Gesundheitsmanagement Investieren in bewährte Mitarbeiter

Die wachsende Zahl älterer Mitarbeiter ist eine Herausforderung für die Arbeitsgestalter. Um die Leistungsfähigkeit des Personals zu erhalten, gibt es viele Tricks und Methoden.

Julia Leendertse, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Peter Albrektsen/Fotolia

Außer Gefecht gesetzt

Der Bandscheibenvorfall kam aus heiterem Himmel. Acht Wochen war Eva Hagenauer, Teamleiterin bei der Bayerischen Landesbausparkasse (LBS) in München, außer Gefecht. Nach einer Operation im Frühjahr 2010 konnte die durchtrainierte, 50-jährige Juristin weder schmerzfrei sitzen noch stehen. Trotzdem quälte sie sich gleich nach der Reha wieder ins Büro und kämpfte sich binnen weniger Monate in den Berufsalltag zurück. „Heute kann ich wieder ohne Probleme radeln, Ski fahren, joggen und ins Fitnessstudio gehen“, sagt die Münchnerin. „Und im Job bin ich auch wieder topfit.“

Den schnellen Wiedereinstieg verdankt Hagenauer nicht nur ihrer Kämpfernatur, sondern auch einem sogenannten Demografieprojekt, das die LBS Bayern vor zwei Jahren startete. Ziel ist der Erhalt der Arbeitskraft – vor allem der wachsenden Zahl älterer Beschäftigter.

Schon heute liegt das Durchschnittsalter der 710 Mitarbeiter bei 45 Jahren, jeder siebte ist über 55. „2020 dürfte sich das Durchschnittsalter auf 50 Jahre zubewegen“, sagt Werner Zauser, Leiter Personalmanagement der LBS Bayern und selbst 54 Jahre alt. „Wenn wir die Leistungsfähigkeit unserer Angestellten bis zum Rentenalter erhalten wollen, müssen wir eine gesundheitsfördernde und damit auch altersgerechte Arbeitskultur schaffen.

Wandel zum altersgerechten Büro

Die LBS Bayern leistet mit ihrem Projekt Pionierarbeit. Noch längst nicht alle Unternehmen haben sich auf die Herausforderungen einer rapide alternden Gesellschaft so gut eingestellt wie die Häuslefinanzierer aus dem Freistaat. Mit steigendem Durchschnittsalter werden die Belegschaften gesundheitlich anfälliger, die Leistungsfähigkeit lässt nach. Damit wird die demografische Entwicklung zur Herausforderung nicht nur für Gesundheitssystem oder Rentenkasse, sondern auch für Büroplaner und Personalchefs.

Wie dringlich der Wandel zum altersgerechten Büro in deutschen Unternehmen generell ist, belegen Zahlen. „Im Jahr 2020 wird das Durchschnittsalter in Deutschland bei über 45 Jahren liegen“, sagt Rainer Strack, Senior Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Der Anteil der 50- bis 64-Jährigen an allen Erwerbstätigen wächst bis 2020 um 68 Prozent, ein Viertel der Arbeitskräfte wird in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand gehen.

Schon heute können die Unternehmen ihren Bedarf an Ingenieuren, IT-Experten, Kaufleuten und hoch spezialisierten Fachkräften immer schwerer decken und sind darum stärker auf ältere Mitarbeiter angewiesen. Doch ohne Investitionen wird die Arbeitskraft der sogenannten Silver Worker nicht zu erhalten sein.


Foto: Peter Albrektsen/Fotolia

Ein Coach für viele Fälle

Was dies in der Praxis bedeutet, zeigt LBS-Bayern-Mitarbeiterin Hagenauer. Damit sie schnell an den Arbeitsplatz zurückkehren konnte, wurde ein elektrisch höhenverstellbarer Schreibtisch angeschafft. Ein Knopfdruck genügt, um im Stehen am PC arbeiten zu können. Außerdem engagierte die LBS Bayern einen Gesundheitscoach. Der kam zweieinhalb Monate zweimal die Woche, um mit Hagenauer und 60 Kollegen jeweils zehn Minuten während der Arbeitszeit Rücken und Nacken zu trainieren.

Die Rekonvaleszentin und 70 weitere Führungskräfte wurden vom Coach außerdem dafür sensibilisiert, wie sie mit ihren Kräften haushalten und auf Stimmungen ihrer Mitarbeiter besser eingehen können. „Mit dem Alter nimmt die psychische Arbeitsbelastung zu“, sagt LBS-Personalmanager Zauser. „Gerade ältere Mitarbeiter, deren Arbeitsabläufe stark standardisiert sind und die kaum Entscheidungsspielräume haben, können sich häufig nicht vorstellen, bis zum Alter von 65 oder gar 67 Jahren zu arbeiten.“
 
Zauser hat alle Führungskräfte dazu vergattert, mit ihren Mitarbeitern im Jahresgespräch auch über gesundheitliche Belastungen zu sprechen. „Unsere Manager sollen keineswegs den Therapeuten mimen, aber es ist wichtig, dass wir gegenseitig auf uns aufpassen.“

Büro der Zukunft

Dabei sind mehrere teilweise widersprüchliche Dinge unter einen Hut zu bringen. „Wir müssen den Mitarbeitern genug Privatsphäre und Rückzugsfläche bieten und ihren Alltag entschleunigen, damit konzentriertes Arbeiten möglich wird“, sagt Jan Esche, Experte für Architektur- und Bürogestaltung aus München. „Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die verschiedenen Unternehmensbereiche zusammenarbeiten können.“

Welche Konsequenzen die Büroplaner daraus in den kommenden Jahren ziehen, ist noch nicht bis ins Detail geregelt. Durchaus möglich, dass das Büro der Zukunft schalldichte Bildschirmarbeitsplätze bietet – mit Cubicles wie in US-Filmen, also Einzelwaben, um nicht von jeder Bewegung des Büronachbarn abgelenkt zu werden.


Foto: Peter Albrektsen/Fotolia

Kleine Änderungen – große Hilfe

Auch im Umfeld dürften Änderungen anstehen, die heute noch ungewohnt erscheinen: Bürotoiletten mit Haltegriffen etwa, um sich beim Wechsel von der sitzenden in die stehende Position festhalten zu können. „Das altersgerechte Büro wird sich in der Praxis dem behindertengerechten Büro immer weiter annähern“, vermutet Esche.

Dabei müssen die Planer darauf achten, dass sich die Älteren nicht diskriminiert fühlen: Die Möbel für die reiferen Semester sollen bequemer sein, man darf es ihnen aber nicht ansehen. „Um Altersdiskriminierung zu vermeiden, sieht dann jeder Bürodrehstuhl vom Design her gleich aus“, sagt Bürogestaltungsexperte Esche. „Nur dass der Stuhl für jemanden mit einem steifen Bein eine geteilte Sitzfläche hat, damit der Betroffene das Bein anwickeln kann.“

Für solche Verbesserungen sind keine millionenschweren Umbauten notwendig. „Schon kleine Änderungen in der Arbeitsorganisation, bei der Bürogestaltung sowie bei Soft- und Hardware können für ältere Mitarbeiter große Hilfe bedeuten“, sagt Henrik Hund, Präsident des Verbandes Büro-, Sitz- und Objektmöbel in Wiesbaden.

Reaktion auf die Alterspyramide

Das spricht sich mittlerweile in immer mehr Unternehmen herum. Der Autohersteller Audi in Ingolstadt veranstaltet Seminare für büroarbeitsgerechte Ernährung. Lehne und Sitzflächen der Bürostühle passen sich flexibel der Sitzhaltung an, sodass der Beckenboden beim Arbeiten am Schreibtisch trainiert wird. Um dem sogenannten Mausarm vorzubeugen, also Beschwerden in der rechten Hand durch die Arbeit mit der Computermaus, sind in die Pads Siliconauflagen für das Handgelenk integriert.

Audi reagiert damit auf Veränderungen in der Mitarbeiter-Alterspyramide: Seit 2000 ist der Altersdurchschnitt von 37,8 auf mittlerweile 41,2 Jahre gestiegen. 2015 – so die firmeneigenen Prognosen – dürfte der Durchschnitt auf 43,8 und bis 2020 auf knapp 47 Jahre steigen.


Foto: Peter Albrektsen/Fotolia

Entspannung auf breiter Front

Bei der Deutschen Telekom in Bonn, nach eigener Auskunft mit mehr als 120.000 Mitarbeitern Deutschlands größter Arbeitgeber, liegt das Durchschnittsalter schon heute bei 44,5 Jahren. Personalabteilung und Haustechnik haben sich darum für höhenverstellbare Schreibtische entschieden.

Um Bildschirmarbeitern ihren Job zu erleichtern, wurden in den Teeküchen testweise Behälter mit Augentropfenpäckchen aufgestellt. Die kann jeder kostenlos nutzen, um seine trockenen Augen anzufeuchten.

Auch die LBS Bayern hat ein Herz für ihre Bildschirmarbeiter. Für das Servicecenter wurden extra große 24-Zoll-Bildschirme angeschafft, damit jeder nach eigenem Sehvermögen die Schriftgröße einstellen kann und trotzdem noch alle Informationen auf den Monitor passen. Sogar eine Entspannungsliege mit Magnetfeld- und Klangtherapie für 4500 Euro hat die LBS ihren Mitarbeitern spendiert.
 
Wellnessoase im Viertelstundentakt

„Die Liege hatten wir auf einem unserer Gesundheitstage ausprobiert, die Kollegen waren begeistert“, erinnert sich Personalmanager Zauser. Die Matratze bietet Annehmlichkeiten, die in Büros eher selten sind: Im Ruheraum gibt es Vibration, Klang, Musik und Massage. Gebucht werden kann die Wellnessoase viertelstundenweise über das firmeninterne E-Mail-Programm Outlook.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...