeiter ergeben: seltener krank, engagiert, produktiv.

Zufriedenheit und Glück – unsere Groß- oder Urgroßeltern scheinen sich darüber keine großen Gedanken gemacht zu haben. Ist Glück ein Phänomen der Gegenwart, der modernen Erlebnis- und Dienstleistungsgesellschaft?

Für mich sind Glück und Zufriedenheit elementar. Wenn Sie mich fragen, warum ich dies oder jenes haben oder erreichen möchte, und Sie fragen jedes Mal: Aber warum möchtest du das? Dann wird am Ende die Antwort immer sein: Damit ich glücklich bin. Warum willst du reich sein? Warum willst du ein schnelles Auto haben? Warum? Warum? Warum?

Am Ende wird die genervte Antwort sein: Damit ich glücklich bin. Und das wird so bei Ihren Großeltern und deren Eltern gewesen sein. Sie hatten vielleicht weniger Wahlmöglichkeiten im Leben. Aber das Ziel war das gleiche. Wenn Sie in einer Gesellschaft leben, in der Sie von Feinden umstellt sind, dann besteht Glück vor allem darin, zu überleben. Danach kommt das Dach über dem Kopf und so weiter und so weiter.

Wir Deutschen belegen in Untersuchungen über Zufriedenheit selten vordere Ränge – ungeachtet unserer Wirtschaftskraft.

Ich bin kein Experte im Ländervergleich. Aber dass Deutsche nicht so zufrieden sind, macht Briten wiederum zufrieden. Sie haben da ein schönes Wort: Schadenfreude. Wir haben das Wort nicht einmal im Englischen.

Haben moderne Menschen einfach zu viel Freiheit?

Da ist was dran. Wo sind die Grenzen unserer Freiheit? Wann gibt es ein Übermaß an Optionen? Wir sind Wesen, die viele kleine Situationen am Tag erleben. Diese zu gestalten führt zum Glück, nicht die Suche nach dem einen großen Ding.

Haben Sie konkrete Tipps, wie wir glücklicher werden, die Sie aus Ihren Untersuchungen gewonnen haben?

Mehrere!

Legen Sie los.

Schalten Sie Ihr Mobiltelefon ab. In Gesellschaft oder, wie ich, zwischen 19 und 7 Uhr. In den USA ist es bei Geschäftsessen mittlerweile nicht mehr unüblich, ein Smartphone-Spiel zu spielen: Wer als Erster dazu greift, um aufs Display zu sehen, hat verloren und zahlt die Rechnung.

Was noch?

Bleiben Sie bei einer Tätigkeit. Das Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten, und sei es von E-Mail zu Facebook, kostet wahnsinnig Energie. Dass schlägt auf die Dauer aufs Gemüt. Und verpflichten Sie sich öffentlich – zum Beispiel zum Abnehmen. Und es hilft tatsächlich, kleinere Teller zu nehmen.

Ist notiert. Noch was?

Ja. Hören Sie Musik. Dabei ist es ganz egal, welche Musik Sie hören, wir haben alle unterschiedliche Geschmäcker. Musik beeinflusst die Seele mehr als jede andere Form der Unterhaltung. Kino. Fernsehen. Alles fein – aber es geht nicht so tief.

Im Büro darf ich keine Musik hören, oder?

Dann legen Sie kurz einen Stift zwischen die Zähne, und zwingen Sie sich, damit zu grinsen. Das ist albern, aber auch dieses Grinsen macht Sie glücklicher.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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