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Führungsqualität in der Diskussion Chef mit Leidenschaft

Was macht eine gute Führungskraft aus? Ist fachliches Wissen entscheidend oder doch der Charakter?

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Chef mit Leidenschaft

Fuehrungsqualitaet

Foto: gustavofrazao/Fotolia.com

Obwohl Experten sagen, dass Führungsstärke eine Charakterfrage ist, sehen die Erwerbsbiografien der Chefs alle gleich aus.

Eine schlechte Unternehmenskultur macht Mitarbeiter unzufrieden, zeigt der aktuelle AOK-Fehlzeitenreport. Doch was macht gute Unternehmenskultur eigentlich aus? Darauf hat der Bericht eine Antwort: Transparenz, Mitbestimmung, Rückhalt, Kommunikation, Wertschätzung und Sozialleistungen, die über das Nötige hinaus gehen.

Diese Dinge zu gewährleisten und vorzuleben, ist Aufgabe der Führungskräfte. Und zwar vom CEO bis runter zum Abteilungs- oder Teamleiter.

Unternehmenskultur hängt auch von der Führungskultur ab, das ist klar. Die Frage, was einen guten Chef oder eine gute Chefin eigentlich auszeichnet, bleibt.

Charismatisch, anständig und mit Querdenker-Mentalität

Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig: Der US-Forscher und Unternehmensberater Fred Kiel sagt, Führungskräfte brauchen Integrität, Verantwortungsbewusstsein, Empathie und Versöhnlichkeit – kurz: einen guten Charakter. Managementberater Reinhard K. Sprenger schreibt: Gute Führungskräfte haben Anstand. Personalexperte Thomas Sattelberger ist überzeugt, dass es ohne mutige Querdenker in den Führungsetagen nicht lange gut gehen wird mit der Innovationskraft deutscher Unternehmen.

Von einem MBA-Abschluss, dem Ingenieursstudium oder der Promotion in Jura spricht dagegen niemand.

Führungsqualitäten hängen nach Meinung der Experten also nicht von einer bestimmten Erwerbsbiografie ab. Schaut man jedoch in die Führungsriegen der deutschen Unternehmen, findet man vielerorts den Norm-Chef: Ingenieur, Wirtschaftswissenschaftler oder Jurist, gerne promoviert, häufig über Jahrzehnte im Konzern hochgedient. Und natürlich männlich.

Typisch deutsche Karrierewege

Das Phänomen beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Dax-Konzerne und vergleichbare Global Player – auch im Mittelstand finden sich klassische Manager-Biografien: So ist Heinz-Walter Große, Chef des Pharma- und Medizinbedarfsunternehmens B. Braun Melsungen AG, promovierter Betriebswirt. Der CEO der im MDax gelisteten Aareal Bank, Hermann Josef Merkens, hat an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin seinen Diplom-Kaufmann gemacht. Die VEMAG Maschinenbau GmbH aus Verden in Niedersachsen wird von einem Diplom-Wirtschaftsingenieur geführt und bei dem Technologieunternehmen LPKF Laser & Electronics ist der CEO ein studierter Maschinenbauer und Wirtschaftswissenschaftler mit Doktortitel. Um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Germanisten, Ostasienwissenschaftler oder Sozialpädagogen werden offenbar alles – nur nicht Chef. "Ich denke, es ist ein deutsches Problem, dass man häufig auf bestimmte Karrierewege fixiert ist. In den USA und Großbritannien zum Beispiel ist man deutlich aufgeschlossener", sagt Nico Rose, Head of Employer Brand Management beim Medienkonzern Bertelsmann.

Sein Arbeitgeber startet im April kommenden Jahres ein 20-monatiges Trainee-Programm speziell für Geistes- und Sozialwissenschaftler, die eine Management-Karriere im Konzern beginnen wollen.

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"Bei den großen Unternehmensberatungen hat man Exotenprogramme für Geisteswissenschaftler. Auch bei anderen Unternehmen gibt es Traineeprogramme für BWLer, Ingenieure und alle anderen", erzählt Rose. Im Seminar für alle anderen säße dann allerdings der ITler neben dem Altphilologen.

Gerade Letzterer könnte ein großartiger Gewinn für das Unternehmen sein, auch wenn sich zunächst alle auf den IT-Experten stürzen werden. Denn: "Wer Altgriechisch studiert, tut das vermutlich nicht wegen der Karriereaussichten, sondern aus Leidenschaft. Und wer sich für die Leidenschaft entscheidet, der trifft vielleicht auch im Job andere Entscheidungen als jemand, der vorrangig auf Effizienz aus ist", sagt Rose.

Herzblut bei den Chefs von morgen

Leidenschaft klingt ganz nach einer der von Kiel, Sattelberger und Sprenger genannten Charaktereigenschaften des Chefs von morgen: Herzblut statt BWL-Diplom. Rechnen zu können, schadet allerdings nicht, wie Julia Jäkel, studierte Historikerin und CEO des Verlagshauses Gruner + Jahr sagt: "Muss man als guter Manager BWL studiert haben? Ich bin sicher: nein. Man muss analytisch denken, Dinge kritisch hinterfragen – und das lernt man in einer Geisteswissenschaft vielleicht sogar besser."

Auch sie benutzt das L-Wort: "Und dann muss man in allem, was man tut – Studium wie Beruf –, richtig gut sein, es mit Leidenschaft betreiben. Eine gewisse Freude am Umgang mit Zahlen gehört natürlich auch dazu."

Sich durchbeißen zahlt sich aus

Bernd Reichart, Geschäftsführer des Fernsehsenders Vox, hat Sportwissenschaften und Englisch auf Lehramt studiert. "Mir hat auf jeden Fall sehr geholfen, dass mir damals die Position in der Finanzkommunikation zugetraut wurde, obwohl ich kein klassischer BWLer war", sagt er. "Bewiesen zu haben, mich auch weit abseits meiner ursprünglich erlernten Kompetenzen zu wagen, bereit zu sein schnell dazuzulernen und in der Lage sein, einen guten Job auf neuem Terrain zu machen, hat mir mit Sicherheit auch bei meiner weiteren Karriere geholfen." Anpassungsfähigkeit – Phrase des Jahres 2016 – ist eben auch eine wichtige Führungsqualität.

Zugegeben – ein Verlagshaus oder ein Fernsehsender sind etwas anderes als ein Maschinenbauer. In der Medienbranche wird einiges weniger streng und traditionell gehandhabt. Wer in der Führungsriege eines Autoteilezulieferers sitzt, darf ruhig Ingenieur sein. Oder KfZ-Mechaniker. Fachkenntnis schadet nie.

Mit Abenteuerlust und Verspieltheit

Doch ohne Leidenschaft funktioniert trotz aller Fachkenntnis nichts. Das ist auch Kernthese in Tim Leberechts Buch "Business-Romantiker – Warum Leidenschaft die beste Qualifikation für Manager ist". Im Interview mit der WirtschaftsWoche sagte er, es sei Zeit, das Bild des abgebrühten, pragmatischen Managers infrage zu stellen. Natürlich gehe es immer auch um Profit, aber erfolgreiche Unternehmen wie Tesla oder auch Virgin würde es ohne die Leidenschaft der CEOs und Gründer niemals geben. Er plädiert für mehr Leidenschaft, Sehnsucht, Abenteuerlust und Verspieltheit in der Wirtschaft. Ohne diese Eigenschaften werde nur der Status quo erhalten, echte Fortschritte gebe es so nicht.

Schon klar: Sorgfalt, Genauigkeit, Rationalität und Besonnenheit – quasi die deutschen Ingenieurstugenden – beißen sich manchmal mit der Leidenschaft. Und ein leidenschaftlicher Kopf sieht vielleicht nicht immer ein, dass er sich mit einer geliebten Idee verrannt hat. Siehe Amazon-Chef Jeff Bezos und sein geflopptes Fire Phone. Ohne seinen Mut und seine Leidenschaft hätte es jedoch auch ganz viele andere Produkte wie den E-Book-Reader Kindle nie gegeben.

Die großen Unternehmer und Gründer der jetzigen Zeit – Zuckerberg, Musk, Page, Bezos - zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie an ihre Ideen geglaubt und diese umgesetzt haben. Nicht dadurch, dass sie einen klassischen Karriereweg eingeschlagen haben.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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