Gleichberechtigung "Frauen werden bessere Karten haben"

Der Vorstandsvorsitzende von Nestlé Deutschland, Gerhard Berssenbrügge, hält nichts von einer Frauenquote im Management. Im Interview erklärt er, dass Frauen in Zukunft ohnehin bessere Chancen haben werden.

Justus Bender, Philip Faigle / Zeit.de | , aktualisiert

Herr Berssenbrügge, die Justizminister der Länder diskutieren über eine Frauenquote, um weiblichen Führungskräften den Aufstieg zu erleichtern. Als Deutschland-Chef des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt: Was halten Sie davon?
Nicht viel. Ich finde diese Idee ungerecht.

Warum?
Es muss uns doch darum gehen, die besten Köpfe ins Top-Management zu holen – unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt. Außerdem bin ich optimistisch, dass auf andere Weise gelingen wird, mehr Frauen in die Führungsspitzen zu bringen. Es geht darum, in den Unternehmen Kulturen zu schaffen, in der Chancengleichheit wirklich gelebt wird und Leistungsaspekte den Ausschlag bei der Beförderung geben.

Klingt gut. Hat in der Vergangenheit aber nicht gereicht.
Glauben Sie mir: Es dauert nicht mehr lange bis wir mehr weibliche Vorstände haben – auch bei Nestlé. In unserem Fall kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Die meisten Kaufentscheidungen zu unseren Produkten treffen Frauen. Wenn Frauen also die große Mehrheit unserer Käufer repräsentieren, ist es nur folgerichtig, dass wir ein besseres Verständnis unserer Käuferbasis quer durch das Unternehmen, also auch auf der obersten Führungsebene, absichern.

Warum sitzen dann Sie an der Spitze – und keine Frau?
Männer streben auch heute noch konsequenter nach oben und machen ihre Karriereansprüche meist energisch geltend. Nach meiner Erfahrung sind Frauen häufig zu kritisch mit sich selbst und zu zurückhaltend. Maggie Thatcher soll einmal gesagt haben: Frauen sind wie Teebeutel.

Den Satz kennen wir nicht.
Man weiß erst wie stark sie sind, wenn man sie in heißes Wasser wirft. Viele Frauen machen einen starken Job, aber sie bringen sich vorher nicht so sehr in eine Aufstiegsposition wie Männer.

Ihre Teebeutel-Theorie spricht doch für eine Quote. Wie sollen sich Frauen sonst beweisen?
Eine Quote würde bedeuten, dass man per se davon ausgeht, dass Frauen besser sind als Männer. Das stimmt aber nicht. Was aber stimmt ist: Frauen werden bald weit bessere Karten haben als Männer. Meiner Tochter sage ich: Deine Chancen sind besser als die deines Bruder. Da wird sich etwas grundlegend ändern.

Wie weit hat sich denn die Welt bei Nestlé schon geändert?
Wenn wir uns mit anderen Unternehmen vergleichen sind wir noch nicht so aufgestellt, wie wir uns das vorstellen. Aber es gibt keinen Grund, dass sich das nicht ändern wird. Wir wissen, dass es viel besser ist, Frauen im Managementteam zu haben.

Sie brauchen keine Quote?
Bei den Einstiegsbewerbungen haben wir das nicht nötig. Da mache ich mir manchmal eher Sorgen um die Männerquote. Im Marketing von Nestlé arbeiten heute rund 80 Prozent Frauen.

Arbeiten bei Nestlé mehr Frauen als Männer?
In der Zentrale in Frankfurt sind wir deutlich mehr Frauen. Deutschlandweit ist es andersherum, weil in unseren 22 Fabriken mehr Männer arbeiten.

Wie sieht ihre Vision für Nestlé aus?
Wie gesagt: eine Kultur, die an Chancengleichheit und Performance orientiert ist. Wichtig ist, dass die Kultur von der Spitze mitgetragen wird. Das ist der beste Garant dafür, dass wirklich etwas passiert. Zudem werden wir weiter daran arbeiten, dass die Frauen Karriere und Kinder besser miteinander vereinbaren können. Wir bieten schon jetzt viel Unterstützung, von Kita-Plätzen bis hin zu Sabbaticals für Männer. Künftig werden wir noch bessere Rahmenbedingungen schaffen, um zu verhindern, dass Frauen vom Radar verschwinden, wenn sie in Elternzeit gehen.

Der Gesetzgeber soll sich also raushalten?
Er sollte seinen Beitrag leisten. Zum Beispiel, indem er mehr Ganztagsschulen, gute Kindergärten und Kitas anbietet. Wir werden unseren Teil tun - auch ohne Quote. Für mich machen Menschen den Unterschied, nicht die Quote.

Die Fragen stellten Justus Bender und Philip Faigle.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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