Familie und Beruf Kinder als Karrierehindernis

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel und verlangt Flexibilität. Neben dem Beruf eine Familie zu haben wird dabei zur Herausforderung. Bei einem Fachgespräch suchten Experten nach den Ursachen und nach Lösungsansätzen.

Tina Groll/Zeit.de | , aktualisiert

Elisabeth Beck-Gernsheim ist bekannt für ihre steilen Thesen. Die Soziologin von der Universität Erlangen-Nürnberg ist so etwas wie ein Star unter Feministinnen. Seit Jahrzehnten untersucht die Ehefrau des nicht weniger bekannten Soziologen Ulrich Beck, wie sich die Arbeitswelt verändert – und welche Auswirkungen dies für die Geschlechter hat. Auch an diesem Tag hat sie wieder eine steile These mitgebracht.

 "Mutterschaft ist zu einem Störfall in der modernen Arbeitsgesellschaft geworden", sagt sie beim Fachgespräch Lebenskonzepte nachhaltig & geschlechtergerecht in der Heinrich-Böll-Stiftung. Schuld daran trage auch die Pille. Wie bitte? Die Pille? Nicht die Arbeitgeber, das kapitalistische System, das die totale Selbstausbeutung der eigenen Arbeitskraft verlangt?

Auch die moderne Arbeitswelt trage zur Unvereinbarkeit bei, sagt Beck-Gernsheim. Durch die Pille würde diese Entwicklung aber noch verschärft. Eine Mutter macht eben nur im Ausnahmefall wirklich Karriere. Wer seine Erwerbstätigkeit wegen Kindererziehung unterbreche, müsse mit Einbußen rechnen, sagt die Soziologin. Es mangele zudem an Betreuungsmöglichkeiten, Karriere erfordere aber die maximal zeitliche, geistige und körperliche Verfügbarkeit. Wer sich diesen Regeln von vornherein verweigere und statt Karriere auf Kinder setzt, der sei am Ende an seiner Armut selbst Schuld.

Frauen unterwerfen sich den Zwängen der Arbeitswelt

Kinder statt Karriere werde von der Gesellschaft als "irrationales Handeln" bewertet. Das Verhütungsmittel habe zwar die Unabhängigkeit der Frauen gefördert, doch die Frauen hätten sich so erneut Zwängen unterworfen. Diesmal denen der Arbeitswelt.
Und noch viel schlimmer, sagt Beck-Gernsheim, die Frauen hätten so bewusst oder unbewusst das neue Leitbild der active women mitgeschaffen. Die selbstbestimmte, moderne Frau will den perfekten Zeitpunkt fürs Kinderkriegen in ihrer Karriere planen. Also absolviert sie erst eine lange Ausbildung, die sie hoch qualifiziert und fit macht für einen optimalen Berufseinstieg.

Der erfolgt dann im Alter zwischen Ende 20 und Anfang 30. Aber allzuoft kollidiert bereits hier das Leitbild mit der Realität der Arbeitswelt. "Elternschaft wird dann biografisch riskant", sagt Beck-Gernsheim. So würde aus der selbstbestimmten Entscheidung, Familie auf später aufzuschieben, ein Aufschieben-Müssen, weil es der Job erfordert. Von Selbstbestimmung kann nicht mehr die Rede sein. "Das neue Leitbild führt in die Planungsfalle", sagt Beck-Gernsheim.

Sätze wie diese treffen auf große Zustimmung. Die jungen Frauen und Männer im Publikum nicken zustimmend, sie fühlen sich an ihre eigene Lebensrealität erinnert. Aber eine Lösung für das Problem hat auch die Soziologin nicht.

Ein Leben ohne Arbeit ist nämlich kaum vorstellbar. Ein Leben ohne Familie hingegen schon. Vorbei sind die Zeiten, in denen erwerbstätige Frauen als kinderlose Karrierefrauen abgewertet wurden. Die berufstätige Singlefrau ist normal geworden. Umso gewagter ist die Frage, die die Politologin Alexandra Scheele aufwirft: "Gibt es ein gutes Leben jenseits von Erwerbsarbeit?" Es ist ein alternatives Denkmodell. "Warum ist es gleich verdächtig, wenn jemand nicht arbeitet?", fragt Scheele.

Ein selbstgemachtes Problem für Akademikerinnen

Die Aussage führt zu einer heftigen Debatte. Die meisten Frauen versuchen irgendwie, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Wer es sich leisten kann, vergibt die Betreuung an ein Kindermädchen oder teilt sich die Erziehung mit dem Partner. Und überhaupt, kritisiert eine Frau aus dem Publikum, werde hier eine Mittelschichtsdebatte geführt. Die Frauen aus der Unterschicht gingen doch auch arbeiten und bekämen Kinder. Die Unvereinbarkeit stelle sich doch nur den Akademikerinnen als Problem dar, die auf einen gewissen Lebensstandart nicht verzichten wollten. Mit der Pille habe dies alles nichts zu tun.

An der Situation gut Verdienender orientiert sich Kathrin Mahler Walther. Sie arbeitet an der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) und hat eine Studie über sogenannte "Doppelkarrierepaare" durchgeführt. Dafür wurde die Lebenssituation von 1200 Paaren untersucht, die Kinder haben und beide in einer Führungsposition in der Wirtschaft tätig sind. "62 Prozent aller jungen Eltern wünschen sich sowohl Familie als auch Beruf und wollen dies in einem partnerschaftlichen Modell.

Aber nur 29 Prozent schaffen es auch, diesen Wunsch umzusetzen", sagt Mahler Walther. Den untersuchten Doppelkarrierepaare ist das gelungen. Aber wie? "Beide wissen, dass keiner von ihnen Vorstand werden kann. Für beide ist es eine große Herausforderung, das Leben ist hoch getaktet. Es gibt im Leben dieser Paare nur den Beruf und die Kinder und daneben nichts", sagt Mahler Walther. Um dieses Modell leben zu können, sei eine gute physische und psychische Konstitution erforderlich, es gebe zudem viele Barrieren. Endlich ein neues Modell? Keineswegs, so Mahler Walther. Die Vereinbarkeit von Führungsposition und Familie werde nur erreicht, weil sich die Doppelkarrierepaare Haushaltshilfen und Babysitter leisten können.

Am Ende bleibt Ratlosigkeit. Die Arbeitswelt und ihre Anforderungen erscheinen übermächtig, besonders für jene, die karriereambitioniert sind und nur ein durchschnittliches Einkommen beziehen. Die Vorträge haben keine zufriedenstellende Antworten geliefert. Aber ein paar alternative Denkansätze. Den Karrierebegriff neu zu überdenken, wäre ein Anfang. Sich kritisch mit der Familienplanung und dem "richtigen Zeitpunkt" auseinanderzusetzen oder gemeinsam für familienfreundlichere Strukturen in der Arbeitswelt zu kämpfen.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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