Führungskräfte unter Druck Ist Coaching jetzt nur Hokuspokus?

Angestellte und Manager stehen unter immer größerem Druck. Entsprechend wächst das Angebot an Coaches und Beratern, die den Leidgeplagten auf mitunter ungewöhnliche Weise helfen wollen. Was bringt das? Ein Selbstversuch.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Ist Coaching jetzt nur Hokuspokus?

Entspannung 2

Foto: alotofpeople / Fotolia.com

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie in immer kürzerer Zeit immer mehr erledigen müssen? Dass der Erfolgsdruck ständig steigt? Und dass irgendwie immer alles sofort sein muss? Das Phänomen Stress zieht sich durch die komplette Gesellschaft: Immer mehr Studenten brauchen psychologische Beratung, die Zahl der psychosomatisch bedingten Fehltage von Mitarbeitern steigt, immer mehr Manager schlucken Pillen, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.

In den USA und Europa setzen Unternehmen verstärkt auf Coachings, um Führungskräfte und Angestellte fit und stressresistent für den digitalen Wandel, das nächste Verkaufsgespräch oder die Fusion zu machen. Entsprechend wächst der Markt. Laut der aktuellen Global Coaching Study der International Coach Federation (ICF) sind weltweit derzeit mehr als 53.300 professionelle Coaches tätig, darunter mehr als 10.000 Berater, die sich auf Führungskräfte spezialisiert haben, allein in Deutschland sind mehr als 8.000 Coaches registriert.

Deren Angebote variieren vom klassischen Gespräch, weil es dem CEO in seinem Unternehmen an ehrlichem Feedback fehlt, über Coachings mit Tieren bis zu eher esoterisch anmutenden Ansätzen inklusive Zenmeister.

Das Coaching wird an individuelle Probleme angepasst

Immer mehr Coaches bieten eine Methode an, die der Laie wahlweise mit Psychotherapie oder Zaubershow assoziiert: das Hypnose-Coaching. In nahezu jeder deutschen Großstadt gibt es einen Hypnose-Experten oder gleich ein ganzes Zentrum, die Einzelpersonen das Rauchen abgewöhnen, dem Manager den Glauben an sich selbst wiedergeben oder einer kompletten Abteilung den Stress austreiben und Teamgeist einbläuen. Eine davon ist Jane Uhlig, die in Maintal bei Frankfurt Manager und Unternehmer coacht – je nach Bedarf auch mit Hypnose.

Uhlig hat Sozialpädagogik und Kommunikationspsychologie studiert und arbeitete zunächst im klinischen Bereich mit Suchtpatienten, bevor sie Unternehmer, Vorstände, Führungskräfte und Selbstständige als Klienten entdeckte. Ihre Kunden kommen zu ihr, um Blockaden abzubauen. "Viele fühlen sich sehr stark unter Erfolgsdruck gesetzt", sagt sie. Oder ihnen fehle Selbstbewusstsein, Kreativität oder Motivation – die soll Uhlig ihnen wiedergeben. Dafür fühlt sie ihren Klienten zunächst in Gesprächen auf den Zahn: Ein Vorstand, der abgesägt werden soll, hat andere Sorgen als der CEO, der vor einer großen Übernahme steht oder der Vertriebler, der einen neuen Großkunden an Land zu ziehen versucht. Anhand dieser individuellen Probleme entwickelt Uhlig Suggestionen, die dem Einzelnen helfen sollen, seine Probleme zu lösen.

 Auf mentales Training muss man sich einlassen können

Erst dann geht es an die eigentliche Hypnose – die jedoch nichts mit den Fernseh-Hypnotiseuren zu tun hat, die ihren Freiwilligen suggerieren, sie seien ein Huhn oder ein Affe. "Viele haben Angst vor dem Begriff Hypnose, deshalb spreche ich lieber vom mentalen Training", so Uhlig.

Denn wer Angst hat oder sich nicht fallen lassen kann oder will, bei dem funktioniert es nicht, wie sie sagt. Grundsätzlich muss man aber kein Esoterik-Fan oder Wundergläubiger sein, wie mein Besuch in der obersten Etage des Frankfurter Opernturms gezeigt hat. Grundsätzlich bin ich Atheist und glaube auch nicht an Pendeln, indianische Beschwörungsriten oder unsichtbare Mächte.

Mit Blick auf Commerzbank-Tower und die Türme der Deutschen Bank hieß es für mich zunächst: hinsetzen, Augen schließen und Musik hören. Dann sollte ich nacheinander Stirn, Augenbrauen, Kiefer, Nacken, Arme, Hände, Beine und Füße entspannen. Die Augenbrauen zu entspannen ist übrigens nicht so einfach. Uhlig bat mich, meine Atmung zu kontrollieren und langsam ein und aus zu atmen. Das Erstaunliche an der gesamten Prozedur: Während das Gehirn zunächst noch Gesagtes hinterfragt oder bewertet, hörte das ab einem gewissen Punkt völlig auf.

Ich soll mir vorstellen, wie der Stress der letzten Tage von meinem Kopf durch meine Arme in meine Hände fließt? Kein Problem. Probleme mit Kollegen und Vorgesetzten? Ab in die Hände damit. Peinliches aus Jugend und Kindheit? Raus aus dem Kopf und hinein in die Hände.

Der Skeptiker in mir ist viel zu entspannt, um "Unfug" zu denken. Wird schon stimmen, die Sache mit den Händen. Und kribbelt da nicht etwas, als fließe tatsächlich etwas in die Finger hinein?

Uhlig ermuntert mich, meine Hände nach oben zu drehen und den ganzen Stress, der sich in ihnen gesammelt hat, hinaus fließen zu lassen. Und auch hier hat das ungläubige Männchen in meinem Kopf Pause. Tatsächlich habe ich das Bedürfnis, genau das zu tun, was Uhlig sagt und meine Hände zu drehen, damit der ganze Ärger, der sich darin gesammelt hat, ablaufen kann. Währenddessen fühle ich mich wohl und entspannt. Dass der Teil meiner Person, der derartiges mehr als albern findet, Urlaub macht, stört mich nicht.

Ich lasse den Stress aus meinen Händen entweichen und fühle mich gut dabei.

Uhlig sagt mir, ich sei eine starke Persönlichkeit, die sich in den nächsten Tagen und Wochen voller Motivation an die Arbeit machen werde. Dass ich mich nicht über Kollegen ärgern würde und morgens motiviert und Energie geladen aufstehen würde. In der Regel klammere ich mich beim Klingeln des Weckers protestierend an der Matratze fest – "ich will nicht aufstehen" – und kämpfe um jede Sekunde, die ich im Bett bleiben kann. Motivation vor dem ersten Kaffee? Fehlanzeige.

Die innere Ausgeglichenheit hat ihren Preis 

Trotzdem klingt das, was Uhlig mir hier in der Vorstandsetage der UBS über den Dächern von Frankfurt erzählt, völlig logisch: Montag werde ich motiviert und sprühend vor Kreativität aufstehen und an die Arbeit gehen. Was denn sonst? Was auf meiner To-do-Liste liegt, erledige ich mit Links – und Spaß dabei. Ich werde mich nicht ärgern. Davon bin ich überzeugt.

Uhlig sagt mir, sie werde jetzt bis fünf zählen und dann soll ich bitte wieder mental in den Raum Bellini zurückkehren. Schade eigentlich. Ich soll meine Beine ausschütteln und in die Hände klatschen, bevor ich die Augen öffne. Ich fühle mich, als wäre ich gerade aus einem tiefen Mittagsschlaf geweckt. Ich bin erfrischt, aber noch ein bisschen duselig im Kopf. Es ist kein unangenehmes Gefühl. Gedauert hat dieses Blockaden lösen 25 Minuten. Angefühlt hat es sich wie fünf. Echte Klienten werden eine bis anderthalb Stunden hypnotisiert. Die Suggestion soll schließlich greifen.

Das durchschnittliche Stundenhonorar eines Coaches lag in Deutschland im Jahr 2015 bei 168 Euro. Nebenberufliche Coaches verlangen im Mittel 120 Euro pro Stunde, Freiberufler 178 Euro und institutionelle Anbieter 226 Euro, wie aus der Studie "Weiterbildungsszene Deutschland 2016" hervorgeht. Uhlig liegt mit ihren Preisen pro Stunde innerhalb dieser Spanne. Je nach gebuchtem Paket zahlen die Kunden für eine Coachingstunde ab 160 Euro aufwärts.

Aber funktioniert es auch? Zumindest ist die Autorin dieses Textes sowohl Montag, Dienstag als auch Mittwoch und Donnerstag ohne Zetern aus dem Bett gekommen und hatte selbst am Montag auch ganz ohne Kaffee den ganzen Tag über gute Laune. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag wieder: gute Laune trotz verspätetem Zug, konzentriertes Durcharbeiten, kein Stress. Donnerstagmorgen pfeifend vom Düsseldorfer Hauptbahnhof ins Büro gelaufen – obwohl einiges auf der To-do-Liste steht. Allerdings gab es außer am Montag jeweils eine Tasse "Hallo wach" aus der Redaktionskaffeekanne – alte Gewohnheiten lassen sich eben nicht in 25 Minuten austreiben.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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