Gesellschaft im Wandel Doppelverdiener-Paare werden zum Ideal

Kaum zu glauben: Noch vor fünf Jahren war das Modell Hausfrau und Alleinverdiener populär. Doch jetzt kommt es ganz schnell aus der Mode, wie eine Studie zeigt. Die daraus sich ergebenden Probleme soll aber "gefälligst der Staat lösen", finden die Deutschen.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Doppelverdiener-Paare werden zum Ideal

Doppelverdiener1

Foto: pressmaster/Fotolia.com

In Deutschland vollzieht sich ein grundlegender Paradigmenwechsel. Dass in einer Familie beide Elternteile arbeiten wird nicht mehr abgelehnt oder als notwendiges Übel betrachtet. Über zwei Drittel der Bevölkerung (67 Prozent) finden es geradezu "ideal", wenn in einer Familie "beide Partner berufstätig" sind, wie Zukunftsforscher Horst Opaschowski in Zusammenarbeit mit dem Markt- und Sozialforschungsinstitut Ipsos auf repräsentativer Basis (1000 Personen ab 14 Jahren) ermittelte.

Fünf Jahre zuvor lag nach den damaligen Erhebungen der Stiftung für Zukunftsfragen der Anteil der Befürworter von Doppelverdienern lediglich bei 56 Prozent.

"Wenn dieser Trend so anhält, werden im Jahr 2030 etwa achtzig Prozent der Berufstätigen Doppelverdiener sein wollen oder müssen", prognostiziert Opaschowski. Im gleichen Maße, wie der Anteil der Befürworter einer Doppelerwerbstätigkeit von Mann und Frau wächst, sinkt die Bereitschaft, wegen der Kinder auf die eigene Berufstätigkeit zu verzichten. "Das schlechte Gewissen berufstätiger Mütter verschwindet", sagt Opaschowski.

Großer Wunsch nach eigener Erwerbstätigkeit

Noch 2008 vertrat die Mehrheit der Bundesbürger (70 Prozent) die Auffassung, dass es besser sei, wenn nur ein Elternteil arbeitet und der andere die Erziehung der Kinder übernimmt.

Inzwischen ist der Anteil erdrutschartig auf 52 Prozent gesunken (Frauen: 50 Prozent – Männer: 54 Prozent). Jeder zweite Bundesbürger kann oder will nicht mehr ohne eigene Erwerbstätigkeit allein mit den Kindern zu Hause bleiben.

Dabei kann man die Dominanz des Doppelverdienertums weder nur als Zwangslage, noch alleine als Befreiungsgeschichte der Frauen interpretieren. "Es ist eine Mischung aus beidem", sagt Opaschowski.

Vorherrschende Verlustangst

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Einkommenseinbußen und niedriger Rente ist, das zeigen Umfragen immer wieder, in Deutschland dominant. Objektiv geht es den Deutschen besser als je zuvor. Und doch beherrscht die Verlustangst die Seelen.

In Zeiten, die als unsicher wahrgenommen werden, glauben meist beide Partner auf ihr Einkommen angewiesen zu sein, um eine Familiengründung zu wagen.

Dazu kommt der mehr oder wenige offene Effizienzdruck aus der Wirtschaft und letztlich auch der Politik. Das "Potenzial" der Frauen, vor allem der hochqualifizierten dürfe nicht ungenutzt bleiben.

Die entscheidende Schützenhilfe dazu liefert das, was man den Zeitgeist nennt. "Es ist unmöglich, sich dem zu entziehen", sagt Opaschowski.

Der Zeitgeist sorgt dafür, dass Mütter, die nicht so schnell wie möglich wieder an den Arbeitsplatz streben, als "Heimchen" gelten, die nur von völlig rückwärtsgewandten Politikern mit "Herdprämie" geschützt werden.

Von "Rabenmüttern" zu sprechen, entspricht dem Zeitgeist dagegen nicht mehr.

Die Politik wird in die Pflicht genommen

Die Dominanz des Doppelverdienerideals stellt nicht nur die Paare selbst vor enorme Probleme im beruflichen und familiären Alltag. "Beide Elternteile müssen und wollen gleichermaßen familiär verantwortlich und beruflich erfolgreich sein. Eine Bereicherung des Lebens sicherlich, aber auch eine mögliche Konfliktquelle für die Partnerschaft", so Opaschowski.

In Jahrhunderten geprägte Rollenverständnisse lösen sich nun innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Eine soziale Revolution, deren Gelingen von den passenden politischen Rahmenbedingungen abhängig ist. Zumindest sehen das die meisten Deutschen so. Insbesondere Singles (96 Prozent) wollen die Vereinbarkeit verwirklicht sehen, bevor sie sich zu festen Bindungen oder Familiengründungen entschließen.

Lebenswandel durch Einstellungswandel

So gehen die Kommunen davon aus, dass rund 40 Prozent der Eltern sich auf den ab 1. August diesen Jahres bestehenden Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ein- bis dreijährige Kinder berufen werden und einen Kita- oder Kindergartenplatz beanspruchen.

"Dieser Betreuungsanteil kann sich in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln, wenn aus dem sich abzeichnenden Einstellungswandel ein Lebenswandel wird," vermutet Opaschowski.

Aus dem formalen Rechtsanspruch kann eine mentale Anspruchshaltung werden, wonach der Staat in Zukunft für die Ganztages- und auch Ganzjahresbetreuung von Kindern berufstätiger Eltern Verantwortung tragen soll.

Für eine solche Entwicklung spricht insbesondere der Appell der Bevölkerung, die Ausbildung von Erziehern und Kindergärtnern zu verbessern, damit sie "in Zukunft verstärkt in die Erziehungsverantwortung einbezogen werden" können.

Das fordern schon heute 81 Prozent der Deutschen.

Blick auf das Grundgesetz

Soll der Staat weitgehend die Erziehung übernehmen, um beide Eltern für den Arbeitsmarkt freizumachen? Dieser Anspruch ist jedenfalls vorhanden. Vier von zehn Bundesbürgern fordern bereits: Kinder aller Altersgruppen sollten zukünftig "das ganze Jahr über" ganztags in Kindergärten betreut werden (Frauen: 37 Prozent | Männer: 43 Prozent), notfalls auch an Wochenenden oder in den Ferien.

Erfolgreiche Familienpolitik wird in Zukunft vermutlich an der Zahl von Kinderbetreuungsplätzen gemessen, am flächendeckenden Ausbau von Kitas, Krippen und Ganztagsschulen. "Wenn dieser Trend zur 24-Stunden-Betreuung so anhält, wird eines Tages Artikel 6/Absatz 2 des Grundgesetzes neu bewertet werden müssen, weil die Erziehung der Kinder dann nicht mehr als die 'zuvörderst obliegende Pflicht' der Eltern gilt."

Engagement für Betriebskindergärten steigt

Aber auch ihre Arbeitgeber sehen die Deutschen in Pflicht: Drei Viertel der Berufstätigen in Deutschland (75 Prozent) erwarten mittlerweile von den Unternehmen zur Betreuung ihrer Kinder Betriebskindergärten (berufstätige Frauen: 79 Prozent | berufstätige Männer: 71 Prozent).

Unternehmen, die gute Mitarbeiter suchen, werden sich bei diesen in regelrecht bewerben müssen. Und ihr Engagement für Betriebskindergärten oder betriebsnahe Kitas dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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