Gentleman-Papst Bernhard Roetzel Lieber uniformiert als extravagant

Wer Anzüge mit viel Schnickschnack trägt, macht sich lächerlich. Das gilt sowohl für Promis als auch für Wirtschaftsbosse. Stil-Experte Bernhard Roetzel über Business-Kleidung als Uniform und den schmalen Grat zwischen Gentleman-Look und albernem Emporkömmling.

Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Lieber uniformiert als extravagant

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Foto: Nejron Photo/Fotolia.com

Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Bernhard Roetzel: Ja, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Maße. Auf jeden Fall macht Kleidung einen gravierenden Unterscheid für die Erscheinung eines Menschen. Jeder Mensch ist wie eine Leinwand, die man so oder so bemalen kann. Stellen Sie sich den Schauspieler Pierce Brosnan vor, den können Sie als Rocker stylen oder als Gentleman. Das heißt aber nicht, dass die Kleidung einen Gentleman machen kann, wenn er es vom Verhalten und vom Wesen her nicht ist. Umgekehrt kann man dem Menschen zum Beispiel durch Häftlingskleidung seine Persönlichkeit nehmen - oder es zumindest versuchen.

Welche Funktion hat der Anzug im Berufsleben?

Es geht um die Darstellung von Status und Kompetenz. Das wird in Deutschland immer unterschätzt.

Der wahre Gentleman ist immer noch Engländer?

Das Wissen um die Bedeutung von Kleidung für den Ausdruck von Status und Kompetenz ist in anderen Ländern ausgeprägter. In Frankreich, Italien. England hat eine Sonderstellung, weil es immer noch mehr eine Klassengesellschaft ist als die anderen europäischen Länder. Da drückt der Gentleman-Look immer auch ein wenig Snobismus aus. England ist das Geburtsland des Gentleman aber auch das Land, indem man gelernt hat, sich darüber lustig zu machen.

Passt das Gentleman-Ideal überhaupt zum Bild eines fleißigen, ehrgeizigen Geschäftsmannes?

Jedenfalls hetzt der Gentleman nicht ins Büro. Er ist eher ein Müßiggänger. Ursprünglich waren das ja auch Männer, die genug Geld hatten, damit sie keine Erwerbsarbeit machen mussten. Männer, die sich den Luxus leisten können, sich nicht nur mit ihrer Kleidung sondern mit allen möglichen Interessen und Hobbies zu beschäftigen. Ich kenne in England einen Lord, der Fledermaus-Experte ist. Er wohnt mit seinem Bruder - einem UFO-Experten - in einem Schloss, dessen Unterhalt alles Geld verschlingt. Darum leben die beiden eigentlich recht genügsam in kleinen Zimmern des Schlosses.

Im Vorwort Ihres Bestsellers "Der Gentleman" schreibt Nick Yapp , dass ein "wahrer Gentleman nichts dem Zufall überlässt", sondern sich nach dem Frühstück stets fragt, ob "die Fingernägel gut manikürt" sind, "der Hut im richtigen Winkel" sitzt, und "der Regenschirm so eng gerollt ist, wie es sich gehört". Da bleibt zum Arbeiten ja auch wenig Zeit.

Man muss unterscheiden zwischen Gentleman und Dandy. Der Dandy ist die Übersteigerung der Selbstverliebtheit und des Interesses an Kleidung ins Exzessive. Der Gentleman bemüht sich nicht zu sehr. Er hat erstklassige Kleidung, findet es aber nicht so schlimm, wenn sein Maßanzug nach einer langen Reise zerknittert ist. Diese Entspanntheit unterscheidet ihn vom bemühten Ehrgeizling, der vollkommen sein will. Der Emporkömmling ist selbst im nagelneuen Maßanzug nicht so elegant wie der Gentleman, der seinen uralten richtig zu tragen versteht.

kleines Foto: Syda-Productions/Fotolia.com

Um mal den normalen berufstätigen Männern, die nicht zum Gentleman geboren sind, ein wenig zu helfen: Wie hält man bei der Arbeit am besten die Balance zwischen zeitlosen Konventionen, aktueller Mode und individuellem Stil?

Business-Kleidung ist Status-Kleidung. Das ist eine Uniform, die seit Jahrzehnten, im Grunde seit über einem Jahrhundert feststeht. Individualität hat da sehr wenig Raum. Man kann nur mit ganz kleinen Details Akzente setzen. Mit der Krawatte, der Art der Hemdstreifen oder vielleicht einem farbigen Strumpf. Aber im Grunde kann es nur darum gehen, das Vorgegebene so perfekt wie möglich darzustellen.

Also macht man es mit allzu modischen Anzügen falsch?

Ich bin in Gesellschaft immer am altmodischsten und schlichtesten von allen gekleidet. Und meine Leser finden das gerade beeindruckend. Jegliches Bemühen um Schnickschnack ist eigentlich zu viel. Die elegantesten Männer sind immer die, die Jahrzehnte lang das Gleiche anziehen.

Lassen Sie uns einige aktuelle Modephänomene durchzugehen: Harald Glööckler mit seinen exzentrischen Glitzeranzügen finden Sie vermutlich nicht so toll.

Nein. Kein stilvoller Mann zieht so etwas an. Wenn man wie ein Mode-Opfer herumläuft, fällt man negativ auf. Aber die Sprache der klassischen Kleidung versteht jeder. Wenn man dazu noch normal, bescheiden, humorvoll auftritt, wird man nicht angepöbelt. Ich lief neulich in Berlin durch die U-Bahn, da rief ein Punk mir zu: Cool, Humphrey Bogart. Ich habe noch nie eine negative Reaktion erlebt.

Was sagen Sie zu den neuerdings wieder sichtbaren Blümchenhemden?

Es kommt darauf an, welchen Status man darstellen will. Wenn Sie als Anwalt in einer konservativen Kanzlei sitzen, ist ein Blümchenhemd natürlich ein Witz. Als Freiberufler oder Angestellter in der Medienbranche können Sie das machen. Aber ab einem gewissen Alter sieht so ein Hemd immer albern aus. Man sollte nicht so aussehen wie ein Mann, der es nicht versteht, in Würde zu altern.

Apropos. Wie finden Sie den neuen Look von Bild-Chef Kai Diekmann als bärtiger Kapuzenpulli-Nerd im Silicon Valley?

Das könnte Ausdruck eines Lebenswendepunktes sein. Wenn ein erwachsener Mann, der jahrzehntelang einen Look hatte, sich so verwandelt, ist es für den Beobachter irritierend. Wenige Leute werden sagen: Ist ja cool, endlich ist der nicht mehr so stieselig. Aber die ihn vorher gut fanden, können davon nur irritiert sein. So ging es auch den Grünen-Wählern, als Joschka Fischer plötzlich im Anzug auflief. Da ist mir Christian Ströbele doch lieber, der immer gleich geblieben ist.

Wie finden Sie es, wenn ein Telekom-Vorstand Krawatten in der Konzernfarbe Magenta trägt?

Peinlich und spießig. Genauso wie blaugelbe Krawatten bei FDP-Politikern lächerlich sind.

Und der Rucksack von Deutsche Bank-Chef Anshu Jain?

Geschmacklos und kindisch. Der spielt etwas vor, was nicht der Realität entspricht. Ein Topmanager muss seine Sachen nicht im Rucksack mit sich herum tragen.

Der Pullover von Fiat-Chef Sergio Marchionne wird Ihnen auch nicht gefallen.

Gerade in Italien, wo Geschäftsleute sehr konservativ angezogen sind, sogar in der Modebranche, ist das eine Form der Respektlosigkeit. Bei Typen wie Steve Jobs oder bei Bill Gates, der auch im schlecht sitzenden Anzug immer wie ein Nerd aussieht, kann man noch sagen, dass das irgendwie passt.

Und wir Journalisten? Wir gelten traditionell als schlecht angezogenes Kollektiv. Stimmt das?

Viele Journalisten fühlen sich über solchen Dingen stehend. Für viele ist es auch wichtig, sich ja nicht anzubiedern bei den Personen, über die sie berichten. Die Generation der alten 68er und solche mit eher linkem Hintergrund sind besonders bemüht, nicht wie Manager auszusehen. Selbst Journalisten, die über Mode schreiben, sind manchmal schlecht angezogen. Für die jüngeren gilt das nicht mehr, da hat ein Wandel stattgefunden.

Waren Sie selbst auch als Jugendlicher schon so klassisch angezogen? Sind Sie ein geborener Gentleman?

Diesen Look aus alten englischen und amerikanischen Filmen fand ich als Kind schon toll. Mein Vater ist Professor und gehört zu einer Generation, die noch im Anzug in die Universität ging. Also war das auch nichts Fremdes für mich. Ich habe immer das Zeitlose geliebt und als Student in Second-Hand-Läden nach alten Anzügen und Mänteln gesucht. In meinem früheren Job als Werbetexter galt ich damit eher als Exzentriker.

Wollen Sie mit Ihren Büchern die Männer verändern?

Ich will nicht missionieren. Ich bin wie ein Orthopäde, der beim Spazierengehen sieht, dass jemand eine kaputte Hüfte hat, aber ihm das nicht sofort mitteilt. Ungefragt sage ich meine Meinung nicht.

Gut, dass wir telefonieren, und Sie mich nicht sehen können. Wie sind Sie selbst denn jetzt angezogen, so wie auf ihren Bildern?

Ich habe gerade im Garten gearbeitet und trage so einen Stil französische Riviera in den späten 40er Jahren: Bretonisches Ringelhemd und Vintage-Cordhose. Stil zeigt sich nicht nur beim Anzug, sondern bei jeder Art von Kleidung. Viele heutige Manager, vor allem deutsche, die im Anzug eine gute Figur machen, enttäuschen, wenn man sie privat sieht. Die wahren Gentlemen wie Prince Charles oder Luca di Montezemolo sind in ihrer Freizeit genauso elegant gekleidet wie im Büro und tragen in jeder Situation das passende Outfit.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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