Familienpolitik Frankreichs Mütter begehren auf

Das Bild Frankreichs als Musterland für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekommt Risse. Die Mütter wollen endlich mehr Zeit für ihre Kinder. Doch die will man ihnen nicht geben.

von Karin Finkenzeller, wiwo.de | , aktualisiert

Frankreichs Mütter begehren auf

Foto: Alex_Mac - Fotolia.com

Die Kündigung kam per Einschreiben, am 23. Dezember. Als Julie Menzel den Brief öffnete, erfuhr die junge Architektin zum ersten Mal, dass ihr Chef mit ihrer Arbeit nicht zufrieden war. In den drei Jahren, die sie insgesamt für das Büro arbeitete, das in Lyon Schulen und Krankenhäuser plant, hatte er nie ein Wort erwähnt. In Menzel begann ein Verdacht zu keimen. 
 
Vielleicht hatte die Entlassung nichts mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun, sondern damit, dass sie nach der Geburt ihres Sohnes Leo 18 Monate zu Hause geblieben war. Eine ungewöhnlich lange Zeit für eine Französin mit einem guten Job. Erst im Herbst war sie zurückgekehrt. Karriereknick Kinderpause. Das klingt wie eine Strafe in einem Land, das gerne als leuchtendes Beispiel für die Vereinbarung von Familie und Beruf zitiert wird.

Frankreichs Superfrauen

Ein hervorragendes Netz von Betreuungsmöglichkeiten ermögliche es den Müttern, schon bald nach der Geburt wieder voll in den Job einzusteigen, wollen oft die – sehr verkürzten – Berichte über Frankreichs emanzipierte Superfrauen belegen. Wenn nur Deutschland auch genügend Krippenplätze zur Verfügung stelle, ließen sich Fachkräftemangel und Demografieproblem mit einer Klappe schlagen – das ist die Schlussfolgerung. Schließlich liegt die Geburtenrate in Frankreich bei 2,1 Kindern pro Frau.

In Deutschland sind es 1,4. Es scheint, als würde das Ziel von Charles de Gaulle, des ersten Staatschefs nach dem Zweiten Weltkrieg, bis Mitte dieses Jahrhunderts aufgehen. Dann wird es vermutlich mehr Franzosen als Deutsche geben. Genau das wollte de Gaulle erreichen, als er – damals aus Furcht vor neuer Kriegslust der Nachbarn – den Grundstein für das Betreuungssystem bei gleichzeitiger finanzieller Förderung von Mehr-Kind-Familien legte.

Weniger bekannt ist ein gegenteiliger Trend: Die Enkelinnen der feministischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir kämpfen neuerdings für mehr Zeit mit ihren Kindern. Sie tun dies sehr zum Unwillen von Altfeministinnen und einer jungen Familienministerin, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum obersten Ziel ihrer Amtszeit erklärt hat.

"Ich war vermutlich ein wenig naiv", sagt Julie Menzel. Wenige Wochen vor den französischen Kommunalwahlen wird auf den öffentlichen Baustellen der Stadt und im Umland im Akkord gearbeitet, damit die Lokalpolitiker bei Einweihungsfeiern noch schnell Erfolge präsentieren können. Leo und seine vierjährige Schwester Nina sind heute im Kindertreff.

Normalerweise würde Menzel jetzt in Gummistiefeln durch einen Rohbau laufen, mit ihrer Festanstellung die Fixkosten der Familie sichern. Ihr Mann Peter arbeitet als freier Architekt. Doch seit der überraschenden Kündigung ist die 35-jährige Tochter einer Französin und eines Deutschen erst einmal Zuschauerin. "Wenn man nach der Geburt von Kindern nicht genauso viel arbeiten will wie zuvor, bekommt man hier schnell das Gefühl vermittelt, dass man die Tür hinter sich schließen kann."

Kontrovers: Das Opfer der Mutterschaft

Dieser Druck ist neben dem Netz an Betreuungsmöglichkeiten ein wichtiger Grund für Frankreichs Frauen, bald nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen. Wer trotz Krippenangebot, Tagesmüttern und "Nounous", die ins Haus kommen, bei den Kindern bleibt, gilt schnell als arbeitsscheu. So legen nur 32 Prozent der französischen Mütter mit mindestens einem Kind unter acht Jahren laut einer Eurostat-Studie aus dem Jahr 2010 nach dem viermonatigen Mutterschutz noch eine Erziehungspause ein. In Deutschland sind es demnach 59 Prozent. Theoretisch könnten auch französische Eltern ab dem zweiten Kind bis zu drei Jahre lang zu Hause bleiben und würden sogar vom Staat dafür Geld bekommen. Nicht viel, 388 Euro monatlich, aber immerhin.

Warnungen wie die der medial stets präsenten Philosophin Elisabeth Badinter bleiben bei den Französinnen jedoch auch nicht ohne Wirkung. Diese dürften keinesfalls ihre Freiheit aufgeben – vor allem nicht ihre finanzielle. "Das ist fundamental", sagt die fast 70-Jährige. "Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich sehe, dass gerade kulturell und gesellschaftlich privilegierte Frauen häufig der Versuchung nachgeben, zu Hause zu bleiben, ihre Kinder zu erziehen und sich der Mutterschaft zu opfern, weil sie das angeblich Beste für ihre Kinder wollen." Nach einer Studie, die man im Frauenministerium unter Najat Vallaud-Belkacem gern zitiert, beträgt der Rückgang des Einkommens mit jedem Jahr Erziehungszeit zehn Prozent.

Die Untersuchung stehe allerdings auf wackeligen Beinen, kritisiert Marie-Laure des Brosses, Vorsitzende der ONG Mouvement Mondial des Mères (Internationale Mütterbewegung) in Frankreich. "In die Berechnung fließen etwa auch die Saläre von Eltern ein, die bei der Geburt arbeitslos waren oder deren befristeter Arbeitsvertrag auslief."

Dennoch hat Ministerin Vallaud-Belkacem, selbst Mutter von Zwillingen, gerade ein Gesetz durchgebracht, das im Namen des von ihr mit Inbrunst verfochtenen Gleichheitsprinzips die französische Erziehungszeit ab Juli auf zweieinhalb Jahre begrenzt – es sei denn, der zweite Elternteil übernimmt mindestens sechs Monate. Auf Vallaud-Belkacems Facebook-Seite hagelt es seither bittere Kommentare.

Kinderbetreuung als Privileg

"Hat man die Frauen mal gefragt, ob sie sich gezwungen fühlen, in Elternzeit zu gehen?", fragt Audrey Repingon, die nach der Geburt der Tochter ihre Führungsposition in einem Konzern gegen Wickeltisch und Krabbelgruppe getauscht hat. "Mich zwingt niemand dazu, ich habe freiwillig meinen Job vorübergehend aufgegeben!!!! Ich habe es satt, dass andere über mich entscheiden. Ich will meine Elternzeit und weiter meine Miete mit dem Gehalt meines Ehemannes bezahlen!" Linda Fedèle hat sich voller Wut hingesetzt und eine eigene Web-Site kreiert: Les Blablas de Lili. Darauf sind eine Menge Fotos von heulenden Kleinkindern zu sehen, begleitet von der Frage: "Wo soll ich hin, wenn das Gesetz verabschiedet wird?"

Vor allem für Familien mit niedrigen bis mittleren Einkommen spricht häufig viel dafür, dass ein Elternteil – meist die Mutter – zu Hause bleibt. Ein Krippenplatz kostet monatlich rund 800 Euro. Eine Tagesmutter verlangt je nach Dauer ihres Einsatzes zwischen 400 und 800 Euro. So werden 63 Prozent der aktuell 2,4 Millionen Kinder unter drei Jahren zu Hause von den eigenen Eltern betreut. Eine "Nounou" für etwa 1.500 Euro ist das finanzielle Privileg der französischen Besserverdiener.

Die Debatte um Kindererziehung und Gleichberechtigung erzeugt in Frankreich derzeit nicht zufällig viel Resonanz. Nachdem im vergangenen Jahr das Gesetz über die Homo-Ehe Millionen von Gegnern auf die Straßen brachte, treibt viele Franzosen nun die Sorge um, die sozialistische Regierung wolle aus ideologischen Gründen in die Familien hineinregieren und traditionelle Werte auslöschen. Die Ankündigung, das "ABC der Gleichheit" in den Grundschulen von zunächst zehn Schulbezirken vorzustellen, führte zu einem Schulboykott. Nach einem Aufruf fehlte Ende Januar in manchen Schulen rund die Hälfte der Kinder. Ihre Eltern fürchteten, dort sollte das traditionelle Bild von Vater und Mutter zerstört werden.

Das neue Mutter-Ich

Die verbreitete Berufstätigkeit von Frauen ändert nichts daran, dass Frankreich ein katholisch-konservatives Land mit konkreten Vorstellungen der Rollenverteilung geblieben ist. Die Bindungstheorie der frühen Mutter-Kind-Beziehung greift verspätet Raum. Es sind junge Familien, die zu den Vorträgen des Kinderarztes und Psychotherapeuten Adrian Serban strömen.

Im Festsaal des Rathauses von Lyon sieht man bei Serbans Vorträgen einen im französischen Straßenbild seltenen Frauentyp: Mütter, die ihre Kleinkinder in Tragetüchern eng am Körper tragen. Auch Julie Menzel ist gekommen und schreibt eifrig auf, was sie über den Aufbau von Selbstsicherheit und Vertrauen in das eigene Ich durch eine enge Bindung im frühen Kindesalter erfährt. Die erste Frage nach dem Vortrag ist dann aber doch eine bange: Ob so viel Bindung das Kind nicht auch erdrücken und von der Entwicklung zu einer selbstständigen Persönlichkeit abhalten könne, fragt eine Frau.

Ideal mit Spätfolgen

Serban überrascht die Frage nicht. Über Generationen, sagt er, sei die frühe Fremdbetreuung in Frankreich so selbstverständlich geworden, dass niemand sie mehr anzweifele. Forschungen darüber, wie sie sich im Erwachsenenalter auswirkten, existierten nicht. Serban meint aber, die Folgen häufig bei seinen Patienten zu sehen, die er halbtags wegen Depressionen und Angstzuständen in der Klinik für Neurologie am Stadtrand von Lyon behandelt. Deshalb verwundert ihn, dass man in Deutschland nun dem französischen System kritiklos nacheifern wolle. "Während der Schwangerschaft ist eine Frau hier vor allem damit beschäftigt, einen Krippenplatz zu finden, das Kind so schnell wie möglich wieder loszuwerden."

Auch Isabelle Vercherat musste sich erst einmal gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, Übermutter zu sein, als vor viereinhalb Jahren Sohn Mathis zur Welt kam. Inzwischen ist sie mit dem dritten Kind schwanger. Dafür hat Vercherat ihren Job als Leiterin eines Gesundheitszentrums in Lyon aufgegeben und sich als Therapeutin selbstständig gemacht. An vier Tagen der Woche arbeitet sie zu Hause in Trèves, einem Vorort von Lyon. Dienstags hat sie sich in eine Praxis in der Stadt eingemietet. "Ich wollte weiter arbeiten, aber im Rhythmus der Kinder", sagt sie.

Mathis und der zweieinhalbjährige Bruder Florent sind täglich sechs Stunden in der Vorschule beziehungsweise der Krippe. Mittags wird zusammen zu Hause gegessen. In ihrer Praxis erlebe sie viele Mütter, die unzufrieden seien, weil sie alles für ihre Kinder aufgegeben haben, sagt Vercherat. "Das sind oft Frauen, die von ihren eigenen Müttern allein gelassen wurden und nun alles 100-prozentig anders machen wollen." Andere wiederum seien maßlos überfordert, weil sie ihre Berufstätigkeit zwar auf 80 Prozent zurückgeschraubt hätten, aber den kompletten Haushalt ohne Hilfe bewältigten.

Inzwischen ist Architektin Julie Menzel gar nicht mehr so unglücklich über die Kündigung und die Tatsache, dass sie nun nicht mehr oft abends oder an den Wochenenden noch im Büro sitze. "Ich hätte vermutlich selbst nicht den Mut gehabt, den Job hinzuwerfen und nach einer besseren Alternative für mich und meine Familie zu suchen. Jetzt habe ich die Chance dazu. Es muss doch einen Mittelweg geben."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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