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Fast wie ausbrechen

Es könnte eine x-beliebige Gründergeschichte sein: PC-Freaks entwickeln einen neuen Viren-Schutz. Aber wie normal ist ein Startup hinter Gefängnismauern?

Christoph Stehr | , aktualisiert

Es könnte eine x-beliebige Gründergeschichte sein: PC-Freaks entwickeln einen neuen Viren-Schutz. Aber wie normal ist ein Startup hinter Gefängnismauern?

Die Idee entstand aus einer Liebeserklärung: Am 4. Mai 2000 fraß sich der "I-love-you-bug" via E-Mail durch Computerdateien in aller Welt und richtete Millionenschäden an. "Warum gelingt es Viren immer wieder, unerkannt in die Systeme einzudringen?" fragte sich Frank Richard Wingerter. Ein Programmierer klärte ihn auf: weil Virenscanner nur bekannte Eindringlinge abwehren können. Ein neuer Virus wütet so lange, bis sein Steckbrief in die Schutzsoftware programmiert ist - die wird nur aus Schaden klug.

Eine reine Software-Lösung bringt also nichts, stellten Wingert und der Programmierer fest. Also bauten sie die Amalphi-Box, ein Gerät, das einem Computer oder Netzwerk als eine Art Sicherheitsschleuse vorgeschaltet werden kann und den externen wie internen E-Mail-Verkehr regelt.

Die Box öffnet jede eingehende Datei, wodurch eventuell enthaltene Viren aktiviert werden und ihren Bauplan offenbaren. Dieser wird für den Fall, dass sich der Angriff wiederholt, gespeichert. Dann löscht die Box den Virus und lässt die nunmehr "saubere" Datei passieren.

Zwei voneinander unabhängige Recheneinheiten sorgen dafür, dass selbst agressivste Eindringlinge auf der Strecke bleiben: Kommt es in der Einheit, die das Virenprogramm simuliert, zu einem totalen Datenverlust, wird sie später von der zweiten Einheit "reanimiert". Dank einer neuen Software, die unter dem Namen E-Eye patentiert ist, dauert das Verfahren nur Sekunden.

Wingerter versteht eine Menge von Internet-Würmern und trojanischen Pferden, was erstaunlich ist für jemanden, der zwar seit kurzem eine E-Mail-Adresse ([email protected]), aber keinen Internet-Zugang hat. Im Gefängnis ist das allerdings normal. Wingerter verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Diez an der Lahn. Er hat die Amalphi-Box gemeinsam mit zwei anderen Häftlingen entwickelt.

Die Unternehmerkarriere des 35-Jährigen zerfällt in zwei Phasen, dazwischen liegen zehn Jahre, in denen ein Tag wie der andere war: 6 Uhr Wecken, 6.45 Uhr Arbeitsaufschluss, 11.45 Uhr Rückkehr in den Zellentrakt, 12 Uhr Mittagessen, 13 Uhr Arbeitsaufschluss, 16 Uhr Hofgang, 17 Uhr Freizeit, 21.15 Uhr Nachtverschluss.

Phase eins: Während des Betriebswirtschaftsstudiums an der Berufsakademie Mannheim gründet Wingerter mit einem Bekannten ein kleines Softwarehaus im nahen Grünstadt. Das Unternehmen wächst schnell, hat zum Schluss 25 Mitarbeiter in mehreren Filialen. "Zum Schluss" - das ist 1992, dem Jahr, in dem Wingerter seinen Geschäftspartner aus Habgier umbringt. "Ich habe die Tat schon drei Sekunden, nachdem ich sie begangen hatte, bereut", sagt Wingerter. Vor Gericht ließ er sich das aber nicht anmerken, er leugnete, belastete andere: "Ich habe vier, fünf Jahre gebraucht, um zu meiner Schuld zu stehen."

Phase zwei von Wingerters Unternehmerkarriere wurde durch einen Artikel in Handelsblatt Junge Karriere über den Dortmunder Gründungswettbewerb Start2grow angestoßen. Das Amalphi-Team bekam von der Anstaltsleitung grünes Licht für die Teilnahme und landete mit ihrer Box im Mai 2001 auf dem beachtlichen elften Platz - immerhin waren mehrere hundert Business-Pläne bewertet worden.

Nun suchen Wingerter und seine Teammitglieder einen Investor, der 600 000 Euro locker macht, das Produkt in einer eigenen Tochtergesellschaft zur Marktreife bringt und es vertreibt. Interessenten gebe es mehrere, die Gespräche seien vielversprechend gewesen, sagt Wingerter.

Das glaubt man ihm sofort: Der Mann zieht seine Powerpoint-Präsentation durch, als sei er auf der Vorstandsetage geboren. Jedes Wort sitzt, die Produktidee leuchtet ein, und einen Markt gibt es für die Box, die ab 6 000 Euro kosten dürfte, sicher auch.

Denn seit 1997 habe sich der Umsatz mit Produkten für Computer-Sicherheit in Deutschland vervierfacht, schätzt Bitkom, der Branchenverband für die Informationstechnik. Und bis 2004 sei noch mal eine Steigerung um fast 100 Prozent möglich.

Doch bei aller Anerkennung für den "Riecher" und die Leistung des Amalphi-Teams mag sich mancher Unternehmensvertreter, der in Diez Wingerter zuhörte, verwundert die Augen gerieben haben: Ja, wo sind wir denn - Schwerverbrecher dürfen aus dem Gefängnis heraus Geschäfte machen? Die JVA als Gründerzentrum, die Vollzugsbeamten als Business Angels, und Vater Staat zahlt? Geht das überhaupt?

Natürlich nicht. Wer einsitzt, ist nicht geschäftsfähig, kann also kein Unternehmen gründen. Wingerter weiß das. Er hofft, irgendwann, wenn ihm die Anstaltsleitung Freigang bewilligt, in dem Unternehmen, mit dem das Amalphi-Team einmal kooperieren soll, als Angestellter unterzukommen. "Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, wird es möglich sein, ein paar Prozent der Anteile dieser Gesellschaft zu halten", sagt er. "Heute weiß ich, dass man nicht immer in der ersten Reihe stehen muss."

Inzwischen hat das Unternehmen, das Wingerter als Investor favorisiert, eine Zusage gemacht. Der Vertrag ist allerdings noch nicht unterschrieben. Ab Mitte 2002 könnte die Amalphi- Box in einer eigens gegründeten Gesellschaft weiterentwickelt werden. Wingerter ist nicht ungeduldig. Er hat warten gelernt.

In einigen Wochen steht sein Zehn- Jahres-Gutachten an, dann bewertet ein Psychologe, wie er sich in der Haft gemacht hat und wie er sich voraussichtlich weiter machen wird. Vielleicht ist die Prognose günstig. Möglicherweise wird dann die Anstaltsleitung die Reststrafe festlegen und über Haftlockerung nachdenken. Könnte, vielleicht, möglicherweise - Wingerters Lebensplan ist nicht so hieb- und stichfest wie sein Business Plan.

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