Geschäftsreisen Reisen mit Sinn

Hotel, Flugzeug, Taxi – der moderne Mensch ist viel unterwegs. Wie findet man bei allem Stress noch Zeit für sich selbst und die Familie? Wir haben zwei Menschen begleitet, die permanent auf der Durchreise sind.

von Dieter Schnaas, wiwo.de | , aktualisiert

Reisen mit Sinn

Foto: khunaspix/Fotolia.com

Zu den größten Merkwürdigkeiten der Neuzeit gehört, dass sie nur noch dann still zu stehen scheint, wenn wir blitzschnell in ihr unterwegs sind. Zum Beispiel auf einem Langstreckenflug. Nirgends sonst gelingt uns die innere Sammlung besser als in der Relax-Position eines multifunktionalen Business-Class-Sitzes. Wir verschenken unsere Aufmerksamkeit ans Bordpersonal und sinken tief ein ins Komfortgefühl delegierter Verantwortung.

Moderne Andacht

Wir genießen die nachlassende Anspannung und machen es uns gemütlich im Polsterkissen der Zeit- und Ortlosigkeit. Wir nehmen ein Buch zur Hand und lesen 100 Seiten am Stück, endlich mal wieder, zugleich gelöst und konzentriert. Wir durchblättern ein Hochglanzmagazin und sehen auf dem Bildschirm den verstreichenden Stunden und zurückgelegten Kilometern zu. Wir nicken dabei ein, blättern ein bisschen, blicken auf den Bildschirm, nicken wieder ein...

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man Flugzeugkabinen als moderne Andachtsräume bezeichnet. Was die Sonntagsmesse im Kreis der Heimatgemeinde für unsere schollenverbundenen Großeltern war, ist uns geschäftig-mobilen Enkeln die stille Einkehr zwischen Frankfurt und Shanghai, der ortlose Ort, an dem wir Zugang zu uns selbst finden. Zeit fürs Lesen und Nachdenken. Für Meditation und Besinnlichkeit. Für Selbstverlorenheit und Gedankenschlenderei.

Zwischenarbeit für die Zwischenzeit

Für die Steuer und die Lektüre der "Zeit", sagt Alban Gerhardt, für den "Doktor Faustus" und "Die Brüder Karamasow". Seltsam erfrischend finde er sie, die "tote Zeit" des Reisens, besonders auf den langen Flügen, nach Fernost, wie diese Woche, oder nach Australien, wie zuletzt Ende Juli. Sobald er das Flugzeug betreten hat, kapselt er sich gerne ein, regelt mit Ohrstöpseln seinen Gehörsinn runter und genießt das geborgene Alleinsein.

Schon möglich, dass das typisch deutsch sei, sagt Alban Gerhardt, vielleicht auch ein ungeschriebenes Gesetz der Business Class – gleichviel, es sei nun mal nicht seine Sache, unterwegs Bekanntschaften zu schließen. Auf neun von zehn Flügen ist Alban Gerhardt ganz bei sich. Er nickt seinem Nachbarn zur Begrüßung und zum Abschied zu, das ist alles. Lässt er sich doch einmal auf eine Plauderei ein, verläuft sie meist im Bereich des Banalen – und "Die Brüder Karamasow" strafen ihn mit tadelnden Blicken.

Gerhardt schätzt die Flugkabine als Zone, in der Individuen das Recht haben, wie fürstliche Neutren behandelt zu werden: unverbundene Fremde, Nachbarn auf Zeit, aus Respekt unerreichbar. Einmal ist er mit Ralph Fiennes gereist, dem berühmten britischen Filmschauspieler, ein andres Mal saß Günter Netzer neben ihm, dann Christoph Waltz. Angesprochen hat er niemanden. Statt dessen, wie so oft auf Reisen: seine Steuer erledigt. "Ich wüsste keine andere Zeit und keinen anderen Ort, an dem das Nervtötende weniger nervtötend ist."

Peter Schüller schaltet das Nervtötende mit seinem Kopfhörer ab. Für Vielflieger wie ihn ist die Technologie der aktiven Lärmkompensation eine Basisinnovation, sagt er halb im Scherz und halb im Ernst: das perfekte Instrument zur Distanzgewinnung und Selbstisolation. Wie die "Noice-Cancellation-Headphones" die Geräuschkulisse der Umwelt aus den Ohren saugten und zu welch' großen Unterwegsauftritten sie Lee Konitz, Annie Lennox oder Thomas Quasthoff verhelfen würden – das sei schon phänomenal.

Oft behält Peter Schüller die Kopfhörer während des gesamten Fluges auf, um sein Ich gegen die Welt abzudichten. Er räumt dann meist auf seinem Rechner auf, Zwischenarbeit für die Zwischenzeit, bereitet die nächste Teambesprechung vor, stöbert in Fachbüchern – und erfreut sich an der "einzigen Zeit allein mit mir".

Pause vom Terminkalender

Peter Schüller liebt die Verlorenheit seines Aufenthalts im mobilen Transitraum vor allem als gedankliches Intervall zwischen Privat- und Berufsleben, weg von der Familie hin zu den Kollegen, und umgekehrt, versteht sich, das vor allem. Er kostet die Pause vom Diktat des Terminkalenders aus, das Wegdriften und Nachdenken – und die unfreiwillige Kreativität, "die sich immer dann einstellt, wenn man aus dem Takt gerät".

Es sei merkwürdig, sagt Peter Schüller, aber oft komme er einen entscheidenden Schritt weiter, sobald er für acht Langstreckenstunden aus der Gewohnheit der beruflichen Effizienz falle. Plötzlich taucht er dann auf, der neue Aspekt, der frische Gedanke – weil der Arbeitsrhythmus ins Stocken gerät, die Frequenz der Termine, Mails und Anrufe unterbrochen ist. Am Anfang seiner Berufskarriere hielt er es für ethisch nicht vertretbar, in der Business Class keine Akten zu lesen. Heute weiß er die zufällige Produktivität der Zerstreuung zu schätzen. Den Geistesblitz, der ihn nur unversehens erreicht.

Moderne Globalarbeiter

Alban Gerhardt und Peter Schüller sind zwei typisch moderne Globalarbeiter, der eine Berufsmusiker, der andere Netzwerk-Spezialist, der eine mit seinem Cello 200 Tage im Jahr auf der Durchreise, von einem Podium zum Nächsten, der andere mit seinem Laptop 120 Tage im Jahr pendelnd zwischen seinen Büros in Indien und den USA, in Costa Rica und auf den Philippinen.

Gerhardt und Schüller verbringen jedes Jahr lange Stunden, Tage, Wochen an Drehkreuzen und Umschlagplätzen, zwischen den Kulturen und Destinationen, zuhause in den Weltinnenräumen des Geschäftsverkehrs – an Orten die ihnen nicht vertraut sind, sondern Vertrautheit simulieren. Sie wohnen in Hotels, warten in Lounges und reisen in Großraumflugzeugen, halten sich ständig in Durchgangsbezirken ohne Identität, Relation und Geschichte auf, ständig hin und weg von einem "Nicht-Ort" zum anderen.

"Nicht-Ort", das ist ein Begriff, den der französische Anthropologe Marc Augé Mitte der 1990er Jahre geprägt hat. Augé meint damit Orte, die keine Städte und keine Märkte sind, die Menschen zu nichts verbinden, keine Synthese schaffen, niemanden integrieren. Orte, an denen keine Bewohner sich begegnen, um Soziales hervorzubringen und Lokalität zu erzeugen. Sondern Orte, die die befristete Koexistenz gegeneinander völlig gleichgültiger Individuen auf der Durchreise absichern. Es sind Orte, die Schleusen gleichen, weil sie Bürgern keine Heimat sind, sondern Kunden als Benutzeroberfläche dienen. Orte wie Pumpen, die für den Durchfluss von Menschen sorgen, die an ihnen zusammenkommen, um einander zu ignorieren. Orte für Passagiere wie Alban Gerhardt und Peter Schüller, die gezielt angesteuert werden, um nicht an ihnen zu verweilen.

Ein Land in Paranthese

Augé hat mit der Entdeckung der "Nicht-Orte"“ eine ganze Generation von Kulturwissenschaftlern und Kunstschaffenden beeinflusst. Sie alle sind fasziniert von der Exterritorialität der Transiträume, in denen Bewegung und Aufenthalt ununterscheidbar ineinander fließen und das Nomadische zur stabilen Existenzform wird. Sie alle schreiben seit zwei Jahrzehnten am Reiseführer für das Niemandsland, das man in keinem Atlas finden kann, das aber, jeder weiß es, existiert: als über den Globus gespanntes Goldfadennetz, das sich zwischen luxuriös eingerichteten Knotenpunkten aufspannt.

Es ist ein bodenloses Land, in dem Vagabunden von Terminal zu Terminal hasten. Ein Land, in dem Manger, Politiker, Sportler und Künstler wie Luftwesen hausen, ohne feste Adresse, permanent provisorisch untergebracht in Hotels, überall zu Hause und nirgendwo beheimatet. Ein Land in Parenthese, in dem das wirkliche Leben gewissermaßen suspendiert ist, sobald man die Grenze zu ihm überschritten, seinen Pass vorgezeigt – und mit seinem Gepäck gewissermaßen auch sich selbst aufgegeben hat. "Lost in Translation"“ heißt der schöne Film von Sofia Coppola, in dem Menschen wie Somnambule durch die Kunstwelt eines Luxushotels in Tokio baumeln, wie Bewusstlose durchs Überirdisch-Transitive segeln.

Wenn das Ich nicht hinterher kommt

Natürlich, auch Alban Gerhardt hat das schon einmal erlebt. Wachte auf in einem Hotelzimmer und wusste nicht: Wo bin ich? Es war, als zöge man ihm den Boden unter den Füßen weg. Fünf Minuten Schwindel, Schwebe. Alban Gerhardt ist dann tatsächlich raus auf die Straße gerannt, raus aus dem Niemandsland. Aha: Amerika. Richtig: Tucson, Arizona. In der Regel aber ist die unendliche Fahrt der Globalarbeiter nicht aufregend filmreif, sondern zutiefst prosaisch: Man fällt nicht aus der Zeit, sagt Peter Schüller, sondern aus der Gleichzeitigkeit.

Als Director of Global IT Operations and Production bei der Unternehmensberatung McKinsey steht er einem Team von 250 Angestellten vor, die in New York, Manila (Philippinen), San José (Costa Rica) und Gurgaon (Indien) damit beschäftigt sind, Server zu warten und Hardware auszutauschen. Peter Schüller lässt sich alle paar Monate bei seinen Mitarbeitern blicken. Er vernetzt nicht nur Computersysteme, sondern auch die Menschen, die sie betreiben, nimmt die "Bundespräsidialkomponente" seiner Führungsaufgabe sehr ernst.

Wenn bloß nicht die Zeitverschiebung wäre, die Desynchronisation zwischen seinem mobilen Ich und den beruflichen Standorten. Sobald er seine Basisstation in Düsseldorf verlässt, kommt eine andere Dynamik ins Spiel, weil Mails aus Manila in San José zu einer anderen Zeit eintreffen als in Delhi und es für Telefonate nach New York plötzlich zu früh oder spät ist. Ein Reisetag kennt keinen Anfang und kein Ende, sagt Peter Schüller.

Noch dazu, weil man sich wie auf Schienen bewegt, "mehr gereist wird als reist", von einem Sicherheitsgehege ins nächste. Taxi, Lounge, Flugzeug, Taxi, Hotel – das ist die Quintessenz der An- und Abreise. Hotel, Taxi, Büro und Restaurant, Taxi, Hotel – das ist die Quintessenz der Zeit vor Ort. Unterwegs in Watte, sagt Peter Schüller, unterwegs im Kokon.

Kein Baden im Zufall

Der Aufenthalt in einer Geschäftsreise ist das genaue Gegenteil eines Aufbruchs ins Ungewisse. Es geht darum, Überraschungen auszuschalten, Anregungen zu eliminieren, das Interesse an der Umgebung herunter zu dimmen – möglichst wenig Bewusstsein zu verbrauchen. Keine Hängepartien mit dem Schicksal. Kein Baden im Zufall.

Der Passagier im Transitraum soll sich aufgehoben fühlen in beharrenden Eindrücken, Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten, sich getragen fühlen von einem Strom, in dem es keiner eigenen Schwimmbewegungen bedarf. Damit die eigene, persönlich-berufliche Welt ihm stets näher ist als die, inmitten derer er sich gerade befindet. Die Firma reist mit Peter Schüller im Flugzeug. Das Büro schläft neben ihm im King-Size-Bett. Die Kollegen begleiten ihn im Taxi – die aus Manila, New York und San José.

Übrigens heute mehr noch als vor zehn Jahren. Dank Skype, Wlan und WhatsApp sowie dem Smartphone als portablem Heimathafen kommen Geschäftsreisende weniger denn je raus aus ihren Kreisen, drehen im immer gleichen Kosmos ihre Runden – ganz egal, welche Kulisse gerade am Autofenster vorüber zieht. Allein an den "Übergabepunkten", sagt Peter Schüller, besteht noch die leise Möglichkeit, aus der der Matrix zu fallen, hinein in die wirkliche Welt: Plötzlich steht der Fahrer nicht da, während sich im Rücken gerade die Schiebetür zum Sicherheitsbereich schließt: No entry. Niemandsland hat geschlossen. Und 200 Inder bieten ihre Fahrdienste an...

Kunst des Zurücklassens

Es gibt eine Erzählskizze von Franz Kafka mit dem Titel "Der Aufbruch", in der das Reisen eine Metapher für die Erneuerungs- und Fremdheitsfähigkeit des Menschen ist. In der Ferne ist sogar eine Trompete zu hören, als der Diener das Pferd seines Herren sattelt und ihn nach dem Ziel der Reise fragt: "Ich weiß es nicht", antwortet der Herr, "nur weg von hier. Immerfort weg von hier... Weg-von-hier, das ist mein Ziel." Die Parabel ist nicht schwer zu entschlüsseln. Kafka spricht vom Wagnis der Veränderung, vom Ausbruch aus dem Gewohnten ins Offene und Ungewisse – und von der Kunst des Zurücklassens. Sein Held nimmt auf seinem neuen Lebensweg keinen Essvorrat mit, weil er sich auf das angewiesen weiß, was ihm unterwegs zufallen wird – "es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise."

Alban Gerhardt hat seine "ungeheure Reise" 1989 angetreten, mit dem Mozarteum-Orchester in Salzburg und Haydns D-Dur-Konzert. Bald darauf schon hätte er in einen sicheren Hafen einlaufen können: Solocellist bei den Berliner Philharmonikern. Alban Gerhardt hat sich damals gegen eine feste Stelle und für das Vagabundenleben entschieden, finanziell von Vorteil war es nicht. Die Gagen lagen anfangs bei 500 Mark und liegen auch heute nur in Ausnahmefällen bei 5 000 Euro. Alban Gerhardt ist oft Economy geflogen, hat viel bei Freunden gewohnt, ist später dann, der Liebe wegen, nach New York gezogen und mit Dvorak, Elgar und Tchaikovsky rein und raus nach Europa gependelt, manchmal nur für zwei, drei Tage.

Heute lebt Alban Gerhardt in Berlin, aber was heißt das schon, er "lebt" in Berlin? Er war Ende Juli drei Wochen in Australien engagiert, danach in London, Porto, Amsterdam, in Oslo, Portland (USA), Ljubljana, vor zwei Wochen in Mailand, dieser Tage gastiert er in Taipeh. Dass er keine großen "materiellen Ansprüche ans Leben" stellt, kommt ihm bis heute zugute. Viele Veranstalter zahlen Pauschalen für den Überseeflug, nicht mehr als 2 000 Dollar – das reicht soeben für Mr. Alban Gerhardt, 45, Mittelplatz in Reihe 32, und für Cabin Baggage Matteo Gofriller, 304, das Cello am Fenster. Statusmeilen gibt‘s übrigens nicht fürs Instrument. Auch deshalb darf sich Alban Gerhardt seit Kurzem nicht mehr zu den Senatoren zählen. Was soll’s. "Luxus macht keinen besseren Musiker aus mir" sagt Alban Gerhardt und: "Mozart war noch mit Pferdekutschen unterwegs."

Aufbruch und Ankommen

Als Mozart 1791 seine letzte Reise antrat, brach der 19-Jährige Novalis soeben zu seiner Expedition ins Ich auf. "Wir träumen von Reisen durch das Weltall; ist denn das Weltall nicht in uns?", fragte der Dichter, und weiter: "Wohin gehen wir? – Immer nach Hause." Für Novalis und die Romantiker war das Unterwegssein immer auch ein Synonym fürs Ankommen. Ihr Aufbruch hatte das Bei-Sich-Sein zum Ziel. Ihr Fernweh war Heimweh. Im Grunde genommen ist es dabei bis heute geblieben: Reisen erweitert den Horizont, heißt es – den Horizont des Reisenden. Aber natürlich, die Kulturgeschichte kennt auch andere Beispiele. Für Odysseus war das Reisen eine Qual. Er liebte seine Heimat Ithaka, täuschte vergeblich Wahnsinn vor, um dem Zug nach Troja zu entgehen – und konnte seine Penelope erst nach zwanzig Jahren der Trennung wieder in die Arme schließen. Noch schlimmer hat’s bekanntlich den "Fliegenden Holländer" erwischt, der dazu verdammt ist, bis zum jüngsten Tag auf seinem Gespensterschiff umherzuirren, ohne jemals in einen Hafen einlaufen zu dürfen…

Wenn man jung ist, reist man hin, sagt Peter Schüller, wenn man älter wird, zurück. Vor zwanzig Jahren, zu Beginn seiner Karriere, hat er oft wochenlang in Manhattan gewohnt, dem Sehnsuchtsort seiner Generation, ist durch Restaurants und Clubs gezogen, an Wochenenden raus zum Baseball, nach Boston oder Coney Island. Ein Schnitt von 1,0, zehn Bewerbungen, zehn Zusagen – das war die Bilanz seines Informatik-Studiums. Natürlich hätte er promovieren können an der Universität in Bonn, "ich habe die Studentenzeit geliebt." Aber Peter Schüller entscheidet sich für McKinsey und zieht hinaus in die Welt, nach New York, London und San Francisco, verbindet das Nötige des Jobs mit dem Angenehmen, bleibt auch schon mal ein Wochenende länger als nötig, "das Reisen war damals reine Bereicherung und keine Belastung."

Familienplanung und Reiseverhalten

Mit der Geburt des ersten Sohnes ändert sich das. Peter Schüller mag Strukturen. Und Peter Schüller liebt seine Familie. Er fängt an, sein Reiseverhalten zu optimieren, plant lange im Voraus, schaltet Unwägbarkeiten aus. Er fährt das "selbstbestimmte Reisen" hoch und regelt das "fremdbestimmte Reisen" runter, sucht Wochenenden fern der Heimat zu vermeiden – und achtet vor allem darauf, "immer ganz weg oder ganz da" zu sein: Das ist wichtig, sagt Peter Schüller, damit Beziehung und Familienleben keinen Schaden nehmen.

Alban Gerhardt hat es auf diese Weise "zum perfekten Reiseveranstalter" gebracht – noch so ein Beruf, den er hätte ergreifen können. Außer Pianist. Außer Dirigent. Außer Cellist. Wenn Klein-Alban rechtzeitig gewusst hätte, dass es auf dieser Welt noch etwas anderes gibt als Musik. Hat er aber nicht. Sein Vater spielt Geige bei den Berliner Philharmonikern, seine Mutter ist Sängerin. Als Vierjähriger hört Alban zum ersten Mal die "Meistersinger" in Salzburg. Mit sechs liest er fließend Partituren. Mit acht improvisiert er freihändig am Klavier. Und als er zehn ist, duelliert er sich mit Christian Thielemann, dem Jugendlichen aus dem Nachbarhaus, beim Zitieren aus Klavierauszügen...

Aber so eine Sonderbegabung kann das Leben auch ganz schön kompliziert machen. Alban Gerhardt hat einen 15-Jährigen Sohn, Janos, aus einer früheren Beziehung – und einen anderthalbjährigen Sohn, Kaloyan, mit seiner heutigen Lebenspartnerin, der bulgarischen Geigerin Gergana Gergova. Gergana hat seit Mitte November ein Sechs-Wochen-Engagement am Teatro Real in Madrid. Janos geht unter der sporadischen Aufsicht seiner Tante in Berlin zur Schule. Und Alban Gerhardt ist unterwegs in den USA, Slowenien, Italien, pendelt zwischendurch mal nach Madrid, mal nach Berlin.

Kein Aufbruch ohne Heimat

Zu den Konzerten in Mailand ist er vergangene Woche mit Kalo angereist. Wohnt dort in einer Gastwohnung gleich gegenüber dem Auditorium. Probt um 12, löst um 14 Uhr die Babysitterin ab – die Freundin der Nanny der Frau eines Cellisten an der Scala –, eilt um 15 Uhr zum Fototermin am Dom, spricht um 16 Uhr mit uns über sein Unterwegs-Sein, kocht um 18 Uhr Pasta, legt Kalo um 19 Uhr schlafen, begrüßt um 20 Uhr die Babysitterin – und tritt um 21 Uhr mit den Rokoko-Variationen auf…

Wie das alles geht? Wie man das bloß aushält? "Indem man geizig und immer geiziger wird, was die Zeit mit der Familie angeht", sagt Alban Gerhardt. "Indem man feststellt, dass man nicht immer los muss, wenn man gerufen wird", sagt Peter Schüller.

Weltoffenheit, so hat es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal formuliert, kann nur dann entstehen, "wenn Menschen ein operationsfähiges Zuhause haben". Recht hat er, sagt Alban Gerhardt. Recht hat er, sagt Peter Schüller. Kein Meer ohne Hafen. Kein weites Land ohne Höhle. Kein Aufbruch ohne Heimkunft. Und was ist mit dem Niemandsland? Hmm. Als wäre es ausradiert.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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