Geowissenschaften Die Erforscher der Erde

Geowissenschaftler geworden - und jetzt? Ein klares Jobprofil gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Pfad im steinigen Gelände finden. Rohstoffspezialisten allerdings sind gesucht wie neue Ölquellen.

Sabine Scheltwort | , aktualisiert

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Menschen auf der Welt, die so genau wie Jutta Schmieder ausmachen können, an welchem Ort das Leben lebensgefährlich ist. Sie würde zum Beispiel nur ungern aus München nach San Francisco oder Taiwan ziehen, denn westlich drohen Erdbeben, östlich tropische Stürme. Die Geografin weiß auch, was das an Geld und Leben kosten würde: Ein starkes Erdbeben in San Francisco würde 200 bis 300 Milliarden Dollar volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Passierte es nachts, gäbe es 3.000 bis 5.000 Tote, nachmittags um zwei wäre mit 100.000 Toten zu rechnen.

Jutta Schmieder arbeitet beim Rückversicherungskonzern Munich Re in der Abteilung "GeoRisikoForschung". Zu Beginn ihres Studiums der physischen Geografie in Trier schwebte ihr wie vielen Kommilitonen vor, in den Umweltschutz zu gehen. Ein Praktikum machte ihr jedoch klar, dass ihr Traumjob anders aussieht. Also schaute sie sich anderswo um, zum Beispiel beim kanadischen Landwirtschaftsministerium und in der Lawinenforschung in Davos. 1996 schrieb sie ihre Diplomarbeit bei der Münchener Rück über Überschwemmungsgefahren in Trier, schloss ein weiteres Praktikum an, und als ein Jahr darauf eine Stelle frei wurde, stieg Schmieder als Expertin für Geoinformatik ein.

Die Diplom-Geografin hat alles richtig gemacht: Sie hat sich früh orientiert, auf die zukunftsträchtige Geoinformatik spezialisiert, Praktika in unterschiedlichen Bereichen im In- und Ausland gemacht, die Nähe zum Arbeitsmarkt gesucht statt gemieden. Genau diese Ratschläge gibt Wirtschaftsgeograf Wolfgang Leybold von der Personal- und Organisationsberatung Leybold & Akli. Bei seinen Seminaren für Studenten bemerkt er aber, dass sie immer noch zu wenig beherzigt werden. "Häufig mangelt es an der Praxisorientierung. Ein einziges Praktikum reicht einfach nicht aus", sagt Leybold, der nach seinem Abschluss 2001 als Projektmanager in einer regionalen Wirtschaftsförderung begann und sich 2004 mit der Beratung selbstständig machte.

Die letzten Universaldilettanten

Ein Geografie-Studium ist breit angelegt zwischen Klimaforschung und Verwaltungsrecht; Studenten analysieren Bodenproben im Labor, werten Luftbilder aus oder deuten demografische Statistiken. Wegen ihrer Vielseitigkeit gelten die Absolventen als Universaldilettanten, als letzte Spezialisten fürs Ganze - kurz: als Wesen, mit denen Personaler in Unternehmen erst mal eher wenig anfangen können.

Das war nicht tragisch, solange der öffentliche Dienst als wichtigster Arbeitgeber Geografen zum Beispiel für Flächenplanung, Abfallberatung, Umweltschutz, für Tourismus-Marketing, Nahverkehrsplanung und Wirtschaftsförderung engagierte. Heute sind die Aufgaben zwar nicht weniger geworden, doch das Geld ist knapp, Stellen bei Bund, Ländern und Gemeinden sind rar. "Öffentlicher Dienst und freie Wirtschaft dürften sich inzwischen als Arbeitgeber die Waage halten", schätzt Leybold. Geografen arbeiten in Planungsbüros oder Franchise-Unternehmen, wo sie Gutachten für die Standortwahl erstellen. Andere kommen bei Banken, Versicherungen, Verlagen, Immobilienberatungen oder in der Marktforschung unter. Und konkurrieren hier natürlich mit Absolventen anderer Fächer.

"Aber statt sich zu grämen, dass es neben ihnen Fachleute für dies und Fachleute für das gibt, sollten Geografen ihre breite Ausbildung offensiv als Vorteil verkaufen und mit ihrem vernetzten Denken punkten", meint Leybold. Wichtig ist, sich im Grundstudium erst mal breit aufzustellen, um dann im Hauptstudium sinnvoll ergänzende Nebenfächer zu wählen, beispielsweise in Richtung Wirtschaft oder physische Geografie. Rudolf Juchelka vom Deutschen Verband für Angewandte Geographie drückt es noch drastischer aus: "Der Arbeitsmarkt für Ökologen ist tot." Juchelka empfiehlt entschieden die Spezialisierung Richtung Humangeografie. Gute Chancen sieht er in Regionalmanagement, Verkehr und Logistik und in der Immobilienbranche. Überall da, wo räumliche Probleme visualisiert werden, könnten Geografen andere aus dem Feld schlagen.

We read the world

Zum Beispiel in der Geoinformatik, wo Informationen aus Datenbanken zu digitalen Karten werden. "Man kann es sich wie übereinander gelegte Folien vorstellen, die jeweils unterschiedliche Informationen enthalten, zum Beispiel zur Bebauung, zur Erdbebengefährdung, zur Einwohnerzahl", erklärt Jutta Schmieder. "Diese Folienschichten durchsticht man dann an einer Stelle mit einer Nadel und erhält so alle verfügbaren Informationen zu diesem Ort." Dies ist einer der Grundlagen, wie Rückversicherer mögliche Schäden schätzen.

Besonders stolz ist die Geografin auf die Weltkarte der Naturgefahren, die anzeigt, wo Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis oder Stürme drohen. Die vollständige Überarbeitung war eines ihrer Hauptprojekte, als Schmieder 1997 zur Münchener Rück kam. Nun steht erneut eine Aktualisierung der Karte an, die Mitarbeiter, Kunden und Forschungseinrichtungen nutzen. Das wird wohl wieder ein Jahr in Anspruch nehmen, schätzt die 38-Jährige, die im Mai nach sieben Monaten Elternzeit zurückgekehrt ist und jetzt Teilzeit arbeitet.

Immobiliencracks

Jobs im Rückversicherungsgeschäft sind eher rar. Dafür klafft im Immobilienbereich eine echte Lücke. "Wir suchen dringend Geografen", sagt Thomas Beyerle, Research-Leiter bei der Deutschen Gesellschaft für Immobilienfonds (DEGI) der Allianz-Dresdner. Allerdings seien die Anforderungen auch hoch. Geografisches Wissen allein reiche nicht, ökonomische Kenntnisse müssten es ergänzen: "Es gibt viele Feldforscher, die im wirtschaftlichen Umfeld orientierungslos herumirren und beim Anblick einer Excel-Tabelle einen Schweißausbruch kriegen."

Englisch ist selbstverständlich, eine zusätzliche Sprache hilfreich. "Zum Beispiel rollt ein Deutsch-Türke jetzt für uns den türkischen Markt ganz neu auf", erzählt der Immobilien-Spezialist. Beyerle, Jahrgang 1967, hat Geografie und BWL studiert und empfiehlt solides Wissen statt Orientierung an kurzfristigen Moden: "In den 80ern, als ich studierte, war die Abfallberatung en vogue, dafür braucht einen heute kein Mensch mehr."

Pfadfinder auf fremdem Terrain

Und warum dann nicht gleich BWL? Weil Geografen manches besser können: "Der erste Ansatz bei uns ist immer ein rein geografischer - wie sieht ein Umfeld aus?", erklärt Beyerle. "Ein Betriebswirt hat dazu keinen Bezug. Geografen sind es gewohnt, sich sofort auf unbekanntem Terrain zurechtzufinden. Die kommen zum ersten Mal nach Bukarest, steigen auf den höchsten Punkt und schauen sich die Stadt an. Ein BWLer guckt erst mal ins Lexikon und sagt sich: Aha, so sieht die Flagge aus, so viele Einwohner gibt es."

Reizvoll an der Immobilienbranche findet Beyerle, dass Geografen immer die Ersten vor Ort seien: "Bis etwas in der Zeitung steht von Investitionen, sind wir schon längst wieder weg." Gutes Geld gibt es noch dazu: Beyerles Arbeitgeber DEGI zahlt Einstiegsgehälter von 35.000 bis 45.000 Euro. Schon Praktikanten bekommen 1.000 Euro im Monat, wobei allerdings auch hier die Unsitte um sich gegriffen hat, dass sich immer mehr Absolventen um ein Praktikum bewerben - "und da", gesteht Beyerle, "bin ich mir selbst der Nächste und bevorzuge sie gegenüber den Studenten."

Bauen neben der Autobahn?

Immobilienbewertung ist ein großes Thema in Deutschland, obwohl die Städte schrumpfen. Das ist zwar schlecht für die Bauwirtschaft und Eigenheimbesitzer, aber die Frage, wie ein Standort zu bewerten ist, wird dadurch eher noch wichtiger. Zumal sie nie pauschal beantwortet werden kann. "Natürlich verwenden wir quantitative Daten wie Arbeitslosigkeit oder Altersdurchschnitt", sagt Gertrud Neßhöver, seit 2004 Projektleiterin bei der Immobilienberatung BulwienGesa, "aber ganz wesentlich ist der persönliche Eindruck vom Standort." 

Wenn sie eine Anfrage von einem Interessenten an städtischen Immobilien und Freiflächen im Ruhrgebiet bekommt, dann möchte der nicht nur wissen, wie hoch ein realistischer Marktpreis wäre, sondern auch, wie die Chancen für eine Privatisierung stehen, ob sich die Mieten erhöhen lassen und ob sich ein Neubau von Reihenhäusern auf den Freiflächen lohnt. Neßhövers Kollegen von der Recherche tragen dann die ökonomischen und demografischen Daten zusammen, sie selbst fährt ins Ruhrgebiet, zum Beispiel um herauszufinden, ob die Autobahn in unmittelbarer Nähe ein Problem darstellt. An manchen Standorten ist sie ein Killerkriterium, an anderen kein Hinderungsgrund, neue Häuser zu bauen.

Erfahrung ist wichtig

Um das beurteilen zu können, braucht es ein gehöriges Maß Erfahrung, wie die Wirtschaftsgeografin sie mitbringt. Nach ihrem Studium in Bayreuth stellte sie Ende 1999 zunächst ein süddeutscher Bauträger für seine Marktforschung ein. Akquise, Projektentwicklung, Vertrieb, sprich die umfassende Begleitung des Bauprozesses war dort ihr Job. "Vor allem haben die mich quer durch die Republik geschickt. Ich habe unheimlich viel gesehen", erzählt die 33-Jährige, "und ich habe sehr viel geredet, mit Projektentwicklern, Maklern, Immobilienspezialisten bei Banken." Auf solchen Touren lernte sie zum Beispiel, dass Stuttgarter keine Häuser ohne Keller mögen, während Duisburger kein Problem damit haben.

2001 wechselte Neßhöver zu einer Tochterfirma der Konsumforschungsgesellschaft GfK, die Immobilienbewertungen für den Einzelhandel vornimmt. Nach drei Jahren kehrte sie als Projektleiterin bei der Berliner BulwienGesa zurück in den Wohnungsbereich. Hier ist sie für die Koordination der Gutachten zuständig, zieht aber manchmal auch noch selbst ins Feld. Und ergründet die Erfolgsfaktoren: "Was war es, was bestimmte Bauten wertvoll gemacht hat, weshalb mussten andere Preisnachlässe gewähren?"

Auf der Suche nach dem Rohstoff

Während Geografen die Erde vermessen, bohren Geologen auch darin herum. Und weil da immer weniger zu finden ist, werden sie zur höchst attraktiven Beute für Unternehmen aus der Rohstoff- und Energiebranche. "Besonders stark ist die Nachfrage im Ausland", beobachten Michael Stipp und Bernd Leiss vom Ausschuss für Hochschule und Forschungseinrichtungen des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler. "Gerade in rohstoffreichen Ländern, etwa Australien, Kanada, USA, Südafrika oder Russland, besteht eine extrem große Nachfrage." So blieben derzeit allein in Nordamerika 30.000 Stellen bei den großen Erdölfirmen unbesetzt. "Die USA und Kanada sind nicht mehr in der Lage, ihren Bedarf an Geowissenschaftlern zu decken. Auch australische Universitäten und Rohstofffirmen suchen international nach Geologen."

Dabei geht es nicht nur um die Suche nach fossilen Brennstoffen wie Erdöl oder Erdgas, sondern auch um die Nutzung neuer Energiequellen, wie Gashydrate, und erneuerbarer Energien, die in der EU besonders gefördert werden. Hier arbeiten Geologen zum Beispiel an Geothermie-Projekten, die die Erdwärme nutzen wollen. Konzerne zahlen glänzend. "Einsteiger erhalten im Erdöl- und Erdgasgewinnungsgeschäft in Deutschland rund 45.000 bis 55.000 Euro im Jahr", schätzt Michael Stipp. In den USA steigen die Einkommen rasant, allein von 2004 auf 2005 um 16 Prozent. Bescheidener machen sich demgegenüber die Gehälter bei den rund 3.000 bis 4.000 Ingenieur- und Umweltbüros in Deutschland aus, den Hauptarbeitgebern für Geologen. "Berufsanfänger erhalten bei kleinen Geobüros circa 2.300 Euro im Monat, im Osten der Republik auch weniger", so Stipp.

Soft Skills auf hartem Gelände

Wer sich mit seinen Kommilitonen bei einer Exkursion, womöglich im Ausland, zusammenraufen musste, bringt für große wie kleine Unternehmen die nötigen Hard- und Soft Skills mit. "Wir arbeiten zwar in einem ausgesprochenen Hochtechnologie-Umfeld - dennoch suchen wir Geowissenschaftler, die auch eine intensive Geländeausbildung mitbekommen haben", sagt Martin Fleckenstein, leitender Geologe bei Wintershall, BASF-Tochter und größte deutsche Erdölfirma, die jährlich zwei Absolventen und fünf bis zehn Berufserfahrene einstellt. Absolventen durchlaufen ein internationales Traineeprogramm, das sie zum Beispiel nach Argentinien, Russland, Norwegen oder Libyen führt.

"Bohrprojekte, die zehn, 20, manchmal 50 Millionen Euro kosten, basieren nicht nur auf geophysikalischen Daten, sondern auch auf der breiten Erfahrung im Gelände. Die Geowissenschaftler müssen viele geologische Situationen gesehen haben", betont Fleckenstein. Der Wintershall-Geologe sieht mit Sorge, dass diese Ausbildung an deutschen Unis immer weiter zurückgefahren wird - zum Teil aus Kostengründen, zum Teil, weil der Stellenwert der Geländeausbildung zugunsten von analytischen Spezialthemen gesunken ist.

Auf Persönlichkeit kommt es an

Stephan Düppenbecker findet die Ausbildung in Deutschland nach wie vor gut, "aber sie dauert zu lange", kritisiert er. Er selbst hat 1990 an der RWTH Aachen promoviert, stieg dann bei BP in London ein und rekrutiert inzwischen international mit. BP sucht aktuell weltweit zehn bis 20 Geologen - Absolventen wie Berufserfahrene. "Aber unser Bedarf in den nächsten zehn Jahren ist um vieles größer!", betont BP-Personalerin Andrea Dostal. Auch wenn der Konzern mit keiner hiesigen Hochschule direkt kooperiert, sind Bewerbungen deutscher Absolventen von Düppenbecker gern gesehen; er bedauert, dass Deutschland bei seinen Kollegen in Großbritannien nicht so hoch im Kurs steht.

"Letztlich kommt es beim Bewerber vor allem auf die Persönlichkeit an", betont der Geologe. "Und wer etwas aus sich machen will, kann das hier" - wenn er krisenresistent ist wie Düppenbecker. Der 47-Jährige stieg bei BP in London in den Bereich Research ein, zwei Jahre, bevor der plattgemacht und dem Ressort Exploration zugeschlagen wurde. Der Deutsche, der über Simulationen zum geologischen Untergrund von Ölvorkommen promoviert hatte, beriet zu seinem Glück von Beginn an den Bereich Exploration, so dass er bei BP bleiben konnte, während viele seiner Kollegen damals den Job verloren.

Karriere rückwärts

1996 wechselte Düppenbecker nach Houston/Texas. Dort wollte BP sich nach sechs vergeblichen Bohrungen schon aus dem Golf von Mexiko zurückziehen - schließlich kostet eine solche Bohrung in 2,5 Kilometer tiefem Wasser, die noch mal fünf Kilometer in den Boden geht, um die 100 Millionen Dollar. Aufgrund der Simulationsstudien des Geologen gelang es jedoch, die Ölfündigkeit zu erhöhen. Mit Thunderhorse landete BP einen echten Treffer: Der Konzern fand das größte Ölfeld der Gegend überhaupt. Düppenbecker fuhr selber zur Ölplattform - und musste sich den gutmütigen Spott der Kollegen anhören, er mache seine Karriere wohl rückwärts: Normalerweise werden Neueinsteiger erst mal zu Bohrungen geschickt, bevor sie hoch und trocken im Büro nach neuen Feldern suchen.

Sieben Jahre blieb der Kölner - dann ging es zurück nach London. Hier arbeitet Düppenbecker daran, unterschiedliche Forschungszweige und -technologien zu integrieren und so die Trefferquote zu erhöhen. Das Forschen vor Ort gehört nach wie vor dazu: Zwei Wochen im Monat verbringt er derzeit in Aserbaidschan, einem der ältesten Bohrgebiete, das aber deshalb wieder interessant ist, weil die Pipeline nach Europa nicht durch Russland führt und deshalb die politische Abhängigkeit verringert.

Der Geologe ist guten Mutes, dass noch reichlich Öl auf der Erde vorhanden ist. Bei hohen Ölpreisen lohnt sich auch die Ausbeute komplizierter Vorkommen, zum Beispiel in Teersand. Doch das ändert sich, sobald der Preis wieder sinkt. Sollte er gar unter 40 Dollar pro Barrel rutschen, brechen harte Zeiten für die Ölkonzerne an, und die jetzige Euphorie am Arbeitsmarkt wird sich schnell wieder verflüchtigen. Da ist Ölvisionär Düppenbecker ganz Realist.

Auf Minister studiert

Für Oliver Wittke, Minister für Verkehr und Bauen in Nordrhein-Westfalen, war sein Geografie-Studium die optimale Vorbereitung auf den Job.

Der Erste in der Familie, der Abi gemacht hat, der Erste, der studiert - da wollten die Eltern was Solides sehen. Also entschied sich Oliver Wittke für Wirtschaftswissenschaften in Bochum. Anfangs. Erst als er durch eine Vordiplomprüfung fiel, sattelte er um auf sein Lieblingsfach: Geografie. Wie sollte er das nur zu Hause erklären? Die Politik half.

Der Gelsenkirchener saß schon als junger CDU-Kommunalpolitiker im Veba-Fernheizung-Aufsichtsrat, und dessen Vorsitzender Hans-Dieter Harig erkundigte sich stets freundlich, wie es mit dem Studium so vorangehe. Als er seinen Wechsel beichtete, ermutigte ihn der Manager, heute Vorstandschef von Eon Energie: "Viele machen den Fehler, erst einen Job auszusuchen und daraufhin das Fach auszuwählen. Lieber sollte man das studieren, wozu man neigt und was man am besten kann. Das mit dem Job regelt sich nachher von alleine." Ein wahres Wort, das auch die Eltern überzeugte.

Keine Scheu vor unangenehmen Wahrheiten

Wittke zog das zweite Studium geschwind durch und begann 1994 als Projektassistent bei der Entwicklungsagentur Östliches Ruhrgebiet in Bergkamen. Was Strukturwandel bedeutet, brauchte man dem Kind aus dem Pott nicht lange zu erklären. Was ein Zuwanderungsproblem ist, ebenso wenig. Als er 1995 in den Düsseldorfer Landtag gewählt wurde, wurde er migrationspolitischer Sprecher - und fuhr seinen Job in der Entwicklungsagentur auf halbe Tage herunter.

1999, mit gerade mal 33 Jahren, wurde Wittke Oberbürgermeister in Gelsenkirchen und scheute sich nicht, unangenehme Wahrheiten zu sagen. Er wusste, dass die Stadt mit einer schrumpfenden Bevölkerung zurechtkommen muss ("bei der WM 1974 hatte sie noch 80.000 Einwohner mehr") und handelte entsprechend, auch wenn Politiker sich viel lieber mit Neubauten schmücken, als Altes abzuwickeln. Nach fünf Jahren wählten ihn die Gelsenkirchener nicht wieder. Der enttäuschte Wittke heuerte bei der Montan-Grundstücksgesellschaft in Essen an, doch schon ein halbes Jahr später, im Juni 2005, löste Schwarz-gelb die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ab.

"Einmal sehen ist besser als fünfmal lesen"

Der Diplom-Geograf bekam das Ministerium für Verkehr und Bauen. Dass auch auf Landesebene Prestigeprojekte mangels Geld ausfallen, kann den heute 39-Jährigen nicht erschüttern. "Wenn Sie Oberbürgermeister in Gelsenkirchen waren, dann sind Sie durch das Stahlbad gegangen. Kleiner kann der Spielraum nicht werden", sagt er und lacht. "Außerdem: Mit viel Geld kann jeder gute Politik machen. Für eine gute Politik mit wenig Geld muss man kreativ sein" - und längere Arbeitszeiten auf Autobahnen schon mal als "Baustellen-Management zur Staubeseitigung" verkaufen.

Eine Weisheit aus seinem Studium beherzigt der 39-Jährige bis heute: "Einmal sehen ist besser als fünfmal lesen" - dieser Spruch ist schon ein Running Gag seiner öffentlichen Auftritte, und er versucht ihm tatsächlich gerecht zu werden. 8.000 bis 10.000 Kilometer im Monat lässt Wittke sich durchs Land kutschieren. Akten studiert der Frühaufsteher während der Fahrt und morgens ab sieben im Büro am Düsseldorfer Schwanenspiegel - "da kann man den bürokratischen Kram am besten erledigen". Dort will er jetzt erst mal bleiben: "Wenn ich weiterhin im Fünfjahresrhythmus den Job wechseln würde, müsste ich das bis zur Rente noch ziemlich oft tun."

Brennendes Eis

Jan Henninges forscht an Gashydraten, die Energie liefern sollen,wenn es kein Öl und keine Kohle mehr gibt.

Mordsmengen an Methanhydraten lagern auf dem Meeresboden - und wehe, sie fangen an, sich vom festen in den gasförmigen Zustand zu verflüchtigen. Dann gerät alles ins Wanken, und ein gewaltiger Tsunami vernichtet die Küsten. "Gar nicht so unplausibel" findet Jan Henninges, was Frank Schätzing in seinem Bestseller "Der Schwarm" beschrieben hat. Gashydrate, eine eisähnliche Verbindung aus Wasser und Gas, sind auch das Thema des Postdoc im Geoforschungszentrum Potsdam - allerdings nicht in Prosa, sondern in Zahlen und Fakten.

Berufspraxis auf eigene Faust

An den Unis in Freiburg und Tübingen, wo Henninges studierte, bekam er von Berufspraxis so gut wie nichts mit. "Das war schon erschreckend, wie wenig Antworten da von den Professoren kamen." Der Student beschloss, sich jobrelevantes Wissen auf eigene Faust zu verschaffen. Während eines Austauschjahrs in Kanada hatte er die Hydrogeologie kennen gelernt und schrieb anschließend seine Diplomarbeit zum Thema Grundwasser in einem Ingenieurbüro. Die gab er 1998 an einem Freitag ab, am folgenden Montag hatte er seinen ersten Arbeitstag in einem Ingenieurbüro in Karlsruhe. Hier machte er Strömungssimulationen, um herauszufinden, wie sich Hochwasser am Oberrhein auf das Grundwasser auswirkt.

Doch Henninges wollte in die Wissenschaft. Drei Jahre später wechselte er auf eine Stelle am Geoforschungszentrum, um über ein Bohrprojekt in der kanadischen Arktis zu promovieren. Nach einem halben Jahr Planung ging's an Heiligabend 2001 zum ersten Mal los ins Gebiet des ewigen Eises, nach Inuvik. Ein 3.300-Seelen-Fleck am Ende der Welt, wo im Winter die Sonne nicht aufgeht und es schon mal bis zu 56 Grad kalt wird. Vom Eskimodorf ging's weiter über das zugefrorene Mackenzie-Delta Richtung Norden, eine Eisstraße, die nur im Winter genutzt werden kann. Dort bohrte ein internationales Wissenschaftlerteam drei 1.200 Meter tiefe Löcher in den Permafrostboden und stieß auf Gashydrate.

Henninges maß die Temperatur, einen wichtigen Parameter. Denn Methan bleibt nur bei hohem Druck und niedriger Temperatur stabil. Die war im Bohrloch mit zehn Grad recht niedrig - in der Regel erwärmt sich die Erde alle 100 Meter um drei Grad. Wird nun das Gashydrat destabilisiert, zum Beispiel durch Erwärmung, wird das Gas freigesetzt - so wie Eis schmelzen würde. Davon erhoffen sich viele die Lösung aller Energieprobleme - konservativen Schätzungen zufolge können die Hydrate doppelt so viel Energie liefern wie Erdöl, Erdgas und Kohle zusammen, verwegenere Gemüter erhoffen sich sogar 1.000 Mal so viel.

Oft fehlt genügend Förderung

Henninges, ganz Wissenschaftler, hält sich bei solchen Spekulationen zurück und weist darauf hin, dass bei einer Erwärmung erst mal Energie reingesteckt werden muss, bevor welche rauskommt. Wie die Gashydrate überhaupt reagieren und welche Auswirkungen die Freisetzung des Treibhausgases Methan auf das Klima hat, untersucht der 36-Jährige jetzt an seinen Proben im Labor. Und würde sich dabei manchmal etwas mehr Förderung wünschen, wie es sie in den USA oder Japan gibt. Die fließt in unseren Breiten vor allem in die - zweifellos auch wichtigen - erneuerbaren Energien. Doch bis die jemals fossile Rohstoffe komplett ersetzen können, wird noch viel Wasser den Mackenzie hinunterfließen.

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