Generation Share Gehalt ist kein Geheimnis

Politik, Religion und Finanzen sind Themen, die traditionell nur mit den engsten Vertrauten besprochen werden. Die Generation Y ändert das nun: Sie findet, dass Gehälter fairer werden, wenn man sich möglichst gut austauscht.

Anne Ritter | , aktualisiert

Gehalt ist kein Geheimnis

Foto: pojoslaw/Fotolia.com

Die Millennials, also die nach 1980 Geborenen, sind Selbstoffenbarung gewöhnt – sie präsentieren sich in sozialen Netzwerken, lassen sich von der Community vergleichen und bewerten. Sie teilen Güter und Gedanken, im extremen Fall sogar Staatsgeheimnisse. Es sieht so aus, als würde diese Generation Share nun auch einen Wertewandel in Gehaltsfragen antreiben.

"Das letzte Geheimnis", "Nur Fische sind schweigsamer", "Tabuthema Gehalt" titelten das Manager Magazin, die Süddeutsche und andere Medien noch vor wenigen Jahren zu dem Thema. "Es ist nichts Neues, dass die Generation Y oder die Digital Natives anders mit persönlichen Informationen umgehen. In sozialen Netzwerken wird viel preisgegeben, warum sollte das vor dem Gehalt haltmachen?", sagt Hans-Carl von Hülsen, Vergütungsexperte bei Kienbaum.

Thorsten Reiter, selbst Jahrgang 1989, bestätigt das aus seiner Erfahrung: "Die Hemmschwelle ist für meine Generation auf jeden Fall gesunken." Neben dem Master of International Business in den USA berät der 24-Jährige Unternehmen zu Generation Y spezifischen Themen, hält Vorträge, gibt Workshops und bloggt – mit dem Ziel, zwischen den Generationen zu vermitteln.

Er hat das Gefühl, die Young Professionals gingen offener mit Fragen zum Gehalt um. "Warum auch nicht? Es herrscht das Verständnis, dass größere Transparenz nur zugunsten der jungen Arbeitskräfte sein kann: Mehr Vergleichbarkeit heißt mehr Wettbewerb unter den Firmen und damit höhere Gehälter."

Fast die Hälfte der Befragten legt Gehalt offen 

Das Gehalt ist kein Geheimnis, das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von Stellenanzeigen.de: 45 Prozent der Befragten sagen, dass sie mit dem Thema völlig offen umgehen. Weitere 32 Prozent diskutieren ihren Lohn ausschließlich im privaten Bekanntenkreis.

Nur 23 Prozent schweigen komplett, wenn es darum geht, wie viel sie verdienen. "Die Ergebnisse unserer Umfrage sind überraschend. Die landläufige Annahme ist, dass Menschen in Deutschland nicht über Geld sprechen. Zumindest auf das Gehalt bezogen, ist dem allerdings nicht so", so Peter Langbauer, Geschäftsführer von Stellenanzeigen.de.

Überraschend ist aus deutscher Sicht auch die internationale Monster-Umfrage: 64 Prozent der Deutschen fühlen sich demnach wohl, über ihr Gehalt zu sprechen. Insgesamt stimmen dem 43 Prozent der Europäer zu, während es zum Beispiel bei den US-Bürgern nur 25 Prozent sind. "Einkommenstransparenz ist ein heißes Thema, auch in Deutschland", sagt Bernd Kraft, Vice President General Manager bei Monster Deutschland.

Bei der Online-Umfrage von Stellenanzeigen.de wurden mehr als 1000 Teilnehmer befragt, an der weltweiten Online-Umfrage von Monster haben mehr als 3000 Arbeitnehmer teilgenommen. Vergütungsexperte Hans-Carl von Hülsen schätzt die Aussagekraft der Studien so ein: "Man kann davon ausgehen, dass Besucher von Jobportalen überwiegend auf der Suche nach einer Stelle sind und tendenziell daher ohnehin offener im Umgang mit Gehaltsfragen sind, weil sie einen hohen Nutzen aus der Informationsgewinnung ziehen." 

Über Tod, Sex und Religion reden, aber über Geld schweigen? 

Angesichts der Diskussion um die Generation Y bleibt das Thema aber aktuell – denn das "Sharing" von Wissen und Gütern gehört zu ihrem Habitus und Geld ist für sie kein ausreichender Motivator mehr. Blogger Thorsten Reiter ist überzeugt: "Die Transparenz wird weiter steigen – ganz gleich, ob dies Unternehmen oder Politik wollen."

Diese Offenheit mag auf Berufseinsteiger zutreffen. Bei Einstiegsgehältern unterscheidet sich das Gehalt in der Regel noch nicht so stark. "Doch spätestens wer ein bisschen was von der Arbeitswelt erfahren hat, redet nicht mehr über sein Gehalt mit Kollegen", meint Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader. Der Karrierecoach rät kategorisch davon ab, in der Arbeitswelt über das Thema wer verdient wie viel zu sprechen: "Die Frage nach dem Gehalt ist eine Intimfrage!"

Nach Einschätzung von Soziologen ist sie in unserer Gesellschaft sogar stärker tabuisiert als Tod, Sex und Religion. Der Mensch verknüpft Geld mit seinem Selbstwertgefühl. Auch wenn es uns brennend interessiert, was die Kollegen verdienen: Darüber zu sprechen führt am Arbeitsplatz im schlimmsten Fall zu viel Frust – weil man entweder Mitleid oder Neid erntet.

Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass öffentlich gemachte Gehaltsunterschiede zu Feindseligkeit, Neid und Unzufriedenheit führen können. Eine Studie der University of California, Berkely und Princeton bewertete die Zufriedenheit von 6400 Angestellten der University of California, nachdem das Gehalt in einer Datenbank veröffentlicht wurde. Die Motivation bei den Mitarbeitern – die unter dem Durchschnitt lagen – sank. Das führte dazu, dass sich die Betroffenen schnell nach neuen Jobs umsahen.

Es ist also nicht überraschend, dass die meisten Firmen ihre Gehälter lieber geheim halten wollen. Sie befürchten Unruhe und hoffen, die Gehaltsverhandlungen in einem Klima der Ungewissheit besser im Griff zu behalten. Verbieten können sie es aber nicht. 

Chef kann Schweigen nicht erzwingen 

Klauseln in Arbeitsverträgen, die zum Stillschweigen verspflichten, sind laut dem Urteil des Landesarbeitsgerichtes Mecklenburg-Vorpommern von Oktober 2010 unwirksam. Die Richter argumentierten, dass solche Schweigeklauseln die Arbeitnehmer daran hindern, Verstöße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz geltend zu machen.

Zum Beispiel bei Gehaltsverhandlung wäre es gut einschätzen zu können, was Kollegin Schreiber und Kollege Hanse für ihre Arbeit bekommen – und ob man im Verhältnis dazu mehr fordern kann. Natürlich kann man seinen Marktwert mit Gehaltsrechnern testen. Doch letztlich bieten diese Branchenvergleiche nur einen groben Überblick. Das Gehalt hängt von vielen Faktoren ab, wie dem Arbeitsmarkt, der Region und Branche den Firmenbudgets, der eigenen Berufserfahrung und Arbeitsleistung.

Gehaltstransparenz in Deutschland

In Deutschland gibt es einige Unternehmen, die Gehaltstransparenz praktizieren. Sie finden, dass Transparenz zu fairen Gehältern führt, die Diskriminierung etwa aufgrund von Alter oder Geschlecht reduziert wird, sich das Betriebsklima verbessert – und dadurch schließlich auch die Leistung der Angestellten steigt. "Transparenz schafft Anstand!", nach diesem Leitsatz arbeitet zum Beispiel das Unternehmen Vollmer & Scheffczyk. Die Unternehmensberatung hat sich auf Maschinen- und Anlagenbau spezialisiert und sich vor über zwei Jahren vom branchenüblichen Bonusmodell verabschiedet.

In der Praxis läuft das so ab: Jeder Mitarbeiter erhält Einblicke in die Geschäftszahlen und eine Gehaltsliste mit Tätigkeits- und Qualitätsprofilen der Mitarbeiter. Ein neuer Mitarbeiter muss seinen Gehaltswunsch mit mindestens drei Kollegen besprechen. Danach entscheidet er eigenverantwortlich über sein Gehalt. "Verantwortung übernehmen im Sinne des Unternehmens, Engagement, Innovation, selbstbestimmtes und sinngekoppeltes Handeln sind für uns sowohl die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Unternehmen als auch Zufriedenheitsfaktoren für Mitarbeiter. Intransparenz steht dem entgegen", sagt Geschäftsführer Lars Vollmer.

Das Hotel Schindlerhof in Nürnberg hat bereits vor 30 Jahren ein demokratisches Gehaltsmodell eingeführt, bei dem jeder Mitarbeiter sein Wunschgehalt selbst bestimmt. Die Gehälter der Hotelangestellten werden zwar nicht veröffentlicht, aber Chefin Nicole Kobjoll hat einen entspannten Umgang mit dem Thema: "Manche Mitarbeiter möchten darüber sprechen – andere nicht. Es ist ihnen frei gestellt. Jeder sollte es selbst entscheiden dürfen!"

Auch in anderen Ländern wird das Thema lockerer gehandhabt: In den USA sind Stellen oft mit dem zu erwartenden Gehalt ausgeschrieben. In Asien kann es vorkommen, dass einen schon der Taxifahrer nach dem Einkommen fragt. In Schweden herrscht maximale Transparenz: Jeder kann die zu versteuernden Einkünfte von jedem am Telefon erfragen.

Darüber reden, oder nicht?!

Ob es sich lohnt, das Thema im Flurfunk oder in der Kneipe anzusprechen, muss letztlich jeder für sich selbst abwägen. "Die Bereitschaft über das eigene Gehalt zu sprechen, ist eine Kombination aus Branche, Alter und Lebenssituation", sagt Hans-Carl von Hülsen. Grundsätzlich glaubt der Vergütungsexperte, dass die Generation Y einen offeneren Umgang mit dem Thema pflegt. "Mal sehen, ob das so bleibt, wenn sie älter werden und die Gehälter und Karrieren sich ausdifferenzieren."

Tipps: Wie man über das Gehalt sprechen sollte

  • Besprechen Sie das Thema nur mit Menschen, denen sie wirklich vertrauen.
  • Klären Sie Ihre Motivation. Wollen Sie mit dem Gespräch wirklich etwas erreichen oder wollen Sie prahlen?
  • Wenn Sie darüber nachdenken, die neu gewonnen Informationen in einem Gehaltsverhandlungsgespräch gegenüber Ihrem Vorgesetzten zu nutzen, müssen Sie um das Einverständnis der beteiligten Kollegen bitten.
  • Bereiten Sie sich innerlich auf die möglichen Szenarien vor – es kann sein, dass Sie enttäuscht oder beschämt sind, wenn Ihr Gehalt im Vergleich zu den Kollegen wesentlich geringer ausfällt.



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