Finanzforschung "House of Finance": Große Pläne an der Goethe-Uni Frankfurt

In der Bankenstadt Frankfurt soll mit dem "House of Finance" Deutschlands führendes Finanzforschungszentrum entstehen. Doch kann es die hohen Erwartungen überhaupt erfüllen?

Christoph Mohr | , aktualisiert

In der Theorie ist es eine hochschulpolitische Großtat, die manche Exzellenzinitiative in den Schatten stellt. In Frankfurt, der Stadt der Geldtürme, entsteht auf dem weitläufigen Uni-Campus ein "House of Finance", in dem in Zukunft einmal etwa 100 Wissenschaftler rund um das Thema Geld forschen werden. Das ist für Deutschland eine völlig neue Dimension, die es bislang an keiner Hochschule hierzulande gab.

Das war auch bitter notwendig, wenn die deutsche Wirtschaftswissenschaft international nicht den Anschluss verlieren soll. Zum Vergleich: Die Harvard Business School zähl über 1000 Mitarbeiter, davon 200 Professoren und Forscher. Die Wharton School der University of Pennsylvania in Philadelphia kommt auf über 250 Professoren und Dozenten; die "faculty" der Columbia Business School am Finanzzentrum New York zählt gegenwärtig 120 Vollzeit- und noch einmal so viele Teilzeitmitglieder.

Von solchen Dimensionen können deutsche Hochschulen nur träumen - aber sie müssen auch davon träumen. Selbst an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, der größten in Deutschland, kommt die gesamte Fakultät nur auf 56 Professoren für zirka 10000 Studenten. Das Kölner Institut für Finanzmarktforschung allein zählt aber nur zwei Lehrstuhlinhaber, das Finanzwissenschaftliche Forschungsinstitut zwei Professoren und sechs Forscher.

In Mannheim zählt die gesamte BWL-Fakultät, die sich gerne als die beste in Deutschland sieht, nur 21 ordentliche Professoren und 100 wissenschaftliche Mitarbeiter. In Frankfurt bringt es der seit 2000 in einer Departmentstruktur organisierte Fachbereich Wirtschaftswissenschaften auf rund 40 Professoren.

Der Mangel an Manpower bleibt nicht ohne Folgen: Die Mehrzahl der signifikanten Veröffentlichungen und bahnbrechenden Ideen in den Wirtschaftswissenschaften kommt heute aus den USA. Das spiegelt sich auch in Preisen und Auszeichnungen wider: Stolz etwa vermerkt die University of Chicago, dass seit 1969 nicht weniger als 22 Nobelpreisträger aus ihren Reihen hervorgegangen sind, zuletzt wieder im vergangenen Jahr: Roger B. Myerson. Fünf Nobelpreisträger sind noch heute aktive Professoren an der Uni. Davon kann eine Hochschule in Deutschland nicht einmal träumen.

Aber nicht nur das. In gewisser Weise viel schlimmer als der mangelnde akademische Erfolg auf internationaler Ebene ist ein anderes Manko: Anders als ihre angelsächsischen Kollegen nämlich versagen die deutschen Finanzwissenschaftler als Vordenkerfunktion für Banken und Finanzinstitute.

Schon vor einiger Zeit äußerte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, was fast einer öffentlichen Rüge der deutschen Hochschulen gleichkam: "Die Zurückhaltung der (universitären Forschung und Lehre) in der modernen Finanzmarkttheorie bis in die 90er-Jahre hinein hat dazu geführt, dass die regionalen Banken (in Deutschland) den Anschluss an die globale Entwicklung verpasst haben." Heute sagt Ackermann positiv gewendet: "Ein vitaler und wettbewerbsfähiger Finanzplatz braucht für seine Weiterentwicklung eine ebenso wirkungsvolle wissenschaftliche Unterstützung."

Ähnlich äußert sich auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der wie Ackermann im Kuratorium des House of Finance sitzt: "Bildung und Forschung sind die entscheidenden Grundlagen für den Wohlstand in Deutschland. Dies gilt auch für die Stärkung des Finanzplatzes Deutschland. Deshalb ist es wichtig, dass wir exzellente finanzwirtschaftliche Forschung in allen relevanten Disziplinen mit einer praxisorientierten Ausbildung verbinden. Das House of Finance soll kein neuer akademischer Elfenbeinturm werden."

Noch konkreter benennt Bundesbankpräsident Axel Weber die Erwartungen: "Vom House of Finance erwarte ich dreierlei: Erstens eine exzellente Ausbildung junger Menschen, die in der Finanzwirtschaft arbeiten wollen und deren Arbeitgeber auf hoch qualifiziertes Personal angewiesen sind. Zweitens exzellente Forschungsbedingungen und dementsprechende Forschungsleistungen, schließlich versammeln sich unter dem Dach des House of Finance weit über hundert Experten aus allen Disziplinen finanzwirtschaftlicher Forschung. Und drittens einen fruchtbaren Austausch mit den Praktikern des Geld- und Finanzwesens, gerade hier in Frankfurt."

Die Erwartungen der Frankfurter Geldhäuser an das House of Finance sind hoch, sehr hoch. Alle sehen in ihm den Leuchtturm für den Finanzstandort Frankfurt, einen Ersatz fast für die wenig erfolgreich vor sich hindümpelnde "Initiative Finanzstandort Deutschland." Doch die Realität droht hinter den sehr hohen Erwartungen zurückzubleiben: Wenn Anfang Mai das House of Finance bezugsfertig sein wird, ist es erst einmal nicht viel mehr als ein gemeinsames Dach für eine Hand voll bereits bestehender halbautonomer Institute und Professoren-Fürstentümer.

Neben den Abteilungen Finanzen, Geld und Währung und Recht der Unternehmen und Finanzen der Uni Frankfurt ziehen in den Neubau: das Center for Financial Studies (CFS), das E-Finance-Lab, das Institute of Law and Finance, das Institut für Versicherungsrecht, das Institut für Währungs- und Finanzstabilität, das Frankfurt MathFinance Institute sowie die Goethe Business School mit ihrem MBA-Programm.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...