Gesundheitsmanagement Depressionen im Job: Kein Tabuthema mehr

Banken und Versicherer gehen zunehmend offen mit dem Thema „Burnout“ um. Das hilft den betroffenen Mitarbeitern – aber auch den Unternehmen.

Axel Höpner | , aktualisiert


Foto: G. Altmann/Pixelio
Plötzlicher Nervenzusammenbruch

Es war mitten im Skiurlaub, als ein vielbeschäftigter Münchener Bankmanager im Krankenhaus landete. Die Sekretärin, erzählt ein Kollege, machte sich mit einem Blumenstrauß auf den Weg – und war verwirrt, als sie den Chef weder in der Orthopädie, noch in der Chirurgie fand. Der Topmanager hatte sich nicht etwa das Bein gebrochen. Er lag nach einem Nervenzusammenbruch in der psychosomatischen Abteilung.
 
Dies ist kein Einzelfall. Permanente Erreichbarkeit, Finanzkrise, steigende Belastung, fehlende Anerkennung: In der Finanzindustrie ist das Thema Burnout allzeit präsent – und zwar nicht mehr im Verborgenen. „Wir wollen das Thema aus der Schmuddelecke herausholen“, sagt Hypo-Vereinsbank-Personalchef Oliver Maassen dem Handelsblatt. Die Unicredit-Tochter geht seit einiger Zeit ebenso wie zum Beispiel die BayernLB, die Munich Re und andere Banken und Versicherer mit dem Thema offensiv um. Mit Stress- und Burnout-Prophylaxe wollen die Unternehmen den Betroffenen möglichst frühzeitig helfen – und die Kosten für den eigenen Betrieb senken.

Wie drängend das Thema ist, zeigte sich auch bei der BayernLB. In ihrem Gesundheitsmanagement hat die Krisenbank in diesem Jahr den Schwerpunkt auf Burnout- und Stressprophylaxe gelegt – und stieß damit auf ein immenses Interesse. Zu einer Startveranstaltung kamen fast alle Führungskräfte; die Informationen im Intranet wurden ungewöhnlich häufig angeklickt; Seminare waren sofort ausgebucht.

Psychische Erkrankungen häufen sich
 
Zwar haben viele Finanzkonzerne eine niedrige Krankenquote. Der Anteil psychischer Erkrankungen nimmt bei vielen Unternehmen aber zu. Die Zahl der Burnout-Fälle sei in den vergangenen Jahren gestiegen, heißt es etwa bei der BayernLB. Zwar gibt es wegen des Persönlichkeitsschutzes nur wenig konkrete Zahlen, doch liegt die Branche im gesamtgesellschaftlichen Trend.
 
„Früher war Burnout ein Tabuthema“, sagt Andreas Blank. Der studierte Psychologe leitet bei der BayernLB die Personalentwicklung und das Gesundheitsmanagement. Sich zur Krankheit zu bekennen sei verpönt, ein Zeichen der Schwäche gewesen. Das habe sich in den vergangenen Jahren radikal geändert. Nun sei es „mutig“, offen mit einem Burnout umzugehen.

Und für die Unternehmen kann es teuer werden, die Dauerüberlastung von Mitarbeitern zu ignorieren. Die krankheitsbedingte Abwesenheit kostet viel Geld. Und noch teurer wird es, wenn sich die Betroffenen über Jahre hinweg zur Arbeit schleppen.

Die Allianz hat dies gemeinsam mit dem Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung untersuchen lassen. Demnach kosten Depressionen – also nicht nur Burnout-Syndrome – die Volkswirtschaft in Deutschland bis zu 22 Milliarden Euro im Jahr. Die direkten Krankheitskosten machen davon nur gut fünf Milliarden Euro aus. Der Löwenanteil von mehr als neun Milliarden Euro entfällt auf den sogenannten Präsentismus. Damit sind die Kosten gemeint, wenn depressive Arbeitnehmer am Arbeitsplatz Fehler machen oder ihr Pensum nicht bewältigen.


Foto: G. Altmann/Pixelio
Die "heile Welt" zuhause hilft
 
Professor Florian Holsboer vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie sagt, die Abgrenzung von Burnouts und Depressionen sei schwierig. Als Krankheit gebe es Burnout nicht, sagt Holsboer. Er nennt das Phänomen die „Beschreibung eines Weges in die Depression“. Besonders betroffen vom Burnout-Syndrom sind laut Experten häufig Pflegekräfte, Lehrer und Ärzte - Menschen, die sich im Job völlig verausgaben und nur wenig positive Anerkennung erhalten. Häufig betroffen sind aber auch Manager in Spitzenpositionen.

Oft kommen die Betroffenen mit dem Stress zurecht – solange ein heiles Privatleben die Belastungen auffängt. Daher will etwa die BayernLB mit Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegensteuern. Sie vermittelt gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt Experten, wenn Mitarbeiter pflegebedürftige Eltern betreuen müssen. Zudem hilft die Bank bei der Suche nach Tagesmüttern. Neuerdings gibt es ein Eltern-Kind-Zimmer, in das Mitarbeiter ihr Kind mitbringen können, wenn die Betreuung ausfällt.

Neue Arbeitsformen im Gespräch

Und es sind ganz praktische Regelungen: So seien neuerdings Regel-Meetings nach 18 Uhr auf allen Ebenen unerwünscht, sagt Hypo-Vereinsbank-Personalchef Maassen: „Wir beschäftigen uns zudem sehr viel stärker mit neuen Arbeitsformen.“ Maassen selbst schreibt zwar weiter gerne spät am Abend noch E-Mails. Er schickt sie aber erst am nächsten Morgen ab – damit bei den Kollegen kein Handlungsdruck nach Feierabend entsteht.

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