Frauen in der Wirtschaft "Frauen denken viel gründlicher nach"

Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger reicht eine Frauenquote nicht. Er strebt eine ganz neue Unternehmenskultur an - mit kürzeren Arbeitszeiten für Manager und E-Mail-Pausen an den Wochenenden.

Stefani Hergert, Sandra Louven | , aktualisiert

Herr Sattelberger, Sie haben sich zum Anwalt der Frauen aufgeschwungen. Wie viele Chefinnen gibt es in Ihrem Ressort?
Wir haben deutlich über 30 Prozent der neu zu besetzenden Führungspositionen an Frauen vergeben, darunter zentrale Aufgaben wie die der Personalchefin für den Bereich Systemintegration mit über 20 000 Beschäftigten. Insgesamt sind in meinem Ressort ein Viertel der Führungskräfte Frauen. Zu wenig!

Im Personalbereich arbeiten meist viele Frauen. Wie hat sich die Zahl der weiblichen Führungskräfte entwickelt, seitdem Sie 2007 Vorstand wurden?
Im Personalbereich ist sie um zwei bis drei Prozent gestiegen.

Als Sie die Frauenquote Mitte März ankündigten, sagten Sie, weitere Unternehmen würden folgen. Sind Sie enttäuscht, dass es dazu noch nicht gekommen ist?
Ich bin immer noch überzeugt, dass weitere Konzerne folgen. Die öffentliche Selbstverpflichtung eines deutschen Unternehmens wie der Telekom auf die Quote hat zu intensiven Diskussionen in anderen Unternehmen geführt. Das höre ich von meinen Kollegen. Das ist ja auch eine Frage der Reputation. Es kann ja auch nicht sein, dass die Wirtschaft sich in dieser Frage von der öffentlichen Meinung isoliert.

Wieso haben Sie die Besetzung von Vorstand und Aufsichtsrat von der Quote ausgenommen?
Diese Besetzungen bestimmen nicht wir als Vorstand. Aber wir sind dabei, für die Anteilseignerseite der Aufsichtsräte unserer Töchter und Enkelgesellschaften eine Frauenquote einzuführen. 30 Prozent erscheint mir auch hier geeignet.

Quoten-Kritiker argumentieren, dann würde nicht mehr der Beste den Job kriegen.
Ich sitze seit 20 Jahren auf Stühlen, wo Karrierepolitik gestaltet wird. Ich habe in dieser Zeit ebenso viele Entscheidungen nach Kompetenz und Qualifikation erlebt wie solche nach Seilschaft, Treuebonus, nach strategischer Platzierung oder nach Aufbau von Hausmacht. Das zeigt doch, dass diese Debatte pharisäerhaft geführt wird.

Wieso sind denn Frauen bislang nicht nach Treuebonus und Hausmacht befördert worden?
Das liegt an den geschlossenen Systemen, die in vielen Unternehmen existieren. Dabei rekrutieren sich die Anführer und Mitstreiter seit vielen Jahrzehnten aus der gleichen Gruppe und folgen den gleichen Ritualen und ungeschriebenen Gesetzen. Auf diese Weise wird immer wieder Ähnlichkeit produziert. Die Frauenquote ist für mich deshalb auch eine ganz bewusste, kulturpolitische Weiterentwicklung eines Unternehmens - und zwar in eine moderne Welt hinein.

Nur die Quote reicht doch nicht. Frauen mit Kindern können oft nicht bis 20 Uhr im Büro bleiben.
Deshalb packen wir das Thema Teilzeitjobs für Führungskräfte an. Klug gemacht, kann das sogar zu einem guten Instrument der Personalentwicklung werden. Stellen Sie sich vor, eine Führungskraft ist 28 Stunden in der Woche im Büro, und den Rest übernimmt eine Kollegin oder ein Kollege. So kann vertiefte oder erste Führungserfahrung gesammelt werden.

Von Führungskräften wird heute aber doch erwartet, ständig erreichbar zu sein.
Auch das wollen wir ändern. Wir haben beschlossen, dass Mitarbeiter E-Mails am Wochenende nicht beantworten müssen. Das Unternehmen kann und soll nicht komplett über die Zeit der Menschen verfügen.

Das ist doch nicht realistisch. Sie selbst müssen doch auch antworten, wenn Vorstandschef Obermann Sie am Sonntag anruft.
René Obermann respektiert und fördert diesen Ansatz. Not- und Krisensituationen sind natürlich die Ausnahme. Ich selbst bin sicher nicht das Vorbild einer ausbalancierten Lebensführung. Ich habe mich aber selbst dabei ertappt, dass ich bis vor einem Dreivierteljahr am Wochenende 40, 50 Mails an Mitarbeiter geschrieben habe. Das habe ich jetzt auf ein Zehntel reduziert. Nicht nur aus Rücksicht auf Mitarbeiter, sondern auch aus Rücksicht auf mich. Wir brauchen eine Kultur, in der unterschiedliche Arbeitsstile ihren Platz haben, ohne jemanden zu normieren. Frauenförderung ist eingebettet in die Frage nach der Art, wie man ein Unternehmen führt.

Headhunter berichten, dass Frauen angebotene Top-Positionen ablehnen.
Frauen denken viel gründlicher nach, während Männer eher gleich die Heldenbrust nach vorne strecken und die Hand heben. Selbstkritik und Reflexionsfähigkeit sind bei Frauen stärker ausgeprägt. Vieles in der Wirtschaft würde mit mehr Reflexion und Skrupel besser laufen.

Karrierefrauen bei der Telekom müssen sich jetzt den Vorwurf "Quotenfrau" gefallen lassen.
Der Begriff ist diffamierend. Niemand spricht über eine Männerquote, die bei uns im Management bei 87 Prozent liegt. Immerhin sind über 30 Prozent unserer Belegschaft Frauen. Nach oben werden es nur immer weniger. Das kann doch nicht an Qualifikation und Kompetenz liegen.

Familienministerin Kristina Schröder will Unternehmen verpflichten, ihren Frauenanteil zu veröffentlichen. Was halten Sie davon?
Das begrüße ich sehr. Eine öffentliche Berichtspflicht heißt ja, dass man mit dem eigenen Ruf diskutierbar wird. Die Wirkung sollte man nicht unterschätzen. Es gibt nichts Schlimmeres als gesellschaftliche Ächtung.

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