Frieder Löhrer "Loewe hat es geschafft, immer die Nase vorn zu haben"

Frieder Löhrer, Chef des Fernsehherstellers Loewe, erklärt die Vorzüge der fränkischen Provinz, warum er Maschinenbau und nicht Musik studiert hat und was ein Karrieredreiklang ist.

Martin Tofern | , aktualisiert

Herr Löhrer, Sie sind von Hause aus Komponist. Wann haben Sie das letzte Stück komponiert?

Das ist ewig lange her. Ich habe zwar vor einem Jahr noch mal für eine Fanfare für ein kleines Festival ein Konzept entwickelt -und das habe ich auch noch immer im Kopf -, aber insgesamt ist das Komponieren für mich abgeschlossen. Weil ich meine, etwas nur dann richtig machen zu können, wenn ich es ganz und gar mache. Aber Musik war für mich immer prägend und ist auch heute noch der größte Begleiter, wenn es darum geht, den Kopf für andere Dinge frei zu machen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich von der Musik abgewendet haben?

Hauptauslöser war ein Erlebnis mit meinem Vater, der schwer krank wurde. Die Wahrscheinlichkeit, dass er überlebt, war gering. Er hing an einer Herz-Lungen-Maschine. Ich war auf der Intensivstation und sagte mir: Meine Güte, was du machst, stellt keinen Wert dar, versuche doch lieber, solche Maschinen herzustellen. Dann habe ich mich am Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik in Aachen für ein zweiwöchiges Praktikum beworben. Ich habe zwei Wochen an der Entwicklung eines künstlichen Herzens mitgearbeitet und habe versucht, diese künstlichen Ventrikel aus Kunststoff zu bauen.

Da war es passiert?

Das hat mich so fasziniert, dass ich mich schlau gemacht habe. Der Vater eines Freundes war Professor für Maschinenbau an einer Technischen Hochschule. Der sagte: Junge, wenn du den Weg gehen willst, dann ist meine Empfehlung: Mach Maschinenbau!

Und?

Ich bin von jetzt auf gleich ins Maschinenbaustudium umgeschwenkt. Ich habe mich für das Bewerbungsverfahren angemeldet und bekam einen Studienplatz in Aachen zugewiesen.

War die Lösung von der Musik schmerzhaft?

Ich glaube, ich habe damals schon den richtigen Schritt getan. Ich habe mir eins der schönsten Dinge der Welt beibehalten können, als Hobby durch Konzertbesuche und das Sammeln von seltenen Aufnahmen. Musik ist eine wunderbare Nebensache.

Spielen Sie noch ein Instrument?

Ich spiele immer noch Klavier, hin und wieder hole ich auch die anderen Instrumente aus der Truhe raus. Das ist entspannend. Das ist manchmal auch mit einer kleinen Enttäuschung verbunden, denn man weiß, wie gut man mal war. Durch das mangelnde Üben geht die Geläufigkeit verloren.

Was hat Ihr Freund, der Komponist Karlheinz Stockhausen, zu Ihrer Entscheidung gesagt?

Natürlich kommt bei den Menschen, die einen begleiten, eine gewisse Traurigkeit auf. Aber es ist immer der Respekt wichtig, den man vor dem anderen hat. Es gibt eine sehr nette Episode aus dem Leben von Max Planck, der ein brillanter Physiker geworden ist, der aber auch ein hervorragender Geiger war. Der ist zu seinem Physikprofessor gegangen und hat ihn gefragt, was er machen soll: Geige oder Physik? Da sagte der Professor: Lieber Planck, machen Sie Geige. In der Physik ist alles entdeckt. Man kann dem Planck nur dankbar sein, dass er doch die Physik gewählt hat.

Sind sie zu einem Hardcore-Maschinenbauer geworden?

Interessanterweise nicht.

Aber Sie sind doch zu Thyssen-Krupp gegangen?

Ja, aber ich bin kein Maschinenbauer von der Klasse Schrauben, Drehen und Öl, sondern von der des theoretischen Ansatzes. Ich habe die Grundlagen des Maschinenbauwesens in Aachen studiert, mit Vertiefung auf thermodynamische Prozesse. Das heißt mathematische Modelle, Abstraktionsprozesse - das war immer das, was mir besonders lag. So bin ich dann auch zu Thyssen gekommen, wo es darum ging, Energieprozesse zu begleiten. Ich habe mit dem Studium einen guten Denkprozess gelernt, nämlich Dinge zu abstrahieren und modellhaft darzustellen, und das mache ich eigentlich immer noch.

Da waren Sie aber noch auf der eher technischen Seite?

Eindeutig, ja.

Wie kamen Sie ins Marketing?

Erst beim Leuchtenhersteller Zumtobel bin ich auf die Marketingstrategieseite gewechselt. Das war 1986, da bekam ich die Aufgabenstellung als strategischer Planer, direkt bei Jörg Zumtobel. An meinem ersten Arbeitstag gab es einen Zettel, da standen drei Themen drauf: Das eine Thema war der Eintritt in den Markt USA, das zweite Thema war die mögliche Akquisition des Unternehmens Staff und das dritte war die strategische Begleitung von Kundengruppen.

Haben Sie das alles umgesetzt?

Zwei Jahre später durfte ich dann in die USA und Zumtobel USA aufbauen, die Akquisition von Staff war fast fertig und für die strategische Verbindung von Kunden haben wir ein Softwarepaket eingeführt. Damit haben wir sehr intensiv gearbeitet, da man damit die strategische Begleitung und Selektion der Kunden durchführen konnte. Das ist im Prinzip heute noch in den Köpfen verankert. 

War Ihr MBA-Studium davor oder danach?

Das MBA-Studium in Henley habe ich begleitend bei Zumtobel gemacht, das würde ich auch jedem empfehlen. Nur nicht bei irgendeiner Schule, sondern schon bei einem namhaften Institut. Denn das ist doppelt gut: Der Name hilft in der Wiedererkennung und die Programme sind schon anders.

Inwiefern?

Sie sind stringenter, sie sind internationaler, sie sind fordernder. Es geht nicht nur darum, am Ende diese drei Buchstaben zu haben, sondern darum, im Programm zu lernen, zu feilen. Es geht auch nicht immer nur um diese Case-Studies, die man bearbeitet, sondern es geht darum, das Anwendungsorientierte stringent zu lernen. Und gerade im internationalen Umfeld ist das wichtig. Es reicht nicht, dass man einen MBA in der Fremdsprache macht, man muss dabei auch die Internationalität beobachten. Beispiel: Wenn es um das Thema Human Resources geht, dass man die unterschiedlichen arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen, die Interessen der Internationalen Arbeitsorganisation versteht, und nicht nur weiß, wie das in Deutschland aussieht.

Hatte Ihre Arbeit bei Zumtobel noch mit Physik zu tun?

Licht!

Okay. Aber wie war es dann später beim Möbeldesigner Rolf Benz?

Auch das hatte etwas mit Physik zu tun, weil es den sogenannten Sitzaufbau gibt. Das sind Schichten von Materialstrukturen und Eigenschaften, die dafür sorgen, dass man beim Sitzen richtig aufgenommen und gestützt wird und beim Aufstehen einen leichten Katapulteffekt bekommt. Das ist immer noch sehr empirisch. Es gibt sehr viel Wissen darüber, was passiert, aber es gibt die Bemühung, diesen Prozess mathematisch zu modellieren. Nur ein Beispiel: Sie nehmen einen Stuhl und legen einen kleinen Keil unter die beiden vorderen Stuhlbeine. Dann werden Sie leicht nach hinten gekippt. Und damit wird Ihr Gewicht anders im Stuhl verteilt und Sie sitzen anders. Sie fühlen es auch, Sie werden mehr aufgenommen. Diese kleinen Verschiebungen, die im Millimeterbereich sind, haben immense Auswirkungen auf den Sitzkomfort.

Wie kam es überhaupt zu dem Wechsel?

Wie das so ist im Leben: Man wird angesprochen von einem interessanten Headhunter, der ein tolles Unternehmen zu vermarkten hat.

Was ist das Spannende an einem Unternehmen?

Ganz klar, die Positionierung als Marke! Es gibt spannende Marken und weniger spannende. Das Zweite ist die nationale und internationale Struktur. Das Dritte ist, welche Zukunftsperspektive man diesem Unternehmen zutraut und wie man diese gestalten kann. Rolf Benz ist eine der großartigen Marken in Deutschland, die vom Gründer Rolf Benz selbst entwickelt wurde.

Der Wechsel zu Loewe war dann folgerichtig?

Der ist absolut folgerichtig. Es gibt den Olymp der internationalen Markenwelt und da ist Loewe drin. Das Unternehmen hat eine unglaubliche Strahlkraft. Der Name selbst, aber auch die Darstellung der Marke mit diesem weißen Hintergrund und den abgesetzten, starken schwarzen Buchstaben. Was Loewe aber auch kommuniziert mit dieser Marke ist diese Markenwelt: Dass das Design sehr wichtig ist, dass sie immer innovativ und exklusiv ist. Das macht einfach Spaß. Schon als kleiner Junge war Loewe für mich spannend, weil man stundenlang vorm Radiogerät mit seinem "magischen Auge" sitzen konnte und sah, dass sich etwas verändert, wenn man an einem der Knöpfchen dreht.

Kannten Sie bei Ihrem Wechsel die ganze Geschichte vom Turnaround von Loewe?

Das ist eine der faszinierendsten Geschichten der deutschen Wirtschaft. Loewe hat es geschafft, immer die Nase vorn zu haben und ist 2002 schon vorbereitet gewesen für die neuen Technologien. Loewe hatte schon Plasma- und Flachbildfernseher. Aber die Umsetzung in den Markt war verzögert, weil dort ganz andere Player spielten. Namen, die heute keiner mehr kennt. Da war das Positionieren des Markenwertes verzögert mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten. Heute steht Loewe wieder sehr gut da, sogar besser als vor der Krise, weil die Marke noch klarer als Premiummarke positioniert ist. Loewe ist wieder ein richtig großer Player, wenn auch im Premiumbereich und nicht in der Masse.

Wie sieht das in Zukunft aus in Zeiten der Krise?

Die meisten Menschen sind durch die Krise wirklich bedrückt, weil das Ganze immer näher kommt und realer wird. Aber in jeder Krise besteht eine Chance. Wir glauben, dass wir es mit einem sehr stringenten Markenauftritt auch weiterhin schaffen werden. Sie mussten in Ihrer Karriere viel umziehen.

Hatte Ihre Frau das nicht irgendwann satt?

Man braucht da ein geduldiges Wesen an seiner Seite, aber dieses Wesen hat natürlich auch das Recht, wie auch die Kinder, mal irgendwann zu sagen, was geht und was nicht geht. Es hat viele Umzüge gegeben, die waren begleitet von großer Begeisterung, aber es gab auch welche, bei denen war das nicht so. Wir sind deshalb auch einmal nicht umgezogen. Den Umzug in die USA hat meine Frau mit großer Skepsis gesehen, sie wollte da nicht hin. Aber die drei Jahre dort sind in der Erinnerung meiner Frau die schönsten Jahre.

Wie sieht es mit dem fränkischen Städtchen Kronach aus?

Meine Frau freut sich darauf. Weil hier die ersten Erlebnisse äußerst positiv waren - eine sehr fröhliche, aufnehmende Gemeinschaft, die die Kommunikation sucht, aber dabei nicht aufdringlich ist, und eine Wärme ausstrahlt.

Sie findet sich mit dem Umzug München in die Provinz ab?

Ja. Wir reden von Landflucht und davon, dass alle in die Stadt wollen. Wenn man dann aber sieht, wie viele Menschen in den Städten gar nicht glücklich sind, sondern vegetieren. Hier haben wir die beste Luft, die besten Freizeitmöglichkeiten, die beste Auswahl an Bieren und eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten! Was Sie nicht sagen! Kronach ist so lebendig. Es gibt hier einen Marketingkreis, der heißt Kronach Creativ, der die Stadt für zehn Tage im Jahr erleuchten lässt. Es gibt hier Faust-Festspiele, die sehr liebevoll und geschickt gemanagt werden. Man kann in Kronach mehr als beschäftigt sein und seinen Spaß haben. Wenn man dann meint, noch mehr zu wollen: Es ist ein Katzensprung nach Bayreuth zu den Wagner-Festspielen, ein Katzensprung nach Bamberg, da gibt es eins der deutschen A-Orchester, es ist aber auch ein Katzensprung nach Leipzig, wo es ein sehr gutes Opernhaus gibt. Best of all worlds: Man kann hier die Ruhe und die Kraft des Frankenwalds kombinieren mit der abwechslungsreichen Vielfalt Kronachs und kann das zudem mit Highlights aus dem Umfeld garnieren. Sie mussten Ihre Frau ja oft mit Ihren vier Kindern allein lassen.

Wie hat das funktioniert?

Vier Kinder großzuziehen, ist sehr anspruchsvoll. Das hat meine Frau immer brillant gemacht. Alle zu motivieren und zu pflegen, das ist sehr anspruchsvoll. Deshalb schauen wir sehr glücklich darauf, wie sich die Kinder entwickeln: Unser Sohn ist mit seinem Studium in Aachen fertig und steigt jetzt bei Porsche ein, die älteste Tochter studiert im dritten Semester Chemie an der LMU in München, die zweite Tochter wird jetzt das Abitur machen und orientiert sich Richtung Betriebswirtschaft, und die vierte will die letzten zwei Schuljahre in Kronach machen und dann von da aus in die Welt ziehen. Alle haben sich toll entwickelt. Aber damit war meine Frau sehr viel allein.

Haben sich die Kinder darüber beklagt?

Es gibt da schon so Aussagen zwischen den Zeilen, aber gleichzeitig kommt dann der Satz: Aber es ist schön, dass du jetzt da bist. Und wenn ich mit den Kindern zusammen bin, dann reden wir viel, haben viel Spaß, diskutieren viel. Also wir reiben uns auch über politische und wirtschaftliche Themen, das, was die Kinder beschäftigt, das ist schon sehr intensiv.

Also sind Sie der Sparringspartner?

Das sind meine Frau und ich beide. Wir bieten zwei verschiedene Erfahrungswelten, so dass die Kinder das vergleichen können und sich daraus entwickeln können.

Welche Karrieretipps geben Sie Ihren Kindern?

Meinen Kindern sage ich immer, dass Karriere ein Dreiklang ist: Sie sollen machen, was ihnen Spaß macht, weil man das, was einem Spaß macht, auch gut macht. Sie sollen es gut machen, damit es von anderen wahrgenommen wird und sie sollen neugierig sein. Sie sollen also nicht die ausgelatschten Trampelpfade gehen. Wer neugierig ist, findet auch am Wegesrand Unbekanntes. Mit dieser Kombination hat man einen guten Lebensweg vor sich.

Löhrer: 1956 in Aachen geboren, studiert als Jugendlicher an der Kölner Musikhochschule Komposition. Nach dem Abitur entscheidet er sich aber für ein Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen. Nach Stationen bei Thyssen-Krupp und Wacker Chemie geht Löhrer 1986 zum Leuchtenhersteller Zumtobel, für den er das US-Geschäft aufbaut. Parallel dazu macht er seinen MBA am Henley-College in Oxford. 1998 wechselt er als Geschäftsführer zur RodenstockTochter Weco. 2002 wird er Verkaufsleiter des Brillenherstellers. 2004 beruft ihn der Möbelhersteller Rolf Benz in den Vorstand, ein Jahr später übernimmt er den Vorstandsvorsitz. 2008 wechselt er zu Loewe.

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