Flexible Arbeitszeiten Ich mach' dann mal Feierabend

Die Wirtschaftsweisen fordern die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, um in der digitalen Arbeitswelt Unternehmen und ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität zu geben. Arbeitgebervertreter sehen sich bestätigt.

Katja Joho; wiwo.de | , aktualisiert

Ich mach' dann mal Feierabend

Feierabend 2

Foto: lassedesignen / Fotolia.com

"Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung", lautete im 19. Jahrhundert das Motto des walisischen Sozialreformers und Unternehmers Robert Owen. Dieser Idee folgend wurde ab 1900 bei Zeiss in Jena nur noch acht Stunden pro Tag gearbeitet. Zeiss wurde damit zum ersten größeren Unternehmen in Deutschland, das den Acht-Stunden-Tag einführte und damit eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung umsetzte.

Im November 1918 wurde der Acht-Stunden-Tag in Deutschland erstmals Gesetz. Nach mehreren Aufweichungen, Aussetzungen und Abänderungen ist der Acht-Stunden-Tag nun unverändert seit dem 6. Juni 1994 mit Einschränkungen gesetzlich geregelt. Ein Gesetz mit langer Geschichte. Geht es allerdings nach den Wirtschaftsweisen, dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, ist nach hundert Jahren Acht-Stunden-Tag bald Schluss mit dem starren Arbeitszeitmodell.

Eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden

"Flexiblere Arbeitszeiten sind wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen", sagte der Vorsitzende des Beratergremiums der Bundesregierung, Christoph Schmidt, der "Welt am Sonntag". Unternehmen, die in der neuen digitalisierten Welt bestehen wollten, müssten agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können: "Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes beendet, ist veraltet." Statt eines Acht-Stunden-Tages sollte es eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden geben, so die Empfehlung.

Der Arbeitnehmerschutz in Deutschland habe sich zwar bewährt, er sei aber in Teilen nicht mehr für die digitalisierte Welt geeignet, so Schmidt. "So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest." Dies würde nicht nur den Unternehmen helfen, sondern auch den Mitarbeitern, die mit der digitalen Technik flexibler arbeiten könnten.

Die Grenzen von Arbeits- und Privatleben verschwimmen

Auch in ihrem Jahresgutachten, das in der vergangenen Woche der Bundeskanzlerin vorgelegt wurde, empfehlen die Wirtschaftsweisen ein flexibleres Arbeitszeitgesetz.

Die Wirtschaftsweisen sprechen damit ein großes Thema an – sowohl bei den Arbeitgeber- als auch den Arbeitnehmerverbänden. Viele Gewerkschaften warnen seit Jahren vor verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit und sehen in mehr Flexibilität vor allem in Summe mehr Druck und Stress für Arbeitnehmer. Sie fürchten insbesondere eine verdeckte Ausweitung der Arbeitszeiten.

Die Arbeitgeber wollen hingegen unbedingt mehr Flexibilität. Ein Acht-Stunden-Tag dürfe nicht mehr der Ausgangspunkt für ein modernes Arbeitszeitmodell sein, sagt Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander. "Die Arbeitszeit sollte in bestimmten Lebensphasen oder in Projektphasen flexibler gestaltet werden können – mit einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit", so Zander.

Auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer setzt sich bereits seit Jahren für mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit ein. "Wir brauchen bessere Möglichkeiten, die Arbeitszeit über die Woche hinweg flexibel zu verteilen. Es geht nicht um eine Ausdehnung der Wochenarbeitszeit. Aber der starre Acht-Stunden-Tag für alle im Gleichschritt ist passé", argumentiert Kramer. "Die Politik hält fest an einem Arbeitszeitgesetz aus der Stechuhrzeit des letzten Jahrhunderts. Das behindert Wachstum und Beschäftigung. Gute, sichere Jobs müssen flexibel sein."

Viele Arbeitgeber fordern außerdem, dass die starren Ruhezeitregelungen von elf Stunden zwischen zwei Arbeitszeiten reduziert werden sollten. Statt der bisher elf Stunden Ruhezeit sollte es eine verkürzte Ruhezeit von nur neun Stunden geben, so der Vorschlag. "Ruhezeiten werden dadurch nicht in Frage gestellt. Die Tarifvertragsparteien sollten aber Gestaltungsmöglichkeiten erhalten", betonte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gegenüber der WirtschaftsWoche.

Dass eine Flexibilisierung der Arbeitszeit sinnvoll und praktikabel zu sein scheint, zeigen immer beliebtere flexible Arbeitszeitmodelle, wie etwa Arbeitszeitkonten. In vielen Branchen gäbe es bereits tarifvertragliche Regelungen zu Arbeitszeitkonten mit Ausgleichszeiträumen – und die Zahl solcher Modelle steige, heißt es beim Arbeitgeberverband.

Arbeitszeitkonten ermöglichen freie Arbeitseinteilung

Solche Arbeitszeitkonten ermöglichen Mitarbeitern auch jetzt schon an gewissen Tagen länger zu arbeiten als die üblichen acht Stunden – um diese dann flexibel an anderen Tagen abzubummeln. Alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen. Höhere Tagesarbeitszeiten können über die Arbeitszeitkonten so in Zeiträumen von bis zu einem Jahr ausgeglichen werden.

Bei Airbus Operations wird dieses Arbeitszeitmodell schon länger praktiziert – dort hält man die Arbeitszeitkonten für den bestmöglichen Weg den Arbeitsalltag sowohl für Mitarbeiter als auch das Unternehmen flexibel zu gestalten. "Mit diesen Modellen gewährten wir unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Flexibilität.", sagt Carola Nolte, Managerin Labour Law der Airbus Operations. Sie ist von einem flexibleren Arbeitszeit-Modell überzeugt.

Laut des Arbeitgeberverbands würden Tarifverträge etwa im privaten Bankgewerbe, der Stahlindustrie und in Teilen auch in der Metall- und Elektroindustrie immer häufiger sogar die Möglichkeit von Langzeit- und Lebensarbeitszeitkonten enthalten.

Arbeitsrecht hinkt der Digitalisierung hinterher

Für Uwe Tigges, Personalvorstand der RWE-Tochter innogy, gehört die Überarbeitung des Arbeitszeitgesetzes auf die Agenda der neuen Koalitionspartner: "Das Arbeitsrecht hinkt der Digitalisierung hinterher. In vielen Bereichen arbeiten wir bereits vernetzt, digital und flexibel. Die Rahmenbedingungen dafür sind aber teils zu starr, zum Beispiel bei der Einschränkung der wöchentlichen Arbeitszeit", sagt Tigges. "Ohne die sinnvolle wöchentliche Höchstarbeitszeit antasten zu wollen, schlage ich vor, dass wir uns mehr an der EU-Arbeitszeitrichtlinie orientieren."

Viele Mitarbeiter wünschten sich mehr Freiheit, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Darüber hinaus böten flexible Arbeitszeitmodelle für Unternehmen die Chance, qualifiziertes Fachpersonal zu gewinnen und zu binden. "Flexible und selbstgestaltete tägliche Arbeitszeiten bedeuten mehr Autonomie und eine bessere Work-Life-Balance", so Tigges.

Die Chancen auf eine tatsächliche Gesetzesanpassung stehen bei Jamaika allerdings nur mäßig gut. Dass der Vorstoß der Wirtschaftsweisen bereits Wirkung bei den Sondierungsgesprächen zeigen könnte, ist mehr als fraglich. Zwar sind FDP und Union offen für Änderungen – die Grünen dürften jedoch blockieren.

Uneinigkeit in der Politik

Die FDP – allen voran Ex-Manager und FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger – wünscht sich eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Statt der täglichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden denkt sie laut über die von Arbeitgebern geforderte wöchentliche Maximaldauer von 48 Stunden nach. Und auch die Union scheint einer Reform eher positiv gegenüber zu stehen.

Die Grünen zeigten bislang aber harte Kante bei dem Thema: Einer Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes, das etwa tägliche Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten regelt, "stellen wir uns klar entgegen", sagte Parteichefin Simone Peter bereits Ende Oktober.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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