Geschärfter Blick Pessimismus als Erfolgsindikator

Rosige Zukunftsfantasien von US-Präsidenten seien ein Indikator für wirtschaftliche Krisen, wollen zwei Psychologen belegt haben. Damit ist auch Deutschlands Erfolgsgeheimnis entlarvt: Unser notorischer Pessimismus.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Pessimismus als Erfolgsindikator

Brille1

Foto: lassedesignen/Fotolia.com

Selbst angesichts der größten Erfolgsmeldungen machen sich die Deutschen allergrößte Sorgen um die Zukunft. Und das ist gut so.

Dass man mit dauernder Miesepeterei Erfolg bei den Frauen haben kann, bewies schon 1968 Werner Enke im Kultfilm "Zur Sache Schätzchen": Mit seiner legendären Devise "Es wird böse enden" eroberte er das Herz der liebreizenden Uschi Glas.

Und jetzt kommt's: Auch für den Wirtschaftsstandort sind negative Zukunftsgedanken wohl eine sehr erfolgversprechende Strategie. Kein Witz!

Gedankliche Schönfärberei hilft nicht immer

Diesen Schluss legt zumindest eine Untersuchung nahe, die zwei Hamburger Psychologen in der durchaus seriösen Zeitschrift "Psychological Science" veröffentlicht haben.

Timur Sevincer und Gabriele Öttingen sind überzeugt: "Ein kulturelles Klima, das davon bestimmt ist, positiv an die Zukunft zu denken, ist ein wichtiger psychologischer Faktor, der nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, sondern Abschwung führt."

Wie kommen die beiden auf diese Idee? Dass die gedankliche Schönfärberei der Zukunft tendenziell zu negativen Ergebnissen führen kann, überrascht nur den psychologisch Unwissenden. Studien haben schon mehrfach gezeigt, dass positives Denken zu geringeren Anstrengungen verleitet: Studenten bewerben sich zum Beispiel seltener und erfolgloser, wenn sie von einem tollen Job träumen. Und Übergewichtige verlieren weniger Pfunde, wenn sie das Abnehmen idealisieren.

Und das soll auch für Kollektive gelten? Sevincer und Öttingen glauben, einen Beleg dafür buchstäblich in der Zeitung aufgelesen zu haben.

Sie zählten nämlich beschönigende Darstellungen einer wunderbaren Zukunft in Wirtschaftsartikeln und Antrittsreden der US-Präsidenten. Sevincer und Kollegen nahmen Leitartikel der Wirtschaftsseite der populärsten Tageszeitung USA Today aus den Krisenjahren 2007 bis 2009 zur Hand. In der Annahme, dass deren veröffentlichte Meinung der öffentlichen Meinung der Amerikaner nahe komme.

Und siehe da! Eine Woche und einen Monat nach optimistischen Leitartikeln schwächelte der Dow-Jones-Aktienindex. Was angesichts des generellen Börsenentwicklung in diesen Jahren auch nicht sonderlich überraschend ist. Hätten sie nach besonders schwarzseherischen Artikeln in der WirtschaftsWoche oder irgendeiner anderen Zeitschrift gesucht, wären die "Folgen" ebenfalls negativ ausgefallen.

Träume und Hoffnungen

In einer zweiten Studie lasen die Psychologen die Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten von 1933 (Franklin D. Roosevelt) bis 2009 (Barack Obama) mit Blick auf positives Denken – und betrachteten daraufhin die wirtschaftliche Entwicklung am Ende der vierjährigen Amtszeit gemessen am Bruttoinlandsprodukt und an der Arbeitslosenquote.

Mit ähnlichem Ergebnis: Wenn neue Präsidenten in ihrer Einführungsrede "Träume und Hoffnungen der Regierung" (Reagan, 1981), "die Tugend und Tapferkeit des amerikanischen Volkes" (Bush senior, 1989) oder die "bessere Nutzung der weltweiten menschlichen und natürlichen Ressourcen" (Truman, 1949) heraufbeschworen, folgte ein geringeres Bruttoinlandsprodukt und eine höhere Arbeitslosigkeit. Die umgekehrte Beziehung – blumige Reden nach Wirtschaftskrisen – war auch hier nicht feststellbar.

Deutsche sehen lieber schwarz

Als guter, also dauerhaft von Angst geplagter und zu jeglicher Rosafärberei der Zukunft unfähiger Deutscher liest man solche "Ergebnisse" gern. Doch auch wenn man die These von der wirtschaftsfeindlichen Kraft des positiven Denkens keineswegs für abwegig erachten muss: Allein die Wortwahl des Präsidenten in seiner Antrittsrede oder der Journalisten einer einzigen Tageszeitung in einem Zeitraum von nur zwei Jahren als Indikator des Meinungsklimas der amerikanischen Gesellschaft zu nehmen, geht dann doch eine Spur zu weit.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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