Freiheitsverlust Arbeitnehmer unter Druck

Überstunden, ständige Erreichbarkeit, mangelnde Wertschätzung: Der Arbeitstag ist zweifellos stressig. Statt vereinbarter Selbstbestimmung steigt die psychische Belastung vieler Angestellten ständig an. Chronische physische Erkrankungen sind häufig die Folge.

Nora Jakob, wiwo.de | , aktualisiert

Arbeitnehmer unter Druck

Freiheitsverlust 2

Foto: cristina_conti / Fotolia.com

Immer mehr Menschen sind gestresst. Dies geht längst über das bloße Gefühl hinaus, mittlerweile ist statistisch und wissenschaftlich nachweisbar, dass immer mehr Menschen in der Folge von chronischer Überbelastung krank werden. Insbesondere psychische Erkrankungen, Rückenschmerzen und Erkältungen nehmen zu. Erst Anfang des Jahres hat die Hans-Böckler-Stiftung eine Studie veröffentlicht, in der sie branchenübergreifend mehr als 2000 Betriebsräte zu den Bedingungen in ihren Unternehmen befragt hat.

Das Ergebnis: Zeitdruck und Arbeitsintensität sorgen für eine Zunahme psychischer Erkrankungen in deutschen Firmen. Insgesamt leiden rund fünf Millionen Deutsche an Depressionen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Eine steigende Anzahl ist wohl auf die Zunahme von Stress und Druck am Arbeitsplatz zurückzuführen.

Wertschätzung bewahrt vor Dauerstress

Insbesondere Zielvereinbarungen und Vertrauensarbeitszeit, so zeigt es die Studie der Böckler-Stiftung, hätten statt zu mehr Selbstbestimmung und Selbstorganisation der Beschäftigten zu einem stressigeren Arbeitsalltag geführt. Andere Studien zeigen, dass sich bereits jeder Zweite am Arbeitsplatz gestresst fühlt.

"Wir und andere Forscher haben in Langzeitstudien gezeigt, dass Arbeitnehmer, die sich für ihre Arbeit nicht angemessen wertgeschätzt fühlen, unter Dauerstress leiden", sagt der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist. "Es ist eine Gratifikation–Krise." Die Folge: Das Risiko an einem Herzinfarkt oder einer Depression zu erkranken, steigt um bis zu 80 Prozent an. Das treffe vor allem auf Gesundheits- und Pflegeberufe zu.

Wirtschaftliche Situation ist nicht für jeden rosig

Denn oft fehlt es den Arbeitnehmern nicht nur an Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch den Möglichkeiten sich in sicheren Arbeitsverhältnissen weiterzuentwickeln. "Nicht zuletzt durch die wirtschaftliche Globalisierung ist es zu einer hohen Lohnkonkurrenz gekommen – durchaus mit negativen Effekten."  
 
Ähnlich sieht das auch Michael Pfingsten, Leitender Psychologe am Universitätsklinikum in Göttingen: "Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass die schwierige wirtschaftliche Situation, die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, die geringe Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen, 'Mobbing' im Kollegenkreis, generell Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und der ständig zunehmende Druck in unserer Gesellschaft das Risiko für das Auftreten von Stressbelastungen und die Chronifizierung von Rückenschmerzen stark erhöht."

Sobald kurzzeitige Erkrankungen zu chronischen werden, wird es auch für den Arbeitgeber teuer: Bereits 2011 hat eine Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company gezeigt, dass kranke Mitarbeiter die deutsche Volkswirtschaft rund 225 Milliarden Euro kosten. Das entspricht neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Das sind allerdings nicht nur die Zeiten, die Mitarbeiter durch Krankheit ausfallen, sondern vor allem die Mitarbeiter, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, eine geringere Qualität abliefern, mehr Fehler machen und Unfälle verursachen. Die Folge müsste deshalb sein, die betriebliche Gesundheitsvorsorge zu verbessern, damit Unternehmen entstehende Kosten reduzieren können.

Denn die Erkrankungen treffen selten Manager, sondern vor allem Menschen mit geringerem Entscheidungsspielraum: "Menschen in Führungspositionen stehen zwar häufig hohen Anforderungen gegenüber, haben aber auf der anderen Seite auch einen größeren Kontroll- und Entscheidungsrahmen. Deshalb ist das Erkrankungsrisiko statistisch deutlich geringer als bei den Ausführenden einfacher Tätigkeiten mit einem nur sehr eingeschränkten Kontrollspielraum."

Wenn gar nichts mehr hilft: Job wechseln

Was aber kann man dagegen tun? Psychologe Pfingsten empfiehlt zunächst: "Regelmäßig etwas für sich selbst zu tun und sich damit geistig wie körperlich gesund zu halten." Insbesondere bei Rückenschmerzen kann körperliche Aktivität helfen, also Sport und gezielte Übungen, die individuell abgestimmt sind. "Hier hat man für sich selbst Verantwortung und muss sie möglicherweise täglich und lebenslang für sich übernehmen", sagt Pfingsten.

"Insbesondere bei immer wieder kehrenden Rückenschmerzen ist es aber auch sinnvoll, sich zu fragen, ob andere als körperliche Faktoren bei der Entstehung oder Aufrechterhaltung der Schmerzen eine Rolle spielen könnten." Konkret heißt das: Man müsse kritisch mit sich selbst sein – und die Rahmenbedingungen des Alltags beleuchten.

Eine mögliche Folge könnte dann auch sein, sich nach einem Job umzuschauen, der wieder mehr Freude ins Leben bringt und die Schmerzen vielleicht sogar abschwächt.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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