Geschäftsidee Johann Lafer hatte das Erfolgsrezept

Thomas Alt hat eine geniale Geschäftsidee für Simulationssoftware, aber null Ahnung von Unternehmensführung. Der Ingenieur war schon fast pleite, als ihm ein Kochkurs mit Johann Lafer das wirtschaftliche Erfolgsrezept bescherte.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Schon der Firmenname ist ein Fehler. "Wenn sie "Augmented Solutions" hörten, dachten unsere Gesprächspartner irrtümlich, wir wären Versicherungsvertreter" , erzählt Maschinenbauer Thomas Alt aus den Anfangstagen seines Start-ups. Noch heute schüttelt Alt den Kopf über die unbeabsichtigte Assoziation zu Allianz und Co. Weiter entfernt liegen vom Software-Produkt, das der Jungunternehmer mit seinem Partner Peter Meier seit 2003 entwickelt und vermarktet, kann man kaum. Nachdem sich der Telefonfrust der beiden häufte, fiel kurz nach der Gründung ihr Entschluss: Wir müssen unser Unternehmen umbenennen. Heute firmiert die gefloppte Augmented Solutions unter dem Namen Metaio in München und gilt bei Branchenexperten weltweit als eine der zukunftsweisenden Computertechnik-Schmieden.

Dass ihre berufliche Selbstständigkeit doch noch eine Erfolgsstory werden würde, können die beiden Gründer manchmal gar nicht fassen. Denn der falsche Firmenname war noch eines der kleineren Desaster, die Alt und Meier zu bewältigen hatten. "Nicht nur einmal, sondern zigmal standen wir im ersten Jahr vor dem Scheitern", sagt der 33-Jährige. Rückblickend weiß Alt auch wieso: "Wir haben unser Business ohne ökonomischen Sachverstand gestartet."

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. 2002 trafen die beiden Diplom-Ingenieure zum ersten Mal zusammen. Alt hatte an der Technischen Universität München einen Vortrag gehalten. Er referierte über seine Entwicklungsarbeit zum Thema Augmented-Reality-Tech-nologie, abgekürzt AR oder auf Deutsch "Erweiterte Realität". Meier saß im Publikum und stellte dem Gastredner kluge Fragen. Es stellte sich heraus, dass "wir unabhängig voneinander am selben Thema getüftelt haben", erzählt der quirlige Maschinenbauer Alt. Der damals 28-Jährige auf seiner ersten festen Stelle beim Volkswagen-Konzern in Wolfsburg; der ein Jahr jüngere Meier als wissenschaftlicher Angestellter an der Münchner TU.

Auf Anhieb war dem Rheinländer Meier und dem Schwaben Alt klar, "zwischen uns stimmt die Chemie". Und nicht nur das. Gleich beim Kennenlernen entwickelten die beiden Ingenieure eine gemeinsame Zukunftsvision: Man müsste den riesigen Markt für Computersimulationen mal so richtig aufmischen. Und zwar mit vergleichsweise billiger Augmented-Reality-Software, die sich bereits auf Standard-PCs einsetzen lässt, um dann zum Beispiel wie beim Kinofilm Jurassic Park die reale mit der künstlichen Welt der Dinosaurier zu verschmelzen. Die beiden Wissenschaftler wollten sich quasi als eine Art Aldi der Simulationsszene etablieren. Seine ganz persönliche Vorstellung vom Selfmade-Man schiebt Alt hinterher: "Zugegeben, meine Idee vom Führen einer Firma war simpel: Machen wir's einfach wie Bill Gates. Wir brennen unsere Software auf CDs, verkaufen die und leben glücklich auf den Bahamas."

So weit, so naiv. Den eigenen Laden tatsächlich an den Start zu bringen, war leichter gesagt als getan - den Gründern fehlte es an Kapital. "3F - Fools, Friends and Family" nennt Alt sein Finanzierungsmodell. Um an die erste Finanzspritze zu kommen, setzten die Chefs in spe auf Gründerwettbewerbe. Absolutes Neuland für die beiden Techniker aus Leib und Seele.
Um den notwendigen Businessplan aufzustellen, "hab' ich halt die Basics gegoogelt und mir das Buch ,BWL für Ingenieure' für 19,90 Euro und das ,GmbH-Checkbook'; für 25 Euro gekauft", erzählt Alt.

Offenbar eine gute Investition. Diese dürre betriebswirtschaftliche Grundlage reichte schon beim zweiten Anlauf zu einem Etappensieg: Die Ingenieure räumten 2002 beim Future-SAX-Wettbewerb der Sächsischen Aufbaubank in Dresden 25000 Euro ab. Die für die Firmengründung noch fehlenden 200 Euro hob Thomas Alt gern von seinem Sparkonto ab.
Der Grundstein für die eigene Firma war gelegt. Die Kündigung der festen Stelle in Wolfsburg, nach der sich so mancher Berufseinsteiger die Finger lecken würde, war für Alt nur noch Formsache.

Ein Akt, der zu Hause allerdings nicht auf uneingeschränkte Zustimmung stieß. Markus Alt, Thomas' zwei Jahre älterer Bruder, erinnert sich: "Unser Vater, selbst Ingenieur und Geschäftsführer eines mittelständischen Anlagenbauers, war extrem skeptisch, als Thomas uns von seiner Gründungsidee erzählte." Der Posten bei VW schien dem Vater für seinen Jüngsten sicherer als die Selbstständigkeit. Dass der Filius auf die solide, greifbare Konzernkarriere pfiff, konnte er nicht verstehen.

"Ich aber spürte, dass Thomas' Herz dran hängt. Schon seine Promotion hat ihm so viel Spaß gemacht", erzählt "Makke", wie ihn sein kleiner Bruder Thomas seit Kindertagen nennt. "Mach es", war deshalb auch seine spontane Reaktion. "Außerdem ist er ein hemdsärmeliger Macher", weiß der große Bruder aus Teenagerzeiten. Damals durften die beiden Geschwister das Ladengeschäft eines mit den Eltern befreundeten Fotografen in den Ferien führen. Hinterm Tresen stehen, Kunden bedienen und für sie die fertigen Bilder rauszusuchen oder ihnen Filme zu verkaufen - das war für den kleinen Thomas ein Riesenspaß.

Alts Mutter, Lehrerin von Beruf, blieb angesichts von Thomas Gründungsabsichten gelassen: "Bub, was auch passiert, den Kopf können sie dir nicht abreißen." Eingedenk Mamas Worten macht sich der Filius mit seinem Kompagnon also an den Firmenaufbau. Sie schnorren Büromöbel für die 16 Quadratmeter große Startup-Zelle im Gründerzentrum in Garching zusammen. Der frisch gebackene Chef steigt von seinem BMW auf Smart um und isst ab sofort wieder in der Uni-Mensa. Im ersten Jahr buttern die beiden Existenzgründer trotz Anschubhilfe des Landes Bayern ihre Reserven in die Firma. Alt: "Wir waren extrem sparsam an uns selbst. Trotzdem standen wir einige Male vor der Insolvenz."

Denn den beiden technikverliebten Enthusiasten fehlte der Produktfokus - die Einsatzmöglichkeiten für ihre Computeranwendungen schienen ihnen unendlich: Von der industriellen Produktionsplanung über PC-Spiele und Web-Shops bis hin zur Militärsimulation war für die Newcomer einfach alles denkbar. "Wir beide haben zwar geschuftet wie die Weltmeister, uns aber bei der technischen Entwicklung verzettelt", sagt Alt. Trotz Tag- und Nachtschichten - von Vertrieb und Marketingaktionen keine Spur. Nach dem Motto "Wir machen das coolste Produkt, das werden die Kunden schon merken und kommen", steuerte die junge Firma geradewegs in die Pleite. Im ersten Jahr hatte das Duo nicht einen einzigen Auftrag.

Doch Alt lässt sich nicht unterkriegen, sondern pinnt den Motivationsklassiker des römischen Philosophen Seneca an die Bürowand: "Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig." Aus dem Radio erschallt zu dieser Zeit oft Melancholisches von Neil Diamond und Smokie. "Ich höre Radio Arabella zur Beruhigung", gesteht Alt, der in jeder Lebenslage einen passenden Song auf den Lippen hat. Wenn es schlecht läuft, sind es eben Schnulzen wie "Living next door to Alice.

Endlich bewähren sich Kontakte aus Alts Forschungs- und Promotionszeit. Der erste Systemverkauf an Ex-Arbeitgeber Volkswagen spült Geld in die Kasse. Das verschafft den Gründern Luft für ein paar weitere Monate Metaio-Abenteuer. Für die jungen Männer ist es allerhöchste Zeit, aus ihren bisherigen Fehlschlägen Konsequenzen zu ziehen. Deutliche Einschnitte bei der Produktpalette, ergänzt um ausgefeilte Vermarktungsmaßnahmen, lautet ihr verfeinertes Metaio-Konzept.

An dem ist überraschenderweise Spitzenkoch Johann Lafer nicht ganz unschuldig: Als Alt seine Freundin einmal zu einem der Gourmet-Kochkurse des Maître ins rheinland-pfälzische Guldental begleitete, überreichte Lafer ihm nach der Zubereitung und dem gemeinsamen Genuss des Feinschmeckermenüs das Teilnahmezertifikat mit den Worten: "Dr. Alt, bei Ihnen war's knapp." "Das vergesse ich nie", erzählt der 33-Jährige. "Ich hatte den Edelfisch nicht fachgerecht filetiert, sondern bin zu grob nach der Fischstäbchen-Methode vorgegangen." Ein Schlüsselerlebnis für den jungen Chef: Ihm war klar geworden, dass er auch mit seiner Firma nicht delikat genug verfahren ist.

Die technische Entwicklung zu leisten und darüber hinaus Patentanmeldungen, Vertrieb und Marketing selbst zu stemmen, ist nicht machbar, erkennen Alt und Meier. "Wir holen starke und kompetente Partner ins Boot", lautet der Beschluss der beiden Gründer nach ihrem nächsten Feedback-Gespräch. Diese regelmäßigen Runden haben sie zur Vertrauensbildung eingeführt und um sich gegenseitig zu erden. Dabei hagelt es harsche Kritik, aber Tüftler Meier und Ideensprudler Alt raufen sich jedes Mal etwas mehr zusammen - inzwischen bezeichnen sie sich als beste Freunde. "Es war nie gefährdend, dass wir so unterschiedlich ticken", sagt Meier, der auch gern mal die Bürotür schließt, um sich in Forschungspapiere zu vertiefen. "Die Programmierung an sich macht mir gar nicht so viel Spaß, die überlasse ich Peter. Mich reizt es mehr, Kunden zu neuen Anwendungen für unsere Software zu beraten", sagt Alt.

Er bespricht mit Pkw-Herstellern, wie sie mit Augmented Reality ein künftiges Automodell in ihre bestehende Fertigungsanlage projizieren und so Optimierungsbedarf kostengünstig entdecken können. Er überzeugt Möbelproduzenten, Kunden bereits online zu zeigen, wie gut sich die neue Couch in ihrem Wohnzimmer macht.

Bei seiner Lieblingsbeschäftigung, der Beratung, geht bisweilen doch noch Alts Hang zu Hauruckaktionen mit ihm durch: Als mal die Simulation einer militärischen Übung nötig ist, guckt der Gründer kurzerhand die benachbarte Garchinger Heide für den prototypischen Großkampftag aus. "Einer unserer Werksstudenten, ein Leutnant der Reserve, robbte voll aufgerödelt über die Wiese", erzählt Alt, der selbst seinen Wehrdienst an der luxemburgischen Grenze absolvierte. Keine halbe Stunde später rückten die Umweltschützer zur Verteidigung der im Naturschutzgebiet nistenden Vögel an. "Da haben wir Glück gehabt, es hätten ja auch Nato-Truppen sein können", grinst Alt mit der Lässigkeit des Jever-Mannes aus der Fernsehwerbung.

Der wirtschaftliche Befreiungsschlag gelingt den Jungunternehmern im Jahr 2004, als sich das Land Bayern und das Bundesforschungsministerium als Förderer gewinnen lassen. Mit ihren Zuschüssen wird der Patentanwalt finanziert, der den Gründern die aufwändigen Zulassungsprozeduren abnimmt. "Patente selbst zu managen, bedeutet am falschen Ende zu sparen", haben die Gründer festgestellt. So bleibt ihnen mehr Raum für das Wesentliche. Metaio wächst und macht endlich Umsatz.

Dann werden die deutschen Trend-Scouts von Microsoft auf Metaio aufmerksam. Die Aufnahme ins MS-Förderprogramm für vielversprechende Start-ups aus der High-Tech-Szene bringt für Marketing und Vertrieb extrem viel Schubkraft. "Der Name Microsoft ist ein Türöffner, wir haben auf einmal viele wertvolle Kontakte bekommen", sagt Alt. Dazu noch kostenlose Manpower und Know-how, um ihre neue Simulationssoftware optimal in die Windows-Welt zu integrieren - was den Vertrieb der Metaio-Produkte zusätzlich beflügelt.

Inzwischen hält Metaio 23 Patente rund um AR-Simulationen. Großkunden wie BMW, Bosch, Audi und Siemens nutzen Technologie des bayerischen Start-ups. Außerdem steht die erweiterte Realität made in Germany heute beim Microsoft-Topmanagement auf der Watchlist der fünf wichtigsten neuen Technologien weltweit. "Wir sind wie der Surfer am Strand, wir beobachten Wellen und Himmel, um die nächste Riesen-Technologiewelle nicht zu verpassen", sagt Dan'l Lewin mit wohlwollendem Blick auf Alt, der dem amerikanischen Microsoft-Manager im Silicon Valley neulich seine Firma persönlich vorgestellt hat. Etwa 1000 Start-ups pro Jahr sichten Lewins 40 Trend-Scouts weltweit. Da die Nase vorn zu haben, macht den Deutschen dann doch stolz.

Aber nicht nur amerikanische Manager sind auf die bayerische Technologie-Schmiede aufmerksam geworden. Jüngst haben Alt und Meier den Deutschen Internet-Preis des Branchenverbandes Bitkom für ihre fotorealistische Einrichtungsplanungssoftware eingeheimst und dabei rund 300 Mitbewerber aus dem Feld geschlagen.

Golfen wegen der Connections hält der sportliche Schwabe dagegen für Zeitverschwendung. Lieber segelt er auf seinem Boot aus den 70er Jahren auf dem Starnberger See. "Das hat eine Kajüte. Da geh ich manchmal schon freitags hin, um mal auszuschlafen." Üblicherweise rackert Alt sechs Tage pro Woche, elf Stunden lang - um vor dem Einschlafen ein letztes Mal seine E-Mails zu checken. "Nach solch einem Arbeitstag hätte ich zu 20 Prozent gern meine Festanstellung zurück, aber in 80 Prozent der Fälle bin ich sauhappy", sagt der junge Chef. Nicht zuletzt, weil sein Laden brummt. Mittlerweile beschäftigt er 32 Mitarbeiter. "Wir suchen Leute wie verrückt", sagt Alt. Gebraucht werden Entwickler sowie Vertriebs- und Marketingprofis. Talenten bietet Chef Alt Turbo-Aufstiegschancen: einen Praktikanten hat er nach dessen Diplom zum 'Director International Business' befördert. Kein Wunder, der FH-Student im zweiten Fachsemester war der erste Betriebswirtschaftler im Team und erkannte das brachliegende Marketingpotenzial des Start-ups. "Er hat professionelle Broschüren statt meiner selbstgebastelten Flyer verlangt und über unsere Homepage geschimpft. Das war damals für mich alles so nebensächlich. Zum Glück hat er mich aber weiter in den Hintern getreten", erzählt Alt.

Das Metaio-Team ist jung und duzt sich. Chef 'Dr. T' ist mit seinen 32 Jahren der zweitälteste. Teamgeist schreibt er groß: Aktionen wie Raften auf der Isar sollen seine Leute zusammenschweißen. Auch die Besichtigung des neuen Domizils in einer alten Kaserne am Leonrotplatz geriet für die Metaio-Mannschaft zum Betriebsausflug. Mit 3,50 Meter hohen Decken wirken die Räume im Stadtteil Schwabing wie ein Industrieloft. Im Toilettenraum finden sich sogar noch pedalbetriebene Waschbecken. "Hier gibt's jedenfalls keinen Büromief", schwärmt Alt über die "coole neue Adresse für 'nen schmalen Taler".

Denn trotz ihrer hippen Software herrscht von Google-Mania keine Spur bei Metaio - darauf achtet Firmenchef Alt persönlich. Im Gegenteil. Noch immer wird zu zweit im Doppelzimmer übernachtet, wenn die Mitarbeiter zum Beispiel zu Messen reisen. Alts Vater hilft seinem Sohn beim Bau von Hardware-Prototypen wie etwa der BMW-Datenbrille für Fahrzeugreparaturen. Damit bekommen Techniker im entlegendsten Teil der Erde aus jedem Blickwinkel eingeblendet, wie sie einen Motor reparieren können. Und Alts Freundin hat sich mit in die Personalabrechnung der kleinen Firma eingefuchst. Fools, Friends and Family eben. Thomas Alt selbst ist sich aber auch nicht zu fein, mal einen Flug oder einen Mietwagen zu buchen. Das resultiert aus seiner alternativen Chef-Philosophie. "Alles, was man erwartet, dass es andere machen, muss man selbst bereit sein zu tun", sagt er und ergänzt: "Ich habe keinen Controller, sondern eine Excel-Tabelle." Denn: "Wenn man solches Hierarchiedenken bekommt, ist es mit der lockeren Firmenkultur vorbei."

Was ihm die Zukunft bringen wird? "2008 ist unser Jahr der Internationalisierung", sagt Alt. In den USA und Asien will er nach bewährter Strategie über Partnerfirmen aktiv werden. Expansionsträume hat er, aber auch ein bisschen Angst vorm Scheitern. Nur in einem ist sich Alt sicher: "Ich werde wieder viel lernen - aber hoffentlich nicht zuviel Lehrgeld bezahlen."

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...