Frauen und Karriere Anleitung zum Gipfelsturm

Frauen in Führungspositionen sind noch unterrepräsentiert. Für die, die nicht auf eine gesetzliche Quote warten wollen, gibt es Workshops, die die Chancen verbessern sollen. Markus Schleufe besucht einen solchen - und wundert sich über Klischees.

Markus Schleufe/zeit.de | , aktualisiert

Allein unter Frauen. Eigentlich eine verlockende Vorstellung, aber nicht so in diesem Fall: Schon der Titel des Workshops "Frauen an die Spitze – Anleitung zum Gipfelsturm" klingt kämpferisch. Eingeladen hat das Frauen-Karriere-Netzwerk Business and Professional Women (BPW). Das Netzwerk hat sich zum Ziel gemacht, den Frauenanteil in den Führungsetagen zu vergrößern.

Ich bin ein Mann, habe keine Führungsposition und der Auftrag, an einem Frauen-Karriere-Workshop teilzunehmen, kommt von der Redakteurin. Mit weichen Knien betrete ich den Raum, gespannt, was mich erwartet. Hilfreiche Tipps, Übungen und Anleitungen für Frauen, die Karriere machen wollen, auf der einen Seite. Skeptische Blicke, ablehnende Zurückhaltung und fiese Sprüche auf der anderen. Nehme ich an. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen, bin ich doch das Feindbild der Anwesenden. Bilde ich mir zumindest ein.

Tatsächlich löst meine Anwesenheit vor allem Verwunderung aus. "Was will der denn hier?" – "Ich dachte, das ist ein Frauenworkshop?". Die Blicke der gut 20 Teilnehmerinnen sprechen Bände. "Sind Sie hier richtig?", fragt mich die Leiterin des Workshops Christine Wolff, Europa-Chefin des Konzerns URS, und mustert mich. "Ich denke schon", antworte ich und erkläre, wer ich bin. Ach ja richtig, der Pressevertreter mit dem Selbstexperiment. Ich darf bleiben.

Der Workshop beginnt mit vielen Zahlen. 64 Prozent aller Frauen sind erwerbstätig, davon ist der größte Teil Niedrigverdienerin und die allermeisten arbeiten Teilzeit. Im Durchschnitt verdienen Frauen 23 Prozent weniger als Männer, bei gleicher formaler Qualifikation immerhin noch zwölf Prozent.

Klischees und allgemeine Ratschläge

Als Frau Wolff fertig mit den Zahlen ist, mustert sie die Runde. Die Teilnehmerinnen sollen sich davon nicht verschrecken lassen. Die Frauen sollen sich ihrer Überlegenheit bewusst werden. Immerhin hätten sie Wettbewerbsvorteile. Die Trainerin zählt jetzt auf: Frauen sind einfühlsame Verhandlungspartner, sie hören Zwischentöne und erkennen "Klimastörungen" früh. Frau Wolff spricht tatsächlich von "Klimastörungen". Außerdem bestechen Frauen durch eine hervorragende Beobachtungsgabe und ein scharfes Auge für Details. Auch organisatorisch seien sie im Vorteil, sagt die Trainerin. Frauen könnten mit zwei bis vier nicht zusammenhängenden Themen gleichzeitig jonglieren. Ich habe unterdessen Mühe, allein die Aufzählung der vielen Klischees mitzuschreiben.

Dass Frau Wolff mit mehreren nicht zusammenhängenden Themen spielend einfach jonglieren kann, zeigt sie prompt und liefert den Teilnehmerinnen konkrete Strategien für "das Überleben als Frau in der Männerdomäne Management". Die Frauen müssten die Männer und ihre Sicht auf die Businesswelt verstehen. Wolffs heißer Tipp: sich auf Konkurrenz einstellen und Spaß am Wettbewerb entwickeln. Gelten diese Ratschläge nicht ganz unabhängig vom Geschlecht? Offenbar denken das auch einige Teilnehmerinnen. Andere nicken und sagen: "Ah ja."

Die resolute Frau Wolff hat noch mehr Tipps auf Lager: Miniröcke, großes Dekolleté und viel Schmuck seien tabu, auch devotes Verhalten wie Dauerlächeln und Kopf in Schräglage. Niedlich sein? Verboten. Ebenso: Sätze wie "Ich kann das nicht", "Sie können das doch am besten" oder "Ich bin da nicht perfekt".

Muss man das emanzipierten, berufstätigen Frauen wie diesen Teilnehmerinnen wirklich so explizit sagen? Eigentlich nicht. Die Frauen in diesem Workshop sind Akademikerinnen, stehen mitten im Berufsleben. Was suchen sie hier? Ich erahne es, als sie leise anfangen, ihre Erfahrungen auszutauschen. Viele fühlen sich im Kampf auf der Karriereleiter und als oftmals einzige Frau unter Männern ganz einfach unsicher. So wie ich hier mitten unter ihnen.

Der Austausch macht ihnen Mut und auch Appelle wie "Netzwerke bringen weiter". Die meisten Teilnehmerinnen möchten ganz nach oben und sie haben auch das Zeug dazu. Doch sie wissen nicht so recht, wie sie dorthin kommen sollen. Statt des erwarteten Geheimrezeptes gibt Trainerin Wolff den Frauen nur gut gemeinte Phrasen mit auf den Karriereweg: "Setzen Sie nicht auf den Sonderstatus Frau. Setzen Sie bei Gesprächen mit Kollegen nicht auf Mitleid."

Und dann kommen die Männerklischees. Frau Wolff zählt jetzt wieder auf: Männer sind kaltherzig, fahren grundsätzlich die Ellenbogen aus, nehmen keine Rücksicht auf niemanden, markieren immer und überall den harten Macker. Ich muss schmunzeln und dann lachen auch die Frauen. Eine nach der anderen schildert ihre Erfahrungen mit männlichen Alphatieren am Arbeitsplatz. Und ich kann mühelos die gleichen Erlebnisse schildern – nur aus anderer Perspektive, mit weiblichen Alphatieren am Arbeitsplatz. Klischees kommen anscheinend nicht von ungefähr. Allerdings gilt das für beide Geschlechter.

Ich bin schon fast zur Tür hinaus, als mich Frau Wolff zurückwinkt. "Entschuldigung: Können Sie wohl mal …?", fragt sie und hält mir den Kronkorkenverschluss einer Wasserflasche entgegen. Ich kann. "Ich möchte aber keine Klischees bedienen", entgegne ich mit einem Schmunzeln, während ich mit meinem Flaschenöffner, den ich am Schlüsselbund trage, die Flasche öffne.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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