Globalisierung Brasilien lockt mit Spitzengehältern

Lange Zeit trauten sich Deutsche nur mit einem Vollkasko-Vertrag zum Arbeiten nach Asien oder Südamerika. Heute werben Konzerne aus Brasilien, Indien oder China deutsche Fachleute an, die als geradlinig, fleißig und loyal gelten. Um sie anzuheuern, locken die BRIC-Konzerne mit Spitzengehältern und schnellen Karrieren.

Florian Willershausen, Alexander Busch, Manfred Engeser, Matthias Kamp, Barbara Bierach und Stefan Mauer | wiwo.de | , aktualisiert


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An den Amazonas

Sogar Bundesaußenminister Guido Westerwelle war eingeflogen, um das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo einzuweihen. Ein Zentrum, in dem die Deutschen zeigen, wie innovativ sie sein können.

Die Feier war im Februar – doch da war der Initiator schon nicht mehr da. Kurz vor Ankunft seines obersten Chefs hatte Bertram Heinze den Dienst quittiert. Statt beim deutschen Staat eine ruhige Kugel zu schieben, hatte der Geologe bei Vale angeheuert – der brasilianische Bergbaukonzern ist weltweit die Nummer zwei seiner Branche.

Im Auftrag des Rohstoffgiganten hat der 40-Jährige jetzt begonnen, ein Umweltforschungszentrum in Belém an der Amazonasmündung aufzubauen – das größte seiner Art in den Tropen.

Abwerben statt Hochziehen

Heinzes Entscheidung ist keine Ausnahme: Ob Betriebswirte, Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Juristen – Personalberater wie Boyden und Kienbaum verzeichnen ein rasant steigendes Interesse an einem Arbeitsplatz in Brasilien.

Denn statt Spitzenkräfte mühsam selbst hochzuziehen, werben brasilianische Unternehmen Top-Manager ausländischer Konzerne ab. Erfahrene Spitzenkräfte locken sie mit steilen Karriereperspektiven und Gehältern in Höhen, von denen sie hierzulande nur träumen.


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Allein in den vergangenen zwölf Monaten sind die Gehälter für Führungskräfte in Brasilien um ein Drittel gestiegen. "In den letzten zwei Jahren hat die Zahl der Expats zugenommen, die in Brasilien bleiben wollen", sagt Tiago Salomão, Senior-Berater der Personalberatung Korn/Ferry International.

Gerade verkündete der Chef von Volvo in Brasilien, Anders Norinder, dass er nicht ins Mutterhaus zurück wolle: "Hier in Brasilien geht die Post ab – und ich will diese Chance nutzen." Zuvor war Jackson Schneider nach sieben Jahren bei Mercedes in Brasilien zur heimischen Flugzeugschmiede Embraer übergelaufen, wo er als Direktor für institutionelle Beziehungen einen Schlüsseljob im Vorstand der weltweit drittgrößten Flugzeughersteller übernimmt.

Brasilien, der sechstgrößten Ökonomie der Welt, mangelt es zwar nicht an Rohstoffen und Kapital – wohl aber an Fachkräften, die mit ihrem Know-how den Wirtschaftsboom in Gang halten. Sie suchen hoch qualifizierte Macher, die sich detailversessen in Projekte stürzen – Eigenschaften, für die Deutsche geschätzt werden.

Manager made in Germany

Und das nicht nur im Boomland Brasilien. Auch in den anderen BRIC-Staaten – also Russland, Indien und China –, aber auch in Australien zählen Fachkräfte und Manager made in Germany zu den begehrtesten Importartikeln.

All diese aufstrebenden Volkswirtschaften haben das gleiche Ziel: Ihre Raffinerien, Hotels, Autobauer, Supermärkte und Banken sollen so perfekt funktionieren wie im Westen, aber kein Land will diese Branchen allein westlichen Multis überlassen. Die Regierungen haben den Ehrgeiz, selbst nationale Konzerne in den Wettbewerb zu schicken.


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Die Champions von morgen mit Technologien und Management-Know-how von heute auszustatten ist der Job erfahrener Fachleute, die mit Fach-, Orts- und Sprachkenntnis in den Regionen glänzen. "Wir erleben gerade eine neue Stufe der Globalisierung", sagt Peter Felix, Präsident des Weltverbands der Headhunter (AESC).

"In Ländern wie Brasilien, Indien, Russland entstehen globale Konzerne, die aus ihrer Heimat mit breiter Brust in die Welt drängen. Das verstärkt Tempo und Bedarf an erfahrenen Fachkräften." Weil dieser Bedarf aus den eigenen Reihen nicht gedeckt werden kann, sind Leute wie Siegfried Wolf gefragt.

Als langjähriger Chef des österreichisch-kanadischen Autozulieferers Magna hatte er versucht, Opel mithilfe der russischen Sberbank zu übernehmen und mit dem russischen Partner GAZ zu verbandeln.

Schlagzeilenträchtige Top-Manager

Als der Plan misslang, heuerte ihn Oligarch Oleg Deripaska an, dessen Beteiligungen in der Autobranche der Haudegen Wolf jetzt sanieren soll. Der abgeblitzte Opel-Partner GAZ ist mittlerweile als Lohnfertiger für Volkswagen tätig – wohl auch dank Siegfried Wolf, der die Produktion modernisiert.

Gesucht sind aber nicht nur schlagzeilenträchtige Top-Manager, sondern mehr noch Macher im Hintergrund: Fachleute mit technischer Expertise, Betriebswirte unterhalb der obersten Führungsebene.


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In Indien etwa sind Hotelprofis besonders begehrt. Brasilien sucht Ingenieure, die in Südamerika knapp sind. Russische Unternehmen buhlen um Produktionsexperten oder um Banker mit guten Kontakten, die einen Börsengang vorbereiten.

Besonders populär sind Fachkräfte, die sich mit der Entwicklung und Vermarkung klassischer deutscher Qualitätsprodukte auskennen – Möbel etwa, das Fachgebiet von Heiko Vogelsang. Der 46-Jährige ist vor sechs Jahren nach China umgezogen, wo er für den Pekinger Möbelhersteller Boloni als technischer Direktor arbeitet.

Das chinesische Unternehmen hatte – ganz klassisch – in einer deutschen Zeitung eine Anzeige geschaltet, auf die sich Vogelsang meldete. "Ich wollte mal was anderes machen und brauchte Luftveränderung", erzählt der Deutsche.

Vom Schreibtisch an die Front

In Peking musste er sich erst an ein komplett neues Arbeiten gewöhnen. Vogelsang hatte in Deutschland die meiste Zeit in Besprechungszimmern verbracht, in China steht er an der Front: Der deutsche Experte zeigt Arbeitern, wie man Qualitätsmöbel baut.
 
"Ich versuche, Hierarchien zu vermeiden", sagt Vogelsang, die Tür zu seinem Büro in Peking steht die meiste Zeit offen. Boloni gehört mittlerweile zu den führenden chinesischen Möbelanbietern. In der Produktion in Peking beschäftigt das Unternehmen 2500 Arbeiter.


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Boloni vertreibt Küchen, Bäder, Sofas, Türen, Fußböden. Und auch wenn das chinesische Unternehmen keine Expat-Pakete wie Daimler oder Siemens schnürt, ist der Job im Reich der Mitte inzwischen auch für Nicht-Chinesen attraktiv.

Vogelsangs Vertrag sieht erfolgsabhängige Gehaltsbestandteile vor, der Arbeitgeber zahlt einen Mietzuschlag für das Haus in Peking, die Schulgebühren für die beiden Kinder und pro Jahr einen Heimflug für die ganze Familie.

Es sind Macher und Antreiber wie Vogelsang, die für den Technologietransfer vom alten Deutschland in die neue Welt stehen. Sie bilden vor Ort Mitarbeiter aus, entwickeln neue Produkte, optimieren Vertrieb und Marketing.

Ausländer fürs Image

"Arbeitgeber wollen heutzutage aber ganz genau wissen, wie ihnen ein Ausländer weiterhelfen kann", sagt Michael Germershausen, Moskau-Chef der Personalberatung Antal. In Russland etwa hätten in den Neunzigerjahren viele Unternehmen einen "Ausländer fürs Image" beschäftigt.

Heute suchen Unternehmen Fachleute für das mittlere Management – von der Lebensmittelproduktion über Marketing bis hin zum Vertriebschef. Die Russen ziehen den Hut vor allem vor deutschen Handwerkern, die sie zuweilen in leitende Positionen hieven – so wie Markus Trefz.


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Der 44-Jährige ist "ein einfacher Metzgermeister aus Schwaben", wie er betont. Vor zehn Jahren wollte er raus aus Deutschland und ging für einen österreichischen Wurstfabrikanten nach Russland.

Nach wechselnden Stationen in Moskau und Dubai schafft der Schwabe seit vorigem Jahr für den russischen Wursthersteller Vadim Dymov – ein Moskauer Jungunternehmer, der das seit Sowjetzeiten darbende Wurst- und Fleischgeschäft mit Premiumware revolutionieren will.

Als Cheftechnologe macht Trefz bei jeder Wurstlieferung die Qualitätsprüfung. Er entwickelt neue Rezepturen und testet alternative Gewürze. Als ihm ein Gewürzhändler einen Obolus versprach, falls Trefz sich für ihn als Lieferanten einsetze, erzählte der Schwabe seinem Chef Dymov von dem Bestechungsversuch.

Loyalität und Detailversessenheit

"Der hat den ziemlich rund gemacht", so Trefz. "Russen schätzen Loyalität und Detailversessenheit." Ein Deutscher setze sich auch mal freiwillig hin und entwickle Produkte – erst recht, wenn Leistung gut bezahlt wird. In Indien kommt noch ein zusätzlicher Aspekt hinzu: "Es gibt hier tolle Fach- und Managementausbildungen, aber in der Breite fehlt unseren Leuten die Erfahrung", sagt Sunil Goel, Indien-Chef der Recruiting-Firma Globalhunt.

Der Headhunter registriert seit einigen Jahren, dass der Bedarf an ausländischen Fachkräften "um mindestens 20 Prozent" steige – und damit auch die Gehälter, die indische Unternehmen bieten. Unter den Deutschen in Indien sind vor allem Dienstleister wie Hotelfachleute gefragt.


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Darunter ist die deutsche Hotelmanagerin Birgit Zorniger. In der Wirtschaftsmetropole Mumbai leitet sie das Hotel Taj Lands End, das zur Taj-Hotelgruppe gehört. Zuvor war sie im Konzern als stellvertretende Direktorin für das Taj Mahal verantwortlich, das berühmteste Hotel des Landes.

"Indien macht einem die Arbeit als Servicedienstleister gleichzeitig leicht und schwer", sagt die 48-Jährige. Weil ihr hier mehr Personal zur Verfügung stehe als im Westen, sei es leichter, außergewöhnliche Dienstleistungen zu erbringen.

"Andererseits sind die Hierarchien hier so ausgeprägt, dass sich Aufgaben nicht leicht delegieren lassen." Dementsprechend schwierig sei es, qualifizierte Mitarbeiter für das mittlere Management zu finden. "Oft stellen wir unsere Mitarbeiter ungelernt ein", sagt Zorniger. "Und dann schicken wir sie in unser internes Trainingsprogramm."

Auch Australien sucht Deutsche

Ihr eigenes Trainingscamp hat Ariane Falkenberg längst hinter sich. Sie kam als Praktikantin nach Sydney – und arbeitete sich zur Personalmanagerin des Softwareunternehmens Ei-Media hoch. "Deutsche haben einen erstklassigen Ruf in Australien", sagt die Berlinerin. "Man muss sich um die Karriere keine Sorgen machen."
 
Auch weil der Bedarf an Fachleuten hier groß ist: Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei mickrigen 5,2 Prozent – dank des Rohstoffbooms. Und der größten Anwerbeaktion seit einem halben Jahrhundert, die die Regierung in Canberra 2005 gestartet hatte.


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Weltweit buhlte der Staat damals um Ärzte, Friseure, Krankenpfleger oder Klempner für das dünn besiedelte Land, lockte in Zeitungsanzeigen: "Schlechtes Wetter? Schlechte Laune? Schlechte Konjunktur? Auf nach Australien!"

Das zieht, bis heute: Von Juni 2010 bis Juni 2011 kamen laut Statistik mehr als 90.000 Menschen auf die Insel, darunter 2144 Deutsche. Rechtsanwalt Wolfgang Babeck, der für die Kanzlei Buse Heberer Fromm in Sydney arbeitet, nennt einen weiteren Grund für die Popularität der Landsleute in Australien:

„Dank des dualen Ausbildungssystems haben wir das Image, ausgezeichnet qualifiziert zu sein. Davon wollen viele Unternehmen profitieren.“ Die Nachfrage betreffe Ausbildungsberufe wie Handwerker und Außenhandelskaufleute, aber auch Ingenieure oder Finanzexperten.

Höchste Nachfrage in Brasilien

Nirgendwo aber ist der Bedarf an Migranten so groß wie in Brasilien: Dort schaffen Unternehmen seit fast einer Dekade jährlich eineinhalb Millionen Jobs – und trotzdem bleiben Positionen im technischen Bereich unbesetzt.

Eine halbe Million zusätzlicher Ingenieure braucht Brasilien allein, um die Infrastrukturprogramme für die Fußball-WM 2014 und die Olympiade 2016 zu bewältigen. Aber nur 30.000 Ingenieure verlassen jährlich die Unis; doppelt so viele wären notwendig. 


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Umso häufiger nehmen die Brasilianer die Abkürzung – und kaufen internationalen Konzernen einfach die Fachkräfte weg. So wie Nicolas Fischer, der als Brasilien-Chef von Beiersdorf zum lokalen Konkurrenten Hypermarcas wechselte.

In nur vier Jahren hatte der Karlsruher die Kosmetikumsätze des Hamburger Nivea-Herstellers verdoppelt – und Brasilien zum für Beiersdorf weltweit zweitwichtigsten Wachstumsmarkt gemacht. Eigentlich sollte er bis 2015 die Umsätze der Brasilien-Tochter erneut verdoppeln – doch der Mittvierziger wird den Job jetzt für den lokalen Konkurrenten Hypermarcas machen, der in Brasilien schon heute doppelt so viel umsetzt wie der Nivea-Anbieter.

Den Betriebswirt aus Karlsruhe erwartet eine knifflige Aufgabe: Er soll den chaotisch geführten Mischladen als Präsident der Konsumsparte neu organisieren. Das Risiko, zu scheitern, ist hoch – aber Fischer hat die einmalige Chance zum Aufstieg in die brasilianische Managerelite.

Brasilien sucht Macher

Denn neben der Bezahlung entwickeln sich auch die Karrieren in brasilianischen Konzernen sehr viel dynamischer als bei den meisten europäischen oder amerikanischen Konkurrenten. Ein Zuckerschlecken sollte aber niemand erwarten: Zwar ist der Mangel an Ingenieuren und Technikexperten groß. Doch die Ansprüche an Manager in Brasilien sind andere als in Deutschland:

Gesucht sind Jungmanager zwischen 30 und 35 Jahren, die fließend Portugiesisch sprechen, sich in der Praxis schon bewiesen haben und in der Lage sind, in der schwierigen brasilianischen Managementkultur führen zu können, sagt Axel Werner von Kienbaum: "Brasilien sucht Macher, die als Persönlichkeit überzeugen und nicht mit einer Vielzahl von MBA-Abschlüssen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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