Geraint Anderson "Wie pubertäre Jungs mit 500.000 Pfund Taschengeld"

Sex, Drogen, Aktien: Ex-Investmentbanker Geraint Anderson über die Exzesse in der Londoner Finanzwelt, fehlende Kontrollen, sein Leben als Hippie und die marxistische Revolution.

Til Knipper | , aktualisiert

Mr. Anderson, sind Sie nüchtern im Moment?

Nein, ich war gestern auf einer Party und habe einen Kater, aber warum fragen Sie?

In Ihrem Buch "Cityboy - Geld, Sex und Drogen im Herzen des Londoner Finanzbezirks" bekommt man den Eindruck, dass Londoner Banker viel trinken und koksen müssen.

Naja, nicht alle, aber es stimmt, ich habe mein ganzes Leben ziemlich viel gefeiert. Während meiner zwölf Jahre im Investmentbanking war das mein Alleinstellungsmerkmal.

Dass Sie feiern konnten?

Ja, viele Analysten in der City sind ziemlich langweilig und werden von Kunden nur als nützliche Geschäftspartner anerkannt. Aber es sind keine Typen, mit denen man abends weggehen will, um zu feiern. Der beste Kunde, den du haben kannst, ist aber derjenige, der denkt, er sei dein Freund. Dann kannst du sicher sein, dass er einen Großteil seiner Geschäfte über dich abwickelt und du jede Menge Gebühren einstreichst. Es gab fachlich immer viel bessere Analysten als mich, und ich war auch nicht sehr produktiv, was das Anfertigen von Unternehmensanalysen anging. Stattdessen habe ich für das ganze Team die Kundenpflege übernommen. Ich habe in der Zeit viele Sterne-Restaurants besucht, noch mehr Fußball- und Rugbymatches gesehen und eine Menge Nachtclubs und Stripbars in London, aber auch in Miami und Las Vegas kennengelernt.

Den Job in der City, dem Londoner Finanzbezirk, hat Ihnen Ihr Bruder vermittelt?

Meine Familie hat sich damals Sorgen gemacht, dass aus mir nichts wird. Ich hatte Geschichte in Cambridge studiert und habe danach ein Jahr als Hippie in Goa verbracht. Als ich wiederkam, hatte ich Säcke mit Schals, Tüchern und Taschen dabei, die ich verkaufen wollte. Das war mein Geschäftsmodell. Mein Bruder war damals Fondsmanager und hat mir daraufhin ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank besorgt.

Hatten Sie Ahnung vom Investmentbanking?

Nein, mein Bruder hat mir einen kurzen Crashkurs gegeben. Ich habe die Ohrringe rausgenommen, den Pferdeschwanz abgeschnitten und mir den Bart abrasiert. Bekommen habe ich den Job wahrscheinlich nur, weil das Einstellen eines Verwandten eine weitere beliebte Kundenbindungsstrategie in der City war.

Ihr Vater saß 35 Jahre als Labour-Abgeordneter im Unterhaus. Hat er manchmal das Gefühl, dass er bei der Erziehung versagt hat, weil zwei seiner Söhne in der City tätig waren?

Und der dritte für die Financial Times. Mein Vater ist aber immer ein sehr pragmatischer Linker gewesen. Er verkörpert dieses Arbeiterklassenideal, dass seine Söhne eine bessere Ausbildung erhalten sollten als er. Insofern ist er sehr stolz, dass alle drei in Oxford oder Cambridge studiert und anschließend gutes Geld verdient haben. Das hat dann auch seine Bedenken verdrängt, dass seine Söhne Parasiten auf dem aufgeblähten Bauch des Kapitalismus waren. Zumal mein Fondsmanager-Bruder inzwischen als Baptisten-Pfarrer arbeitet, so dass auch meine sehr religiöse Mutter versöhnt ist.

Sie bezeichnen sich als trotzkistischen Revolutionär. Amüsiert es Sie, dass dank der Krise einige Banken jetzt in staatlicher Hand sind?

Es war zwar nicht die reine marxistische Lehre, aber natürlich ist diese Verstaatlichung der Banken durch die Hintertür unglaublich komisch. Solange ihre hochriskanten Geschäfte gut laufen, verbieten sich Banken jede Einmischung und huldigen den freien Märkten. Wenn ihre Zockerei aber schief geht, strecken sie bettelnd ihre Hüte aus und fordern staatliche Hilfe. Das ist so, wie wenn man vorm Münzwurf sagt: "Bei Kopf gewinn ich, bei Zahl verlierst du!"

Sie waren ja mittendrin. Können Sie Außenstehenden erklären, wie es zu dieser Krise kam?

Das ganze System belohnt extrem rücksichtsloses, kurzfristiges Denken. Eigentlich hätte jeder seit einigen Jahren wissen müssen, dass die Immobilienblase irgendwann platzt. Es hat aber niemanden interessiert, weil man in der Zwischenzeit als Banker Millionen verdienen konnte. Das ist eine Folge der Bonuskultur. Der Aufstieg der Hedge-Fonds hat das noch befördert, weil diese kurzfristig hohe Renditen erwirtschaften müssen. Die Leute sind immer höhere Risiken eingegangen, weil sie persönlich nichts zu befürchten hatten. Es wurde immer komplizierter. Die Leute haben Sachen entwickelt, die ihre Bosse nicht mehr kapiert haben.

Wie lässt sich das in Zukunft vermeiden?

Als Historiker würde ich sagen, dass die von Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Milton Friedman propagierten, komplett deregulierten Märkte am Ende sind. Sie haben, wie die Krise eindrucksvoll unter Beweis stellt, in ein Desaster geführt. Daher brauchen wir eine strengere Regulierung der Märkte.

Das fordern alle, aber wie soll das gehen?

Die Marktkontrolleure wie die FSA hier in England oder in Deutschland die Bafin müssen mehr Macht bekommen und vor allem personell besser ausgestattet werden. Die Bonussysteme müssen geändert werden, so dass die Leistung eines Bankers über einen längeren Zeitraum von vier bis fünf Jahren beurteilt wird. Und die Banken sollten gezwungen werden, ihre Eigenkapitalquoten zu erhöhen.

Müssen die Cityboys persönlich haften?

Es ist die traurige Wahrheit, aber wir sind doch sehr einfach gestrickt. Cityboys werden dafür bezahlt, tagein, tagaus Chance-Risiko-Abwägungen zu treffen. Wenn man sich den verbotenen Insiderhandel anguckt: Da gab es in den letzten 20 Jahren vielleicht fünf entsprechende Verurteilungen. Da ist das Chance-Risiko-Verhältnis natürlich günstig. Selbst Vertreter der FSA sagen, dass der Insiderhandel in der City weit verbreitet ist. Aber solange die Leute mit allem davonkommen, werden sie sogar noch ermutigt, so weiterzumachen.

Die oft zitierten "Chinese Walls", die den Austausch zwischen verschiedenen Abteilungen der Banken unterbinden sollen, um Insidergeschäfte zu verhindern, sind also durchlässig?

Ja, dafür sind bei Übernahmen und Börsengängen einfach zu viele Leute involviert. Schätzungen gehen davon aus, dass es bei mindestens 30 Prozent aller Übernahmen verdächtige Handelsaktivitäten gibt. Daher wäre es zumindest bei zivilrechtlichen Auseinandersetzungen sinnvoll, bei einem begründeten Verdacht die Beweislast umzukehren, dass also der Beklagte darlegen muss, dass er die Regeln eingehalten hat.

Zieht die Finanzindustrie bei härterer Regulierung nicht einfach irgendwo anders hin?

Die Möglichkeit gibt es immer. Davon haben wir selbst ja auch profitiert. Als infolge des Enron-Skandals an der Wall Street härter durchgegriffen wurde, ist London in einigen Bereichen an New York vorbeigezogen, weil Tony Blair und Gordon Brown weiter im Deregulierungsmodus waren. Aber ich bin mir sicher, das London und New York die wichtigsten Finanzstandorte bleiben werden. Ich will ja nicht Ihre Leser in Frankfurt beleidigen, aber es gibt wirklich aufregendere Plätze auf der Welt. Auch Dubai und Zürich sind keine echten Alternativen für Cityboys.

Wie haben Sie es so lange ausgehalten?

Ursprünglich wollte ich maximal fünf Jahre in der City arbeiten und mit 300000 Pfund auf der hohen Kante rausgehen. Grundsätzlich gibt es für mich vier Gründe zu arbeiten: Geld, etwas Kreatives zu tun, die Welt zu retten und Spaß zu haben. Meine Arbeit in der City war nicht kreativ und ich habe nichts zur Rettung der Welt beigetragen. Aber mir fehlte eine Alternative. Und es gibt Schlimmeres als 500000 Pfund zu verdienen.

In den letzten zwei Jahren als Cityboy haben Sie unter Pseudonym eine Zeitungskolumne geschrieben und darin die Kollegen lächerlich gemacht. Ist das angesichts Ihres Gehalts nicht heuchlerisch gewesen?

Bei meinen Kollegen habe ich mich nicht beliebt gemacht. Meine echten Freunde aus der Schul- oder Unizeit finden die Geschichte recht amüsant. An dem Vorwurf der Heuchelei ist etwas dran. Es gibt Leute, die jetzt sagen, ich bisse die Hand, die mich gefüttert hat. Da kann ich nur entgegnen: Es gibt kaum eine Hand, die es so verdient hatte.

Aus den Kolumnen ist jetzt ein Buch geworden. Bedienen Sie darin nicht nur Klischees der Leser, die schon immer wussten, dass Investmentbanker gierig und arrogant sind?

Es gibt natürlich jede Menge Banker, die wenig trinken, gar nicht koksen, nicht auf Sexpartys gehen und für wohltätige Zwecke spenden. Darüber möchte aber niemand lesen. Insofern gebe ich den Lesern, was sie hören wollen, wenn ich über die Exzesse schreibe. Meine Motivation für das Buch war, das Schweigen über die Branche zu brechen und zu zeigen, was für ein Wildwest-Casino die Finanzwelt geworden ist. Das Buch basiert zu 80 Prozent auf wahren Ereignissen. Außerdem wollte ich meine ernst gemeinte Empörung so humorvoll wie möglich rüberbringen, weil ich so mehr Leute erreiche als mit langweiligen Moralpredigten.

War die Kolumne Ihre Idee?

Nein, eine Freundin von mir, die bei "The London Paper" arbeitet, schlug mir das im September 2006 vor. Ich habe nur darauf bestanden, dass sie unter dem Pseudonym "Cityboy" erscheint, weil ich sonst sofort meinen Job verloren hätte. Den Namen fand ich so passend, weil die Geisteshaltung vieler Investmentbanker sehr kindisch ist.

Tatsächlich hat man beim Lesen den Eindruck, dass viele Ihre Pubertät durchleben.

Mit dem Unterschied, dass sie 500000 Pfund Taschengeld haben. Manche durchleben sie vielleicht auch zum ersten Mal richtig. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Personalabteilung bei Goldman Sachs am liebsten Leute einstellt, die in der Schule fertig gemacht wurden. Diese arbeiten nämlich umso härter, um es mit Hilfe eines Ferraris und einer hübschen Blondine ihren alten Gegnern heimzuzahlen. Das Konkurrenzdenken ist sowieso absurd. Es geht immer nur darum, wer den Längeren hat, wer mehr Geld verdient, wer das größere Auto fährt.

Hat die Kolumne dazu geführt, dass Sie länger im Investmentbanking geblieben sind, weil Sie so die Möglichkeit hatten, Dampf abzulassen?

Nein, im Gegenteil. Sie hat mir gezeigt, dass ich eine Alternative habe. Die Tatsache, dass sich eine größere anhaltende Krise abzeichnete, hat die Entscheidung natürlich auch nicht gerade erschwert. Außerdem war ich ohnehin kurz davor aufzufliegen, und das wäre dann sowieso das Ende gewesen. So konnte ich Ende 2007 noch eine halbe Million Pfund Bonus einstecken, habe dann gekündigt und mich kurze Zeit später geoutet.

Ex- Hippie, Ex- Banker, was machen Sie jetzt?

Autor würde ich sagen, ich arbeite gerade an meinem zweiten Buch. Ein Thriller, der ebenfalls in der Finanzwelt spielt. Außerdem soll es eine Fernsehserie über den Cityboy geben. Ich würde ohnehin gerne mehr Fernsehen machen, weil man damit einfach mehr Leute erreicht. Aber eine Sache muss ich noch loswerden: Durch das Buch bekomme ich Einblick in verschiedene Branchen wie PR, Medien und Verlage. Also, da laufen auch viele arrogante und gierige Idioten rum.

Gier und Arroganz bringen einen überall an die Spitze?

Ja, und Rücksichtslosigkeit. Der Abschaum schwimmt halt immer oben.

Sollen wir das jetzt so stehen lassen?

Nee, das ist mir als Fazit zu pessimistisch. Ich wünsche mir, dass talentierte Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mediziner sich um die Klimakatastrophe kümmern oder Krebs und Aids besiegen, statt in Banken blöde Papiere zu verticken. Die Leute sollten weniger geldfixiert sein. Sagt sich natürlich leicht mit einer Million Pfund auf dem Konto. Konzentriert euch stärker auf Dinge, die es umsonst gibt, wie Liebe und Sex.

Zur Person

Geraint Anderson, 36, arbeitete zwischen 1996 und 2008 als Investmentbanker bei vier verschiedenen Banken in London. In seinem Buch "Cityboy - Geld, Sex und Drogen im Londoner Finanzbezirk" beschreibt Anderson mit derbem britischen Humor die Exzesse der Londoner Finanzbranche in den vergangenen Jahren. Vor seiner Bankkarriere studierte der selbsternannte Revolutionär Geschichte in Cambridge und schrieb seine Masterarbeit über den 68er-Aufstand in Paris. Das Buch erscheint am 30. März im Börsenbuchverlag.

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