Gesundheit Krank im Job: Was tun?

Einfach nur krank sein, geht in Deutschland nicht. Auch für Triefnase und Hexenschuss im Job gibt's Regeln. Junge Karriere sagt, wann ein Attest her muss, ob ein Arztbesuch auch während der Arbeitszeit okay ist, was Chefs verlangen dürfen und was nicht.

Ulrike Heitze | , aktualisiert

39 Grad Fieber, dicker Hals und Brummschädel - an manchen Tagen möchte man sich einfach nur die Bettdecke über den Kopf ziehen und den Chef einen guten Mann sein lassen. Dass es mit einem Anruf im Büro aber nicht immer getan ist, zeigen die vielen Streitfälle, die sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor Gericht liefern. Darf ein Chef den Arztbesuch während der Arbeitszeit verbieten? Ist bei Krankheit Bettruhe angesagt oder darf man auch ?ne Runde vor die Tür? Wann muss ein Attest auf wessen Schreibtisch vorliegen und was passiert, wenn man im Urlaub erkrankt? Hier deshalb alles, was Mitarbeiter zum Thema "Krank im Job" wissen müssen.

Ab wann darf man zu Hause bleiben?

Eine Auszeit wegen Krankheit ist okay, wenn man sich außerstande fühlt, seinen Job zu erledigen - oder wenn sich der Gesundheitszustand durchs Weiterarbeiten verschlechtern würde. Die Entscheidung, ab wann man sich vom Schnupfen niederringen lässt oder der Migräne nachgibt, bleibt aber jedem selbst überlassen. Nach einer aktuellen Stepstone-Studie schleppen sich 41 Prozent der Deutschen auch dann ins Büro, wenn sie eigentlich ins Bett gehören. Weitere 50 Prozent melden sich nur bei größeren Beschwerden krank. Unternehmen ist das natürlich nicht ganz unrecht, dennoch haben sie Sorgfaltspflichten. Bevor jemand das ganze Büro ansteckt, müsste ihn der Chef nach Hause schicken.

Welche Rechte hat ein kranker Angestellter?

Er darf sich bei voller Bezahlung auskurieren. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz erhält er sechs Wochen lang vom Unternehmen das volle Gehalt weiter. Danach übernimmt die Krankenkasse diesen Part, was oft mit leichten Gehaltseinbußen verbunden ist. Nicht immer sehen Arbeits- oder Tarifverträge eine Aufstockung durch die Firma auf 100 Prozent vor.
Erkrankt ein Arbeitnehmer, wenn er eigentlich zur Nachtschicht oder zum Feiertagsjob anrücken sollte, stehen ihm sogar die entsprechenden Aufschläge zu, obwohl er nicht gearbeitet hat (BAG 5 AZR 68/04).Ist ein Mitarbeiter übers Jahr längere Zeit krank, darf sein 13. Monatsgehalt gekürzt werden, wenn damit seine Leistungen honoriert werden. Gilt das 13. Gehalt aber als Treueprämie, darf es nicht gekappt werden (AG Frankfurt 17 Ca 1709/99).

Was muss ein Kranker tun? 

Die Hauptpflicht lässt sich mit "zügig Bescheid sagen" auf den Punkt bringen. Und zügig bedeutet wirklich sofort, betont Ulf Weigelt, Berliner Arbeitsrechtsanwalt und Co-Autor des Ratgebers Arbeitsrecht. Auch wenn man noch zum Arzt geht, muss der Arbeitgeber vorher informiert werden, dass man heute nicht im Büro antanzt und für wie lange man voraussichtlich ausfällt. Nach dem Besuch beim Doc ist eine erneute, präzisere Ansage Pflicht.In einem Fall vor dem Hessischen Landesarbeitsgericht hatte ein Mitarbeiter erst fünf Stunden nach Dienstbeginn seine Krankheit gemeldet und keine Entschuldigung für die Verspätung parat. Die Richter hielten deshalb eine Abmahnung und Kündigung für gerechtfertigt (9 Sa 2591/98).

Ab wann muss der Gelbe Schein her?

Ein Attest ist für die Entgeltfortzahlung nötig, wenn die Krankheit länger als drei Kalendertage dauert. Wer freitags krank ist und sich auch zum Wochenstart noch nicht fühlt, muss also montags zum Doc. Diese Krankschreibung inklusive der Info, wie lange es denn voraussichtlich noch dauert, muss laut Gesetz am vierten Arbeitstag dem Chef auf dem Tisch liegen. Tarif- oder Arbeitsverträge können auch kürzere Attestfristen, wie zum Beispiel ab dem ersten Krankheitstag, vorschreiben. Wird es mit dem Attestversand zeitlich eng, empfiehlt sich ein Vorab-Fax, damit einem ein garstiger Chef keinen Strick draus dreht.

Was ist, wenn man schlunzt?

Wer bei seiner Krankmeldung schlampt, riskiert zum einen, dass der Chef den Lohn für die Krankheitstage verweigert. Zum anderen drohen ihm Abmahnung und im Wiederholungsfall eine Kündigung.

Sind Arztbesuche während der Arbeitszeit okay?

Jein. Wer akut krank ist, hat einen Anspruch auf bezahlte Freistellung. Bei Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen, die länger geplant werden können, muss sich ein Mitarbeiter mehr Mühe geben, die Termine in die Freizeit zu legen. Nur wenn es sich partout nicht anders einrichten lässt - Bescheinigungen für solche Fälle gibt?s beim Arzt -, muss einen der Chef in der Arbeitszeit gehen lassen.

Darf der Chef wissen, was einem fehlt?

Nein, darf er nicht. Es geht das Unternehmen grundsätzlich nichts an, woran sein Mitarbeiter leidet. Nur wenn es für die betrieblichen Belange wichtig ist, muss man Farbe bekennen: Beispielsweise wenn eine gefährliche Krankheit diagnostiziert wird, mit der möglicherweise auch Kollegen und Kunden angesteckt wurden.

Was ist, wenn man seine Krankheit selbst verschuldet hat? 

"Gefährliche Sportarten wie Motorradrennen sind so lange okay, wie die üblichen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden", stellt der Kölner Arbeitsrechtsanwalt Wolfgang Opfergelt fest. "Kickboxen könnte dagegen schon als grenzwertig ausgelegt werden. Da könnte der Arbeitgeber möglicherweise die Lohnfortzahlung während der Krankheit verweigern." Und natürlich, wenn sich der Mitarbeiter grob fahrlässig - betrunken am Steuer - oder sogar vorsätzlich verletzt.

Was passiert bei Grippe im Urlaub?

Glück im Unglück: Wer umgehend dem Arbeitgeber Bescheid gibt, erhält nach dem Bundesurlaubsgesetz die "kranken Tage" wieder gutgeschrieben. Bedingung ist aber: Die Krankheit muss vom ersten Tag an per Attest nachgewiesen werden. Wer im Ausland erkrankt und gesetzlich krankenversichert ist, muss nach dem Chef auch umgehend die Krankenkasse informieren.

Was gilt für Minijobber und Teilzeitkräfte? 

"Das Entgeltfortzahlungsgesetz gilt auch für solche Mitarbeiter", stellt Anwalt Opfergelt fest. "Das heißt, dass ihr Gehalt bei Krankheit ganz normal weitergezahlt wird." Wer drei Tage die Woche jobbt, muss seine Fehltage also nicht an den anderen beiden Tagen nacharbeiten.

Muss ein Kranker die ganze Zeit das Bett hüten? 

Kommt ganz drauf an. "Ein Krankgeschriebener darf alles tun, was der Genesung förderlich ist", stellt Arbeitsrechtler Weigelt fest. So sind ausgedehnte Waldspaziergänge oder ein Wochenende am Meer für einen Depressiven völlig okay, bei einer fiebrigen Grippe kann selbst die Runde um den Block kontraproduktiv sein. Mit einem Bandscheibenvorfall sollte man sich deshalb besser nicht vom Chef in der Kneipe erwischen lassen, mit einem gebrochenen Arm sind Kneipe und Kino kaum zu beanstanden. Hat der Arbeitgeber den Eindruck, dass sich der Mitarbeiter nicht gesundheitsfördernd verhält, kann er zumindest die Entgeltzahlung verweigern. Furore machte der Fall eines Mannes, der, wegen einer Hirnhautentzündung für mehrere Monate krankgeschrieben, zum Skifahren in die Berge reiste, sich dort die Haxen brach - was ihm eine weitere Krankschreibung bescherte - und dann aus allen Wolken fiel, als seine Firma das alles nicht so klasse fand. Immerhin ging der Fall bis vors Bundesarbeitsgericht (2 AZR 53/05), das schließlich dem Unternehmen Recht und grünes Licht für eine Kündigung gab.

Was passiert, wenn einen der Chef beim Blaumachen erwischt?

Dann hat der Mitarbeiter ziemlich schlechte Karten: Zum einen kann der Arbeitgeber natürlich die Lohnfortzahlung für die vorgetäuschten Krankheitstage verweigern. Darüber hinaus darf er eine Abmahnung aussprechen oder - im Wiederholungsfall - sogar eine verhaltensbedingte Kündigung.

Darf der Arbeitgeber die Krankheit anzweifeln? 

Zweifeln darf er natürlich - und zu Kontrollzwecken auch mal beim Mitarbeiter anrufen oder vorbeischauen. Hegt der Chef einen Verdacht, kann er die Untersuchung durch einen von ihm bestimmten Arzt verlangen. Befürchtet der Mitarbeiter daraufhin, dass der Arzt parteiisch ist, wird die Diagnose vom so genannten Medizinischen Dienst als neutralem Mittler vorgenommen. Nach Urteilen des Europäischen Gerichtshofes darf das Unternehmen das Gehalt nur kürzen, wenn es tatsächlich nachweisen kann, dass der Mitarbeiter gesund war (EUGH C-206/94). Dies gilt aber nur für Streitfälle mit EU-Bezug. Nach deutschem Recht reichen begründete Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit. Ein Arbeitgeber darf ein Attest aber nicht ohne Weiteres einfach abtun. Er muss schon ernsthafte Zweifel nachweisen, bevor er die Gehaltszahlung stoppt (BAG 5 AZR 766/95).

Schlaumacher

Arbeitsrecht: Sabine Hockling, Ulf Weigelt. Cornelsen Pocket§Recht, 2007, 6,95 Euro.
Entgeltfortzahlungsgesetz und Bundesurlaubsgesetz: www.bmas.bund.de unter "Arbeitsrecht"/"Gesetze"

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