Finanznot ESMT: Stifter sollen noch einmal kräftig nachlegen

Die Berliner Schule hat sich nach dem Neustart 2006 positiv entwickelt. Doch jetzt fehlen mehr als 100 Millionen Euro - eine ambitionierte Herausforderung. Die Stifter sollen noch einmal zahlen.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Der braungraue Teppichboden stammt noch aus DDR-Zeiten, die golden schimmernden Fensterrahmen auch, ebenso die Sessel mit den niedrigen Tischen, selbst die Vorrichtung für die Leinwand ist noch da. Alles verströmt den sozialistischen Mief der 80er-Jahre.

Staatsratsgebäude, Schlossplatz Nummer 1, Berlin. Von hier aus regierten einst Honecker und Co. die DDR, heute lehren hier Professoren die Feinheiten kapitalistischen Wirtschaftens. Zumindest im linken Flügel des Gebäudes. Der rechte ist - abgesehen von der Mensa im Erdgeschoss - noch Baustelle. Hier wird so schnell auch niemand einziehen. Muss auch nicht - denn erneut hat die European School of Management and Technology (ESMT) ihre Wachstumsziele verschoben - diesmal wegen der Krise.

Bis Ende 2011 sollten 60 Professoren nach Berlin kommen, die ESMT international sichtbar werden und zu europäischen Anbietern aufschließen - kurzum: die Aufbauphase im Wesentlichen abgeschlossen sein. Die ESMT hat einiges davon geschafft, mit dem neuen MBA-Direktor Nick Barniville, der im Januar nach Berlin zog, soll nun auch das MBA-Programm besser vermarktet werden. Doch noch immer wird die Schule von vielen in der Branche nicht ernst genommen. Und ihre Zukunft hängt davon ab, wie generös sich die Stifter zeigen. Denn bis 2014 braucht sie noch einmal mehr als 100 Mio. Euro - eine ambitionierte Herausforderung.

Ziel verfehlt?

Dabei sollte mit dem Neustart 2006 doch alles besser werden. Nachdem sich 25 Schwergewichte der deutschen Wirtschaft - darunter Allianz, Eon, Thyssen-Krupp, Siemens oder auch BMW - 2002 zur Gründung der Schule durchgerungen hatten, passierte lange Zeit gar nichts. Gründungspräsident Derek Abell schaffte es nicht, renommierte Professoren nach Berlin zu holen, die Schule - ausgegeben war einmal das Ziel eines deutschen Harvard - wurde zum Gespött.

2006 kam die Kehrtwende. Abell ging, Lars-Hendrik Röller übernahm. Der frühere Chefvolkswirt der EU-Kommission lockte Professoren von renommierten Schulen wie Harvard oder Insead nach Berlin. "Der Wissenschaftsrat hat uns 2007 angemahnt, die Forschung auszubauen und gute Professoren zu holen. Das ist uns gut gelungen", sagt er heute. Und das zeigt auch das Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten Betriebswirte im deutschsprachigen Raum. Doch ist die Professorenschaft noch immer zu klein und bleibt hinter ihren Zielen zurück. 20 Vollzeit-Professoren hat die Schule, doch nur sieben haben den Status "Full Professor" - für eine Business School, die international mitspielen will, zu wenig. Die Planungen sahen 45 Professoren bis 2012 vor, nun ist 2014 das Ziel - wegen der Krise. Doch auch das wird schwierig.

Zumal die Forschung allein nicht reicht. Das Aushängeschild einer Business School ist der MBA, die ESMT bietet ein Vollzeitprogramm und einen berufsbegleitenden Executive MBA an. Weitere Programme sind erst einmal nicht geplant, die heute 91 Studenten - weit weniger als geplant - bleiben unter sich.

Der neue MBA-Direktor Nick Barniville kennt seine Aufgabe: "Meine Herausforderung ist es, dass der MBA der ESMT einen weltweit guten Ruf erlangt." Daneben will er die "exzellenten" Verbindungen zu den Stiftungsunternehmen zum Wohle der Studenten weiter entwickeln. Der Draht zu den Firmen ist Fluch und Segen zugleich. "Die Unternehmensanbindung zieht Bewerber an", sagt ein Vertreter einer anderen deutschen Business School. "Doch die ESMT muss sicherstellen, dass die Firmen sich auch auf dem Campus zeigen und aktiv rekrutieren. Sonst sind die Studenten am Ende desillusioniert." Für den Branchenkenner hat sich der Eindruck gefestigt, dass die Beziehungen zu den Unternehmen nicht sehr stark sind. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Gerüchte, dass etliche der Stiftungsfirmen von der ESMT nicht sonderlich begeistert sind.

Begeistert scheinen die Gründerfirmen auch von den MBA-Absolventen nicht zu sein. Im ersten Jahrgang fand noch fast jeder Zweite bei ihnen einen Job, im Jahr darauf nur jeder Dritte, 2009 waren es auch nur 38 Prozent. Das Interesse bei potenziellen Studenten scheint ebenfalls gering, mit Stipendien wird nachgeholfen. "Beim MBA sind wir international noch ein kleiner Spieler, da arbeiten wir noch viel mit Stipendien", sagt Röller. Fast ein Viertel der Vollzeitstudenten zahlt gar nichts, etliche weitere haben Teilstipendien.

Zahlenspielereien für einen preiswerten MBA

Und das, obwohl der Preis für den MBA gesenkt wurde. Mit 50 000 Euro Gebühren startete die ESMT 2006, in etwa so viel, was Top-Schulen wie Insead verlangen. Heute zahlen nur noch die wenigen Firmen, die Vollzeit-Studenten entsenden, diesen Preis. Für alle anderen macht die ESMT diese Rechnung auf: "50 000 Euro ist unsere Vorstellung von der Wertigkeit des MBA. Wer nicht von einem der Stifterunternehmen geschickt wird, bekommt 12 000 Euro als Basisstipendium und zahlt 38 000 Euro", sagt Dekan Plinke. Darin seien aber noch 9000 Euro für Dinge wie Verpflegung enthalten, unterm Strich kostet das Programm also 29 000 Euro. Warum diese Zahlenspielereien nötig sind, erklärt er nicht.

Seit 2009 hat die ESMT mit dem Amba-Siegel eines der drei international maßgeblichen Gütezeichen. Die Akkreditierung bei der amerikanischen AACSB läuft, doch auch das reicht nicht. "Wir wissen, dass wir die Equis-Akkreditierung brauchen", sagt MBA-Direktor Barniville. Bisher ist die ESMT auch in keinem der international maßgeblichen Rankings vertreten, das Programm ist dafür noch zu jung

Noch immer in den roten Zahlen

Geld verdient eine Business School mit den Weiterbildungsangeboten für Manager und Maßgeschneidertem für Unternehmen. Zwar macht dieser Bereich - Executive Education genannt - etwa die Hälfte des Umsatzes aus, den die ESMT mit 17,6 Mio. Euro im Jahr 2008 angibt. Doch die Tochter, die Firmen diese Weiterbildung verkauft, hat 2008 gerade einmal 360 000 Euro in die ESMT-Kasse gespült. Das Minus von fast 2,5 Mio. kann das nicht ausgleichen, 2007 waren es noch 5,2 Mio. Euro Verlust. Auch acht Jahre nach der Gründung schreibt die ESMT also rote Zahlen. Dennoch sagt Röller: "Wir verdienen in den allermeisten Bereichen Geld." Finanzielle Probleme gebe es nicht.

Die ESMT soll weiter wachsen, dafür braucht sie Geld. Auf 100 Mio. Euro Stiftungskapital verständigten sich die Unternehmen bei der Gründung. Doch verkündet die Schule, dass nur 83 Mio. Euro eingezahlt sind, der Rest sei in den Haushalt und den Umbau des Gebäudes geflossen. Doch von den Zinsen, die das abwirft, kann man keine Business School auf internationalem Niveau finanzieren. "Ziel ist, bis 2014 200 Millionen Euro Stiftungskapital zu haben", sagt Röller. Es fehlen also mehr als 100 Mio. Euro. Diese Summe in weniger als fünf Jahren zu sammeln, dürfte äußerst schwierig werden.

MBA in Deutschland

Markt 
Der MBA-Markt in Deutschland ist höchst unübersichtlich. Mehr als 200 Programme gibt es hierzulande. Viele werden von Fachhochschulen angeboten, nur wenige entsprechen den European MBA Guidelines, an denen sich gute Anbieter orientieren.

Anbieter 
Nur wenige MBA-Schulen tragen in Deutschland eines der drei international maßgeblichen Akkreditierungssiegel Amba, Equis oder AACSB. Die Siegel sind ein Qualitätsindikator, keine Schule ist verpflichtet, sich der Prüfung durch eine der Organisationen zu unterziehen. Das Equis-Siegel haben Mannheim Business School, WHU - Otto Beisheim School of Management, ESCP Europe und Tias Nimbas. Das AACSB-Siegel tragen Mannheim, Gisma, die Frankfurter Goethe-Universität, die Handelshochschule Leipzig und ESCP Europe. Die Amba-Prüfung haben ESMT, ESCP Europe, Mannheim und Tias Nimbas bestanden.

Kosten 
So unterschiedlich wie die Qualität der MBA-Programme sind auch die Gebühren, von 1 000 Euro bis 50 000 Euro reicht in etwa die Spanne. Der einjährige Vollzeit-MBA an der Mannheim Business School kostet beispielsweise 29 000 Euro, das 16-monatige Programm an der WHU 35 000 Euro, das der Handelshochschule Leipzig 27 000 Euro. Die ESMT in Berlin ist mit ihrem 50 000-Euro-Programm (für Studenten, die von den Gründungsfirmen geschickt werden) die teuerste unter den MBA-Schulen in Deutschland mit internationalem Gütesiegel.

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