Firmengründung Selbstständig mit Pädagogik im Netz

Muss man immer den Beruf ausüben, den man einmal erlernt hat? Keineswegs. Wir stellen Ihnen drei Frauen vor, die seit zehn Jahren das bundesweite Mädchennetzwerk Lizzynet.de redaktionell und pädagogisch betreuen.

Tina Groll/ Zeit.de | , aktualisiert

Im Jahr 2000 begann Lizzynet als Projekt der Initiative "Schulen ans Netz" und des Bundesforschungsministeriums. Ziel war damals wie heute, Schülerinnen für Bildung und Forschung zu begeistern. Inzwischen ist das längst mehr als ein Job für die Drei-Frauen-Redaktion, die das Portal seit Anfang 2010 selbstständig betreibt.

Interview mit Sabine Melchior

Lizzynet war eines der ersten pädagogisch betreuten Onlineportale – und zwar nur für Mädchen. In Spitzenzeiten tummelten sich rund 70.000 Mädchen im Alter zwischen 12 und 22 Jahren auf der Plattform. Was sind das für Mädchen?
Unsere Userinnen besuchen das Gymnasium, sind gute Schülerinnen, die sehr viel lesen, sie sind sehr internetaffin und technikinteressiert. Man kann schon sagen, dass dies die Zielgruppe künftig gut verdienender Frauen ist.

Klingt nach einer Zielgruppe, die für viele Unternehmen sehr interessant sein dürfte. In diesem Jahr wird Ihr Portal zehn Jahre alt, und vor wenigen Wochen haben Sie gemeinsam mit Ihren beiden Kolleginnen das Projekt als Gesellschaft bürgerlichen Rechts übernommen. Wie kam es dazu?
Wir waren bis 2008 ein Projekt von Schulen ans Netz und wurden vom Bundesministerium für Bildung finanziert. Wie bei jeder öffentlichen Förderung kommt einmal der Tag, an dem sie ausläuft. Ein erfolgreiches Projekt, das von Tausenden Mädchen täglich genutzt wird, mit dem Lehrer täglich arbeiten, mit dem Bildungseinrichtungen und Verlage regelmäßig zusammenarbeiten, kann man aber nicht von heute auf morgen offline setzen. Und man muss bei dem hohen pädagogischen Anspruch, den das Projekt von Anfang an hat, sehr behutsam vorgehen, wenn man es kommerziell vermarkten will.

Ihre Redaktion besteht aus erfahrenen Medienpädagoginnen ...
Genau. Wir sind alle von Anfang an dabei. Ich bin Germanistin und komme aus dem Hörfunkbereich, meine Kolleginnen sind Pädagoginnen. Als wir 2000 zu dem Projekt kamen, hat jede die medienpädagogische Aufgabe gereizt. Zu Lizzynet zählt ein Magazin mit journalistischen Inhalten, ein Bereich, in dem die Mädchen selbst redaktionell mitarbeiten können, eine Community, die pädagogisch betreut wird, und ein Lernbereich, mit welchen beispielsweise Schulen arbeiten, um Mädchen für Informatik, Technik und IT zu interessieren, aber mit dem die Schülerinnen auch selbst arbeiten können. Darüber hinaus bietet die Plattform in dem Bereich "Berufswelt" viele Inhalte zu Berufs- und Ausbildungsthemen an, gerade für die Branchen und Berufsbilder, die von Mädchen kaum angewählt werden. Die Mädchen finden bei uns ein spezielles Angebot. Sie können sich in einem betreuten, geschützten Rahmen miteinander austauschen. Vielen ist dies sehr wichtig.

Aber es fehlt das Geschäftsmodell. 2008 übernahm die Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg für zwei weitere Jahre die Finanzierung des Projekts. Aber auch sie lief aus.
In den letzten zwei Jahren war Lizzynet als eigenständige Firma eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von M. DuMont Schauberg. Wir haben das vorher öffentlich finanzierte Portal in ein Unternehmen umgewandelt. Wir waren zwar Angestellte, konnten aber trotzdem unternehmerische Erfahrungen sammeln und vielversprechende Geschäftsmodelle entwickeln und erproben. Und wir haben gemerkt, dass die am Markt auch gut ankommen. Allerdings trägt sich Lizzynet - wie die meisten Onlineportale - zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Die Umsonstmentalität im Internet ist immer noch ein großes Problem. Wir können von unseren Nutzerinnen kein Geld nehmen. Auch über die Eltern zu gehen scheint kein tragfähiges Geschäftsmodell zu sein. In den zwei Jahren bei DuMont haben wir dennoch die Überzeugung gewonnen, dass Lizzynet das Potenzial hat, Bestand am Markt zu haben. So reifte bei uns der Entschluss, uns damit selbstständig zu machen.

Warum nicht einfach einen neuen Job suchen?
Uns geht es um das Portal, das wir zehn Jahre lang aufgebaut haben, uns geht es um die Mädchen und darum, für sie ein wertvolles und pädagogisch betreutes Angebot im Netz aufrechtzuerhalten. Und natürlich um die Kontakte und Partnerschaften, die entstanden sind – sowohl im Bildungsbereich als auch in der Wirtschaft. Das ist ja auch gerade für den Berufsbereich eine sehr interessante Schnittstelle. Lizzynet ist einfach sehr stark vernetzt und hat eine klar definierte Zielgruppe. Es wäre doch schade, dieses Potenzial nicht zu nutzen. Andere müssen da bei Null anfangen.

Doch das könnte schwierig werden. Sie haben kein Budget für teure Entwicklungen.
Bei uns gibt es momentan keine speziellen Downloads, keine i-Phone-Applikationen, und langfristig könnte es problematisch werden, wenn wir keine neuen Entwicklungen für die Seite bekommen. Natürlich sehen wir zu, dass wir trotz eines momentan noch geringen Budgets auf dem aktuellen Stand der Zeit bleiben. Vor allem aber bieten wir unseren Mitgliedern einen anderen Service: Hochwertige Inhalte, die Möglichkeit, journalistische Erfahrungen zu sammeln und sich in einer Form zu beteiligen, die über das Einstellen von Forumsbeiträgen und Videos hinausgeht. Und wir haben die Zielgruppe, bei uns gibt es die Mädchen. Es gibt so viele Projekte im Netz, in die sehr viel Geld investiert wird, aber die müssen die Mädchen erst einmal für sich gewinnen.

Seit Anfang des Jahres betreiben Sie das Portal als Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Rein äußerlich ist die Seite aber gleich geblieben.
Das ist schon komisch. Wir sind noch in den gleichen Redaktionsräumen, die wir bei DuMont weiterhin nutzen dürfen. Wir machen noch die gleiche Arbeit; nur dass uns das Portal auf einmal gehört. Wir tragen jetzt zu dritt die volle Verantwortung, auch finanziell. Es ist jetzt nicht mehr nur ein Job, Lizzynet ist jetzt noch mehr Teil unseres Lebens. Ich merke, dass selbstständig wirklich selbst und ständig heißt. Und natürlich fragen wir uns, was geschieht, wenn wir es finanziell nicht gestemmt bekommen. Aber man muss es wenigstens probiert haben.

Wie lange haben Sie die Gründung vorbereitet?
Das war ein Prozess. Einige Monate, bevor bevor eine Entscheidung über die Zukunft von Lizznet gefällt werden sollte, reifte bei uns der Entschluss. Zuerst war es nur ein Gedankenspiel. Dann haben wir uns informiert und Gründungsberatungen bei der IHK besucht. Hätte ich vorher gewusst, wie wahnsinnig kompliziert der Schritt in die Selbstständigkeit ist, ich hätte es mir womöglich noch mal gut überlegt. Aber wenn man erst einmal alles durchgearbeitet hat, ist man auch schon einen ordentlichen Schritt weiter. Wir mussten die richtige Rechtsform finden, wir haben eine Steuerberatung in Anspruch genommen, machen jetzt ein Coaching, wir haben einen Businessplan geschrieben, waren beim Gewerbeamt. Jede von uns musste zu ihrer Agentur für Arbeit. Derzeit bekommen wir Existenzgründungszuschuss. Der läuft neun Monate lang. Bis dahin müssen wir das Projekt tragfähig bekommen. Wir sind zwar sicher, dass es gelingen kann, aber das Risiko tragen nun wir, die ehemaligen Angestellten, ganz allein.

Wie wollen Sie sich auf Dauer finanzieren?
In dem Moment, in dem die öffentliche Förderung endete, mussten wir Modelle entwickeln, wie mit einer solchen Plattform auch Erlöse generiert werden können. Aber es ist natürlich etwas anderes, ob man ein großes Medienhaus im Rücken hat oder – wie jetzt – auf sich gestellt ist. Zum Glück haben wir in den letzten zwei Jahren viel gelernt. Jetzt streben wir eine Mischfinanzierung an. Ein Teil kommt weiterhin aus öffentlichen Mitteln. Wir setzen einzelne Projekte um, für die es Förderungen gibt. Ein anderer Teil kommt aus der Wirtschaft. Wir möchten beispielsweise mit Berufsverbänden oder auch Gewerkschaften zusammenarbeiten, für die unsere Zielgruppe interessant ist. Und es gibt einige Unternehmen, die ein Interesse daran haben, mit uns neue Formen der Refinanzierung zu erproben. Beispielsweise machen wir oft Gewinnspiele, bei denen die Mädchen Preise bekommen, die für sie attraktiv sind: Lernsoftware, Bücher, Computerzubehör.

Hat sich Ihre Einstellung zu Ihrer Arbeit durch die Selbstständigkeit verändert und wie läuft die Arbeit jetzt im Team?
Die Arbeit fühlt sich jetzt anders an: Wir entscheiden alles selbst, sind niemanden mehr Rechenschaft schuldig außer uns selbst – und wir können unsere eigenen Fehler machen. Weil wir schon zehn Jahre lang zusammenarbeiten und uns sehr schätzen, haben wir eine gute Grundlage. Jede hat ihren eigenen Verantwortungsbereich, das Vertrauen ist da. Derzeit läuft das alles toll. Die spannende Frage ist: Was ist, wenn wir finanzielle Probleme bekommen? Die materielle Angst, die man als Selbstständige hat, überträgt sich auch leicht auf die Arbeit.

Haben Sie sich auch mit der Frage beschäftigt, welche Rolle es spielt, dass Sie drei Frauen sind, die sich mit einem Projekt für Mädchen im Netz selbstständig gemacht haben? Hat Ihr Frausein eine Auswirkung auf Ihr Auftreten im Business?
Oh ja! Wenn wir mit Unternehmen über Kooperationen verhandeln, gehen wir ganzheitlich und auch mit einer Portion Idealismus heran. Wir wollen in erster Linie kreativ und kooperativ arbeiten und suchen Firmen, die auch wirklich zu uns und unseren Nutzerinnen passen. Das Schöne ist, dass wir sie auch finden.

Was würden Sie anderen Angestellten raten, deren Arbeitsplatz gefährdet ist: Kann der Schritt in die Selbstständigkeit die Lösung sein?
Das muss wohl im Einzelfall gut überlegt werden. Ich denke aber, wenn man Lösungen sieht, wie man ein Projekt retten kann oder ein Geschäft beleben, dann sollte man den Mut fassen, es wenigstens zu probieren. Sonst stellt man sich vielleicht immer die Frage, ob es nicht hätte doch funktionieren können.

Zur Person
Sabine Melchior ist Onlineredakteurin beim bundesweiten Mädchennetzwerk Lizzynet. Seit 2010 betreibt sie das Portal gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen als GbR.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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