Familie und Beruf Elterngeld hui, Ehegattensplitting pfui

Betreuungsplätze und Elterngeld helfen Eltern, Beruf und Familie zu vereinbaren, zeigen neue Studien. Aber in den Köpfen muss sich noch viel ändern – auch in den politischen.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Elterngeld hui, Ehegattensplitting pfui

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Foto: motorradcbr/Fotolia.com

Kaum ein Land in der EU investiert so viel in familienpolitische Maßnahmen wie Deutschland: Kindergeld, Ehegattensplitting, der Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze und das Elterngeld kosten gut 200 Milliarden Euro. Insgesamt gibt es gut 160 Maßnahmen, die für eine höhere Geburtenrate einerseits und eine bessere Integration von Eltern auf dem Arbeitsmarkt andererseits sorgen sollen.

Erst kürzlich veröffentlichte das Familienministerium eine Gesamtauswertung mehrerer wissenschaftlicher Studien, die untersucht haben, welche Effekte die Familienpolitik in Deutschland hat. Die Experten waren sich einig: Am besten wirken Kinderbetreuungsplätze und das Elterngeld.

Frauen-Erwerbstätigkeit steigt

Mit dem Ausbau der Betreuungsplätze sei die Beschäftigungsquote von Müttern gestiegen, was viele Vorteile habe. Zum Beispiel sinke das Armutsrisiko der Familie, wenn die Mutter arbeitet und Geld verdient. Auch das Elterngeld habe die Frauen stärker in den Arbeitsmarkt gebracht, stellt die Studie fest.

Bis zum Jahr 2005 unterbrachen Mütter ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt im Schnitt acht Jahre – in Westdeutschland – oder sechs Jahre – in Ostdeutschland. Seit der Einführung des Elterngeld sind es nur noch 19 Monate. Außerdem seien junge Familien durch das Elterngeld heute finanziell besser abgesichert als durch das frühere Erziehungsgeld, heißt es in dem Report.

Teilzeit bedeutet oft Altersarmut

Ohne Kitas und Kindergärten, so heißt es in der Studie, wäre die Geburtenrate hierzulande zehn Prozent niedriger. Dabei ist sie heute schon mit 1,36 Kindern pro Frau verglichen mit anderen EU-Ländern relativ gering. Die schnellere Rückkehr der Mütter in den Job verändert nicht nur den Arbeitsmarkt erheblich, sie stellt auch Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Sie ist allerdings ganz im Sinne der Arbeitsmarktpolitik. Immerhin werden Fachkräfte rar und die Wirtschaft kann auf die gut ausgebildeten Frauen nicht verzichten.

Noch nie gab es so viele gut ausgebildete Frauen. Und noch nie waren so viele Frauen berufstätig. Wie der jüngste Genderdaten-Report des Statistischen Bundesamts zeigt, liegt die Frauenerwerbsquote insgesamt mit 68 Prozent nur knapp unter der der Männer mit 78 Prozent. Allerdings ist fast jede zweite Frau in Teilzeit beschäftigt – deutlich mehr als zu Beginn der neunziger Jahre. Das hat Folgen: In Teilzeit sind die Einkommen niedrig, auch die Beiträge zu Rente sind gering. Altersarmut in Deutschland ist heute ein Problem der Frauen. Und das wird sich in Zukunft eher nicht ändern.

Bei den Männern dagegen reduzieren nur wenige ihre Arbeitszeit: Neun Prozent arbeiten in Teilzeit; und die wenigsten geben als Grund eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf an. Betrachtet man unter den Teilzeitarbeitenden nur die Eltern, stellt man schnell fest: Teilzeit bleibt deshalb Frauensache, weil es auch die Kinderbetreuung ist.

Gefragt, warum sie ihre Arbeitszeit reduziert haben, geben die meisten Frauen an (81 Prozent), dass es die einzige Möglichkeit sei, Familie und Beruf zu vereinbaren. Diese Aussage deckt sich mit Befragungen etwa von Allensbach zur Einstellung der Deutschen zum Thema Arbeitsteilung der Geschlechter.

Das traditionelle Familienmodell lebt

Demnach geben die meisten Befragten an, dass das favorisierte Modell doch ein klassisches ist: Bekommt ein Paar Kinder, dann soll der Mann in Vollzeit arbeiten, um die Familie zu ernähren. Die Frau soll sich um die Kinder kümmern und in Teilzeit Geld für die Familie hinzuverdienen. Dabei machen seit Jahren mehr Mädchen als Jungen das Abitur, und im Schnitt erzielen sie die besseren Noten. Auch studieren mehr Frauen als Männer.

Theoretisch hätten sie die besten Karriereaussichten. Doch ab einem Alter von etwa 30 Jahren geraten sie in die Teilzeitfalle. Nicht immer ist das eine freiwillige Entscheidung. Oft sind Familien auch dazu gezwungen, ein traditionelles Modell zu leben, weil es an Betreuungsmöglichkeiten mangelt und weil keine flexibleren Arbeitszeitmodelle gibt.

Noch nicht selbstverständlich sind Teilzeitstellen, die über 50 Prozent liegen. Und so stellen immer wieder Befragungen fest, dass sich Mütter in Teilzeit eigentlich eine höhere Wochenstundenanzahl wünschen, während manche Väter in Vollzeit gerne etwas reduzieren würden.

Stockende Karriere

Hinzu kommt: Aus Teilzeit ist ein Karriereaufstieg nach wie vor unwahrscheinlich. Und die Entscheidung für eine Arbeitszeitreduzierung ist oft eine Einbahnstraße, denn ein allgemeines Rückkehrrecht auf Vollzeit gibt es gesetzlich noch nicht. Zwar bieten immer mehr Unternehmen ihren Beschäftigten ein solches an. Wer aber nicht bei einem Vorzeige-Arbeitgeber arbeitet, der in die Vereinbarkeit investiert, hat Pech gehabt.

Andere Studien zeigen, dass Männer eher mehr arbeiten, sobald sie Väter werden – vor allem, wenn ihr Arbeitgeber Überstunden bezahlt. So können sie den vorübergehenden Verdienstausfall ihrer Frau kompensieren. All das hält das traditionelle Ernährer- und Hinzuverdienerinnen-Modell aufrecht, obwohl viele jungen Paare sich eine gleichberechtigte Partnerschaft wünschen.

Auch fiskalpolitisch müsste in Deutschland nachgebessert werden. So zeigt die Studie des Familienministerium, dass das Ehegattensplitting die größten Nachteile für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen hat, weil es hemmend auf die Berufstätigkeit des einkommensschwächeren Partners wirkt. Der ist in der Regel die Frau.

Das Ehegattensplitting fördert damit vor allem das Modell der Hinzuverdienerin.

Andere Länder machen es besser. Auf einer Tagung der Grünen-Bundestagsfraktion zum Thema Vereinbarkeit und Familie waren sich die geladenen Expertinnen einig, dass Deutschland viel von seinen europäischen Nachbarländern lernen könne.

In Frankreich
werden Familien etwa steuerliche Anreize für das dritte Kind geboten. Ein Ehegattensplitting gibt es nicht, die Geburtenrate ist höher als hierzulande.

In Schweden,
das oft als gutes Beispiel für eine gute Vereinbarkeit genannt wird, gibt es die Individualversteuerung. Auch das fördert die Erwerbstätigkeit der Frauen.

Die britische Ökonomin Alison Wolf hat für ihr Buch The XX Factor genau recherchiert, in welchen Ländern eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut möglich ist und welches die wirkungsvollsten Instrumente sind. Demnach helfen öffentliche, flexible und vor allem kostenlose Kinderbetreuungsplätze Familien am besten – etwa wie in Frankreich, wo Familien im Schnitt Kinder bereits ab einem Alter von vier Monaten in die Krippe geben.

Keine Probleme mit Kitas und Schulen

Bei unseren Nachbarn sind die Betreuungszeiten auch so gestaltet, dass Eltern gut Vollzeit berufstätig sein können – denn sowohl die Kitas und Kindergärten als auch die Schulen sind von morgens bis zum frühen Abend geöffnet. Hinzukommt eine relativ geringe Wochenarbeitszeit in Frankreich: Im Schnitt arbeiten die Franzosen zwischen 35 und 38 Stunden in der Woche in Vollzeit. Das erklärt, warum die Teilzeitquote bei unseren Nachbarn relativ gering ist.

Noch ein Punkt ist entscheidend. Die Ökonomin Wolf weist darauf hin, dass die Diskussion um Vereinbarkeit nicht eine der Besserverdiener und Akademiker ist. Denn wenn Kitas nicht auch für Geringverdiener bezahlbar sind, bleiben gerade die Einkommensschwachen zu Hause. Das vergrößert ihr Armutsrisiko und führt auch zu Kinderarmut.

Grundvoraussetzung für eine bessere Vereinbarkeit ist aber ein Bewusstseinswandel, um die traditionellen Rollenmuster zu verändern. Ein Anfang scheint gemacht. Alison Wolf hat für ihr Buch genauer analysiert, wie sich die Geschlechter die Arbeit teilen. Und sie stellt fest:

Die Generation der jüngeren Männer kümmert sich in den allermeisten westlichen Ländern wie keine andere Männergeneration zuvor um die Kindererziehung.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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