Gefährlicher Selbstbetrug Joberfolg ohne Anerkennung

Titel, Beförderung, gute Noten: Manche Menschen können sich darüber nicht freuen und fühlen sich wie Hochstapler kurz vor dem Auffliegen. Impostor-Syndrom nennt sich dieses psychologische Phänomen.

Nora Schareika, wiwo.de | , aktualisiert

Joberfolg ohne Anerkennung

Impostor Phänomen 1

Foto: Korta/Fotolia.com

Frau Magnet, Sie haben das erste deutschsprachige Buch zum Impostor-Phänomen geschrieben. Das beschreibt die chronische Unfähigkeit von Menschen, den eigenen Erfolg zu genießen und auf das eigene Talent zurückzuführen. Sie halten sich für Hochstapler. Wie verbreitet ist das Phänomen?

Sabine Magnet: Fast jeder kennt das Gefühl, nur die Ausprägung ist unterschiedlich. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Menschen in einer schlimmen Form betroffen sind. Ich kam durch ein Telefonat mit einer Freundin auf das Thema. Sie ist meiner Meinung nach eine unfassbar begabte, fähige und tolle Fotografin. Sie offenbarte mir eher beiläufig ihr Gefühl, dass alle ihre guten Fotos Ergebnis von Glück und Zufällen waren und dass sie manchmal befürchtet, die anderen würden spitzkriegen, dass sie nur blufft.

Sabine Magnet ist Journalistin und Buchautorin und lebt in München. Sie stieß durch Zufall auf das Impostor-Syndrom, kannte das Gefühl aber auch aus eigener Erfahrung.
Was dachten Sie da?

Ich war von ihrem schlechten Selbstbild total getroffen. Ich kenne ihre Arbeit und schätze diese sehr. Es gibt offensichtliche Beweise dafür, dass sie eine tolle Fotografin ist. Gleichzeitig fand auch ich mich auf unheimliche Weise darin wieder, wie sie dieses Gefühl beschrieb, den eigenen Erfolg eigentlich nicht verdient zu haben. Das ist die Krux am Impostor-Phänomen: Man weiß oft gar nicht, dass man es durchlebt.

Ist jeder, der schon einmal Selbstzweifel hatte, vom Impostor-Phänomen betroffen?

Es ist normal, dass man mal denkt: Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache und warum man mich diesen Job tun lässt. Es ist auch normal, dass man nicht genau weiß, was man kann. Hinzu kommt: In vielen Fällen denken wir nicht nur, dass wir hochstapeln, sondern tun es auch. Im neuen Job oder mit einem neugeborenen Baby kann man das, was zu tun ist, ja wirklich noch nicht. Schwierig wird es erst, wenn sich das Gefühl festsetzt und ein Teil des Selbstbildes wird. Deshalb sagt man auch Hochstapler-Selbstkonzept dazu. Wenn jemand über eine längere Phase glaubt, einer Sache nicht gewachsen zu sein, die er oder sie eigentlich draufhat, dann wird es destruktiv. Es wirkt sich auf das Wohlbefinden, die Gesundheit und Leistung im Job aus.

Was löst die Überforderung aus?

Es gibt Menschen, die sind von Natur aus eher prädestiniert, solche Gefühle zu entwickeln. Auch die Erziehung hat einen Einfluss: In welcher Umgebung sind wir aufgewachsen, was haben wir für Botschaften bekommen? Und ungewohnte Situationen können das Impostor-Phänomen triggern: ein neues Arbeitsverhältnis, Situationen, in denen wir noch nie waren oder wenn wir plötzlich zu einer Minderheit gehören – als einzige Frau in der Führungsriege, als einziger schwarzer Professor, als einziges Arbeiterkind im Hauptseminar. Das kann zu dem Gefühl führen, man gehöre nicht dazu und stapele eigentlich nur hoch – und die anderen würden es irgendwann herausfinden.

Welche Wesensmerkmale haben Menschen, die unter dem Phänomen leiden?

Wenn man introvertiert ist, ist die Chance höher, dass man am Impostor-Phänomen leiden wird. Wenn man neurotisch veranlagt ist – flapsig ausgedrückt: Wenn man einen Hang zum Brainfuck hat –, dann ist man auch dafür prädestiniert. Anfälliger ist man, wenn man insgesamt eher problemorientiert und weniger lösungsorientiert ist.

Wo reiht sich das Impostor-Phänomen ein? Ist es eine Krankheit? Ist es eine Marotte?

Eine der Entdeckerinnen, Pauline Rose Clance, sagte vor drei Jahren, sie bereue es, es als Phänomen bezeichnet zu haben. Eigentlich fände sie den Begriff "Erfahrung" passender. Denn genau das sei es: Eine Erfahrung, die relativ viele Leute machen. Wissenschaftlich ist es ein psychologisches Phänomen, kein Syndrom, also keine Krankheit. Es ist einfach eine Facette menschlicher Erfahrung.

Es gibt die Behauptung, vor allem Frauen seien vom Impostor-Phänomen betroffen. Ist das wissenschaftlich haltbar?

Nein. Der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Forschung findet keine Beweise dafür, dass es bei Frauen öfter vorkommt. Hier und da gibt es eine Studie, die nahelegt, dass Frauen es in einer stärkeren Ausprägung haben. Die einzige Ausnahme bilden Wissenschaftskarrieren. Da scheint es so, dass tatsächlich Frauen stärker und öfter betroffen sind.

Aus der Wissenschaft wurden allerdings auch besonders viele Fälle untersucht, was wohl mit dem Umfeld der Forscher zu tun hat. Aber was ist der Grund? Die Strukturen an der Universität oder dass besonders viele Menschen mit einer Impostor-Prädestination in die Wissenschaft gehen?

Testsituationen triggern das Impostor-Phänomen. Und die hat man an der Uni permanent. Zudem ist die akademische Welt auch noch relativ hierarchisch. Da geht es um Titel und darum, wer wieviel publiziert. Es geht um Außenwirkung und Forschungsgelder. Dazu bekommen Wissenschaftler permanent Peer-Reviews. Jede Arbeit wird öffentlich rezensiert, kritisiert, vielleicht auch falsifiziert. Es ist ein nicht endendes Sich-Beweisen.

Sie schildern in Ihrem Buch den Fall einer anderen Bekannten, die einen Doktor in Jura hat und es niemandem erzählt, weil sie meint, diesen nur durch Zufall, viel Lernen und Glück erlangt zu haben. Dabei hat sie mit Summa Cum Laude die höchste Anerkennung bekommen. Was ist denn los, wenn jemand nicht einmal nach dem langen und harten Weg der Promotion und solcher Auszeichnung merkt, dass er oder sie etwas auf dem Kasten hat?

Dann leidet er oder sie vermutlich am Impostor-Phänomen.

Kann es denn sein, dass die Frau ihre eigene Arbeit nach zehn Jahren anders bewertet, weil sie Abstand gewonnen hat?

Die gute Nachricht ist: Altern hilft. In schweren Fällen kann man sich bis an sein Lebensende als Hochstapler empfinden. Aber bei den meisten von uns stellt sich irgendwann die Erkenntnis ein, dass alles, was man bis jetzt geschafft hat, doch nicht Zufall sein kann.

Das heißt, es sind eher jüngere Menschen vom Impostor-Phänomen betroffen?

Das wäre ein Thema für weitere Studien. Es scheint so zu sein, aber es gibt keine Zahlen, die das sichtbar machen.

Bei Menschen mit Impostor-Phänomen unterscheidet man zwischen Over-Doern und Under-Doern. Was bedeutet das?

Menschen, die das Phänomen erleben, reagieren unterschiedlich. Over-Doer sind die, die sich in die Arbeit stürzen und sich bis ins kleinste Detail überperfektionistisch vorbereiten, damit nur ja nichts schiefgeht. Die Under-Doer sind Leute, die prokrastinieren, bis sie die Aufgabe, vor der sie Angst haben, gar nicht mehr gut machen können. Sie sabotieren sich selbst. Bei den Over-Doern ist das Ziel, mit extensiver Arbeit zu verhindern, jemand könnte denken, sie könnten nichts. Bei den Under-Doern ist das Ziel, zu zeigen, dass das schlechte Abschneiden nicht am fehlenden Talent liegt.

Wie ist die Arbeit der Over-Doer qualitativ? Ist sie wirklich so perfekt?

Studien zum Perfektionismus im Arbeitskontext weisen darauf hin, dass das überhaupt nicht gut ist. Es ist wie eine Selbstzensur. Man traut sich nicht, Sachen zu sagen, die noch nicht gesagt wurden. Man verliert sich in Details und hat Angst, neue Konzepte vorzustellen. Perfektionismus ist also schlecht für strategische oder kreative Arbeiten. Aber auch für die betroffene Person selbst ist es nicht gut, denn sie macht sich ja selbst fertig damit.

Was sollten Vorgesetzte tun, die erkennen, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin am Impostor-Phänomen leidet und unter seinen oder ihren Möglichkeiten bleibt?

Aus den Studien, die bis jetzt über IP im Arbeitskontext erstellt wurden, ergibt sich, dass Mentoring und Coaching hilft. Am besten mit einer Person, die nicht innerhalb des Betriebs arbeitet. Firmen müssen aber auch selbstkritisch sein und sich mal ansehen, wie intern mit Fehlern und Scheitern umgegangen wird. Wir haben in Deutschland keine gute Fehlerkultur. Wir fangen gerade erst an, die Vorteile von Scheitern zu erkennen. Aber wir sind sehr darauf bedacht, bloß keine Fehler zu machen aus Angst, dass wir dann entlassen werden oder blöd dastehen.

Macht die Fixierung auf Erfolg uns alle zu Hochstaplern oder welchen, die sich für solche halten? Hat womöglich erst die moderne Arbeitswelt das Impostor-Phänomen zur Blüte gebracht?

Es gibt Aufzeichnungen und Zitate von Agatha Christie, John Steinbeck oder Albert Einstein, aus denen man rauslesen kann, dass es kein neues Gefühl ist. Ich glaube aber, dass durch die internationale Vergleichbarkeit, durch wachsenden Druck auf dem Arbeitsmarkt, durch mangelnde Fehlerkultur ein guter Nährboden bereitet wird.

Sie sprechen in Ihrem Buch noch eine Gruppe von Menschen an, die vor diesem Hintergrund besonders skurril erscheint: Die falschen Hochstapler, die nur so tun, als wären sie vom Impostor-Phänomen gebeutelt. Wie kann man sie erkennen?

Eine Forschungsgruppe der Uni Frankfurt hat einen neuen Typus entdeckt, den strategischen Impostor. Das sind Leute, die tief drinnen gar nicht glauben, dass sie nicht kompetent seien. Sie haben aber sehr wohl Angst. Sie wählen das Impostor-Verhalten unterbewusst als Strategie, um im Falle eines Versagens das schlimme Gefühl abzumildern. Diese Leute sind keine kaltblütigen Lügner, sondern wenden eine Strategie an, die sie sich irgendwann mal angewöhnt haben. Generell kann man Impostor-Menschen von außen nur sehr schwer identifizieren – egal ob strategisch oder nicht.

Kann ein Impostor lernen, Erfolg zu genießen und sich zu sagen: Ja, das habe ich allein geschafft?

Ja, das geht. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. In dem Moment, in dem man sich bewusst wird, dass diese Muster bei einem selbst auftreten, kann man mit den eigenen Verhaltensweisen anders umgehen. Achtsamkeit ist ein ganz wichtiger Punkt, auch wenn das manchen Menschen in der Wirtschaft zu esoterisch ist.

Und dann?

Man kann in schlimmen Fällen eine Therapie machen oder sich einen Coach holen. Zunächst aber ist es wichtig, sich einfach damit auseinanderzusetzen und zu den Wurzeln zu kommen. Die liegen bei jedem von uns individuell woanders. Und dann heißt es üben. Es geht nicht von heute auf morgen weg, denn es kam auch nicht über Nacht. Und dann sind wir natürlich alle gefragt, unser Konzept von Fehlern und Scheitern zu hinterfragen und mit uns und auch mit anderen nicht so streng zu sein.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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