Freelancer Endlich frei!

Viele hoch Qualifizierte machen sich heute lieber selbstständig, anstatt sich an einen Arbeitgeber zu binden – nicht aus Not, sondern aus ökonomischem und sozialem Kalkül. Wird die Festanstellung zum Auslaufmodell?

Daniel Rettig und Katharina Heckendorf, wiwo.de | , aktualisiert

Endlich frei!

Foto: Dirima/Fotolia.com

Der Kölner Unternehmensberater Marc Peters sitzt am Wohnzimmertisch und blickt konzentriert auf den Bildschirm seines Laptops. Plötzlich dreht er sich um und lächelt. Ein kleiner Junge mit blonden, langen Locken läuft auf ihn zu, springt in Peters’ Arm, quiekt vergnügt und setzt sich auf seinen Schoß. Beide gucken zusammen auf den Laptop. "Zu Hause arbeiten mal 23 Projekt-Anfragen", rechnet eine sonore Stimme aus dem Hintergrund vor, "ist gleich Tim aufwachsen sehen."

So beginnt ein TV-Spot, mit dem das soziale Netzwerk Xing seit einigen Wochen zur besten Sendezeit bei RTL, Sat.1 und ProSieben wirbt. Wohlgemerkt: Marc Peters ist eine fiktive Figur, die sich die Hamburger Agentur Pushh für den Spot ausgedacht hat. Es gibt in Köln kein Unternehmen namens Ludwig&Friends GmbH, das auf dem Xing-Profil von Peters auftaucht.

Den gesellschaftlichen Nerv getroffen

Doch wahr ist eben auch: Es gibt sehr wohl immer mehr Menschen wie Marc Peters und immer mehr Unternehmen wie Ludwig&Friends.

Deutschlands größtes Karrierenetzwerk hat inzwischen mehr als sieben Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum. Mit dem Spot wirbt Xing also nicht nur platt in eigener Sache, sondern trifft mit seinem Zehnsekünder auch einen gesellschaftlichen Nerv.

Fokus Mensch

Im Vordergrund der Spots stehe "nicht die rein ökonomische Optimierung der Karriere", sagt Xing-Marketingmanagerin Claudia Peters, sondern "der Mensch und seine jeweilige Lebenswirklichkeit".

Zugegeben, der Spot mag den Alltag eines Freiberuflers übertrieben idealisieren. Kaum ein Selbstständiger sitzt immer entspannt im Wohnzimmer und wartet auf Aufträge – jederzeit bereit, die Arbeit zu unterbrechen, um mit seinen Kindern zu knuddeln. Der Schritt in die Unabhängigkeit ist auch finanziell herausfordernd.

Aber welcher Angestellte hat sich nicht schon mal dabei ertappt, wie er die Annehmlichkeiten der Freiberuflichkeit gedanklich durchspielte – und sich dieselben Fragen stellte.

Wäre es nicht schön, morgens ohne Eile den ersten Kaffee zu genießen, statt mit Blick auf die Uhr zum Bus zu hetzen? Schon konzentriert am Schreibtisch zu sitzen, statt im Stau zu stehen oder den immer gleichen Privatgesprächen miesgelaunter Mitpendler in überheizten, schlecht gelüfteten und überfüllten Zügen ausgesetzt zu sein? Nicht mehr unter den Launen des Chefs zu leiden, nicht mehr mit anstrengenden Kollegen herumzustreiten? Keine Zeit mehr in langatmigen Besprechungen zu verdaddeln? Und sich stattdessen in Ruhe dem selbst gewählten Projekt zu widmen? Sprich: frei zu sein? Mit allen Risiken, aber auch allen Chancen?

Die Zahl der Menschen, die aus solchen hypothetischen Fragen tatsächliche Konsequenzen ziehen, ist größer denn je: Noch nie gab es so viele Freiberufler in Deutschland, bestätigte im August ein Bericht der Bundesregierung. Im Jahr 2003 waren 783 000 Menschen selbstständig, 2013 waren es bereits 1,23 Millionen.

Frei aus Überzeugung

Mehr als 90 Prozent der Kunden seien aus Überzeugung selbstständig, nicht aus der Not heraus, sagt Michael Moser, Geschäftsführer des Personalportals Gulp. Das Münchner Unternehmen vermittelt Ingenieure und IT-Experten an Konzerne. 2012 wickelte es Aufträge im Volumen von 186 Millionen Euro ab. Und es deutet viel darauf hin, dass die Zahl dieser Überzeugungstäter in den kommenden Jahren weiter steigen wird.

Die viel zitierte Generation Y hat keine Lust mehr, Nächte im Büro zu verbringen. Universitäten und Fachhochschulen spülen weiter Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Da erscheint die Selbstständigkeit als reizvolle Alternative. Nicht nur Manager denken deshalb aktuell darüber nach, es als Einzelkämpfer zu versuchen. Auch viele Absolventen stehen vor der Wahl: Arbeitslosengeld oder Gründungszuschuss? Aufgeben oder Loslegen? Kein Plan oder Businessplan?

Zugegeben: Der Schritt in die Selbstständigkeit erfolgt nicht in allen Fällen freiwillig, sondern aus Mangel an Alternativen. Weil der erste Job nach dem Studium auf sich warten lässt. Oder nach einer Umstrukturierung die Kündigung ins Haus flattert. Die Generation der um die 30-Jährigen legt auf Jobsicherheit durchaus Wert, wie Umfragen der Beratungsgesellschaft Universum Communications zeigen. In Zeiten unsicherer Finanzmärkte ist die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens wichtiger geworden.

Noch stärker aber ist der Wunsch nach Flexibilität, Selbstverwirklichung und Abwechslung. Der Beruf soll nicht nur Broterwerb, sondern Berufung sein – ein Zustand, der sich ohne lästige Kollegen und nervenden Chef eher erreichen lässt.

Hinzu kommt: Die Welt ist in den vergangenen Jahren unverbindlicher, schnelllebiger geworden. Soll heißen: Auch wer wegen einer Festanstellung auf die verlockenden Freiheiten der Selbstständigkeit verzichtet, gewinnt dadurch nicht zwingend mehr an Sicherheit. Von der Lehre bis zur Rente – das war einmal. Vorbei sind die Zeiten, in denen Angestellte ein Berufsleben lang beim selben Arbeitgeber blieben. In denen beide auch dann zueinander hielten, wenn es mal nicht so gut lief, egal, ob geschäftlich oder menschlich. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fand heraus, dass die unter 30-Jährigen in den Achtzigerjahren im Schnitt 814 Tage bei einem Unternehmen blieben. Inzwischen sind es noch 536 Tage.

Unternehmen befeuern die Entwicklung

Aus mehreren Gründen: Zum einen wächst der Frust mit der Festanstellung. Gerade einmal 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich ihrem Unternehmen emotional verbunden, hieß es im März 2013 in einer Studie des Personaldienstleisters Gallup. Zum anderen befeuern Unternehmen die Entwicklung. Sie setzen verstärkt auf flexible Arbeitskräfte, um in der globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Diesen Wertewandel verinnerlichen mittlerweile selbst die hoch Qualifizierten. Viele verdingen sich in Lebensabschnittsjobs, anstatt eine steile Konzernkarriere anzustreben.

Die Festanstellung passt nicht in eine Welt der Individualisten, Wechselwähler und Lebensabschnittsgefährten. Deshalb nutzen die Vorteile der freien Arbeitseinteilung inzwischen nicht mehr ausschließlich Kreative wie Designer, Grafiker oder Journalisten. Längst sind es nicht mehr nur die Facharbeiter am Fließband, die zu niedrigen Löhnen bei Autokonzernen, Metzgereien oder Werften anheuern. Auch hoch qualifizierte und hoch bezahlte Fach- und Führungskräfte aus vielen anderen Branchen schätzen längst die Vorteile der Selbstständigkeit.

Zum Beispiel Brigitte Nießen. Nach ihrem Studium war sie zunächst 15 Jahre in einem amerikanischen IT-Konzern tätig und kletterte dort die Karriereleiter hoch. 2001 wechselte sie in die Gesundheitsbranche, stieg bis zur Geschäftsführerin eines Mittelständlers auf. Doch vor neun Jahren entschloss sie sich zu einem radikalen Schnitt und machte sich selbstständig. Seitdem ist sie Managerin auf Zeit.

Nießen ist eine von etwa 6.200 Interimsmanagern in Deutschland. Diese Führungskräfte sind so etwas wie die Feuerwehr für Unternehmen, die dringend, aber übergangsweise Verstärkung im Management brauchen – etwa wenn sie Abteilungen um-, ab- oder aufbauen oder wichtige Mitarbeiter kurzfristig wegen Krankheit ausfallen. Mal führen Interimsmanager neue Software ein, mal sparen sie Kosten in der Personalabteilung, mal verbessern sie die Abläufe in der Produktion. "Ist meine Aufgabe erfüllt und abgeschlossen, geht es auf zu neuen Ufern", sagt Nießen.

Ein wachsender Markt: Nach Angaben der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management lag der Umsatz der Branche 2013 bei fast 1,2 Milliarden Euro. Interimsmanager sind meist zwischen 40 und 50, haben 10 bis 20 Jahre Führungserfahrung und bekommen pro Einsatz 1.000 bis 3.500 Euro Honorar – pro Tag. Dafür müssen sie kurzfristig bereitstehen.

Wer wagt, kann gewinnen

Natürlich: Viele Freiberufler können von solch hohen Tagessätzen nur träumen. Sie fürchten finanzielle Ungewissheit oder die soziale Isolation. Doch wer den Schritt gewagt hat, bereut ihn selten.

So wie Rolf Dieter Humm. Manchmal dauert es ein paar Monate, manchmal ein paar Jahre, aber früher oder später zieht der 63-Jährige weiter. Humm ist Jobnomade, seit 1997 arbeitet er als selbstständiger IT-Experte. Zuvor war er 31 Jahre lang bei Siemens angestellt. Nach zahlreichen Restrukturierungen entschied Humm, sich selbstständig zu machen.

Heute ist er vor allem im Bereich Programmierung und Datenbankentwicklung tätig. Wenn ein Unternehmen seine Systeme umstellen will – etwa von Office 2003 auf Office 2010 – entstehen dabei Probleme, mit denen Laien vorab nicht rechnen. Dann muss ein Experte ran.

Feste Arbeitszeiten, einen eigenen Schreibtisch, immer gleiche Kollegen – darauf verzichtet Humm freiwillig. "Natürlich muss ich mich immer wieder schnell auf neue Herausforderungen und Probleme einstellen. Aber genau diese Bandbreite mit ständig wechselnden Kunden und Aufgaben liebe ich." Bei einem Arbeitgeber alleine könnte er das nicht ausleben.

Humm gehört zum neuen Typ von Wissensarbeitern, die bei den Unternehmen begehrt sind. Der Fachkräftemangel hat das Kräftegleichgewicht verschoben, zugunsten der qualifizierten Mitarbeiter. Viele von ihnen führen ein berufliches Nomadenleben und hüpfen von Job zu Job.

Persönliche Vorteile

Wirklich verwunderlich ist das nicht. Die obersten Angestellten leben es genauso vor. Die Beratung Booz & Company untersuchte im vergangenen Jahr zum zwölften Mal, wie lange die Chefs der weltweit größten 2.500 börsennotierten Konzerne im Amt sind. Im deutschsprachigen Raum blieben sie in 2012 im Schnitt nur 6,2 Jahre auf ihrem Posten. 2011 waren es noch 7,6 Jahre. Europaweit lag die CEO-Amtszeit bei 5,1 Jahren. Das sei "zu wenig, um einen CEO-Posten gut auszufüllen", sagt Klaus-Peter Gushurst von Booz. Die persönlichen Vorteile zählen offenbar mehr als das Wohl des Unternehmens.

Das bestätigt auch Andreas von Schubert, Professor für Personalmanagement der Hochschule Wismar. Die unerschütterliche Treue zum Arbeitgeber, einst eine moralische Maxime, ist heute eine "knallharte Kosten-Nutzen-Rechnung".

Manche ziehen daraus die Konsequenz, ihr Glück bei einem anderen Unternehmen zu suchen. Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland hat im Jahr 2012 seinen Arbeitgeber gewechselt, fand der Personaldienstleister Kelly heraus. Auch deshalb, weil sich Loyalität nicht mehr lohnt. Wortwörtlich. Wer sein Gehalt überproportional steigern will oder bei seinem Arbeitgeber in einer beruflichen Sackgasse steckt, muss sich einen neuen Job suchen.

Das belegte im Jahr 2011 auch eine Umfrage unter 892 Mitgliedern des Karrierenetzwerks e-Fellows: Wer den Arbeitgeber mindestens zweimal wechselte, steigerte sein Gehalt jährlich im Schnitt um 15 Prozent. Wer beim selben Unternehmen blieb, verdiente nur knapp elf Prozent mehr.

Doch häufig hilft selbst der Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber nicht weiter. Jeder zweite Manager ist nach dem Neubeginn mindestens ernüchtert und schlimmstenfalls enttäuscht. Darauf deutet eine aktuelle Studie der Personalberatung InterSearch Executive Consultants hin, für die 150 Führungskräfte befragt wurden. 45 Prozent aller Teilnehmer, die in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal den Job gewechselt hatten, wunderten sich hinterher über die Diskrepanz zwischen Jobprofil und Alltag. Unter Vorständen und Geschäftsführern waren es sogar fast 50 Prozent.

Böses Erwachen bei Festanstellungen

Mehr noch: Diese Ernüchterung war der häufigste Grund für Unzufriedenheit. Oft komme es nach der Einstellung zu einem "bösen Erwachen", sagt InterSearch-Manager Thomas Bockholdt. Das rettende Ufer erweist sich bisweilen als Fata Morgana.

Nun gab es schon immer Menschen, die ihr Glück lieber alleine versuchten. Die der Verlockung eines festen Einkommens, eines schicken Dienstwagens, Weihnachtsgeld und Betriebsrente freiwillig widerstanden. Klassische Freiberufler wie Ärzte, Anwälte und Steuerberater stellen immer noch die Mehrzahl.

Doch der entscheidende Unterschied ist: Zunehmend sind es auch andere Berufsgruppen, die sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Jene, die man früher dort nicht vermutet hätte. Und die der beste Beweis dafür sind, dass individuelle Freiheit eben nicht nur Risiken, sondern vor allem Chancen bietet.

Die eigenen Ziele und Träume zu verwirklichen ist den Menschen wichtiger geworden. Deshalb wägen viele ständig ab zwischen Geben und Nehmen. Im Privaten, aber eben auch im Beruflichen. Sie fragen vor allem, was der Arbeitgeber für sie tun kann.

Und wenn die Antwort nicht passt, beenden sie die Beziehung. Wer gut ausgebildet und auf dem Arbeitsmarkt begehrt ist, geht oft nur für ein Projekt zu einem Unternehmen. Endet das eine, folgt das andere. Für viele hoch Qualifizierte ist die Selbstständigkeit deshalb die logische Konsequenz.

Ständiges Geben und Nehmen

Nico Schunke zum Beispiel merkte schnell, dass für ihn langfristig nicht die klassische Festanstellung, sondern freiberufliches Arbeiten der richtige Weg sein würde. Der 28-Jährige arbeitete nach seinem Informatikstudium ein Jahr lang als Softwareentwickler in einer Agentur – und machte sich 2010 selbstständig. "Ein Sprung ins kalte Wasser", sagt Schunke, "aber er hat sich gelohnt."

Viele Aufträge erhält er über den Dienstleister Hays. Das Unternehmen sieht sich "als Zwischenstation und Vermittler zwischen Freiberuflern und Unternehmen", sagt Bereichsleiter Jörn Bäumer. Aktuell hat das Unternehmen 300 000 Freiberufler in der Datenbank – im Jahr 2.000 waren es gerade mal 34 000. In der Deutschlandzentrale in Mannheim sind 100 Mitarbeiter damit beschäftigt, diese Datenbank auf dem neuesten Stand zu halten.

Bei erfolgreicher Vermittlung erhält Hays eine Provision, die Unternehmen sparen sich die meist höheren Suchkosten, Freiberufler wie Schunke kommen regelmäßig an Aufträge und können sicher sein, ihr Honorar auch zu erhalten. Bezahlt werden sie nicht vom Auftraggeber, sondern von Hays.

Zu den Kunden gehören viele deutsche und internationale Großkonzerne, darunter Bayer oder die Deutsche Post. Offenbar ein lohnendes Geschäft: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Hays einen Gewinn von knapp 69 Millionen Euro. Derzeit hat Hays etwa 5.500 IT-Spezialisten im Einsatz.

Das Unternehmen sorgt dafür, dass Experten wie Schunke sich nicht um die Akquise kümmern müssen, sondern sich allein auf die Einsätze konzentrieren können. Mit Erfolg: Seit mehr als zwei Jahren hatte Schunke keine Ausfallzeiten mehr, ständig entwickelt er Software oder leitet IT-Projekte.

Wichtige Ergänzung zur Stammbelegschaft

"Flexibilität und Innovationskraft gewinnen für die Unternehmen immer stärker an Bedeutung", sagt Dieter Kempf, Präsident des High-Tech-Verbandes Bitkom. Deshalb seien Freelancer mit ihrem Fachwissen "eine wichtige Ergänzung zur Stammbelegschaft". Vor allem im Bereich der Computer- und Informationstechnologie.

Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr auch eine repräsentative Umfrage von Bitkom. 854 Personalverantwortliche gaben Auskunft, etwa jeder Dritte wollte künftig häufiger Freiberufler einsetzen. Besonders stark auf Freelancer setzen demnach Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro.

Freie profitieren von Arbeitsmarkt-Trend

Der Verband geht davon aus, dass derzeit etwa 80 000 IT-Spezialisten als Freiberufler in deutschen Unternehmen aktiv sind – eine Steigerung von mehr als 30 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Und eine Entwicklung, die die Vermittlung zwischen Auftraggebern und Auftragsuchenden zu einem florierenden Geschäftsmodell werden ließ.

Zum Wohle der Freiberufler: Laut einer Erhebung der Plattform Twago, spezialisiert auf die Vermittlung von Programmierern und Designern, verdienen über Twago vermittelte Freelancer mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 58 Euro mehr als doppelt so viel wie Arbeitnehmer im Bundesdurchschnitt.

Felix Winkler muss sich derzeit wohl noch mit etwas weniger bescheiden – zufrieden ist der 34-jährige Jurist dennoch: Er legte 2008 das zweite Staatsexamen an der Universität Köln ab, danach arbeitete er zunächst in einer Kanzlei und schrieb parallel an seiner Dissertation. Die Sozietät hatte sich unter anderem auf Schul- und Hochschulrecht spezialisiert, Winkler fand das Thema interessant.

Doch gleichzeitig fragte er sich: Will ich wirklich jeden Tag in einer Kanzlei arbeiten? Weil er die Frage bald mit einem klaren "Nein" beantwortete, machte er sich auf die Suche nach eigenen Räumen. Seit November 2011 sitzt er nun in einem Büro in der Kölner Innenstadt.

Klar, die ersten Monate waren schwierig. Winkler lebte erst mal von Erspartem. Als junger Anwalt hatte er weder feste Mandanten noch einen bekannten Namen. Außerdem bedeutet die Spezialisierung auf Studienplatzklagen gewissermaßen juristisches Saisongeschäft. Die meisten Klagen fallen von Januar bis April und von Juli bis Oktober an. Und selbst wenn Winkler die Mandanten zufriedenstellt – sie brauchen ihn meist nur einmal.

Die Marke Ich

Deshalb blieb ihm in den ersten Monaten immerhin genug Zeit, an seiner Dissertation zu feilen. Außerdem kümmerte er sich um das Selbstmarketing. Er bastelte mit einem Freund an seiner Internet-Seite, hielt Vorträge über Schulrecht, schrieb Artikel für juristische Online-Portale. Alles mit dem Ziel, sich einen Namen zu machen. Es funktionierte.

Natürlich bleibt das Geschäft unsicher, und er braucht ständig neue Mandanten. Seine monatlichen Fixkosten belaufen sich auf einen niedrigen vierstelligen Betrag. Doch mittlerweile schreibt er schwarze Zahlen und kann von den Einnahmen leben, ohne seine Ersparnisse anzuzapfen.

Winkler ist sich bewusst, dass er als festangestellter Anwalt derzeit sicher mehr verdienen könnte. Aber als Selbstständiger kann er sich seinen Erfolg eigenständig erarbeiten, sagt Winkler, und das ist ihm wichtiger: "Diese Freiheit und Unabhängigkeit kann man mit Geld nicht kaufen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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